Karl Barths Brief an seine Großnichte Christine in Sachen Schöpfung und Evolution (1965): „dass man die biblische Schöpfungsge­schichte und eine naturwissenschaftliche Theorie wie die Abstammungslehre so wenig mitein­ander vergleichen kann wie eine Orgel mit einem Staubsauger!“

Wer zu unterscheiden weiß, kann einen vermeintlichen Widerspruch im Raum stehen lassen. Das zeigt Karl Barths Brief an seine Großnichte bezüglich Schöpfung und Evolution:

Basel, 18.2.65

Liebe Christine!

Du hast auf deinen Brief vom 13. Dez. schrecklich lang keine Antwort bekommen. Nicht aus Gleichgültigkeit, denn ich nehme an deinem Ergehen, an dem deiner Mutter und Geschwister aufrichtigen Anteil und freue mich über jede gute Nachricht aus Zollikofen.

Hat euch im Seminar niemand darüber aufgeklärt, daß man die biblische Schöpfungsge­schichte und eine naturwissenschaftliche Theorie wie die Abstammungslehre so wenig mitein­ander vergleichen kann wie, sagen wir: eine Orgel mit einem Staubsauger! — daß also von «Einklang» ebensowenig die Rede sein kann wie von Widerspruch?

Die Schöpfungsgeschichte ist ein Zeugnis vom Anfang, vom Werden aller von Gott verschie­denen Wirklichkeit im Licht des späteren Handelns und Redens Gottes mit dem Volk Israel — natürlich in Form einer Sage und Dichtung. Die Abstammungslehre ist ein Versuch der Er­klärung jener Wirklichkeit in ihrem inneren Zusammenhang — natürlich in Form einer wis­senschaftlichen Hypothese.

Die Schöpfungsgeschichte hat es gerade nur mit dem der Wissenschaft als solcher unzugäng­lichen Werden aller Dinge und also mit der Offenbarung Gottes zu tun — die Abstammungs­lehre mit dem Gewordenen, wie es sich der menschlichen Beobachtung und Nachforschung darstellt und zu seiner Deutung einladet. Die Stellungnahme zur Schöpfungsgeschichte und zur Abstammungslehre kann nur dann ein Entweder-Oder bedeuten, wenn jemand sich ent­weder dem Glauben an Gottes Offenbarung oder dem Mut (oder auch der Gelegenheit) zu naturwissenschaftlichem Deuten gänzlich verschließt.

Sag also der «angehenden Lehrerin», daß sie unterscheiden solle, was zu unterscheiden ist, und daß sie sich dann nach keiner Seite gänzlich verschließen soll.

Meine Antwort kommt so spät, weil ich genau am 13. Dez., an dem du mir geschrieben hast, ein «Schlägli» hatte und dann für viele Wochen ins Spital mußte.

Mit herzlichem Gruß, den du auch an Mutter und Geschwister weitergeben magst

Dein O. Karl

Quelle: Karl Barth, Briefe 1961-1968, hrsg. von J. Fangmeier und H. Stoevesandt, Karl Barth-Gesamtausgabe, Bd. 6, Zürich: TVZ, 1975, S. 291f.

Hier Barths Brief als pdf.

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