Christoph Blumhardts Predigt über die Nachfolge nach Lukas 9,57-62: „Heute ziehen alle Menschen hinter dem Heiland her oder besser: sie werden hinter ihm her­gerissen, sie können sich nicht entziehen.“

Predigt über die Nachfolge nach Lukas 9,57-62

Von Christoph Blumhardt

Als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: »Herr, ich will dir nachfolgen.« (Lk 9,57)

Bis heute kann sich fast niemand dem Einfluß Jesu entziehen. Bewußt oder unbewußt reißt es die Menschen hinter ihm drein. Denn was wir Hohes haben, stammt alles von Jesus. Die gan­ze Kultur besteht sozusagen in den Gedanken des Heilandes, wenn auch nur in der geforderten Liebe zu den Nächsten, die nur von ihm kommt. Die ganze Welt – ohne daß sie es weiß – wird schließlich in das Netz gezogen, das als Reich Gottes in Je­sus Christus um die Völkerwelt gezogen wird. So möchte ich fast das kühne Wort aussprechen: Heute ziehen alle Menschen hinter dem Heiland her oder besser: sie werden hinter ihm her­gerissen, sie können sich nicht entziehen.

Aber unter diesem großen Gefolge müssen Einzelne sein, die den eigentlichen Geist Jesu Christi vertreten, von denen aus dann in alle die großen Scharen der Menschen und Völker, die zu Gott drängen, Licht verbreitet wird. Sie verbreiten Verge­bung der Sünden, Hoffnung, Liebe auch gegen die Feinde, Barmherzigkeit gegen die Unglücklichen und Verkümmerten, und Leben unter den Toten. Und so bekommt es eine unge­heuer große Bedeutung, wenn jemand möchte mithelfen, zu Gott schreit und sagt: »Kann ich nicht auch ein Jünger Jesu werden?«

Es ist ein großer Unterschied, ob man an Jesus glaubt oder ob man ihm nachfolgt. Glaubt man nur an Jesus, dann kann man daneben in allem anderen sitzen bleiben. Man glaubt an Jesus und hängt an allem, was man hat. Man glaubt an Jesus und ist ein ganz stolzer Weltmensch; man führt Kriege und schafft Blutvergießen; man eifert um seine eigene Ehre mehr als um Gottes Ehre. Man glaubt an Jesus und sucht mehr das Mensch­liche als das Göttliche. – Ganz anders bei denen, welche die Nachfolge ergriffen und begriffen haben. Ich möchte die Nach­folger Jesu vergleichen mit denen, die auswandern. Man nimmt den Weg unter die Füße und wandert. Man schaut zurück und weint. Aber wer wirklich entschlossen ist, nun ein anderes zu suchen, der wird seine Tränen unterdrücken, sie gar nicht auf­kommen lassen. Alles bleibt dahinten, was gewesen ist.

So ist die Nachfolge Jesu ein beständiges Verleugnen des Bishe­rigen. Aber man sollte das Verleugnen nicht selber suchen. Man sollte es kindlich in der Regierung Gottes lassen. Glau­be mir: Wenn du dich zur Nachfolge Jesu meldest, so macht es sich ganz von selber und so, daß du es verstehen kannst. Es kommt ein Moment um den anderen, wo es gilt, nicht mehr in die Ver­gangenheit zu schauen. Namentlich in alle Kränkungen, alles Wehe, allen Zorn, der aus früheren Zeiten herrührt, kommt ein Augenblick, da es heißt: »Lege es aus der Hand!« – Ich habe schon oft gedacht, daß es das größte Hindernis ist für ein ge­meinsames Vorwärts­schauen, wenn man – nach der Vergan­genheit hin – etwas anders wünscht.

Ich habe Zeiten gehabt, in denen mich dieses menschliche Treiben sehr gehindert hat: immer etwas Altes machen wollen, immer noch etwas mitnehmen, was dahinten liegt, immer eine Liebe haben zu niedrigeren Dingen. Und das geht nicht, ohne daß wir eine große Herzensun­ruhe immer mit uns herumtra­gen. So kommt es zu keiner Nachfolge.

Man spricht von Kampf. Worin besteht der Kampf? Mach deine Hände auf und laß fahren! Es gibt keinen Kampf im Reich Got­tes, da man auf den Feind losgeht, innerlich oder äußerlich. Laß auch deinen Feind los! Willst du mit ihm händeln? Laß alles los! Und wenn du etwas verleugnen sollst, da dich Gottes Hand anderswohin führt, freue dich! Wir sind Auswanderer in eine höhere Welt, Auswanderer in eine Friedenswelt. – Es ist gar nicht auszudenken, wie groß der Friede ist, wenn man in dieser Weise die Hände aufmachen kann, alles lassen kann. Dann um­gibt uns die Welt, die um Jesus ist. Um Jesus ist eine ganze Welt von unzähligen Scharen beseligender Kräfte, eine Himmelswelt voll väterlicher Liebe; da ist Ersatz für alles, auch wenn uns das Liebste sterben würde. Kommen wir in die Welt des Heilandes, so lebt alles, und dort hinein dürfen wir auch unsere Toten ziehen; wir brauchen uns nicht nach ihnen umzusehen, um sie wieder irdisch zu haben.

Es gibt eine so starke Wahrheit des ewigen Lebens, daß jeder im Augenblick gefühlte Mangel, in den wir uns (durch Ver­leugnung) begeben, tausendfältig ersetzt wird, wenn wir in der Welt Gottes und des Heilandes sind. Es muß uns alles dienen, was in der Welt ist. Es kann auf Er­den etwas gesegnet werden auch in äußeren Dingen. Die Regierung Gottes zeigt sich darin stark, daß wir in unseren irdischen Arbeiten, in dem, was wir brauchen, von Gott versorgt werden, so daß uns Opfer kein Opfer mehr ist. Es ist Freude, und unser Herz strömt über in Dank.

Wenn ich einmal in die Ewigkeit komme, will ich bloß noch danken. Ich darf heute den Mund wenig auftun. Aber wenn ich ihn einmal auftun darf, dann will ich erzählen von der Macht der Himmelswelt um Jesus, von den ungeheuren Kräften, die dem Heiland möglich werden über irdische Dinge. Dann bin ich froh und glücklich.

Heute klagen so viele gläubige Leute; es gefällt ihnen gar nicht mehr in der heutigen aufge­lösten Welt. Einen wirklichen Nach­folger habe ich noch nie klagen hören. Ich lernte solche einfa­chen Leute in meiner Jugend kennen. Die sind wirkliche Je­sus-Nachfolger gewesen und haben ein richtiges Licht um sich verbreitet. Sie waren immer glücklich, auch wenn sie noch so viel Trübsal durchzumachen hatten; sie sind über alles hinaus­gehoben worden. Solchem Nachfolger verwandelt sich das wi­derwärtigste Geschick zu einer Gelegenheit, Gott zu dienen und unter Feinden denken zu dürfen: »Liebet eure Feinde.« Je­der Kampf muß durch Frieden gekrönt werden.

Gehalten am 15. November 1908.

Quelle: Christoph Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe 1865-1917. Neue Texte aus dem Nachlaß herausgegeben von Johannes Harder, Bd. 3: Geliebte Welt 1907-1917, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 21982, S. 23-25.

Hier die Predigt als pdf.

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