Søren Kierkegaard über das Jünger-Sein: „»Der Jünger« ist der Maßstab; die Nachfolge und Christus als Vorbild müssen angebracht werden! Dass ich dabei durchfalle oder auf die letzte Bank komme: darein finde ich mich demütig.“

Jünger

Von Søren Kierkegaard

Die Nachfolge muß angebracht werden, um Druck zu üben zur Demütigung. Ganz schlicht auf folgende Art: Ein jeder soll gemessen werden am Vorbild, am Ideal. All das Gerede, dies sei bloß zu den Aposteln gesagt und jenes bloß zu den Jüngern, und das bloß zu den ersten Christen usw. usw., es muß fort. Christus will jetzt ebensowenig, wie er es damals wollte, Bewunderer haben, geschweige denn Schwatzköpfe, sondern allein Jünger. »Der Jünger« ist der Maßstab; die Nachfolge und Christus als Vorbild müssen angebracht werden! Daß ich dabei durchfalle oder auf die letzte Bank komme: darein finde ich mich demütig. Aber ich und jedermann soll am Ideal gemessen werden; nach dem Ideal soll es bestimmt werden, wo ich bin. Keineswegs soll – und Gott sei Dank, daß es nicht soll, denn es ist ja doch eine traurige, eine erbärmliche Kurzsichtigkeit, die hohe Würde, daß man als schlechtester Schüler sich zum Ideal verhält, zu verkaufen, um der Mittelmäßigkeit eingebildete Zufriedenheit dank dem Ver­gleich mit anderen zu gewinnen, eine Kurzsichtigkeit gleich der, mit der Esau sein Erstge­burtsrecht gegen ein Gericht Linsen verkaufte – keineswegs soll es so sein, daß wir Menschen die Freiheit haben, die idealen Forderungen abzuschaffen, indem wir sagen, das sei nichts für uns, und dann eine gewisse Mittelmäßigkeit erfinden, und dann allda anfangen, und dies zum Maßstab machen, und dann vielleicht sogar etwas Ausgezeichnetes werden – dieweil nämlich der Maßstab umgeändert worden ist nach unserem Maß.

Laß mich mit einem Bilde erklären, was ich meine.

Nimm eine Schule, laß in ihr, so können wir ja annehmen, laß in ihr eine Klasse von hundert gleichaltrigen Schülern sein, welche das gleiche lernen sollen und am gleichen Maßstab ge­messen werden. Nr. 70 zu sein und von da ab weiter herunter, das heißt, tief unten in der Klas­se sitzen. Wie, wenn nun die dreißig Schüler von Nr. 70 ab sich einfallen ließen, ob es ihnen nicht gestattet werden könne, eine eigene Klasse für sich zu bilden. Geschähe so, dann würde somit Nr. 70 Nr. 1 in der Klasse. Dies hieße aufsteigen – ja, wenn man so will; nach meinen Begriffen hieße es, noch weiter herunter kommen, herabsinken zu erbärmlicher, ver­logener Selbstzufriedenheit, denn es heißt doch weit höher stehen, wenn man sich wahrheits­gemäß darein findet, nach einem echten Maßstabe Nr. 70 zu sein.

Ebenso denn in des Lebens Wirklichkeit. Was ist Spießbürgerlichkeit, was ist Geistlosigkeit? Es ist dies, daß man den Maßstab verändert hat durch Fortlassen der Ideale, daß man den Maßstab verändert hat gemäß dem, wie wir Menschen, die jetzt hierzuort leben, nun einmal sind. Ganz Europa kann spießbürgerlich sein, und eine kleine entlegene Landstadt kann viel­leicht es nicht sein. Alles hängt davon ab, ob der wahre Maßstab angewandt wird. Aber das sinnliche Wohlsein ist kein Freund vom Maßstab der Ideale.

Siehe, deshalb ist es mit der Christenheit zurückgegangen, weil man die Nachfolge abge­schafft und sie noch nicht einmal angebracht hat, um zu drücken – eine umgekehrte babyloni­sche Empörung wider den Himmel, eine umgekehrte, denn in Babel versuchte man (was bei aller Verleugnung doch weit, weit vorzuziehen ist) mit einem Aufstand den Himmel zu stür­men, das andre ist ein Versuch, in Eigenklugheit und Selbstzufriedenheit vermöge eines Ab­falls vom Himmel und von den Idealen geschieden zu werden.

Erbauliche Reden, 1850/51

Sören Kierkegaard, Erbauliche Reden 1850/51 – Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen – Urteilt selbst, GW 27. 28. und 29. Abt., hrsg. u. übers. v. Emanuel u. Rose Hirsch sowie Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1953, S. 227f.

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