Hans Joachim Iwand über Predigtmeditation und Textpredigt 1949: „Der Text ist gerade in seiner Inhaltlichkeit, in seiner Wörtlichkeit, die ständige Erinnerung und die göttliche Verheißung, dass hier wirklich die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Toten auferstehen könnten.“

Vorwort zu den Predigtmeditationen für das Kirchenjahr 1949/50

Von Hans Joachim Iwand

Vor einem Jahr erwies es sich als notwendig und geboten, unsere Meditationen innerhalb der neu und endlich erschienenen Pastoraltheologie herauszugeben. Denn sie waren ja ursprüng­lich aus dieser hervorgegangen und so ziemte es sich, daß sie nun der älteren Schwester bei ihrem Neuanfang für eine Strecke das Geleit gaben. Dank der Großzügigkeit des Verlages konnte eine Sonderausgabe in der alten Form erhalten werden, die für die Leser in der Ostzo­ne bestimmt war, denen die Pastoraltheologie nicht geliefert werden kann. Um diese Sonder­ausgabe zu erhalten erwies es sich als notwendig, auch innerhalb der Pastoraltheologie die Meditationen jeweils für sich als geschlossenes Heft herauszugeben, das auch gesondert pagi­niert werden wird, ohne daß indes der innere Zusammenhang und das Zusammenarbeiten bei­der aufgegeben wird. Es handelt sich bei der Trennung um ein rein technisches Verfahren, das beiden Teilen zugute kommen soll. Die Pastoraltheologie braucht und bekommt auf diese Wei­se in ihren Heften mehr Raum für die heute so dringlichen Themen praktisch-theologi­scher Arbeit und Besinnung, wir unsererseits können unsere Meditationen wieder in der alten Form entfalten, können sie in Vierteljahrsheften erscheinen lassen und eine wichtige Textbe­handlung kann auch einmal über den üblichen Umfang hinaus ausgedehnt werden.

Andererseits wird die Pastoraltheologie den Dienst übernehmen die für den jeweiligen Sonn­tag und die ihm zukommende Perikope angemessene liturgiegeschichtliche Erläuterung zu geben. Es war bisher ein empfindlicher Mangel, daß der Zusammenhang der einzelnen Peri­kope mit dem Kirchenjahr kaum besprochen wurde. Superintendent Gerhard Kunze will nun in der Pastoraltheologie parallel zu unserer Arbeit die Lücke schließen. Wir sind dankbar, daß ein so gründlicher Kenner des Materials diese Arbeit übernommen hat. Eine wissenschaftlich fundierte Behandlung dieser Fragen erschien uns um so notwendiger, als sich willkürliche und ad hoc erfundene Thesen an die Stelle wahrer Kenntnis eingeschlichen haben und Bestrebun­gen aufgekommen sind, die dem „Rhythmus“ des Kirchenjahres eine Bedeutung verleihen möchten, der dem Charakter des evangelischen Gottesdienstes zuwiderläuft.

Wir haben bei einer gemeinsamen Beratung, zu welcher wenigstens einige unserer ständigen Mitarbeiter anwesend waren, gemeint, für das kommende Jahr auf die „klassische“ Reihe der alten Evangelien zurückgreifen zu dürfen. Nachdem wir einige Jahre dankbar neue, oder we­nigstens modifizierte Perikopenreihen mit zum Teil unbekannten Texten behandelt haben, wollen wir nun wieder den erhabensten, aber auch vielseitigsten Stoff vornehmen: die alten Evangelien. Wir hatten ursprünglich den Plan, diese Reihe besonders eingehend zu bearbei­ten, in der Weise, daß die Geschichte der Predigt zu jeder einzelnen Perikope eine besonders gründliche Untersuchung erfahren sollte. Wir haben dann einsehen müssen, daß wir noch nicht daran denken können, ein so hoch gestecktes Ziel, eine Geschichte der Predigt an Hand der Evangelien des Kirchenjahres zu geben, verwirklichen zu können. Leider sind die Zeiten, in denen wir stehen, einer solchen Absicht, die viel Muße erfordert, nicht gerade günstig. So werden wir uns damit bescheiden müssen, diesmal nur gewisse Vorarbeiten für dieses Ziel zu schaffen, indem wir stärker als bisher die Predigt der Kirche bei der ,,Auslegung“ des Textes heranziehen. Es ist ja grundsätzlich zu fragen, woher wir das Recht nehmen, als Auslegung unserer Texte nur die wissenschaftliche Exegese unserer Zeit anzusehen. Beides, die sich in der Gegenwart vollziehende, zeitgenössische Auslegung der neutestamentlichen Wissenschaft und die in der Predigt der Kirche Ereignis gewordene, diese Kirche selbst bestimmende, viel­leicht auch spaltende, vielleicht in Entscheidungen hineintreibende Auslegung in ihrer Ver­kündigung und Lehre, steht in einem sachlichen Zusammenhang miteinander, wie ja schließ­lich die Texte selbst ursprünglich als Predigt, als Verkündigung des einen Evangeliums, der Botschaft von Jesus Christus, erzählt und niedergeschrieben sind. Sie sind ursprünglich Ver­kündigung – und sie wollen immer wieder Verkündigung werden!

Das von Karl Barth seinerzeit geltend gemachte: „Es predigt“ gilt hier in eminentem Maße. „Es predigt“ wirklich in diesen Texten, noch bevor wir den Mund aufgemacht, noch bevor wir sie je vernommen haben. Die Meditation, die wir bieten, macht den Versuch, von dem Stand­ort aus, der der unsrige ist, hinzuhören auf dieses ,,es predigt«, die Quelle zu finden, die auch für uns, wie für die vorangegangenen Generationen, unerschöpflich fließt. Jede gute Medita­tion muß von der Voraussetzung ausgehen, daß, wenn es gelingt zu hören, was hier zu hören ist, alle anderen Sorgen und Fragen in dem einen, was not tut, aufgehoben sein könnten, daß jeder, der mit dem Amte dieses Hörens und Sagens betraut ist, dieser ungeheuren Möglichkeit ganz nahe ist (und darum wir alle die Ferne dazu als besonders bitter und als unsere tiefe Schuld empfinden). Am Evangelium, am Text als solchem, liegt es wahrlich nicht, wenn das Wort des Lebens nicht laut wird, wenn uns Glaube und Friede fehlt. An ihm liegt es wahrlich nicht, wenn unsere Gottesdienste nicht zur Stätte werden, da die Mühseligen und Beladenen erquickt werden. Der Text ist gerade in seiner Inhaltlichkeit, in seiner Wörtlichkeit, die stän­dige Erinnerung und die göttliche Verheißung, daß hier wirklich die Blinden sehen, die Lah­men gehen, die Toten auferstehen könnten. Wo das nicht geschieht, ist es das Anormale, das dem Worte Gottes gerade nicht Angemessene. Und die Schuld liegt wohl meist darin, daß wir nicht bedürftig genug, nicht leer, arm, blind, lahm und gottfern genug an den Text herankom­men, daß wir schon immer etwas, unter Umständen sogar unser dogmatisches-orthodoxes, unser konfessionell ,,gegebenes“ Verständnis mitbringen, daß wir nicht wahr haben wollen, daß das Leben, die Wahrheit, das Licht eben nicht in dem Menschen liegt, der sich dem Wort naht, sondern im Wort, das dem Menschen ,,nahe ist“. Meditieren heißt, daß wir im Wort die Wahrheit suchen und nicht in uns, daß wir glauben, daß der, der die Wahrheit ist, uns hier sucht und finden möchte – vielmehr, daß er uns bereits gefunden hat und wir uns darum ganz loslassen, ganz dieser Wahrheit überlassen dürfen. ,,Denn welches Wort ist deinem Worte gleich, unserem Herrn, das in sich bleibt, nie altert, und doch ewig alles Sein erneuert.“[1] Meditieren heißt weiter, im Text das Evangelium suchen, im Geschriebenen die viva vox, im Buchstaben den Geist vernehmen, nicht das, was wir schon wissen, sondern immer wieder das neue, so noch nie gesehene, so noch nie vernommene Evangelium. Denn mit der Tiefe unserer Anfechtung wächst auch die Erkenntnis von der Größe der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Meditieren heißt darum: nicht zufrieden sein mit dem, was wir schon wissen und kennen, son­dern nach neuen und unbekannten Tiefen, vielleicht aber auch nach einfacheren, einfältigeren Erkenntnissen verlangen. So hat die Kirche in ihrer Verkündigung immer wieder das Wort neu gefunden, neu gehört, neu bezeugt – es wäre furchtbar, wenn an Stelle dieses ,,lebendi­gen Wortes“ sogenannte „ewige Wahrheiten“ träten, die still und regungslos, kalt und herzlos über dem Chaos schweben, und wenn unser Geschäft nur dies wäre, dieses Amt des unbarmher­zi­gen Gerichtes zu vollziehen, wenn unsere Verkündigung solcher „ewigen Wahrheiten“ nur die Klage rechtfertigte: „,Ihr wandelt droben im Licht – doch uns ist gegeben auf keiner Stätte zu ruh’n!“ Der Unterschied zwischen dem ,,Ihr droben“ und dem ,,doch uns“ muß und wird fal­len, wo immer Gottes Offenbarung in Jesus Christus gegenwärtig wird. Darum, daß dieser Unterschied – aus dem die Verzweiflung redet – aufgehoben werde, geht es in jeder Predigt und als Anleitung zu dieser ,,Anstrengung“, bei der man sich wohl die Hüfte verrenken kann, in jeder Meditation. Es geht uns darum, daß nicht an uns wahr werde, was als Signatur der Gerichtszeit prophezeit ist: „daß sie hin und her, von einem Meer zum anderen, von Mitter­nacht gegen Morgen umlaufen und des Herren Wort suchen und doch nicht finden.“ Es könnte sein, daß gepredigt wird – und daß doch das Wort nicht auf dem Plan ist, das eine, ewige, ret­tende Wort, um deswillen allein gepredigt wird, um deswillen Kirche und Amt, Theologie und Schrift da sind, um deswillen Jesus selbst Mensch wurde! Es könnte sein, daß Gottes Geist dann wieder, wie ,,am Anfang“, über dem Tohuwabohu schwebte, in dem wir unser hilf- und hoffnungsloses Dasein haben. Es könnte sein, daß Gott schweigt und unser Reden und Beten ins Leere geht, es könnte sein, daß ihm unser Auslegen und Reden nicht gefällt, weil er Sein Wort, das Wort, dessen Subjekt Er ist, nicht wiederfindet in dem, was wir sagen, weil unter unseren Händen Sein Wort aufgehört hat, Sein Wort zu sein. Das ist die tiefste Not und ei­gentliche Sorge, die uns bewegt. Darum kön­nen wir nicht aufhören in unserem Bemühen um die rechte Predigt, ob wir vielleicht vor Gott Gnade finden, ob er vielleicht sein Schweigen bräche, ob es vielleicht noch einmal heißen könnte: von uns, von diesen armen, leidenden, zerquälten, in ihrer Blindheit neuen Katastro­phen entgegentreibenden Menschen: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein helles Licht.“ Das möchten unsere Meditationen sein, nichts anderes als ein Ausschauhalten nach diesem Licht, ein Rufen und Fragen, ob die Nacht schier hin ist, ein Postenbeziehen an der einzigen Stelle, wo wirklich Hilfe kommt, wo das Herz fest wird und ein neuer, gewisser Geist unser wartet. Ein Anklopfen möchten sie sein, und ein Ein­laß begehren an der Tür, die ins ewige Leben führt. Wir wissen, daß wir mit dieser unserer Ar­beit nicht allein stehen, daß Meditationen vielerlei Art heute dem Prediger zur Verfügung ste­hen. Wir rechnen das zu den hoffnungsvollsten Zeichen unserer Zeit, weil sich hieran zeigt, daß die Bemühung um die Pre­digt zu einer Sache vieler geworden ist, daß auch die Nicht-Theologen hier mitwirken, daß die ganze Gemeinde zu begreifen anfängt, wieviel an der rech­ten Verkündigung hängt. In diesem Hungern und Dürsten nach der ,,Predigt von morgen“, in diesem adventlichen Ausschauhalten nach dem, der kommt, „ein Helfer wert“, möchten wir im neuen Kirchenjahr unseren Beitrag zu den alten Evangelien liefern. Gott gebe, daß er mehr sei als das, was unserem menschli­chen Vermögen entspricht.

Göttingen, im Oktober 1949

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 194-197.


[1] Augustin, Confessiones IX 10: Et quid simile Verbo tuo, Domino nostra, in se permanenti sine vetustate, atque innovanti omnia?

Hier der Text als pdf.

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