Søren Kierkegaard, Erste Rede zum Evangelium der Leiden: „Es gibt zwischen Himmel und Erde nur einen Weg: Christus nachzufolgen; es gibt in Zeit und Ewigkeit nur eine Wahl, eine einzige: diesen Weg zu wählen.“

„Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolget, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lukas 14,27). Erste Rede zum Evangelium der Leiden

Von Søren Kierkegaard

Wegweisung wird wahrlich genug angeboten auf dem Lebensweg, und was wunders wohl, sintemal jede Irrung sich als eine Wegweisung ausgibt. Aber gibt es Irrungen auch mancher­lei, so ist die Wahrheit doch nur eine, und nur einer, welcher »der Weg und das Leben« ist, nur eine Wegweisung, welche in Wahrheit einen Menschen durchs Leben zum Leben führt. Tausende und Abertausende tragen einen Namen, durch den bezeichnet wird, daß sie diese Wegweisung gewählt haben, daß sie dem Herrn Jesus Christus angehören, nach welchem sie sich Christen nennen, daß sie seine Leibeignen sind, ob sie im übrigen auch Herren sind oder Knechte, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen.

Christen nennen sie sich, und sie nennen sich auch mit anderen Namen, die alle das Verhält­nis zu dieser einen Wegweisung bezeichnen.

Sie nennen sich Glaubende und bezeichnen sich dadurch als Wanderer, Fremdlinge und Aus­länder hier in der Welt; ja, ein Wanderer wird nicht so sicher an dem Stab in seiner Hand erkannt (mancher könnte ja auch einen Stab tragen, ohne ein Reisender zu sein), wie die Benennung als Glaubender offenkundig bezeugt, daß man auf einer Reise ist, denn Glaube bedeutet gerade: was ich suche, ist nicht hier, eben deshalb glaube ich es. Glaube bedeutet gerade die tiefe, starke, selige Unruhe, die den Glaubenden treibt, so daß er sich nicht zur Ruhe geben kann in dieser Welt, so daß der, welcher sich gänzlich zur Ruhe gegeben hätte, auch aufhörte, ein Glaubender zu sein; denn ein Glaubender kann nicht stille sitzen, wie man sitzt mit einem Wanderstab in der Hand, ein Glaubender wandert weiter.

Sie nennen sich »die Gemeinschaft der Heiligen« und bezeichnen dadurch, was sie sein soll­ten und müßten, was sie hoffen, einmal zu werden, wenn der Glaube abgelegt und der Wan­derstab niedergelegt wird.

Sie nennen sich Kreuzträger und bezeichnen dadurch, daß ihr Weg durch die Welt nicht leicht ist wie ein Tanz, sondern schwer und mühsam, obwohl ihnen doch zugleich der Glaube die Freude ist, welche die Welt überwindet; denn ebenso wie das Schiff zur gleichen Zeit, da es mit dem Segel leicht vor dem Winde dahinsegelt, den schweren Weg tief durch das Meer pflügt: ebenso ist auch der Weg des Christen leicht, wenn man auf den Glauben blickt, wel­cher die Welt überwindet, aber schwer, wenn man auf die mühsame Arbeit in der Tiefe blickt.

Sie nennen sich »Christi Nachfolger«, und bei diesem Namen wollen wir diesmal verweilen, indem wir das folgende bedenken.

Was in dem Gedanken liegt, Christo nachzufolgen, und was darin Frohmachendes liegt

Wenn der kühne Krieger mutig vorwärtsdringt und mit seiner Brust alle Pfeile des Feindes auffängt, aber auch seinen Burschen deckt, der hinter ihm folgt: kann man dann sagen, dieser Bursche folge ihm nach?

Wenn die liebende Ehefrau meint, in dem, was ihr das Liebste auf der Welt ist, in ihrem Ehe­herrn das schöne Vorbild zu haben, das sie in ihrem Leben zu erreichen wünschte, und sie dann nach weiblicher Art (denn das Weib wurde ja von des Mannes Seite genommen) mit ihm Seite an Seite wandert und sich auf ihn stützt: kann man dann sagen, diese Ehefrau folge ih­rem Eheherrn nach? Wenn der unerschrockene Lehrer ruhig auf seinem Platz steht, während Verhöhnung ihn umgibt und Mißgunst ihm nachstellt; wenn alle Angriffe sich nur gegen ihn richten, aber keiner den Anhänger, der sich ihm anschließt, auch nur aufs Korn bekommen kann: kann man dann sagen, dieser Anhänger folge ihm nach? Wenn die Henne den Feind kommen sieht und deshalb ihre Flügel ausbreitet, um die Küken zu verbergen, die hinter ihr herlaufen: kann man dann sagen, diese Küken folgten der Henne nach?

Nein, derart kann man nicht reden; man muß das Verhältnis verändern. Der kühne Krieger muß abtreten, damit sich nun zeigen kann, ob sein Bursche ihm auch nachfolgen wird, ihm nachfolgen wird in die Wirklichkeit der Gefahr, wenn dann alle Pfeile auf seine Brust zielen; oder ob er feige der Gefahr den Rücken wenden, den Mut verlieren wird, weil er den Mutigen verloren hat. Der edle Eheherr, ach, er muß zur Seite treten, von ihr weggehen, damit sich nun zeigen kann, ob die trauernde Witwe, ohne seine Unterstützung, ihm nachfolgen wird; oder ob sie, seiner Unterstützung beraubt, auch sein Vorbild fahrenlassen wird. Der unverzagte Lehrer muß sich verbergen oder muß in einem Grab verborgen werden, damit nun offenbar werden kann, ob der Anhänger ihm nachfolgen wird, aushalten wird auf dem Platz, während die Ver­höhnung ihn umgibt und die Mißgunst ihm nachstellt; oder ob er bei lebendigem Leibe mit Schanden von der Stätte weichen wird, weil der Lehrer sie im Tode mit Ehren verlassen hat.

Nachzufolgen bedeutet dann, den gleichen Weg zu gehen, den der gegangen ist, dem man nachfolgt; das bedeutet also: Er geht nicht mehr sichtbar voran. Und so war es denn ja not­wendig, daß Christus fortgehen mußte, sterben mußte, ehe sich zeigen konnte, ob der Jünger ihm nachfolgen werde. Vor vielen, vielen Jahrhunderten ist dies geschehen, und doch ge­schieht es beständig noch ebenso. Denn es gibt eine Zeit, da Christus beinahe sichtbar dem Kinde zur Seite geht, ihm vorangeht; aber dann kommt auch eine Zeit, wo er dem Auge der sinnlichen Einbildung entschwindet, damit es sich nun im Ernst der Entscheidung zeigen kann, ob der Erwachsene ihm nachfolgen werde.

Wenn das Kind Erlaubnis bekommt, sich am Rock der Mutter festzuhalten – kann man dann sagen, das Kind gehe denselben Weg ebenso, wie die Mutter ihn geht? Nein, das kann man nicht sagen. Das Kind muß erst lernen, selbst zu gehen, allein zu gehen, ehe es denselben Weg gehen kann wie die Mutter, und zwar ebenso, wie sie ihn geht. Und wenn das Kind allein zu gehen lernt, was muß dann die Mutter tun? Sie muß sich unsichtbar machen. Daß ihre Zärt­lichkeit deshalb dieselbe bleibt, unverändert, ja, daß sie wohl gerade wächst in der Zeit, da das Kind allein zu gehen lernt, das wissen wir ja wohl, hingegen kann das Kind es vielleicht nicht immer verstehen. Aber was es für das Kind heißt, daß es lernen soll, allein und selbständig zu gehen, das ist, geistig verstanden, die Aufgabe, welche dem gestellt wird, der eines Menschen Nachfolger sein soll; er muß lernen, allein und selbständig zu gehen. Ach, wie wunderlich! Fast scherzend und stets mit einem Lächeln sprechen wir von der Bekümmerung des Kindes, wenn es lernen soll, allein zu gehen; und doch hat die Sprache vielleicht keinen stärkeren oder ergreifenderen oder wahreren Ausdruck für den tiefsten Kummer und das tiefste Leid als den: einsam und allein zu gehen. Daß die Fürsorge im Himmel unverändert ist, ja, falls es möglich wäre, noch mehr besorgt in dieser gefahrvollen Zeit, das wissen wir ja wohl, aber man kann es vielleicht nicht immer verstehen, während man lernt.

Nachzufolgen bedeutet nun, einsam und allein den Weg zu gehen, welchen der Lehrer gegan­gen ist: niemand Sichtbaren zu haben, den man um Rat fragen kann; selber wählen zu sollen; vergebens zu schreien, wie das Kind vergebens schreit, denn die Mutter darf ihm nicht sicht­bar helfen; vergebens zu verzweifeln, denn niemand kann helfen, und der Himmel darf nicht sichtbar helfen. Aber daß einem unsichtbar geholfen wird, das heißt eben, allein gehen zu ler­nen, denn es heißt lernen, seinen Sinn umzubilden zur Gleichheit mit dem des Lehrers, den man doch nicht sichtbar sieht. Allein zu gehen! Ja, es gibt keinen, keinen Menschen, der für dich wählen oder dich im letzten und entscheidenden Sinn beraten kann in bezug auf das ein­zig Wichtige, dir entscheidend raten kann in Sachen deiner Seligkeit; und wären auch noch so viele dazu bereit, es gereichte ja nur zu deinem Schaden. Allein! Denn wenn du gewählt hast, wirst du zwar Mitwanderer finden, aber im entscheidenden Augenblick, und jedesmal, wo Lebensgefahr besteht, da bleibst du allein. Niemand, niemand hört dein schmeichelndes Bitten oder achtet auf deine heftige Klage – und doch gibt es Hilfe und Willigkeit genug im Himmel; sie ist jedoch unsichtbar; daß einem durch sie geholfen wird, heißt eben, allein gehen zu ler­nen.

Diese Hilfe kommt nicht von außen und ergreift deine Hand; sie stützt dich nicht, wie ein liebevoller Mensch den Kranken stützt; sie führt dich nicht mit Gewalt zurück, wenn du in die Irre gegangen bist. Nein, nur wenn du gänzlich nachgibst, allen eigenen Willen aufgibst, und dich hingibst mit deinem innersten Herzen und Sinn: dann kommt die Hilfe im Unsichtbaren; aber dann bist du eben allein gegangen.

Man sieht nicht den mächtigen Trieb, der den Vogel den weiten Weg führt; der Trieb fliegt nicht voran und der Vogel hinterher; es sieht aus, als sei es der Vogel, der den Weg fand; ebenso sieht man den Lehrer nicht, sondern nur den Nachfolger, der ihm gleicht, und es sieht aus, als sei der Nachfolger selber der Weg, eben weil er der wahre Nachfolger ist, der allein den gleichen Weg geht.

Dies ist es, was in dem Gedanken liegt: jemandem nachzufolgen.

Aber Christus nachzufolgen bedeutet, sein Kreuz auf sich zu nehmen, oder wie es in unserem Text heißt: sein Kreuz zu tragen. Sein Kreuz tragen bedeutet, sich selbst zu verleugnen, wie Christus erklärt, wenn er sagt: »Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir« (Matth. 16,24). Dies war auch »jene Gesinnung, die Christus Jesus hatte, welcher es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern er­niedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz« (Phil. 2,5ff). Solcher Art war das Vorbild, solcher Art muß auch der Nachfolger sein, wenn es auch eine langsame und beschwerliche Arbeit ist, sich selbst zu verleugnen, ein schweres Kreuz auf sich zu nehmen, ein schweres Kreuz zu schleppen, welches doch, nach der Anweisung des Vor­bilds, in Gehorsam bis zum Tode getragen werden soll, damit der Nachfolger, wenn er auch nicht am Kreuze stirbt, doch dem Vorbild darin gleicht, daß er »mit dem Kreuz auf dem Rü­cken« stirbt. Eine einzelne gute Tat, ein einzelner hochgemuter Entschluß heißt nicht, sich selbst zu verleugnen. Ach, so lehrt man es vielleicht in der Welt, weil man sogar dies so selten sieht, daß es deshalb das seltene Mal mit Erstaunen gesehen wird. Aber das Christentum lehrt anders. Christus sagte nicht zu dem reichen Jüngling: »Willst du vollkommen sein, so verkau­fe all deine Güter und gib sie den Armen.« Manch einem dürfte zwar schon allein diese For­derung überspannt und seltsam erscheinen; man würde vielleicht den Jüngling nicht einmal bewundern, falls er es täte, sondern über ihn lächeln wie über einen Sonderling oder ihn be­mitleiden als einen Narren. Doch spricht Christus anders, er sagt: »Geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, und komm, folge mir nach, und nimm das Kreuz auf dich« (Mark. 10,21). Also seine Güter zu verkaufen und sie den Armen zu geben, das heißt nicht, das Kreuz auf sich zu nehmen, oder es ist höchstens der Anfang, der gute Anfang, um dann das Kreuz zu nehmen und Christus nachzufolgen. Alles den Armen zu geben, das ist das erste, das heißt – da ja die Sprache erlaubt, auf unschuldige Art geistreich zu sein – das Kreuz auf sich zu neh­men; das nächste, die langwierige Fortsetzung ist: sein Kreuz zu tragen. Das muß täglich geschehen, nicht ein für allemal; und nichts, nichts darf es geben, ohne daß der Nachfolger bereit wäre, es in Selbstverleugnung aufzugeben. Ob es etwas Unbedeutendes ist, wie man sagt, worin er sich nicht selbst verleugnen will, oder etwas Großes, das macht überhaupt kei­nen wesentlichen Unterschied, denn das Unbedeutende erhält gerade unendliche Bedeutung als Schuld durch das Mißverhältnis zu der geforderten Selbstverleugnung. Es gab vielleicht einen, der bereit war, zu tun, was der reiche Jüngling nicht getan hatte, in der Hoffnung, da­durch das Höchste vollbracht zu haben, und der dennoch kein Nachfolger wurde, weil er ste­henblieb, »sich umwendete und zurücksah« – nach seiner großen Tat; oder wenn er auch wei­terging, dennoch kein Nachfolger wurde, weil er meinte, etwas so Großes getan zu haben, daß es auf Kleinigkeiten nicht ankomme. Ach, woher kommt es wohl, daß es am allerschwie­rig­sten ist, sich selbst in dem weniger Bedeutenden zu verleugnen? Etwa daher, daß eine gewisse veredelte Selbstliebe auch fähig ist, sich in dem Großen scheinbar selbst zu verleug­nen? Aber je geringer, je unbedeutender, je kleinlicher die Forderung ist, um so kränkender für die Selbstliebe, weil sie in bezug auf eine solche Aufgabe gänzlich verlassen ist von ihren eigenen hochtrabenden Vorstellungen und denen anderer; aber um so demütiger ist eben deshalb die Selbstverleugnung. Woher kommt es wohl, daß es am allerschwierigsten ist, sich selbst zu verleugnen, wenn man allein und wie in einem vergessenen Winkel lebt? Etwa daher, daß eine gewisse veredelte Selbstliebe auch fähig ist, sich scheinbar selbst zu verleugnen – wenn viele bewundernd auf sie blicken? Aber so wenig, wie es einen wesentlichen Unterschied macht, welches nun das Unterschiedliche sei, worin der einzelne Mensch sich, im Verhältnis zu seinen Lebensbedingungen, selbst verleugnet, so daß ein Bettler sich unbedingt ebensogut selbst verleugnen kann wie ein König; ebenso macht es auch keinen wesentlichen Unter­schied, welches nun das Unterschiedliche sei, worin ein Mensch es bleiben läßt, sich selbst zu verleugnen, denn die Selbstverleugnung ist ja eben die Innerlichkeit, sich selbst zu verleug­nen. Und dies ist eine schwere und beschwerliche Arbeit. Denn zwar besteht die Selbstver­leugnung darin, die Lasten abzuwerfen, und könnte insofern recht leicht erscheinen; aber es ist ja doch schwer, gerade die Lasten abwerfen zu sollen, welche die Selbstliebe so gern tragen will, ja so gern, daß es der Selbstliebe bereits sehr schwerfällt, zu verstehen, daß es Lasten sind.

Christus nachzufolgen bedeutet, sich selbst zu verleugnen, und bedeutet also, den gleichen Weg zu gehen, den Christus in der geringen Gestalt eines Knechts ging, Not leidend, verlas­sen, verspottet, die Welt nicht liebend, und nicht von ihr geliebt. Und es bedeutet also, allein zu gehen, denn einer, der in Selbstverleugnung Verzicht tut auf die Welt und alles, was der Welt zugehört, der jedem Verhältnis entsagt, welches sonst lockt und bindet, so daß er nicht auf seinen Acker geht, auch nicht handelt, auch nicht ein Weib nimmt; einer, der, falls es notwendig ist, zwar Vater und Mutter, Schwester und Bruder nicht weniger liebt als vorher, aber Christus dergestalt mehr liebt, daß man von ihm sagen kann, er hasse jene: der geht ja allein, allein in der ganzen Welt. Ja, im geschäftigen Hin und Her des Lebens scheint es eine schwierige, eine unmögliche Sache, derart zu leben, unmöglich schon zu beurteilen, ob je­mand wirklich derart lebt; aber laß uns nicht vergessen, daß es die Ewigkeit ist, welche beur­teilen wird, wie die Aufgabe gelöst wurde, und daß der Ernst der Ewigkeit die Schweigsam­keit der Scham gebieten wird in bezug auf all das Weltliche, wovon in der Welt fortwährend gesprochen wurde. Denn in der Ewigkeit wirst du nicht gefragt werden, ein wie großes Ver­mögen du hinterläßt – danach fragen die Hinterbliebenen; oder wie viele Schlachten du ge­wonnen hast, wie klug du gewesen bist, wie mächtig dein Einfluß war – das wird ja zu deinem Nachruhm in der Nachwelt. Nein, die Ewigkeit wird nicht fragen, was weltlich von dir hinter­bleibt in der Welt. Aber sie wird fragen, welchen Reichtum du im Himmel gesammelt hast; wie oft du gesiegt hast über deinen Sinn; welche Herrschaft du über dich selbst geübt hast, oder ob du dort ein Sklave gewesen bist; wie viele Male du dich in Selbstverleugnung selbst beherrscht hast, oder ob du das niemals getan hast, wie oft du in Selbstverleugnung bereit gewesen bist, Opfer zu bringen für eine gute Sache, oder ob du niemals bereit gewesen bist; wie oft du in Selbstverleugnung deinem Feind vergeben hast, ob du das wohl siebenmal getan hast oder siebzigmal siebenmal; wie oft du Beleidigungen in Selbstverleugnung geduldig ertragen hast; was du gelitten hast, nicht um deiner selbst willen, um deiner eigensüchtigen Zwecke willen, sondern was du in Selbstverleugnung gelitten hast um Gottes willen.

Und der, welcher dich fragen wird, der Richter, gegen dessen Spruch du nicht an einen höhe­ren appellieren kannst, er war kein Heerführer, der Reiche und Länder eroberte, mit dem du über deine irdischen Taten sprechen könntest, sein Reich war gerade nicht von dieser Welt; er war nicht ein Purpurgekleideter, mit dem du die vornehme Gesellschaft suchen könntest, denn er trug den Purpur nur zum Hohn; er war nicht mächtig durch seinen Einfluß, so daß er wün­schen könnte, in deine weltlichen Geheimnisse eingeweiht zu werden, denn er war so verach­tet, daß der Vornehme ihn nur in der Verborgenheit der Nacht besuchen durfte.

Oh, es ist doch immer ein Trost, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen. Wenn man feige ist, dann nicht vor ein Gericht von Kriegern gestellt werden zu sollen; wenn man selbstsüchtig und weltlich gesinnt ist, dann nicht von der Selbstverleugnung gerichtet werden zu sollen. Und jener Richter weiß nicht nur, was Selbstverleugnung ist, er versteht nicht nur derart zu urteilen, daß keine Mißlichkeit sich verstecken kann, nein, seine Gegenwart ist das Richtende, welches alles verstummen und verblassen läßt, was sich weltlich so gut in der Welt ausnahm und mit Bewunderung gehört und gesehen wurde; seine Gegenwart ist das Richtende, denn er war die Selbstverleugnung. Er, der Gott gleich war, nahm die Gestalt eines geringen Knechts an; er, der über Legionen Engel gebieten konnte, ja über Bestand und Untergang der Welt, er ging wehrlos umher; er, der alles in seiner Macht hatte, gab alle Macht auf, konnte auch nichts für seine lieben Jünger tun, sondern ihnen nur die gleichen Verhältnisse der Niedrigkeit und Verachtung bieten; er, welcher der Herr der Schöpfung war, zwang die Natur selbst, sich ruhig zu verhalten, denn erst als er den Geist aufgegeben hatte, zerriß der Vorhang und taten sich die Gräber auf, und verrieten die Kräfte der Natur, wer er war.

Wofern das nicht Selbstverleugnung ist, was ist dann Selbstverleugnung!

Das war es, was in dem Gedanken liegt: Christus nachzufolgen; aber laß uns nun das Frohma­chende in diesem Gedanken bedenken.

Mein Zuhörer! Wofern du dir einen Jüngling denkst, der am Beginn seines Lebens steht, wo die vielen Wege sich ihm öffnen, und der sich selbst fragt, welche Laufbahn er wünschen könne zu betreten; nicht wahr, dann erkundigt er sich genau, wohin der einzelne Weg führt, oder, was das gleiche ist: Er sucht zu erfahren, wer früher den Weg gegangen ist. Dann nen­nen wir ihm die berühmten, die gepriesenen, die herrlichen Namen auf den Wegen, die Na­men, deren Gedächtnis unter den Menschen bewahrt wird. Zu Beginn nennen wir vielleicht mehrere, damit die Wahl im Verhältnis stehen kann zur Möglichkeit des Jünglings, damit der Reichtum der Belehrung, der geboten wird, im Überfluß da sein kann; aber er selbst trifft nun, getrieben von dem Drang seines Inneren, eine kleinere Auswahl, zuletzt bleibt für ihn nur einer, ein einziger: der in seinen Augen und nach seinem Herzen Vorzüglichste unter allen. Dann klopft das Herz des Jünglings heftig, wenn er begeistert diesen Namen nennt, ihn, den einzigen, und sagt: Den Weg will ich gehen, denn den Weg ging Er!

Wir wollen nun die Aufmerksamkeit nicht zerstreuen oder Zeit vergeuden, indem wir solcher­lei Namen nennen; denn es gibt ja doch nur einen Namen im Himmel und auf Erden, einen einzigen, und also nur einen Weg zu wählen – wofern ein Mensch im Ernst wählen soll und richtig wählen soll. Es muß nämlich mehrere Wege geben, sintemal ein Mensch wählen soll; aber es darf auch nur einer zu wählen sein, wofern der Ernst der Ewigkeit über der Wahl ruhen soll. Eine Wahl, von welcher gilt, daß man ebensogut das eine wählen kann wie das andere, hat nicht den ewigen Ernst der Wahl; es muß durch die Wahl unbedingt alles zu ge­winnen und alles zu verlieren sein, falls die Wahl den Ernst der Ewigkeit haben soll, wenn auch, wie gesagt, eine Möglichkeit vorhanden sein muß, etwas anderes wählen zu können, damit die Wahl wirklich eine Wahl sein kann.

Es gibt nur einen Namen im Himmel und auf Erden, nur einen Weg, nur ein Vorbild. Wer es wählt, Christus nachzufolgen, der wählt den Namen, welcher höher ist als alle Namen; das Vorbild, welches hoch erhöht ist über alle Himmel, aber doch auch derart menschlich ist, daß es Vorbild für einen Menschen sein kann, daß es genannt wurde und genannt werden wird im Himmel und auf Erden, an beiden Orten als das höchste. Denn es gibt Vorbilder, deren Na­men nur auf Erden genannt werden; aber das höchste, das einzige, muß ja eben diese aus­schließende Eigenschaft haben, an der es wieder als das einzige kenntlich ist: daß es im Him­mel und auf Erden genannt wird.

Dieser Name ist der Name unseres Herrn Jesus Christus. Aber ist es dann nicht frohmachend, daß man wählen darf, denselben Weg zu gehen, den er gegangen ist!

Ach, in der verworrenen und verwirrenden Rede der Welt klingt leider das Einfältige und der Ernst zuweilen fast wie ein Scherz. Der Mensch, der wohl die größte Macht ausgeübt hat, welche jemals in der Welt ausgeübt worden ist, er nennt sich stolz Petri Nachfolger. Aber nun Christi Nachfolger zu sein! Ja, das verlockt nicht den Stolz, das ist gleichermaßen dem Mäch­tigsten gestattet und dem Geringsten, dem Weisesten und dem Einfältigsten, was ja eben wie­der das Selige ist. Und ist es denn wohl so herrlich, das Vorzügliche zu werden, was kein anderer Mensch werden kann; ist das nicht eher trostlos? Ist es so herrlich, von Silber zu spei­sen, wenn andere hungern; in Palästen zu wohnen, wenn so viele kein Obdach haben; der Gelehrte zu sein, was kein Einfältiger werden kann; einen Namen zu haben in dem Sinne, daß Tausende und Abertausende ausgeschlossen sind; ist das so herrlich? Und wenn diese armher­zige Verschiedenheit des Erdenlebens das Höchste wäre, wäre das dann nicht unmenschlich, und das Leben unerträglich für den Glücklichen! Wie anders hingegen, wenn es das einzige Frohmachende ist, Christus nachzufolgen. Höhere Freude kann ja doch nicht gegeben werden als die: das Höchste werden zu können; und diese hohe Freude kann nicht freimütiger, seliger, sicherer gemacht werden als sie es ist durch den frohen, den barmherzigen Gedanken des Himmels: daß jeder Mensch das kann.

So geht denn der, welcher die Nachfolge Christi gewählt hat, auf dem Wege voran. Und wenn er dann auch die Welt und, was in der Welt ist, kennenlernen muß, die Stärke der Welt und seine eigene Schwachheit; wenn der Kampf mit Fleisch und Blut ängstigend wird; wenn der Weg schwierig wird, der Feinde viele, der Freunde keiner, dann preßt der Schmerz ihm wohl diesen Seufzer ab: Ich gehe allein.

Mein Zuhörer – wofern ein Kind, das dabei wäre, gehen zu lernen, weinend zu dem Erwach­senen käme und sagte: Ich gehe allein – sagte dann der Erwachsene nicht: Das ist ja gerade das Herrliche, mein Kind!

Und ebenso auch steht es mit der Nachfolge Christi. Auf diesem Wege ist es nicht nur so, wie es sonst heißt, daß, wenn die Not am größten, die Hilfe am nächsten ist – nein, hier auf diesem Wege ist der Gipfel des Leidens die größte Nähe der Vollkommenheit. Weißt du einen ande­ren Weg, auf dem das der Fall ist? Auf jedem anderen Weg ist es umgekehrt: Wofern da die Leiden kommen, so ist die Last das überwiegende, ja sogar derart das überwiegende, daß es bedeuten kann, man habe einen unrichtigen Weg gewählt. Auf dem Weg hingegen, auf wel­chem ein Mensch Christus nachfolgt, ist der Gipfel des Leidens das Herrlichste; indes der Wanderer seufzt, preist er sich im Grunde selig.

Schau, wenn ein Mensch irgendeinen anderen Weg antritt, so muß er sich ja im voraus mit der Unsicherheit des Weges vertraut machen.

Es kann vielleicht gut gehen und ohne schwierige Zufälle, aber es können sich vielleicht auch so viele Hindernisse auftürmen, daß er auf dem Wege nicht vorwärtsdringen kann. Auf dem Wege der Selbstverleugnung, Christus nach, ist dagegen ewige Wegsicherheit; auf diesem Wege sind die »Meilensteine« des Leidens die frohmachenden Zeichen dafür, daß man auf dem rechten Weg vorankommt. Aber welche Freude ist doch größer als die, den besten Weg wählen zu dürfen, den Weg zum Höchsten; und welche Freude ist dann wieder ebensogroß wie diese außer der, daß der Weg in alle Ewigkeit sicher ist!

Doch ist noch eine letzte selige Freude enthalten in dem Gedanken, Christus nachzufolgen. Denn er geht zwar, wie entwickelt worden ist, nicht bei dem Nachfolgenden, auch geht er ihm nicht sichtbar voran, aber er ist voraus gegangen, und das ist die frohe Hoffnung des Nachfol­gers: daß er ihm nachfolgen werde. Eines ist es ja, ihm nachzufolgen auf dem Wege der Selbstverleugnung, und auch das war frohmachend, etwas anderes, ihm nachzufolgen in die Seligkeit. Wenn der Tod zwei Liebende getrennt hat und dann die Zurückgebliebene stirbt, so sagen wir: Nun ist sie ihm nachgefolgt – er ging voraus. Ebenso ist Christus vorausgegangen, und nicht bloß auf solche Weise, denn er ist vorausgegangen, um dem Nachfolger die Stätte zu bereiten.

Wenn wir von einem menschlichen Vorgänger sprechen, dann gilt vielleicht, daß er durch Vorausgehen den Weg leichter gemacht hat für den, der ihm nachfolgt; und wenn der Weg, von dem die Rede ist, das Irdische, das Zeitliche, das Unvollkommene angeht, dann kann es sein, daß der Weg sogar für den Nachfolger gänzlich leicht geworden ist.

Das gilt nicht in bezug auf den Christen, oder vom vollkommenen Weg der Selbstverleug­nung; dieser Weg bleibt immer wesentlich gleich schwer für jeden Nachfolger. Aber dann gilt von Christus in einem ganz anderen Sinne, daß er vorausgegangen ist: er hat für den Nachfol­ger nicht den Weg bereitet, indem er vorausging, sondern er ist vorausgegangen, um für den Nachfolger die Stätte im Himmel zu bereiten. Ein menschlicher Vorgänger kann zuweilen mit Fug und Recht sagen: Jetzt ist es leicht genug, hinterherzugehen, da der Weg gebahnt und bereitet und die Pforte weit ist. Christus hingegen muß sagen: Schau, alles ist im Himmel bereit – wofern du bereit bist, in die enge Pforte der Selbstverleugnung einzugehen und auf ihrem schmalen Weg voranzuschreiten.

In der Geschäftigkeit der Welt scheint es vielleicht sehr unsicher zu sein mit jener Stätte drü­ben; aber wer in Selbstverleugnung der Welt und sich selbst entsagt hat, der muß sich ja da­durch dessen vergewissert haben, daß eine solche Stätte da ist. Irgendwo muß einer ja doch sein, der da ist, irgendwo muß er seine Zuflucht haben; aber in der Welt, die er aufgegeben hat, kann er seine Stätte nicht haben. Also muß es eine andere Stätte geben, ja, es muß sie geben, damit er die Welt aufgeben kann. Oh, wie leicht ist dies doch für einen Menschen zu verstehen, falls er wirklich sich selbst und die Welt verleugnet hat.

Und auf sein Leben die Probe zu machen in dieser Hinsicht, wieweit man wirklich dessen sicher ist, daß es drüben eine solche Stätte gibt, ob man wirklich sein Leben ewig gesichert hat: das ist auch leicht.

Der Apostel Paulus sagt (1. Kor. 15,19): »Hoffen wir allein in diesem Leben, so sind wir die elendesten unter allen.« Das ist auch sicher; denn einer, der um Christi willen allen Gütern der Welt entsagt und alle ihre Übel erduldet, der ist – wofern es drüben keine Seligkeit gäbe – be­trogen, entsetzlich betrogen; wofern es drüben keine Seligkeit gäbe: mir scheint, sie müsse Wirklichkeit werden allein aus Mitleid mit einem solchen Menschen. Wofern nun ein Mensch nicht nach den irdischen Dingen und den frohen Tagen trachtet; nicht nach irdischem Vorteil strebt, auch nicht danach greift, wenn er geboten wird; wofern er Mühe und Beschwerlichkeit wählt und, was nun einmal so sein muß, die undankbare Arbeit, weil er die beste Sache wähl-te; wofern er, wenn er das Irdische entbehren muß, nicht einmal den Trost hat, daß er weiß, er habe alles Seine getan, um es zu gewinnen: dann ist er ja ein Narr in den Augen der Welt, er ist der Elendeste in der Welt. Gäbe es dann keine Seligkeit drüben, dann wäre er ja der Elen­deste von allen; eben seine Selbstverleugnung machte ihn dazu, ihn, der nicht einmal versucht hätte, das Irdische zu gewinnen, sondern es freiwillig aufgegeben hätte. Gibt es hingegen eine Seligkeit drüben, dann ist er, der Elende, doch der Reichste von allen. Denn eines ist es, der Elendeste in der Welt zu sein, wenn die Welt das Höchste sein soll, es zu sein, falls es keine Seligkeit gäbe; etwas anderes, der Elendeste in der Welt zu sein, wenn es die Seligkeit gibt. Der Beweis dafür, daß diese Seligkeit da ist, ist von Paulus ganz herrlich geführt worden; denn daran kann überhaupt kein Zweifel sein, daß er – ohne sie – der Elendeste von allen gewesen wäre.

Wofern hingegen ein Mensch versucht, sich in dieser Welt zu sichern, sich die Vorteile dieser Welt zu sichern, dann ist seine Versicherung, es gebe eine Seligkeit drüben, nicht gerade überzeugend: sie überzeugt andere kaum, sie hat kaum ihn selbst überzeugt. Doch darüber richte niemand, oder jeder nur sich selbst, denn auch der Versuch, einen andern in dieser Hinsicht richten zu wollen, ist ein Versuch, sich in dieser Welt zu sichern; sonst müßte ein solcher ja einsehen, daß beide, das Gericht und die Seligkeit, der anderen Welt zugehören.

Ach, es ist im Laufe der Zeit oft wiederholt worden, und die Wiederholung dauert noch immer an, daß einer vorausgeht, nach dem ein anderer Mensch sich sehnt, dem er nachzufolgen wünscht. Aber es ist niemals ein Mensch, niemals ein Liebender, niemals ein Lehrer, niemals ein Freund vorausgegangen – um dem Nachfolgenden die Stätte zu bereiten. Wie Christi Name der einzige ist im Himmel und auf Erden, so ist auch Christus der einzige Vorgänger, der auf solche Weise vorausgegangen ist. Es gibt zwischen Himmel und Erde nur einen Weg: Christus nachzufolgen; es gibt in Zeit und Ewigkeit nur eine Wahl, eine einzige: diesen Weg zu wählen; es gibt auf Erden nur eine ewige Hoffnung: Christus nachzufolgen in den Himmel. Es gibt im Leben eine selige Freude: Christus nachzufolgen; und im Tode eine letzte selige Freude: Christus nachzufolgen zum Leben!

Quelle: Sören Kierkegaard, Das Evangelium der Leiden, in: Erbauliche Reden in verschie­de­nem Geist, 1848, GW 18, hrsg. u. übers. v. Emanuel Hirsch und Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1951, S. 229-242.

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