Karl Barth 1968 im Gespräch über Mozart und Gnade: „Und ’s letscht Wort, wo-n-ich au als Theolog und letschtlig als Politiker z’sage ha, isch nit eso-n-e Begriff wie «Gnad», sondere isch e Name: Jesus Christus.“

Das letzte Radio-Interview mit Karl Barth hatte Roswitha Schmalenbach am 10. November 1968 im Schweizer Radio im Rahmen der Sendereihe „Musik für einen Gast“ mit Musik von Mozart geführt. Dabei ist auch die Gnade zur Sprache gekommen:

Schmalenbach: ’s Finale us dr «Entführung aus dem Serail» isch au fascht ’s Finale vo unserer hütige Sendig, Herr Profässer Barth. Fascht! Mr händ no ai Gsprächli z’guet und no ai Musik z’guet. I möcht in das letschti Gspröch no e Begriff ynebringe, wo in Ihrer Theologie, sowyt ich informiert bi, sehr wichtig isch. I möcht ’s aber vom Mozart us formuliire. Ich möcht’s so formuliire: Wenn me über dr Mozart stammlet, meh als redt, in syner Begaischterig, drno ka me z’höre beko: es sig «begnadeti Musig», är sig e «begnadete Musiger». Und do stäckt ebe das Wort «Gnad» drin, wo nun e zentral Wort in Ihrer Theologie isch, wo mr aber sicher erkläre muess.

Barth: I bi froh, dass Si vorig das Wort «fascht» bruucht hend: dass mr fascht am Ziil sind. Und do kömme me jetzt zue däm, wo Si drno froge.

Sie wend jo vo mir ebbis höre über my Läbe-n-und my Dängge und so wyter. Und jetz hend mir einiges gha vo Theologie. Mir hend vo dr Wält gredet, vo de Politik. Mir hend zletscht e paar Aadütige gmacht über d’situation in dr Kirche. Luege Si, Frau Schmalebach, ich bi letschtlig wäder in dr Theologie dahaime no in dr politische Wält no au in dr Kirche, sondere das sind alles no vorberaitendi Sache — ärnschthaft, aber vorberaitend, wo me lehre muess, drinz’stoh — voll drinz’stoh. Das möcht ich au — au mit dem fröhlige Rand, nit wohr?

Schmalenbach: Ja.

Barth: [?] Aber glychzytig drüber uuse luege. Und dört kämte mr jo uf das Wort, wo Si jetz do ygfüert hen: das Wort «Gnad». Ja, das Wort «Gnad» ghört au e bizzli zue dene abgnutzte Worte. I ha ’s vil bruucht und muess es au bruuche. Aber widerum, ebe, «begnadet», das ka so vil haisse. Du liebi Zyt, ’s ka-n-e begnadete Schachspieler oder Fuessballspieler [und] so wyter gäh, gälle Si. Mitem Wort «Wunder» isch ’s grad au eso. Also, Vorsicht!

Schmalenbach: Aber wenn me mit emene Theolog, wenn me mit em Karl Barth redt, isch en anderi Gnad gmaint?

Barth: … isch en anderi Gnad gmaint. Und jetz, luege Si, jetz kämt i uf das, wo-n-i aigentlig dahaime bi. Oder ich möcht jetz sage: uf dä, by däm ich aigentlig daheime bi! Gnad isch au nur e vorläufig Wort. Und ’s letscht Wort, wo-n-ich au als Theolog und letschtlig als Politiker z’sage ha, isch nit eso-n-e Begriff wie «Gnad», sondere isch e Name: Jesus Christus. Är isch d’Gnad, nit wohr? Und är isch ’s Letschte, jänsyts vo Wält und Kirche und au vo Theologie. Mer könne-n-en nit yfange, aber hend’s mit ihm z’tue. Und was ich mi bemüeht ha i mym lange Läbe, isch in zuenähmendem Maass das gsi: dä Name uuse-z’hebe und z’sage: dört! «Es isch in keinem Namen Heil als in däm Name» [Act. 4, 12]. Und dört isch denn au d’Gnad und dört isch denn au dr Aatriib zur Arbet, au dr Aatriib zum Kampf, au dr Aatriib zur Gmainschaft, au dr Aatriib zum Mitmensch, — alles, was ich in Schwachheit und in Torheit probiiert ha i mym Läbe, aber dört isch’s.

Und drum möcht ich vorschloh, dass mer zum Schluss jetz dr Mozart au no als Kirchemusiker höre. Und do ha-n-ich immer bsonders gärn die klaini «Missa brevis» in D-Dur ghört — au ebbis vom junge Mozart. ‚S isch fascht, jo, ’s isch us de glyche Zyt [wie] die Symphonie, wo mer am Aafang ghört hend. ‚S isch Köchel-Verzaichnis 194. Und do wurd i jetz vorschloh, dass mer us däre Mäss in D-Dur dr Schluss höre, wo ’s haisst: «Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis, dona nobis pacem.» Uf dütsch: «O Lamm Gottes, das du trägst die Sünde der Welt, erbarm‘ dich unser, gib uns deinen Frieden!». Jetz wemmer das no höre.

In der Übersetzung:

Barth: Ja, dieses Wort „Gnade“ gehört auch ein bißchen zu diesen abgenutzten Worten. Ich habe es viel gebraucht und muß es auch brauchen. Aber wiederum, eben: „begnadet“, das kann vieles heißen. Du liebe Zeit, es kann einen „begnadeten“ Schachspieler oder Fußballspieler usw. geben. Gerade mit dem Wort „Wunder“ ist es auch so. Also Vorsicht!

Schmalenbach: Aber wenn man mit einem Theologen, wenn man mit Karl Barth redet, ist eine andere Gnade gemeint?

Barth: … ist eine andere Gnade gemeint. Und jetzt, sehen Sie, jetzt komme ich auf das, wo ich eigentlich daheim bin – oder ich möchte jetzt sagen: auf den, bei dem ich eigentlich daheim bin. „Gnade“ ist auch nur ein vorläufiges Wort. Und das letzte Wort, das ich – auch als Theologe und letztlich als Politiker – zu sagen habe, ist nicht so ein Begriff wie „Gnade“, sondern ist ein Name: Jesus Christus. Er ist die Gnade, nicht wahr? Und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche und auch von Theologie. Wir können ihn nicht einfangen, aber haben es mit ihm zu tun. Und das, worum ich mich in meinem langen Leben bemüht habe, war in zunehmendem Maße das: diesen Namen hervorzuheben und zu sagen: dort! „Es ist in keinem Namen Heil als in diesem Namen“ [Act. 4,12]. Und dort ist dann auch die Gnade. Und dort ist dann auch der Antrieb zur Arbeit, auch der Antrieb zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, auch der Antrieb zum Mitmenschen alles, was ich in Schwachheit und Torheit in meinem Leben probiert habe, aber dort ist’s.

Karl Barth: Gespräche 1964-1968 (hg. v. Eberhard Busch). Zürich 1997 (Karl Barth Gesamtausgabe IV), S. 607 (Original) bzw. 542 (Übersetzung).

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