NSDAP-„Aufklärungs-Versammlung“ zu Karl Steinbauer: „Einem solchen Pfarrer gehört sein loses Mundwerk gründlich gestopft; er darf nach Senden nie mehr zurückkehren.“

Nachdem Karl Steinbauer am 8. Januar 1939 in der evangelischen Kirche in Senden/Iller in seiner Predigt über Matthäus 2,13-23 den bethlehemitischen Kindermord auf die nationalsozialistische Erziehungsdiktaur ausgedeutet hatte, wurde eine Woche später, am 15. Januar 1939, Steinbauers Pfarrhaus in Senden nachts zwischen 3 und 4 Uhr von 15 mitunter angetrunkenen SA-Leuten überfallen. Diese warfen Fensterscheiben ein und brachen ins Haus ein. Steinbauer wurde im Amtsgerichtsgefängnis Neu-Ulm inhaftiert, bevor er dann am 28. März 1939 ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht wurde. Dort blieb er bis kurz vor Weihnachten 1939 inhaftiert. In einer öffenzlichen „Aufklärungs-Versammlung“ am Mittwoch, 18. Januar 1939 im Saal des Gasthauses zur Eisenbahn in Senden suchte die Ortsgruppe der NSDAP das gewaltsame Vorgehen zu rechtfertigen. Im Neu-Ulmer Anzeiger vom 20. Januar 1939 erschien dazu im Lokalteil Weißenhorn folgender Bericht:

Aufklärungsarbeit

Senden, 20. Januar. Die Ortsgruppe der NSDAP hatte für Mittwoch, 18. Januar die Bevölkerung der Gemeinden Senden und Ay zu einer Aufklärungsversammlung eingeladen. Der Grund hierfür lag in den wüsten Ausfällen, die sich der Bekenntnispfarrer Steinbauer von der Kanzel herab gegen den Führer und die nationalsozialistische Bewegung geleistet hatte. Die Folge seiner Hetze war berechtigte Empörung unter der Bevölkerung. Am Mittwoch nun rechnete Kreisamtsleiter Parteigenosse Ostermöller mit dem Pfarrer in öffentlicher Versammlung ab. Der Redner hielt zunächst die Vorgänge an Hand eines stenographischen Berichts über die Kanzelansprache des Pfarrers fest. In durchaus sachlicher, wenn auch scharfer Kritik geißelte er die Worte des Pfarrers als gegen den Führer, den Staat und die nationalsozialistische Bewegung gerichtet. Es wurden auch die Hintergründe klargelegt, die zu einem solchen, die Gemeinschaft zerstörenden Verhalten des Pfarrers führen konnten. Etwa 500 Zuhörer hörten seinen Ausführungen in fühlbarer Spannung zu. Die berechtigte Empörung der Bevölkerung erhielt ihren Ausdruck in erregten Zwischenrufen. Tosender Beifall unterbrach oft die treffenden Ausführungen des Redners, und Alle waren sich einig in der Auffassung, die mühsam erkämpfte Einigkeit des deutschen Volkes darf nicht durch politisierende Pfarrer zerstört werden, und einem solchen Pfarrer gehört sein loses Mundwerk gründlich gestopft; er darf nach Senden nie mehr zurückkehren.

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