Ernst Käsemanns Predigt über Jesaja 26,13 (1937): „So aber bekennt die Christenheit unter dem Kreuz voll Freude und Frieden: ‚Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns denn du, aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens.’“

Nach der Verhaftung Martin Niemöllers wurde am 15. August 1937 in Gelsen­kirchen-Rotthausen ein Bittgottesdienst gefeiert, bei dem Ernst Käsemann folgende Predigt hielt:

Predigt über Jesaja 26,13

Von Ernst Käsemann

Jesaja 26,13: „Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns denn du, aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens.“

Viele Stimmen gehen heute durch die deutsche evangelische Christenheit, gehen auch durch unsere Gemeinde, Stimmen des Entsetzens, der Angst, der Empörung, des Trotzes, der Ver­zweiflung. Viele Stimmen sind auch bereits aus dem großen Chore ausgefallen. So mancher, der vordem einmal seinen Mund auftat, schweigt heute lieber als ein vorsichtiger Mensch. Mit allen solchen Stimmen haben wir es in dieser Stunde nicht zu tun. Davon gibt es bereits ge­nug. Sie alle vermögen uns auch nicht zu helfen. Denn sie gelangen nicht über den Bannkreis dieser Welt hinaus. Was uns heute zu hören nottut, sind nicht die vielfachen Stimmen dieser Welt, sondern das ist die eine Stimme des göttlichen Volkes.

„Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns denn du, aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens.“ – das ist die eine Stimme des göttlichen Volkes, das durch die Welt wandert.

„Es herrschen wohl andere Herren über uns denn du“ – daß Gott erbarm, wieviel Herren erheben Anspruch auf uns, fordern uns in ihren Dienst, zwingen uns gewaltsam in ihre Knechtschaft! Gestern hieß es: die evangelische Kirche ist nicht sozial genug. Heute heißt es: sie ist nicht national genug. In Deutschland wirft man ihr vor, sie sei verjudet; in den osteu­ro­päischen Ländern, sie sei zu deutsch, auf den Missionsfeldern, sie sei eine Sache des Europä­ers. Der möchte das Alte Testament aus ihrer Bibel streichen, jener den Apostel Paulus, wie­der andere wollen, daß die Bibel überhaupt verschwinde. Der eine nennt Jesus einen arischen Helden, der nächste sieht in ihm einen Vorläufer des Bolschewismus.

Jetzt sagt man uns: beschränkt euch auf die Predigt vom Himmelreich; dann heißt es wieder: Welche irdischen Taten habt ihr denn aufzu­weisen! Die Politik soll nicht auf die Kanzel gehören. Aber wenn politisierende Bischöfe die ganze Kirche in vollste Ab­hängigkeit vom Staat zu bringen versuchen, dann ist das Recht.

„Es herrschen wohl andere Herren über uns denn du“ – wir merken es nicht nur, wenn wir um uns schauen. Wir merken es auch im Raume der Kirche selbst. Von Thüringen aus ist nicht die Stimme der wittenbergi­schen Nachtigall durch unser Volk und darüber hinaus über die ganze Erde gedrungen. Von Thüringen aus dringt heute die Stimme eines neuen Evange­liums zu uns: Deutschland Gottes auserwähltes Volk, der Führer Gottes Bote an unsere Zeit, das Blut der Gefallenen des Weltkrieges vergleichbar dem Opferblut von Golgatha. Parlamen­tarisch sei die Kirche nicht regiert worden. Aber wer regiert denn heute in ihr: staatliche Aus­schüsse oder gemeindefremde Behörden mit einer papierenen Kirchenordnung, die überall längst durchlöchert ward, oder Bischöfe, die sich durch Überrumpelung und Gewalt selber in ihre Ämter setzten, oder eine fließende Masse, die jeden Tag hinter anderen Fahnen herläuft?

„Es herrschen wohl andere Herren über uns denn du“ – gehört hierhin nicht auch unsere eigene Weisheit, unsere eigene Verzagtheit, unser Kleinglaube, unsere fleischliche Sehnsucht nach Ruhe um jeden Preis? Wie oft höre ich Stimmen, die zu mir sagen: Warum gibst du uns nicht einfach etwas für unser Herz, statt uns immer wieder durch die großen allgemeinen Ereignisse aufzuregen, die wir doch nicht ändern können? O ja, so mag der Schlafende auch sprechen, wenn der Wächter ihn rüttelt und weckt, weil das Haus in Flammen steht.

Frieden wollt ihr für euer Herz, aber nicht den Frieden, den Jesus gibt, sondern den Frieden, den Menschen euch mit allerlei süßen Schlummermelodien vorgaukeln. Frieden vor den Anklagen eures schlechten Gewissens, das die Wahrheit nicht hören und für die Wahrheit sich nicht einsetzen will. Ihr könnt solchen Frieden haben, aber einzig da, wo er seit 1900 Jahren gefunden wird, unter dem Kreuze Jesu. Aber dieses Kreuz ist auch heute noch wie von einer dichten Wolke umlagert, von dem Schatten eines vermeintlichen Hochverräters, der von aller Welt abgelehnt wird, von den Frommen und von den Heiden, von den Mächtigen und den Massen, von den Juden und Römern, von den studierten Schrift­gelehrten und den rohen Kriegsknechten. Wer dort Stellung nimmt, steht auch heute noch einsam gegen die ganze Welt. Ihr aber wollt Frieden mit dieser Welt und mischt euch deshalb lieber in die große Men­ge ringsum und tut es doch mit einem belasteten Gewissen.

So aber bekennt die Christenheit unter dem Kreuz voll Freude und Frieden: „Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns denn du, aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens.“ Sie tut es, wo immer sie sich auf Erden befindet, unter allen Rassen und Nationen, in allen Ständen und Altersstufen und Betrieben: sie tut es auch in Gericht, Verfol­gung, Verbannung und Gefängnis. Sie tut es trotz aller ihrer menschlichen Schwäche, Sünde und Gebrechlichkeit.

Wir wissen selber am besten, daß es unter dem Kreuz keine Heiligen gibt, weil dieses Kreuz in der Welt steht, wo es überhaupt keine Heiligen gibt. Wer sich dort befindet, ist immer wie ein glühendes Brandscheit aus dem Feuer der Bosheit gerissen. Wir tragen alle unsere Flecken und Makel an unserem Leibe und jedermann kann sie erkennen. Der eine ist zu klug, der an­dere zu vorsichtig, der zu tolpatschig, jener zu dreist, der stand früher in diesem Lager, jener im anderen. Aber wer mißt an der Front den Soldaten nach seiner Größe, nach seinem Ge­wand, nach tausend anderen Dingen des bürgerlichen Lebens? Das Herz macht den Mann, nicht der weiße Stehkragen, nicht seine Bekleidung, nicht das Abzeichen an seinem Rock. Die Etappe soll gefälligst den Mund halten, wenn es um die Front geht. Darüber urteilt der Feld­herr allein. Und er hat uns gesagt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“

So jauchzt unser Herz wiederum ihm in Freude und Dankbarkeit entgegen: „aber wir geden­ken doch allein dein und deines Namens!“ Wir – die Verachteten, wir, die Verzagten, wir, die man von allen Seiten überwacht und bespitzelt, wir, die der Freiheit Beraubten, wir, die Ster­benden. Aber wir sind doch nicht tot, wir sind doch nicht erstickt, wir sind doch nicht verlas­sen, wir sind in aller Trübsal doch fröhlich: wir leben. Gerade durch unsere Gegner treibt der allmächtige Gott uns Schritt für Schritt immer mehr dort hin, wo man ihn anbetend bekennt: „aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens!“

Wir wollen uns in dieser Stunde nur an unsere eigenen, im Laufe der Zeit gemachten Erfah­rungen erinnern. Wie ängstlich waren wir vor wenigen Jahren noch, wie verzagt, wie überall nach Hilfe suchend, wie unsicher, wie befehlsbereit und zu jeder Mitarbeit willig. Wie mein­ten wir, als die ersten schwarzen Wolken sich über unseren Häuptern zusammenballten, wir müßten nun mit den Wölfen heulen. Hätte man uns damals gesagt, was wir noch alles erleben würden, wir hätten wohl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, uns in einen Win­kel verkrochen und wehrlos alles über uns ergehen lassen.

Da aber trat Gott auf den Plan und leitete uns Schritt für Schritt immer tiefer in die Dunkelheit und lehrte uns im Glauben, der nicht schauen will, sichere Tritte vor unsere Füße zu setzen. Unsere Gegner waren durch die Fülle der Macht, die sie erobert hatten, wie von einem Tau­mel befallen. Nie hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen je einfallen lassen, daß man das ganze äußere Gebäude der Kirche mit einem Schlage über den Haufen werfen könnte. Da wurden sie dumm und fingen an, die hohen Posten und Titel unter sich zu verteilen. Da wur­den sie übermütig und meinten, sich über das einfachste Recht hinwegsetzen zu dürfen. Da wurden sie wahnsinnig und wollten mehr haben, als überhaupt vorhanden war. Sie dachten wohl, nachdem sie die Kirche unter ihre Herrschaft gebracht hätten, müsse Gott seiner Kirche einfach folgen und sich gleichfalls ihnen beugen.

Aber diese Rechnung war im tiefsten Grunde gottlos, weil ohne den ewigen Herrn Himmels und der Erde gemacht. Er blies sie an, da zerstoben sie in alle Winde. Er erweckte über den Trümmern der sichtbaren Kirche die Herzen der unsichtbaren Kirche zu neuem Leben. Er setzte an die Stelle unserer eigenen Weisheit und unserer Verzagtheit seine Kraft und gab uns Mut aus seinem Geist. So sind wir fröhlich und folgen ihm nach, wohin es ihm gefällt. Wir haben wieder gelernt, das Irdische nicht mehr so wichtig zu nehmen und ihn allein über alle Dinge zu fürchten, zu lieben und zu vertrauen. Was dem Staube entstammt, muß auch wieder dorthin zurückkehren. Gott allein bleibt und was sich auf ihn verläßt. So kann man uns denn unsere Ämter, unsere Habe, unsere Freiheit, unsere irdische Heimat nehmen. Das ist nur Staub! Mag der Teufel mit seiner dämonischen Gefolgschaft das äußere Gefüge der Kirche ruhig noch mehr zerschlagen, wenn Gott es gestattet. Das ist nur Staub! Mag er uns selbst mit Haut und Haaren verschlingen, wenn er das vertragen kann. Auch das ist nur Staub!

Wir jedoch bekennen dem allen und unserer eigenen Sünde zum Trotz: „aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens!“ Und das ist nicht Staub! Das ist Geist von Gottes Geist und Leben in der Gewißheit der Auferstehung von den Toten. Das ist ein Stück von dem Fel­sen, auf dem die ewige Kirche gegründet ward und welchen selbst die Pforten der Hölle nicht überwältigen werden.

Gesegnet seien unsere Feinde! Denn sie lehren uns mit allem ihrem Toben immer mehr zu erkennen, was rechter Glaube, was wahrer Friede, was ewige Freude ist. Wir wollen mit ihnen nicht tauschen, was immer sie auch haben, planen und leisten mögen. „Es herrschen wohl andere Herren über uns denn du“ – o ja, wir wissen es und spüren es alle Tage neu. Aber sie herrschen nur über irdischen Staub. Und das wissen sie auch selber ganz genau, und das läßt sie rasen.

Wir jedoch bekennen in Freude und Dank den ewigen Herrn und sprechen darum mit der ganzen Christenheit: „aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens!“ Amen.

Drei Tage später wurde Ernst Käsemann von der Gestapo verhaftet und verbrachte mehrere Wochen im Gelsenkirchener Gefängnis.

Hier Käsemanns Predigt als pdf.

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