Søren Kierkegaard, Die Geschichte von der Waldtaube: „Also die Waldtaube ist der Mensch. Wenn er, wie sie, sich genügen lässt, dass er Mensch ist, dann versteht er, was er von dem Vogel des Himmels lernt, dass der himmlische Vater ihn nährt.“

Die Geschichte von der Waldtaube

Von Søren Kierkegaard

Es war einmal eine Waldtaube; im versteckten Wald, dort, wo die Verwunderung zusammen mit dem Schauder haust, zwischen den schlanken, einsamen Stämmen, dort hatte sie ihr Nest. Aber in der Nähe, dort, wo der Rauch aufsteigt aus dem Haus des Bauern, wohnten einige von ihren entfernteren Verwandten: einige zahme Tauben. Mit einem Paar von diesen traf sie öfter zusammen; sie saß nämlich auf einem Ast, der sich hinausbeugte über des Bauern Hof; die beiden Zahmen saßen auf dem First des Daches, doch war der Abstand nicht größer, als daß sie ihre Gedanken im Gespräch miteinander austauschen konnten.

Eines Tages redeten sie da miteinander von den Zeitläufen und vom Auskommen. Die Wald­taube sagte:

»Ich habe bisher so ziemlich mein Auskommen gehabt, ich lasse jeden Tag seine Plage haben, und auf die Weise komme ich durch die Welt.«

Die zahme Taube hatte genau zugehört, nicht ohne eine gewisse wollüstige Bewegung durch den ganzen Leib zu empfinden, die man Sich-Aufplustern nennt; darauf antwortete sie:

»Nein, da halten wir es anders; bei uns, das will heißen, bei dem reichen Bauern, bei dem wir leben, ist einem die Zukunft gesichert.

Wenn die Zeit der Ernte kommt, dann sitze ich oder mein Männchen, eins von uns sitzt oben auf dem Dach und paßt auf. Dann fährt der Bauer ein Fuder Korn nach dem anderen ein, und wenn er dann soviel eingefahren hat, daß ich nicht weiter zählen kann, dann weiß ich, daß Vorrat genug da ist für lange Zeit, das weiß ich aus Erfahrung.«

Als sie so gesprochen hatte, wandte sie sich nicht ohne ein gewisses Selbstgefühl nach ihrem Männchen um, das bei ihr saß, als wolle sie sagen: »Nicht wahr, mein kleines Männchen, wir beiden haben das Unsere sicher.«

Als die Waldtaube heimkam, dachte sie näher über diese Sache nach.

Es dünkte sie sogleich, daß es doch eine große Behaglichkeit sein müsse, dergestalt zu wissen, daß man sein Auskommen für lange Zeit sicher hätte, wogegen es doch kümmerlich sei, stän­dig derart aufs ungewisse zu leben, so daß man niemals zu sagen wagt, man wisse, daß man versorgt sei. Es wird deshalb das beste sein, dachte sie, daß du versuchst, ob es dir nicht ge­lingen sollte, einen größeren Vorrat einzusammeln, den du an der einen oder anderen sehr sicheren Stelle liegen haben könntest.

Am nächsten Morgen erwachte sie zeitiger als gewöhnlich und war so geschäftig, einzusam­meln, daß sie kaum Zeit fand, zu fressen oder sich satt zu fressen. Aber es schwebte gleichsam ein Verhängnis über ihr, daß es ihr nicht glücken solle, Wohlstand zu sammeln, denn jedes­mal, da sie ein wenig Vorrat gesammelt und ihn an der einen oder anderen der vermeintlich sicheren Stellen versteckt hatte – wenn sie kam, um nachzusehen, so war er weg. Indessen geschah keine wesentliche Veränderung in bezug auf das Auskommen, sie fand jeden Tag ihre Nahrung wie vorher, und sofern sie sich etwas knapper hielt, war es, weil sie sammeln wollte und sich keine Zeit nahm zu fressen, denn sonst hatte sie ihr reichliches Auskommen wie vorher. Ach, und doch war eine große Veränderung mit ihr geschehen: Sie litt durchaus keine wirkliche Not, aber sie hatte die Vorstellung von einer Not in der Zukunft bekommen, ihre Ruhe war dahin – sie hatte Nahrungssorgen bekommen.

Von nun an war die Waldtaube bekümmert, ihre Federn verloren das Farbenspiel, ihr Flug die Leichtigkeit; ihr Tag ging hin in fruchtlosen Versuchen, Wohlstand zu sammeln, ihre Träume waren die ohnmächtigen Pläne der Einbildung; sie war nicht mehr fröhlich, ja, sie war beinahe wie neidisch geworden auf die reichen Tauben. Sie fand jeden Tag ihre Nahrung, wurde satt, und doch war es gleichsam, als würde sie nicht satt, weil sie unter der Nahrungssorge lange Zeit hungerte. Sie hatte sich selbst in der Schlinge gefangen, in der kein Vogelfänger sie fan­gen konnte, worin nur der Freie sich selber fangen kann: in der Vorstellung. »Wohl wahr«, sagte sie zu sich selbst, »wohl wahr, wenn ich jeden Tag soviel bekomme, wie ich fressen kann, dann habe ich ja mein Auskommen; den großen Vorrat, den ich sammeln möchte, könn­te ich doch nicht auf einmal fressen, und in gewissem Sinne kann man auch nicht mehr, als sich satt fressen; aber es wäre doch eine große Behaglichkeit, loszukommen von dieser Unge­wißheit, durch die man so abhängig wird. Es kann schon sein«, sagte sie zu sich selbst, »daß die zahmen Tauben ihr sicheres Auskommen teuer erkaufen; es kann schon sein, daß sie im Grunde viele Kümmernisse haben, von denen ich bisher frei gewesen bin, aber diese Gesi­chertheit der Zukunft steht mir ständig vor Augen; oh, weshalb bin ich doch eine arme Wald­taube geworden und nicht eine von den reichen Tauben!«

So merkte sie denn wohl, daß der Kummer sie angriff, aber da sprach sie vernünftig zu sich selbst, doch nicht derart vernünftig, daß sie die Bekümmerung aus dem Sinn schlug und ihr Gemüt beruhigte, sondern derart, daß sie sich selbst davon überzeugte, der Kummer habe sein Recht. »Ich verlange ja nichts Unvernünftiges«, sagte sie, »oder etwas Unmögliches, ich ver­lange ja nicht, daß ich werde wie der reiche Bauer, sondern nur wie eine der reichen Tauben.«

Zuletzt erdachte sie eine List. Eines Tages flog sie hin und setzte sich bei dem Bauern auf den First des Daches zwischen die zahmen Tauben. Als sie dann beobachtete, daß da eine Stelle war, wo diese hineinflogen, flog sie auch hinein, denn dort mußte wohl die Vorratskammer sein. Als aber der Bauer am Abend kam und den Taubenschlag schloß, da entdeckte er so­gleich die fremde Taube. Diese wurde dann für sich allein in einen kleinen Verschlag gesetzt bis zum nächsten Tage, da sie geschlachtet wurde – und von der Nahrungssorge frei war. Ach, die bekümmerte Waldtaube hatte sich nicht bloß in der Bekümmerung selbst gefangen, son­dern sich auch im Taubenschlag selbst gefangen – auf den Tod.

Hätte die Waldtaube sich genügen lassen, zu sein, was sie war: der Vogel des Himmels, so hätte sie ihr Auskommen gehabt, so hätte der himmlische Vater sie genährt, so wäre sie, auf die Bedingung der Ungewißheit, geblieben, wo sie zu Hause war, dort, wo die schlanken, ein­samen Stämme schwermütig in gutem Einverständnis sind mit dem gurrenden Trillern der Waldtaube; dann wäre sie die gewesen, von welcher der Pfarrer am Sonntag sprach, als er die Worte des Evangeliums wiederholte: Sehet die Vögel des Himmels an, sie säen nicht, sie ern­ten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch.

Die Waldtaube ist der Mensch – doch nein, laß uns nicht vergessen, daß es nur die Rede ist, welche aus Ehrerbietung für den Bekümmerten die Waldtaube hat herhalten lassen. Ja, wie wenn ein fürstliches Kind aufgezogen wird und dann ein armes Kind da ist, welches anstelle des Fürsten gestraft wird; ebenso hat die Rede alles über die Waldtaube hergehen lassen. Und diese hat sich willig darein gefunden, denn sie weiß sehr gut, daß sie einer der göttlich bestell­ten Lehrer ist, von denen wir lernen sollen; aber das tut ein Lehrer auch zuweilen, daß er an sich selbst das Verkehrte zeigt, vor dem er warnen will.

Die Waldtaube selber ist sorglos, ja sie ist wirklich die, von der das Evangelium spricht. Also die Waldtaube ist der Mensch. Wenn er, wie sie, sich genügen läßt, daß er Mensch ist, dann versteht er, was er von dem Vogel des Himmels lernt, daß der himmlische Vater ihn nährt.

Aber nährt ihn der himmlische Vater, dann ist er ja ohne Nahrungssorge, dann wohnt er nicht bloß wie die zahmen Tauben bei dem reichen Bauern, sondern er wohnt bei dem, der reicher ist als alle. Bei ihm wohnt er wirklich, denn da Himmel und Erde Gottes Haus und Eigentum sind, so wohnt der Mensch ja bei ihm.

Dieses heißt, sich genügen lassen, daß man Mensch ist, sich genügen lassen, daß man der Geringe ist, das Geschöpf, das ebensowenig sich selbst erhalten wie sich selbst erschaffen kann. Will der Mensch hingegen Gott vergessen und sich selbst ernähren – dann haben wir die Nahrungssorge. Es ist freilich lobenswert und Gott wohlgefällig, daß ein Mensch sät und ern­tet und in Scheunen sammelt, daß er arbeitet, um seine Nahrung zu finden; will er aber Gott vergessen, und meint er, sich durch sein Arbeiten selbst zu ernähren, so hat er Nahrungs­sorge. Falls der reichste Mann, der jemals gelebt hätte, Gott vergäße und meinte, sich selbst zu er­nähren – er hätte Nahrungssorge.

Denn laß uns nicht töricht und kleinlich reden, indem wir sagen, der Reiche sei von der Nah­rungssorge frei, der Arme nicht. Nein, nur der ist frei, welcher, indem er sich genügen läßt, Mensch zu sein, versteht, daß der himmlische Vater ihn nährt; und das kann ja der Arme ebensogut wie der Reiche.

Quelle: Sören Kierkegaard, Erbauliche Reden in verschie­de­nem Geist, 1847, GW 18, hrsg. u. übers. v. Emanuel Hirsch und Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1951, S. 182-186.

Hier der Text als pdf.

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