Søren Kierkegaard, Das Kriminalverbrechen: „Christ­liche Staaten, christliche Lande, ein christliches Volk, eine – wunderlich! – eine christliche Welt.“

Das Kriminalverbrechen

Von Søren Kierkegaard

Man erzählt von einem Bierzapfer eine lächerliche Geschichte. Man erzählt, er habe sein Bier flaschenweise einen Schilling unter dem Einkaufspreis vertrieben, und als einer zu ihm sagte:

»Wie kannst du dabei auf deine Rechnung kommen, das heißt ja, Geld zusetzen«, erwiderte er:

»Nein, mein Freund, die Menge macht’s.« Die Menge, die ja auch heutzutage das Allmächtige ist.

Wenn man über diese Geschichte gelacht hat, tut man gut, die Lehre daraus zu ziehen, die vor der Macht warnt, welche die Zahl über die Phantasie ausübt. Darüber kann nämlich kein Zweifel sein, daß der Bierzapfer sehr gut verstand, daß eine Flasche Bier, die ihn selbst 4 Schilling kostet, für 3 Schillinge verkauft, einen Schilling Verlust bedeutet.

Auch im Verhältnis zu 10 Flaschen könnte der Bierzapfer festhalten, daß es Verlust bedeutet. Aber, aber 100 000 Flaschen: Da setzt die große Zahl die Phantasie in Bewegung, die runde Zahl rennt mit ihm davon, der Kopf wirbelt dem Bierzapfer – das heißt Gewinn, sagt er, denn die Menge macht’s.

Genauso auch mit der Rechnung, die ein christliches Volk herausbekommt durch Zusammen­zählen von Einern, die keine Christen sind, es herausbekommt mit Hilfe dessen, daß »die Menge es macht«.

Das ist für wahres Christentum der allergefährlichste Sinnentrug, und zugleich ist es von allem Sinnentrug eben der, dem jeder Mensch am leichtesten verfällt; denn die Zahl (die hohe Zahl, wenn es hinaufgeht in die Hunderttausende, in die Millionen) und die Phantasie, diese beiden passen ganz zueinander. Aber, christlich, ist natürlich die Rechnung falsch, und ein christliches Volk, gebildet aus Einern, die ehrlich eingestehen, daß sie keine Christen seien, desgleichen ehrlich eingestehen, daß ihr Leben keineswegs ein Streben heißen könne in Richtung dessen, was das Neue Testament unter Christentum versteht – ein solches christli­ches Volk ist eine Unmöglichkeit.

Hingegen könnte ein Schelm sich kein besseres Versteck wünschen als hinter Redensarten wie: Das Volk ist christlich, das Volk strebt christlich, da es fast ebenso schwierig ist, solchen Redensarten beizukommen, wie wenn einer sagte: N. N. ist ein Christ. N. N. strebt christlich.

Da aber das Christentum Geist ist, Nüchternheit des Geistes und Redlichkeit der Ewigkeit, ist natürlich für seinen Polizeiblick nichts verdächtiger als alle phantastischen Größen: Christ­liche Staaten, christliche Lande, ein christliches Volk, eine – wunderlich! – eine christliche Welt. Und wäre auch etwas Wahres an dieser Rede von christlichen Völkern und Staaten, wenn, wohlgemerkt, alle Zwischenbestimmungen, jeder Abstand vom Christentum des Neuen Testaments redlich und ehrlich angegeben und kenntlich gehalten würde: Sicher ist, daß an diesem Punkt – christlich – ein ungeheuerliches Kriminalverbrechen verborgen liegt; ja alles, was die Welt bisher an Kriminalfällen gesehen hat, nimmt sich wie eine Lappalie aus im Ver­gleich mit diesem ungeheuerlichen Kriminalfall, der, lange Zeiten hindurch fortgesetzt von Geschlecht zu Geschlecht, dennoch, was ja einer menschlichen Gerechtigkeit widerfahren kann, der göttlichen Gerechtigkeit nicht über den Kopf gewachsen ist.

Dies ist der religiöse Zustand.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Aufsätze und Schriften des letzten Streits, GW 34. Abt., hrsg. u. übers. v. Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1959, S. 40-41.

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