Grabrede für Karl Steinbauer (1906-1988) von Friedrich Mildenberger: „Und hat dies alles erlitten: Nicht bloß die gottlose Gewalt, sondern ge­rade auch die Angst, die sich hinter frommem Gerede verbor­gen hat“

Grabrede für Karl Steinbauer

Von Friedrich Mildenberger

In der Lutherübersetzung, die hier einer alten Auslegungstradition folgt, lesen wir Hiob 19,25 so: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus der Erden aufwecken

Liebe Frau Steinbauer, Angehörige und Freunde des Verstorbe­nen, liebe Schwestern und Brüder!

Uns bleibt die Erinnerung. Aber in unserer Erinnerung ist er ja nicht gut genug aufgehoben, unser Bruder Karl Steinbauer. Unser Bruder! Darauf hat er Wert gelegt, weil er meinte: Wenn unser Erlöser sich nicht schämt, uns seine Brüder zu heißen, dann werden doch wohl auch wir uns den Brudersna­men gönnen. Bei ihm, bei dem Erlöser und Bruder Jesus Chri­stus hat er seinen Platz, und ist da wohl versorgt und aufge­hoben, unser Bruder Karl Steinbauer. Daran erinnert uns das Bekenntnis des geplagten Hiob: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus der Erde aufwecken.« Bei ihm, dem lebendigen Herrn und Erlöser, da ist er wohl ver­sorgt und aufgehoben mit allem, was er gewesen ist, was er getan hat, was er erlitten hat.

Hier muß ich nun freilich doch meine Erinnerung nennen. Ich habe ja erst den alten Karl Steinbauer kennen, schätzen und lieben gelernt. Viele unter Ihnen haben ihn viel länger begleitet.

So bleibt er mir in Gedanken und im Herzen: Der große, aufrechte Mann in der Macht seines tiefen Gemüts. Wieviel Freundlichkeit hat er ausgestrahlt, und konnte doch auch so heftig aufbrausen, wenn sie dumm dahergeredet haben. Die klaren Augen, mit denen er so genau zugesehen hat, hinaus in die Welt und in das Buch, das ihm diese Welt und ihr Treiben erschlossen und gedeutet hat. Freundlich konnten sie blicken, diese Augen, aber auch fragend und forschend, wer denn nun das sei, der ihm da begegnete. Die großen Hände, die so viel ausdrücken konnten, feinfühlige Hände, geschickt auch zum Zeichnen, zum Schnitzen, zum Malen. Erst recht bleibt mir die Vollmacht seiner Zeugnisse in der Erinnerung. Als dem Prediger bin ich ihm das erste Mal begegnet.

Und nun mag jeder, der ihn gekannt hat, viel besser als ich, seine Erinnerung mit dazu legen. Dies alles, was wir jetzt in Gedanken und im Herzen haben, und noch viel mehr ist er gewesen. Dies alles hat er getan und noch viel mehr. Und hat dies alles erlitten: Nicht bloß die gottlose Gewalt, sondern ge­rade auch die Angst, die sich hinter frommem Gerede verbor­gen hat, Uneinsichtigkeit und Verblendung. All dies, was er gewesen ist, was er getan und erlitten hat: Geläutert und ver­klärt darf es bleiben, mit ihm wohl versorgt und aufgehoben, bei seinem und unserem Erlöser, dem auferstandenen Herrn und Bruder Jesus Christus.

Uns bleibt die Erinnerung, in Gedanken und im Herzen, und doch auch in den vier Bänden, in seinem Vermächtnis, das ihn die letzten Jahre seines Lebens so in Anspruch ge­nommen hat. Ihn wissen wir wohl versorgt und aufgehoben bei seinem Erlöser, mit allem, was er gewesen ist, was er ge­tan und was er erlitten hat: Geläutert und verklärt wird es bleiben bei unserem Herrn und Bruder Jesus Christus, bei dem lebendigen Erlöser, dort, wo für uns alle Platz ist. Aber seine Sache soll ja weitergehen. Er hat uns sein Zeugnis hin­terlassen, unser Bruder Karl Steinbauer. Und dieses Zeugnis darf nicht verstummen.

Gewiß: Wer bin ich – was sind wir für Leute, mit denen es weitergeht und weitergehen solR Käme es auf uns an, dann ließen wir besser die Finger davon, jene geistlichen Waffen aufzunehmen, die unser Bruder Karl Steinbauer aus der Hand gelegt hat. Aber auch das bleibt uns ja als Erinnerung an ihn, daß nicht dieser oder jener Mensch Herr dieses Zeugnisses ist, ich oder Du, kleine Leute, große Leute, starke Leute, schwa­che Leute, mutige Leute oder ängstliche Leute. Weil es die Sa­che des lebendigen Christus ist, darum geht dieses Zeugnis weiter. »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt«: Daraufhin können wir kleinen und schwachen und ängstlichen Leute es wagen. So bleibt uns dann die Erinnerung an unseren Bruder Karl Steinbauer als sein Vermächtnis. Ihn aber wissen wir wohl versorgt und aufgehoben, mit allem was er gewesen ist, was er getan und was er erlitten hat, aufgehoben bei dem Bruder Jesus Christus, der uns erlöst hat. »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus der Erden aufwecken.«
Amen.

Gehalten am 11. Februar 1988 in Uttenreuth.

Quelle: „Ich glaube, darum rede ich!“ Karl Steinbauer: Texte und Predigten im Widerstand, hrsg. v. Johannes Rehm, Tübingen: Theologischer Verlag Tübingen, 22001, S. 317-319.

Hier die Grabrede als pdf.

2 Kommentare

  1. S.g. Herr Teuffel, ich bin zutiefst berührt von Ihrer Arbeit hier auf Ihrem Blog. Ich fühle mich mit Ihnen verbunden, habe ich doch selbst viel Interesse an den Erinnerungen an Menschen, die der Gewalt Widerstand geleistet haben. In meinem Umkreis sind dies neben Bonhöffer, Franz Jägerstätter, Jakob Knap, Pater Engelmar Unzeitig, Schwester Restituta und Marcel Callo. Der Liste können noch einige hinzugefügt werden. Herzlichen Dank für Ihre Arbeit und einen freundlichen Gruß.

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