Søren Kierkegaard, Eine Ewigkeit, um zu bereuen: „nämlich zu bereuen, dass du die Zeit nicht zu dem genutzt hast, daran man ewig gedenken kann: in Wahrheit Gott zu lieben, was die Folge hat, dass du in diesem Leben dahin kommst, von den Menschen zu leiden.“

Eine Ewigkeit, um zu bereuen

Von Søren Kierkegaard

Laß mich eine Geschichte erzählen. Ich habe sie nicht in einer Erbauungsschrift gelesen, son­dern in einem sogenannten Unterhaltungsbuch. Doch trage ich kein Bedenken, sie zu benut­zen, ich sage dies nur, damit es niemanden störe, wenn er sie zufällig kennen sollte oder später erführe, woher ich sie habe – auf daß es niemanden störe, daß ich es verschwiegen hätte.

Irgendwo im Morgenland lebte ein Paar, arme alte Leute, Mann und Frau. Sie hatten, wie gesagt, nur die Armut; und die Sorge um die Zukunft wuchs, natürlich, mit dem Gedanken an das Alter. Sie bestürmten wohl den Himmel nicht mit ihren Bitten, dazu waren sie zu gottes­fürchtig, aber sie riefen doch wieder und wieder den Himmel um Hilfe an.

Da geschah es eines Morgens, daß die Frau, wie sie zur Feuerstelle hinauskommt, einen sehr großen Edelstein auf dem Herd liegen findet; sie eilt sogleich hinein und zeigt den Stein ihrem Mann, welcher, dererlei kundig, leicht sieht, daß ihnen nun für ihr Lebtag geholfen ist.

Freundliche Zukunft für diese alten Leute, welche Freude! Doch genügsam und gottesfürch­tig, wie sie waren, beschlossen sie, weil sie doch für diesen Tag noch hatten, wovon sie leben konnten, den Edelstein diesen Tag noch nicht zu verkaufen. Morgen aber sollte er verkauft werden und von morgen an ein neues Leben beginnen.

In der Nacht vor dem nächsten Tag oder vor diesem »morgen« träumte der Frau, sie sei ins Paradies entrückt. Ein Engel zeigte ihr all die Herrlichkeit ringsum, die eine morgenländische Einbildungskraft erfinden kann. Dann führte der Engel sie auch in einen Saal, wo lange Rei­hen von Lehnstühlen standen, über und über geschmückt mit Edelsteinen und Perlen, be­stimmt, wie der Engel erklärte, für die Frommen. Endlich zeigte er ihr auch einen – bestimmt für sie. Wie sie nun näher hinsah, sieht sie, da fehlt ein sehr großer Edelstein an der Lehne des Stuhls. Sie fragt den Engel, woher das käme. Er – oh, gib nun wohl acht, nun kommt die Ge­schichte! Der Engel antwortete: Das war der Edelstein, den du auf dem Herde fandest; den hast du im voraus bekommen, und er kann nicht wieder eingesetzt werden.

Am Morgen erzählt die Frau ihrem Manne den Traum – und sie war der Meinung, es sei dann doch besser, die paar Jahre noch auszuhalten, die sie noch zu leben hätten, als daß die ganze Ewigkeit lang der Edelstein fehlen sollte. Und ihr frommer Mann war derselben Meinung.

So legten sie am Abend den Stein wieder auf den Herd hinaus; baten Gott am Abend, er möge ihn zurücknehmen. Den nächsten Morgen war er ganz richtig fort; wo er geblieben war, das wußten ja die alten Leute, er war nun an seinem rechten Platz.

Dieser Mann war wahrlich glücklich verheiratet, seine Frau eine vernünftige Frau. Aber wäre es auch im übrigen wahr, was man oft sagt, daß es die Frauen seien, welche ihre Männer da­hin bringen, daß sie das Ewige vergessen: Wenn auch alle unverheiratet wären, so hat doch ein jeder in sich selbst etwas, was schlauer und eindringlicher und unablässiger, als ein Weib es kann, einen Menschen dahin bringen möchte, das Ewige zu vergessen; ihn dahin bringen, daß er falsch mißt, als seien ein paar Jahre oder 10 Jahre oder 40 Jahre eine so ungeheuer lan­ge Zeit, daß wohl gar die Ewigkeit im Vergleich damit zu etwas ganz Kurzem wird, anstatt daß umgekehrt diese Jahre etwas sehr Kurzes sind und die Ewigkeit ungeheuer lang.

Merk dir das gut! Du kannst vielleicht, klüglich, dem entgehen, was Gott nun einmal nach seinem Gefallen mit dem Christsein vereint hat, nämlich dem Leiden und der Widerwärtig­keit; du kannst vielleicht, wenn du dich klug heraushältst, zu deinem eigenen Verderben das Entgegengesetzte erreichen, erreichen, was Gott für ewig vom Christsein gesondert hat, näm­lich Genuß und alle irdischen Güter; du kannst vielleicht, betört von deiner Klugheit, dich zuletzt völlig verlieren in der Einbildung, daß gerade der Weg, auf dem du bist, der rechte sei, weil du das Irdische gewinnst: und dann – eine Ewigkeit, um zu bereuen! Eine Ewigkeit, um zu bereuen, nämlich zu bereuen, daß du die Zeit nicht zu dem genutzt hast, daran man ewig gedenken kann: in Wahrheit Gott zu lieben, was die Folge hat, daß du in diesem Leben dahin kommst, von den Menschen zu leiden.

Deswegen, betrüge dich nicht selbst, fürchte dich von allen Betrügern am meisten vor dir selbst! Wäre es auch für einen Menschen möglich, im Verhältnis zum Ewigen etwas vorweg­zunehmen, du betrögest ja doch dich selber mit dem: etwas vorweg – und dann eine Ewigkeit, um zu bereuen!

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Aufsätze und Schriften des letzten Streits, GW 34. Abt., hrsg. u. übers. v. Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1959, S. 288-290.

1 Kommentar

  1. Hm… das erinnert mich an eine Begegnung mit einer frommen Frau, die schon Jahre an Parkinson leidet. Auch sonst war ihr Leben mehr Leid als Freude. Angesichts meines frohen Daseins meinte sie: Ich habe schon meinen Teil auf Erden gelitten, du aber hast es noch vor dir, sei also nicht zu fröhlich.

    Ich verabschiedete mich traurig von ihr.

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