Søren Kierkegaard, Die Wildgans – ein Bild: „Gewiß ist der wahre Christ, über den der Geist herrscht, vom gewöhnlichen Menschen verschieden wie die Wildgans von den zahmen Gänsen.“

Die Wildgans – ein Bild

Von Søren Kierkegaard

Jeder, der auch nur ein kleines bißchen Kenntnis vom Leben der Vogelwelt hat, weiß, daß zwischen der Wildgans und den zahmen Gänsen, wie verschieden sie auch sind, dennoch eine Art Verstehen herrscht. Wenn der Zug der Wildgänse in der Luft zu hören ist, und da zahme Gänse unten auf der Erde sind, so merken diese letzten das sofort, sie verstehen bis zu einem gewissen Grade, was es bedeutet; deshalb hüpfen sie auch, schlagen mit den Flügeln, schreien und fliegen in verworrener unschöner Unordnung ein Stück über den Erdboden hin – und dann ist es vorbei.

Es war einmal eine Wildgans. Zur Herbstzeit gegen den Wegzug hin wurde sie auf einige zahme Gänse aufmerksam. Sie faßte Zuneigung zu ihnen, es deuchte sie jammerschade, von ihnen wegzufliegen, sie hoffte, sie für ihr Leben zu gewinnen, so daß sie sich entschlössen, mitzufolgen, wenn der Zug fortflöge.

Zu dem Zweck ließ sie sich auf jede Weise mit ihnen ein, versuchte sie zu locken, daß sie ein wenig höher stiegen und dann noch ein wenig höher im Flug, damit sie dann womöglich im Zuge mitfolgen könnten, erlöst von diesem elenden, mittelmäßigen Leben, auf Erden zu watscheln als ehrbare zahme Gänse.

Zu Anfang schien es den zahmen Gänsen, dies sei ganz unterhaltsam, sie hatten die Wildgans gern. Aber bald wurden sie ihrer überdrüssig, so gaben sie denn grobe Worte von sich, setzten sie zurecht als eine phantastische Närrin ohne Erfahrung und ohne Weisheit. Ach, und die Wildgans hatte sich leider zu sehr mit den zahmen Gänsen eingelassen, sie hatten allmählich Macht über sie bekommen, so daß ihre Worte etwas für sie bedeuteten – und das Ende vom Liede war, daß die Wildgans eine zahme Gans wurde.

Man kann in gewissem Sinne sagen: Was die Wildgans wollte, sei hübsch gewesen, doch war es ein Mißverständnis; denn – dies ist das Gesetz – eine zahme Gans wird niemals zur Wildgans, wohl aber kann eine Wildgans zur zahmen Gans werden.

Sollte deshalb auf irgendeine Art lobenswert sein, was die Wildgans tat, dann muß sie vor allem unbedingt auf eines achten: daß sie sich selbst hütet; sobald sie merkt, daß die zahmen Gänse auf irgendeine Weise Macht über sie bekommen – dann fort, fort mit dem Zug.

Das gilt für das Genie. Das Gesetz ist: Eine zahme Gans wird niemals zur Wildgans, hingegen kann wohl eine Wildgans zur zahmen Gans werden – deshalb hüte dich!

Christlich ist es nicht ebenso. Gewiß ist der wahre Christ, über den der Geist herrscht, vom gewöhnlichen Menschen verschieden wie die Wildgans von den zahmen Gänsen. Aber das Christentum lehrt ja gerade, wozu ein Mensch im Leben werden kann. Hier ist also Hoffnung, daß eine zahme Gans zu einer Wildgans werden kann. Deshalb bleibe bei ihnen, diesen zahmen Gänsen, bleibe bei ihnen, nur mit dem einen beschäftigt, sie für die Verwandlung gewinnen zu wollen – aber um Gottes im Himmel willen achte auf eines: Sobald du merkst, daß die zahmen Gänse anfangen, Macht über dich zu bekommen, dann fort, auf und davon mit dem Zug, auf daß es nicht damit ende, daß du wie eine zahme Gans wirst, glücklich gemacht in der Jämmerlichkeit.

Quelle: Sören Kierkegaard, Tagebücher, 5. Band, übersetzt von Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1974, S. 212f.

Hier der Text als pdf.

2 Kommentare

  1. Ich denke bei diesen Bildern immer an das wunderschöne Buch Nils Holgersson von Selma Lagerlöf.
    Die Faszination dieser Geschichte hat mich auch heute, im Alter, nicht verlassen.

    Liebe Grüße,
    Werner

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