Karl Barths Vortrag „Die Theologie und die Mission in der Gegenwart“ von 1932: „Mission könnte bekanntlich auch ein Instrument reli­giöser oder zivilisatorischer Propaganda oder gar wirtschaftlich-politischer Machtwünsche sein.“

Die Theologie und die Mission in der Gegenwart (1932)

Von Karl Barth

Wenn ich die heute an mich gestellte Anforderung recht verstehe, so besteht sie darin, eine Antwort zu versuchen auf die Frage, was die Arbeit der christlichen Mission in der Gegenwart von der Arbeit der Theologie erwarten und nicht erwarten darf. Dass die Männer der Mission einen Mann der Theologie einladen, in ihrer Mitte das Wort zu ergreifen, das weist schon an sich darauf hin, dass die Mission der Theologie mit Erwartungen gegenübersteht; und der Titel des angekündigten zweiten Vortrags sagt ja noch deutlicher, dass man der Theologie hier geradezu «Aufgaben» zu stellen gedenkt. Warum sollte die Mission der Theologie nicht Auf­gaben zu stellen haben? Aber es wird doch, bevor darüber gesprochen wird, schon um allfäl­lige Enttäuschungen zu vermeiden, eine Überlegung darüber am Platze sein, welcherlei Auf­gaben eine ihres Wesens und ihrer Verantwortung bewusste Theologie sich von der Mission stellen lassen kann, welche möglichen Erwartungen hier allenfalls in Betracht kommen. Die­ser Überlegung möchte ich – wie es sich gehört als Prolegomenon zu dem, was wir nachher hören werden – mit dem, was ich hier sagen darf, zu dienen versuchen.

Es wird der Klärung unserer Frage dienen, wenn wir mit einigen Begriffs- und Verhältnis­bestimmungen den Anfang machen.

Was ist Mission? Ein Handeln der Kirche will sie sicher sein, auch wenn das organisatorisch nur indirekt zum Ausdruck kommen sollte. Ein Handeln der Kirche, will sagen: eine bestimm­te Gestalt des Bekenntnisses zu Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus, eine bestimmte Gestalt desjenigen menschlichen Handelns, das sich selbst als Gehorsam gegen den Aufruf Jesu Christi als des Herrn verstehen möchte, ein Versuch, seinen Willen zu tun, das heißt, seine Botschaft auszurichten, die Botschaft von ihm als dem Herrn, das heißt von dem Schöp­fer, Versöhner und Erlöser des Menschen. Dies, dass Jesus Christus in Wahrheit und Wirk­lichkeit dieser Herr ist, ist der Inhalt des Wortes Gottes, das heißt des Wortes, das |101| Gott zum Menschen spricht und dem die Kirche mit ihrem Handeln dienen möchte. Eben das möchte in der Kirche und mit der Kirche auch die Mission. Die bestimmte Gestalt, in der gerade die Mission dem Worte Gottes dienen möchte, besteht aber darin, dass sie sich bei der Ausrichtung der Botschaft von Jesus Christus an diejenigen Menschen wendet, die sich selber noch nicht in der Kirche befinden, das heißt, die sich noch nicht zu Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus bekennen, die seine Stimme jedenfalls insofern noch nicht gehört haben und die ihm jedenfalls insofern noch nicht gehören, als ihre freilich auch ohne das feststehende Hörigkeit ihm gegenüber noch nicht durch den auch an ihnen geschehenen Botschafterdienst der Kirche, noch nicht durch ihre eigene Erkenntnis und noch nicht durch das den auch auf sie gerichteten Willen des Herrn bestätigende Zeichen der Taufe sichtbar geworden ist. Die unter diesem «Noch nicht!» stehenden Menschen sind die Heiden. Die Mission ist, sie möchte sein: die Kirche, die sich an die Heiden und insofern nach außen wendet. Dieses Außen ist freilich auch drinnen. Es ist ja gesorgt dafür, dass der Heide auch in der Kirche, also die Botschaft gehört, die Buße getan, die Taufe empfangen habend, weiterlebt. Insofern ist und bleibt die Kirche selbst Heidenkirche, Sünder- und Zöllnerkirche. Insofern ist alles Handeln der Kirche Mission, auch wo es nicht ausdrücklich so heißt. Insofern ist das, was ausdrücklich Mission heißt, nur eine Verlängerung dessen, was die Kirche mit der Ausrichtung der Botschaft von Jesus Christus an ihren eigenen, in Bezug auf Botschaft, Buße und Taufe immer wieder in das «Noch nicht!» zurückgeworfenen Gliedern tun möchte. Aber eben, diese Verlängerung ist das Auszeichnende des missionarischen Handelns der Kirche. In der Mission wagt die Kirche das­selbe, was sie sonst in Form von Wiederholungen wagt – wahrlich in Form von Wiederholun­gen von Grund aus, wenn sie sich selbst recht versteht! – nunmehr in Form von Anfängen. Wir könnten sagen: wie radikal die Wiederholung ist, die die Kirche den Menschen als ihren eigenen Gliedern gegenüber wagt, die sie ihnen zumutet, das macht sie sich klar, indem sie gleichzeitig auch Anfänge mit Menschen wagt, die noch gar nicht ihre Glieder sind. Die Kirche der Heiden drinnen, der Heidenchristen, der Heiden, die schon gehört, schon Buße getan, schon die Taufe empfangen haben und doch in dem Allem immer noch und immer wieder Heiden sind, der göttlichen Wiederholung bedürftig und also auch bedürftig der Wie­derholung des Dienstes der Kirche, der erneuten Predigt, der wiederholten Buße, der Bestäti­gung der |102| empfangenen Taufe – diese Kirche greift in der Mission darin über sich selbst hinaus und bestätigt sich doch eben gerade darin als Heidenkirche, dass sie mit demselben Dienst, den sie an ihren Gliedern tun möchte, auch und gerade an die sich wendet, für die jenes «Noch nicht!» nicht nur das Fehlen der nötigen Wiederholung, sondern schon das Feh­len des nötigen Anfangs bedeutet. Indem die Kirche diese Solidarität der Heiden drinnen mit den Heiden draußen, diese Solidarität der Welt, der Kreatur, des Volkes in der Kirche mit aller Welt, mit aller Kreatur, mit allen Völkern nicht nur bekundet, sondern betätigt, möchte sie ernst machen mit ihrem Bekenntnis zu dem Herrn, der der Herr ist und dem auch der Mensch hörig ist jenseits alles menschlichen «Noch nicht!» und vor allem Dienst, den sie, die Kirche, bei der Proklamierung und sichtbaren Anerkennung seiner Herrschaft und der Hörig­keit des Menschen vielleicht leisten kann. Die Betätigung dieser menschlichen Solidarität im Sinne des Bekenntnisses zu der Herrschaft, zu der Gottheit Jesu Christi ist das spezifisch mis­sionarische Handeln der Kirche.

Was aber ist Theologie? Sicher will auch sie ein Handeln der Kirche sein, eine Gestalt des Bekenntnisses zu Jesus Christus, ein Versuch, durch Ausrichtung der Botschaft von ihm sei­nen Willen zu tun. Aber gerade das Letztere gilt von ihr in einem andern Sinn als von der Mission. Theologie unterscheidet sich von der Mission, aber auch von der sonstigen nicht im engeren Sinn missionarischen Verkündigung der Kirche dadurch, dass sie nicht sowohl selber Ausrichtung der Botschaft als vielmehr Besinnung über dieses Tun, Besinnung auf die Rich­tigkeit dieser Ausrichtung sein möchte. Theologie ist freilich nicht der Luxus einer von der Verkündigung der Kirche unabhängigen intellektuellen Anschauung Gottes, einer Gnosis der Offenbarung. Theologie ist aber auch nicht selber Verkündigung, etwa philosophisch oder historisch geläuterte Verkündigung, etwa Verkündigung für die Gebildeten oder dergleichen. In diesem wie in jenem Fall wäre sie eine Dublette, deren Existenz letztlich, das heißt in Ver­antwortung gegenüber dem Sinn und Grund der Kirche, nicht zu rechtfertigen wäre und die an ihrer Überflüssigkeit zugrunde gehen müsste. Die Aufgabe der Theologie ist entstanden und entsteht an der völligen Unzulänglichkeit der nun einmal in menschliche Hände gelegten kirchlichen Verkündigung. Theologie ist ein Korrektiv. In der Theologie macht die Kirche sich selbst den wahrhaftig nötigen Einwand, ob sie denn die Botschaft von Jesus Christus recht auszurichten in der Lage sei, und stellt sie sich selbst |103| die wahrhaftig nötige Frage nach dem richtigen Gehalt dieses ihres Handelns. Die Aufgabe der Theologie ist entstanden und entsteht an der zu keiner Zeit und in keinem Stand der Kirche ausgeschlossenen Möglich­keit der innerkirchlichen Häresie. Ihr gegenüber auf reine Lehre zu dringen, nach den Ur­sprüngen, nach der «katholischen Wahrheit» zu fragen, nicht an Hand irgendeines selbst gewählten Maßstabes, sondern an Hand des immer neu zu entdeckenden und zu verstehenden Maßstabes der die Kirche begründenden Offenbarung, wie sie uns in ihrer prophetisch-apo­stolischen Bezeugung entgegentritt, das ist die theologische Forschungsaufgabe und die theo­logische Unterrichtsaufgabe. Weil die Kirche sich der Erkenntnis nicht entziehen kann, dass sie gerade hinsichtlich ihres eigenen und eigentlichsten Handelns der täglichen Buße, der Umkehr zu den Quellen, der Reinigung bedarf, weil auch die Heiligkeit ihrer Verkündigung die Heiligkeit einer Sünderkirche ist, deren Existenz eine Frage und eine Aufgabe bedeutet, darum bringt sie eine Theologie hervor, darum braucht sie theologische Forscher und Lehrer, darum will sie, dass ihre Prediger nicht nur wohlgesinnte und willenskräftige religiöse Persön­lichkeiten, sondern unter allen Umständen auch Theologen seien. Theologie muss sein, weil die Kirche sich in ihrem Handeln mit dem Handeln ihres Herrn nicht identifizieren kann, sondern ihr Handeln durch das Handeln ihres Herrn richten und nach ihm ausrichten lassen muss. Nicht als ob die Theologie dieses Richten und Ausrichten selber schaffen könnte. Sie kann ihm nur dienen, wie auch die beste Predigt dem Lauf des Wortes Gottes nur dienen wol­len kann. Aber wie das Wort Gottes den menschlichen Dienst der Predigt fordert, so auch den andern menschlichen Dienst, den Dienst der Selbstkritik und Selbstkorrektur jenes ersten Dienstes, das dem Predigtamt zugeordnete theologische Lehramt, den Versuch, im Blick auf die Predigt nach der immer wieder verlierbaren und verlorenen Analogie des Glaubens immer aufs Neue zu fragen. Dieser besondere Versuch kirchlichen Gehorsams ist die Theologie. Weil die Kirche keine Predigt will ohne den gleichzeitigen Versuch dieses Gehorsams, darum will sie, dass ihre Prediger unter allen Umständen auch Theologen seien.

Eine entscheidende Linie herüber und hinüber zwischen Mission und Theologie wird sich sofort ziehen lassen: Mission und Theologie haben jedenfalls dies gemeinsam, dass sie beide Versuche kirchlichen Gehorsams sind. Will sagen: die Arbeit an diesen beiden Aufgaben, die missionarische und die theologische Arbeit, bedeuten, wenn auch in ganz verschiedenem |104| Sinn und an ganz verschiedener Stelle, dies und streng genommen nur dies, dass die Kirche den Befehl ihres Herrn vollstrecken möchte. Beide sind freilich wie alle menschlichen Werke auch Werke menschlicher Motivation, Methode und Zielsetzung. Aber quer hindurch durch alle menschlichen Motivationen, Methoden und Zielsetzungen möchten beide Werke des Glaubens und streng genommen nur des Glaubens sein. Die Mission als Ausrichtung der Botschaft von Jesus Christus nun auch an die Heiden draußen und die Theologie als Besin­nung auf die Richtigkeit der Ausrichtung der Botschaft drinnen und draußen setzen voraus die Kirche als Stätte, an der sich Gott so offenbart, zu menschlichem Erkennen und Tun sich so bekennt, dass in seinem Namen und Dienst und damit unter seinem Segen und in seiner Kraft gehandelt, gearbeitet werden muss und kann. Daraufhin, auf diese Voraussetzung hin und streng genommen nur auf diese Voraussetzung hin wird Mission und Theologie gewagt. Alles, was hier unvermeidlich mitläuft an anderen Voraussetzungen, soll hier dieser Voraus­setzung untergeordnet sein, soll hier in keinem Sinn eigenen letzten Ernst haben dürfen. Inso­fern sind sie beide wehrlose, ungesicherte Unternehmungen. Man kann die Mission ebenso­wenig von einer allgemeinen Ethik wie die Theologie von einem allgemeinen Wissenschafts­begriff her begründen. Sie sind innerhalb der Grenzen der Humanität beide mit den Funk­tio­nen der Gesandtschaft eines fremden Staates zu vergleichen. Als durch und durch menschli­che Werke möchten sie doch ganz und gar Werke des Glaubens sein. Sie sind Versuche kirch­lichen Gehorsams. Wir haben aber im Blick auf beide Anlass, das Wort «Versuch» stark zu unterstreichen. Einmal darum, weil sich beide nach außen wirklich nicht mehr denn als Ver­suche in dieser Richtung darstellen können. Man kann freilich verlangen, dass man das Wesen der Mission und der Theologie gerechterweise mindestens zunächst nach ihrer eigenen Mei­nung und Erklärung und also nach dieser ihrer eigenen Intention, kirchlicher Gehorsam zu sein, beurteilen müsse. Aber gerade diese ihre eigene Intention lässt sich ja nicht so an den Tag legen, dass sie für jedermann eindeutig sichtbar, dass ein Urteil andersartigen Inhalts über ihr Wesen einfach ausgeschlossen wäre. Mission könnte bekanntlich auch ein Instrument reli­giöser oder zivilisatorischer Propaganda oder gar wirtschaftlich-politischer Machtwünsche sein und Theologie eine Spielart, vielleicht sogar eine besonders gefährliche Spielart eigen­mächtiger Spekulation und intellektueller Selbstsicherung und Selbstüberhebung. Welche Mission |105| und welche Theologie könnten sich rühmen, mit ihrem Tun nicht in diesem Zwielicht zu stehen? Welche Mission und welche Theologie vermöchte es, sich auch nur den Aspekt zu geben, der sie gegen diesen oder jenen Verdacht solcher Art einigermaßen schützen würde? Wo ihre wahre Intention sichtbar wird, wo sie also als Werke des Glaubens kenntlich werden, da ist es sicher nicht ihr Verdienst, da geschieht es gegen den Schein, den sie sich selbst geben und zu geben vermögen, da hat etwas Anderes als sie selbst, etwas Höheres als ihre menschliche Werkgestalt für sie und durch sie gesprochen. Ihre menschliche Werkgestalt als solche wird gewiss nicht mehr als eben ein Versuch kirchlichen Gehorsams sein und zu sein beanspruchen können. Für solche Bescheidung spricht aber bestätigend auch ein innerer Grund: wenn Mission und Theologie nach ihrer eigenen Meinung und Erklärung Werke des Glaubens sein möchten, so sagen sie ja eben damit, dass sie die Rechtfertigung ihrer Existenz nicht in sich selber zu tragen meinen, sondern aus der freien und freibleibenden Gnade Gottes zu empfangen hoffen. Wie die Kirche überhaupt nie und nirgends darin als wirkliche Kirche existiert, dass fromme, aufrichtige und eifrige Menschen eine Kirche haben und Kirche sein wollen, sondern immer und überall darin, dass Gott in seiner freien Allmacht und Barmher­zigkeit Kirche haben will, so ist es auch nicht Sache menschlichen Gutmeinens und Gutma­chens, sondern Sache göttlicher Absicht und Bestätigung, wenn Mission und Theologie sind, was sie sein möchten. Sind sie, was sie sein möchten: Werke des Glaubens, dann sind sie es auf dem Felsengrunde der Erwählung Gottes, der sein Wort spricht zu seiner Zeit und dessen Geist weht, wo er will [vgl. Joh. 3,8]. Was sie in und durch sich selbst sind, das wird auch die beste Mission, auch die beste Theologie nicht bewahren vor der Möglichkeit, dass sie in Wahrheit, von Gott verlassen, auch das ganz Andere sein könnten, was sie gerade nicht sein möchten. Gerechtfertigte Werke des Glaubens sind sie, sofern sie durch Gottes freie und frei­bleibende Gnade über diesem Abgrund gehalten sind und nicht sofern sie sich selbst daselbst halten möchten und könnten. Die Ehre ihres Gelingens wird immer eine fremde Ehre, nämlich die Ehre Gottes sein. Und ihre eigene Ehre, die Ehre dessen, was der Mensch in der Mission oder in der Theologie leisten kann, wird gerade nach deren gründlichstem Selbstverständnis nur die anspruchslose Ehre eines Versuchs sein können. In dieser Bescheidung werden Mission und Theologie auf alle Fälle beieinander sein müssen. |106|

Eben in dieser Gemeinsamkeit können und sollen sie sich nun aber auch je der Besonderheit bewusst sein, in der sie beide kirchlicher Gehorsam sein möchten. Steht es fest, dass Mission und Theologie Werke des Glaubens sein möchten, und steht es gerade darum fest, dass das Gelingen in beiden Gnade, das menschliche Wollen aber wiederum in beiden einen Versuch bedeutet, dann entsteht Raum für die notwendige Verschiedenheit dieser Versuche. Das ist es ja, was das Leben der Kirche und das Leben in der Kirche überhaupt möglich macht: dass sie sich in allen ihren Gliedern und Funktionen in Demut als der irdische Leib ihres himmlischen Herrn erkennt. Aus dieser Demut folgt die kirchliche Sachlichkeit. Mission und Theologie bekommen Raum nebeneinander, je einen eigenen Raum, wenn sich beide ihrer Grenze zu­nächst in der allein genugsamen göttlichen Rechtfertigung bewusst werden. Und innerhalb dieser sie gemeinsam umschließenden Grenze kann und muss es dann auch Grenzen ihrer beiderseitigen Aufgaben geben.

Reden wir zunächst von gewissen Grenzziehungen, die dann unmöglich werden. Es wird dann unmöglich, die Mission (etwa noch mit der sogenannten innern Mission und den entsprechen­den Funktionen der offiziellen Kirche zusammen) auf der einen und die Theologie auf der andern Seite einander so gegenüber zu stellen: es vertrete die erste die christliche Liebe, die zweite den christlichen Glauben, oder: die erste das Werk, die zweite das Wort, oder: die erste das Leben, die zweite das Denken, oder: die erste das Eilen, die zweite das Warten, oder gar: die erste die kirchliche Front, die zweite aber die mehr oder weniger treulich um Proviant und Munition besorgte Etappe. Diese gutgemeinten Unterscheidungen sind darum fatal, weil sie offen oder versteckt Wertschätzungen, Überlegenheitsansprüche enthalten, Andeutungen: dass eben doch hier und nicht dort oder doch hier mehr als dort das Eigentliche, Wesentliche, Ent­scheidende geschehe, was in der Kirche geschehen sollte, wobei man ja bis ins Unendliche darüber streiten kann, ob man das vom Glauben oder von der Liebe, von der «Front» oder von der «Etappe» sagen will. Eben diese Wertschätzungen werden unmöglich, wenn es wirklich feststeht, dass das Geschehen des Eigentlichen, Wesentlichen und Entscheidenden, das in der Kirche geschehen sollte, weder durch missionarische, noch durch theologische, noch durch irgendeine andere menschliche Arbeit geschieht, sondern durch das barmherzige Wohlgefal­len dessen, der diese und jene Arbeit für seinen Dienst fordert und als ihm erwiesenen |107| Dienst, als wirklichen Gehorsam annimmt, wo und wann er gnädig sein will. Steht dies fest, dann werden aus der Diskussion über und zwischen Mission und Theologie vor allem die Unterscheidungen verschwinden müssen, die darauf hinauslaufen, als gäbe es in der Kirche solche besonderen Bezirke, in welchen zwischen dem Wollen und Können des Menschen und dem Reiche Gottes sozusagen größere Durchbruchsmöglichkeiten bestünden als anderswo. Leben ist nicht mehr als Denken, so gewiss Denken nicht mehr als Leben ist – beide Sätze wären Philosophumene, die jedenfalls in der Kirche Jesu Christi keine Geltung haben können. Ist die Kirche als Subjekt der Mission wirklich die Kirche der immer noch und immer wieder höchst unbekehrten Heidenchristen und ist sie als Subjekt der Theologie wirklich die von der Häresie von allen Seiten jeden Augenblick höchst aktuell bedrohte Kirche, dann stehen der Missionar sowohl wie der Theologe auf Posten, und zwar, menschlich geredet, auf verlorenen Posten, nicht aber – weder der Eine noch der Andere – an Orten besonders möglichen und wahrscheinlichen Sieges. Der Durchbruch, das Geschehen dessen, was in der Kirche gesche­hen sollte, wird dann weder von der Mission noch von der Theologie, sondern in schlichter Ausschließlichkeit von dem Herrn der Kirche (und von diesem nur, sofern es sein gnädiger Wille ist) erwartet.

Der wirkliche Unterschied von Mission und Theologie ist ein Unterschied des Dienstes. Von Überlegenheitsansprüchen hin und her kann schon darum keine Rede sein, weil ihre Dienste sich auf zwei ganz verschiedenen Ebenen abspielen, unter sich unmöglich konkurrieren und also auch nicht wertend miteinander verglichen werden können. Sinnvoll kann hier nur eine Frage sein: die Frage, ob und inwiefern sie einander dienen können.

In der Mission handelt es sich wie in der Predigt, Seelsorge und Unterweisung, wie in der innern Mission und den anderen Funktionen, in denen sich die Kirche an ihre eigenen Glieder wendet, um den Dienst der Ausrichtung der christlichen Botschaft. Wobei das Besondere der Mission gegenüber jenen andern Formen kirchlichen Handelns darin liegt, dass die Kirche hier sozusagen reines Subjekt dieses Dienstes ist. Nicht auch Objekt wie dort. In der Mission redet die Kirche nicht wiederum zur Kirche. Kein schon gehörtes Wort, kein schon sich bezeugender Heiliger Geist wird hier bei den Hörern der Botschaft vorausgesetzt. Vorausge­setzt wird, dass sie Gott und den Nächsten hassen und falschen Göttern |108| dienen und dass für sie als solche Menschen Christus gestorben und auferstanden ist. Als Missionsbotschaft ist die christliche Botschaft nicht Wiederholung, sondern Anfang. Sie geht ins Leere, sie ge­schieht auf Hoffnung wider alle Hoffnung [vgl. Röm. 4,18]. Sie kann nur an solche Punkte anknüpfen, die sie selber zuvor setzen muss, nicht an solche, die schon vorher und an sich da wären. Sie kann nicht parlamentierend, sondern nur diktierend verkündigt werden. Sie rechnet nicht mit Entwicklungen eines schon Vorhandenen, sondern mit Schöpfungen aus dem Nichts. Sie verkündigt nicht Kranken die Genesung, sondern Toten die Auferstehung. Gewiss das ist die Art der christlichen Botschaft auch in der Wiederholung, auch wo sie sich an die eigenen Glieder der Kirche wendet. Die Wahrheit und Kraft aller kirchlichen Predigt hängt daran, dass sie immer wieder so gewagt wird. Um wieviel mehr da, wo sie, wie in der Mis­sion, reiner Anfang ist. Eben das, was die Missionspredigt zum Prototyp der kirchlichen Pre­digt überhaupt macht, charakterisiert aber auch die Erstaunlichkeit des Unternehmens, das die Kirche in der Mission wagt. Sie wagt es, an die Möglichkeit eines reinen Anfangs zu glauben und nach diesem Glauben zu handeln. Sie wagt es, den Menschen etwas zu sagen und etwas von ihnen zu verlangen, was diese nach menschlichem Ermessen von sich aus weder je wissen noch je wollen können. Sie wagt es, ihnen mit der einen Hand ihr Heiligstes zu nehmen, ohne ihnen mit der andern einen einleuchtenden Ersatz dafür bieten zu können. Sie wagt es, sie vor eine Entscheidung zu stellen, in der sie nach allem, was man darüber wissen und vermuten kann, versagen müssen. Sie wagt einen Sprung an einer Stelle, wo nach dem Urteil aller Ver­nünftigen nur ein Brückenbau dienlich sein könnte und wo nach dem Urteil aller Einsichtigen auch und gerade ein Brückenbau unmöglich ist. Die Missionsmethoden mögen unter sich sehr verschieden sein; ihre Verschiedenheiten ändern doch nichts daran, dass der Dienst aller Mission in seinem Grund und Kern in diesem Wagnis besteht. Dieses Wagnis ist aber nicht möglich ohne ein bestimmtes, nicht geringes Zutrauen der Kirche zu sich selber. Sie muss es sich zutrauen – sie, die Heidenkirche! – den anderen Heiden da draußen als Botschafterin an Gottes Statt [2.Kor. 5,20], als Künderin des Lichtes in der Finsternis [vgl. Joh. 12,46] entge­genzutreten. Sie muss es sich zutrauen, die Botschaft selbst so gut verstanden und so fest ergriffen zu haben, dass sie weiß, was sie will, und will, was sie weiß, wenn sie nun wirklich der an Frömmigkeit, Geist und Vitalität jeder Art so reichen Welt da draußen mit dieser Botschaft entgegentritt. Sie muss es sich zu-|109|trauen, dass ihr Wille, diesen Kampf auf Leben und Tod zu wagen, ihr sogenannter «Missionswille», kein eigenmächtiger und kein unreiner, sondern ein gehorsamer und lauterer Wille ist. Sie muss es sich zutrauen, in den Sprachen Afrikas und Asiens, die der Mensch sich so wenig zu diesem Zwecke geschaffen hat wie das Hebräische, Griechische oder Deutsche, Worte zu finden oder vielmehr erobernd Worte zu usurpieren, in Anspruch zu nehmen zum Dienste des Wortes Gottes. Sie muss es sich zutrauen, dass sie in der Lage sei, diesen Worten Licht und Nachdruck zu geben durch die Haltung und Führung, durch die Klugheit und Demut, durch den Brudersinn ihrer Boten, die den Anderen schließlich doch auch nur als verkehrte und gebrechliche, von Natur selbst­süchtige Menschen und gar nicht (oder sicher auch auf der verlorensten Insel nicht lange) als Wesen moralisch höherer Art gegenübertreten können. Sie muss es sich zutrauen, es vor Gott und den Menschen verantworten zu können, wenn sie, wie es in der Mission nun einmal geschieht, nicht bloß bleibt, wohin sie Gott gestellt, sondern auch über sich selbst hinausgreift und hinausgeht und auch der draußenstehenden Brüder Hüter sein [vgl. Gen. 4,9] zu wollen sich anschickt. Ohne dieses bestimmte, nicht geringe Zutrauen der Kirche zu sich selber kann das Wagnis der Mission offenbar nicht gewagt werden.

Und nun steht irgendwo neben der Mission als Versuch kirchlichen Gehorsams auch die Theologie, und wir möchten wissen, wie die Theologie der Mission zu dienen vermag, was die Mission von der Theologie zu erwarten und nicht zu erwarten hat.

Zweierlei darf hier gleich vorweggenommen werden:

1. Wenn es wahr ist, dass auch die Theologie nur ein Versuch kirchlichen Gehorsams, ein in der Kirche zu leistender Dienst ist, dann darf die Mission von der Theologie nur Menschen­mögliches erwarten, nicht aber Dinge, die sie angemessenerweise nur von dem Herrn der Kirche erwarten kann und wirklich von ihm erwarten soll. Es ist zum Beispiel zu viel ver­langt, wenn man von der Theologie erwartet, dass sie «der Kirche die Missionstat schenken», das heißt doch wohl, dass sie jenes Zutrauen der Kirche zu sich selbst und damit das Ereignis missionarischen Wagens hervorbringen könne und solle. Verbindet man ernsthafte Vorstel­lungen mit dem Begriff dieses Ereignisses, wie kann man es dann als Hervorbringung und Geschenk einer Theologie verstehen? Man darf aber von der Theologie auch das nicht verlangen, dass sie den Missionsbefehl so erkläre und formuliere, dass das Entstehen eines mächtigen sogenannten «Missions-|110|willens» in der Kirche das greifbare Ergebnis ihrer Arbeit sei. Wiederum: ist dieser sogenannte Missionswille eine ernsthafte Angelegenheit, wie kann man ihn dann als Ergebnis theologischer Arbeit bestimmen und von da her erwarten wollen? Und weiter: die Mission kann von der Theologie nicht erwarten, dass diese ihr irgendwelche Waffen oder Instrumente zur Verfügung zu stellen habe, mit Hilfe derer das Zutrauen zu sich selbst, das die Kirche in der Mission beweisen muss, weniger kühn, das Wagnis der Mission weniger unmöglich werden könnte. Sie kann den Missionar zum Beispiel nicht in den Besitz eines Beweises für die Absolutheit des Christentums setzen. Sie hat ihm nicht einmal so etwas wie ein System der christlichen Wahrheit und Sittlichkeit anzubieten. Sie kann ihn auch nicht im Voraus belehren und insofern beruhigen hinsichtlich des «An­knüpfungspunktes», den das Wort Gottes bei seinen heidnischen Hörern finden werde und müsse. Und sie ist nicht in der Lage, ihm auch nur von ferne die für seinen Dienst so nötige Gewissheit des christlichen Glaubens in irgendeiner Form darreichen und vermitteln zu kön­nen. Sie wird ihm vielmehr sagen müssen, dass er das Alles: den Beweis und das System und den Anknüpfungspunkt und die Gewissheit beileibe nicht bei ihr und überhaupt bei keiner menschlichen Instanz, sondern immer wieder bei Gott suchen soll. Wenn Gott sich vielleicht auch einmal der Theologie bedienen will, um der Mission das zu geben, was nur er selber ihr geben kann und will, so ist das eine Sache für sich. Die Theologie kann es aber nicht darauf absehen, Erwartungen dieser Art zu befriedigen. Sie kann es nicht, weil sie es nicht darf, weil sie sich aus der Stellung des Dienstes nicht verdrängen lassen darf. Befriedigung von Erwar­tungen dieser Art aber wäre nicht Dienst, sondern angemaßte Herrschaft. Wenn der Ton ernst zu nehmen wäre, der in der Missionsliteratur manchmal vernehmlich wird: als ob die Befrie­digung von Erwartungen dieser Art das Kriterium wäre, an dem messend die Mission befugt wäre, über Wert oder Unwert einer Theologie zu urteilen, so dürfte die Rückäußerung erlaubt sein, dass mindestens ein Kriterium, an dem die Theologie sich gemessen weiß, gerade darin besteht, dass sie bei ihrem Sagen und Tun ihre Grenzen wahrt gegenüber dem, was nur Gott sagen und tun kann. Wenn man auf Seiten der Mission bei solchen Erwartungen wirklich ver­harren wollte, so wäre wohl nicht genügend bedacht, dass doch auch die Mission selbst nur Dienst und nicht Herrschaft sein und darum gerade das Entscheidende, dessen sie bedarf: die Missionstat, den Missionswillen, die Missionskraft, immer wieder nur |111| von Gott erbitten, nicht aber, wie solche Erwartungen der Theologie gegenüber zu verraten scheinen, als einen menschlichen Besitz in Anspruch nehmen darf.

2. Wenn es wahr ist, dass es innerhalb der durch die göttliche Rechtfertigung gezogenen Grenze Raum gibt für verschiedenen Dienst, dann darf man auch innerhalb des Menschen­möglichen seitens der Mission nicht ungeduldig darüber werden, wenn die Theologie nun einmal Theologie und nicht selber Mission ist. Theologie als solche kann nicht «in Mission einmünden». Theologische Arbeit hat nun einmal ihr eigenes Gesetz und ihren eigenen Weg. Ist sie ihnen getreu, so wird sie damit implizit und indirekt wie der Kirche überhaupt, so gewiss auch der Mission dienen. Und wenn sie in gewissen Wendungen ungewollt auch direkt missionarische Bedeutung bekommen sollte, so wird das gewiss immer ein Ereignis sein, dessen man sich auf beiden Seiten dankbar freuen kann. Es geht aber nicht an, die Arbeit der Theologie, wie Missionsfreunde es gelegentlich tun, nur daraufhin anzusehen und nur nach dem Gesichtspunkt zu würdigen, wie viel oder wie wenig dabei an direkten Erwähnungen, Bezugnahmen, Bejahungen oder, sagen wir ernsthafter: an direkter Mitarbeit für die Mission herausspringen möchte. Theologische Arbeit will wie jede rechte Wissenschaft um ihrer selbst willen, ohne Rücksicht auf die praktische Tragweite und Brauchbarkeit ihrer Ergebnisse betrieben sein. Gerade ihre wirkliche praktische Bedeutung erschließt sich nur einer gewissen Selbstlosigkeit und Sachlichkeit, die nicht ernten will ohne gesät zu haben. Wer ihr erst von dem Augenblick ab «dankbar» wird, wo er etwas mit ihr anfangen kann, das heißt wo sie ihm Wind in seine eigenen Segel und Wasser auf seine eigenen Mühlen gibt, der sollte ihr lieber nicht danken, denn ihm ist sie sicher nicht, was sie auch ihm sein könnte. Auch den Missionar oder Missionsfreund darf man bitten, das, was er braucht, in der Theologie nicht gleichsam handgreiflich gebrauchsfertig vorfinden zu wollen. Er wird sich schon auf das eigene Gesetz und den eigenen Weg der Theologie, die mit denen der Mission nicht identisch sind, einlassen müssen, um hier ernsthaft und mit Erfolg mitzutun. Wenn in der Kirche wirklich niemand für sich die Sache des Herrn zu führen hat, dann muss es hier verschiedene Räume und einen gewissen gegenseitigen Respekt vor dieser Verschiedenheit geben.

Das Menschenmögliche, das man von der Theologie für die Mission erwarten darf, ergibt sich aus der Eigenart der theologischen Arbeit im |112| Unterschied zu der missionarischen wie zu aller sonstigen kirchlichen Arbeit. Diese Eigenart ist zunächst dadurch bestimmt, dass die Kirche in der Theologie Subjekt und Objekt ist, dass in ihr die Kirche zur Kirche redet. Das gilt freilich auch von dem sonstigen Handeln der sogenannten Heimatkirche. Die Theologie unterscheidet sich aber von der Mission und von diesem sonstigen Handeln der Heimatkirche dadurch, dass sie voraussetzt: der Versuch der Kirche, ihrem Dienst der Verkündigung ge­recht zu werden, ist im Gang, und dass sie sich nun an die in diesem Dienst handelnde Kirche wendet mit der Frage nach der Richtigkeit ihres Handelns. Nicht vom Ort eines fremden Zu­schauers aus und nicht mit einer unverantwortlichen Zuschauerfrage, sondern selbst als kirch­licher Dienst und Gehorsam, selbst als eine notwendige Funktion der Kirche, nun aber als die Funktion der Kirche, in welcher sie ihre Verkündigung prüft auf ihr Recht und ihren Grund, in welcher sie sie misst an dem Ursprung, auf den sie sich beruft, in welcher sie immer wieder zu hören versucht, um recht reden zu können. In der Theologie möchte sich die Kirche immer aufs Neue – und zu jeder Zeit in der gerade ihr angemessenen Verschärfung – sowohl der Notwendigkeit als auch der Unerhörtheit eines Handelns aus dem Glauben bewusst werden, der Notwendigkeit, aber auch der Bedrohlichkeit eines Wagnisses, wie dessen, das ihr befoh­len ist, der Notwendigkeit, aber auch der tiefen Bedenklichkeit des Selbstvertrauens, dessen sie zu diesem Wagnis bedürftig ist. In der Theologie möchte die Kirche der Kritik standhalten – oder vielmehr nicht standhalten, vielmehr der Kritik sich rückhaltlos ausliefern, nochmals: nicht irgendeiner fremden, von außen herangetragenen, sondern der aus ihrem eigensten Sein und Wesen von ihrem Herrn her notwendig hereinbrechenden Kritik ihres Handelns. Nur von daher kritisiert möchte sie handelnd weiterschreiten, Zutrauen zu sich selbst haben und neu fassen, im Zutrauen zu sich selbst wagen, was sie wagen muss. Theologie ist die Aufmerk­samkeit der Kirche auf den Grund und Gegenstand ihrer Verkündigung. Darum ist die Exe­gese der Heiligen Schrift (im weitesten Sinn des Begriffs Exegese verstanden) die eigentliche und zentrale Aufgabe der Theologie. Wenn die Kirche nicht ohne Theologie sein will, so bedeutet dies, dass sie um keinen Preis, treffe es sie, wie es wolle, dieser Aufmerksamkeit entraten will. Braucht erst gesagt zu werden, dass die Kirche wie zu ihrem Handeln überhaupt, so nicht weniger auch zu diesem kritischen Handeln an sich selbst des Glaubens bedarf, des Glaubens, dass es unter allen Umständen und wider allen |113| Schein gut und heilsam ist, sich den Herrn der Kirche von allen Seiten in den Weg treten zu lassen, ihm nach allen Seiten die Ehre zu geben, sei es, dass er ein unerhörtes Tun von den Seinigen verlangt, sei es, dass er ihnen eine unverrückliche Zuversicht zu diesem Tun gibt, sei es denn – und das ist das objek­tiv göttliche Korrelat zu dem Menschenwerk der Theologie – dass er eben dies ihr Tun in seiner Menschlichkeit in das tötende und lebendig machende Gericht seines Wortes nimmt. Wenn der Glaube der Kirche nicht auch zu diesem Letzten und insofern zur Aufgabe der theologischen Kritik als zu einer kirchlichen Aufgabe Ja sagen wollte, so würde er wohl nicht Glaube, sondern Unglaube sein.

Das Menschenmögliche, das von der Theologie her für das übrige kirchliche Handeln und so auch für die Mission zu erwarten ist, wird demnach dies sein, dass die Theologie die Verkün­digung drinnen und draußen mit bestimmten Fragen begleitet, die auf ihr Verhältnis zu ihrem Grund und Gegenstand hinzielen, die sie gegenüber allem noch so drängenden Ob? Wann? und Wie? an das Was? erinnern, um deswillen Verkündigung der Mühe wert ist, die sie auf die enge Pforte [vgl. Mt. 7,13] hinweisen, durch die auch die gewaltigsten und herrlichsten Taten des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] hindurchgehen müssen, um zu sein, was sie sein wollen. Wohlverstanden: die wirkliche und wirksame Kritik des kirchlichen und so auch des missionarischen Handelns vollzieht das Wort und vollzieht der Geist Gottes selber. Sie und nicht die theologische Kritik ist die enge Pforte. Das Menschen­werk der theologischen Kritik kann dieser wirklichen und wirksamen göttlichen Kritik an der Kirche schlechterdings nur dienen wollen. Wir sagen darum nicht etwa, dass die Theologie in der Kirche Urteile zu fällen, sondern wir sagen nur dies, dass sie Fragen zu stellen habe, Frau­gen, die sie nicht apodiktisch beantworten kann, sondern die eben als Fragen ihren menschen­möglichen Dienst tun müssen, auf das apodiktische göttliche Urteil, das der Mensch nicht vor­wegnehmen, sondern immer nur bedenken und erwarten kann, hinzuweisen. Wenn die kirchli­che Verkündigung diese Fragen gehört hat, wenn das, was sie sagt, durch das Feuer dieser Fragen hindurchgegangen ist, dann hat ihr die Theologie den Dienst geleistet, den sie ihr leisten und den man von ihr erwarten konnte.

Versuchen wir es zum Schluss, uns an vier beispielsweise herausgegriffenen und natürlich nur andeutungsweise auszuführenden Punkten aus der Problematik der Mission der Gegenwart klar zu machen, was es etwa |114| heißen könnte, wenn nun speziell die Mission sich von den Fragen der Theologie begleiten lassen wollte.

1. Die Mission hat immer und so auch heute Gewicht darauf gelegt, sich selbst und der ganzen Kirche das sogenannte Missionsmotiv klar zu machen, das heißt sich selbst als eine wesens­notwendige Funktion der Kirche, als eine unentbehrliche Lebensäußerung der Christenheit zu rechtfertigen. Die in der heutigen, jedenfalls in der heutigen deutschen Mission in dieser Hin­sicht im Ganzen maßgebenden Gedanken sind, wenn ich recht sehe, aufs kürzeste zusammen­gefasst etwa diese: Wir sind zur Mission aufgerufen einmal durch die Tatsache, dass wir an unserem Glauben ein Gut, einen Wert, einen Reichtum besitzen, der an sich und als solcher zur Mitteilung drängt, dessen Mitteilung wir denen, die seiner bis jetzt entbehren, als die glücklich Besitzenden einfach schuldig sind. Sodann durch die Tatsache, dass der moderne Weltverkehr, die moderne Weltwirtschaft, die moderne Weltpolitik immer deutlicher eine Situation geschaffen haben, durch die uns jene Anderen, die der christlichen Kirche einst Fernste sein mochten, faktisch räumlich und moralisch zu Nächsten geworden sind, eine Situation, durch die jene Mitteilung aus einer freien Möglichkeit zu einer selbstverständlichen Pflicht der Kirche geworden ist. Endlich und vor allem durch die Tatsache, dass das die Kir­che und die Christenheit konstituierende Evangelium, wie sein Name sagt, in seinem Wesen Botschaft ist, die nicht ruhen, sondern laufen, nicht besessen und genossen, sondern ausge­richtet sein will. – Die theologischen Fragen, die zu dieser Sache und zu diesen Gedanken zu stellen wären, könnten etwa diese sein: Die Mission bedarf in der Tat wie Alles, was die Kirche tut, der Rechtfertigung, das heißt der Angabe ihrer Motive, und als das ausgesprochen Kühnste, was die Kirche tut, als jenes Hinausschreiten der Kirche über sich selbst, gewiss auch ganz besonderer Rechtfertigung. Aber ist sie sich darüber klar, dass auch und gerade sie sich letztlich nicht selbst rechtfertigen, sondern nur darauf hoffen kann, als Akt des Gehor­sams gerechtfertigt zu sein, ohne dass sie auf eine Bürgschaft dieser Hoffnung die Hand legen könnte, wie man auf jene Missionsmotive die Hand legen zu können und manchmal auch zu wollen scheint? Sind nicht alle Motivationen der Mission, die man von jeher angegeben hat, und sind nicht auch die heute angegebenen an sich vortrefflichen Missionsmotive bloße Ver­anschaulichungen eines Motivs, das man nicht angeben und voraussetzen kann, weil es iden­tisch ist mit dem aktuellen Willen und Befehl einer |115| Person, nämlich der göttlichen Per­son, des Herrn der Kirche, einem Willen und Befehl, der sich in kein System von menschli­chen Begriffen, Gesichtspunkten und Gründen, und wären es die der erleuchtetsten Christen, einfangen lässt, der ein freier Wille und Befehl ist, der immer neu, mit dem Mute, immer wie­der von vorn anzufangen, aus der Heiligen Schrift abgelesen, gehört und verstanden sein will, dessen Inhalt, das Vorwärts! Halt! oder Zurück!, das er für uns bedeutet, uns, wenn wir nicht eigenmächtig sein wollen, immer wieder offen und bereit finden muss? Muss es nicht etwa auch dem treuesten Missionar, auch dem überzeugtesten Missionsfreund zu denken geben, dass der Begriff «missio» in der alten Kirche ein Begriff aus der Trinitätslehre, näm­lich die Bezeichnung für die göttlichen Selbstsendungen, die Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes in die Welt gewesen ist? Versteht es sich etwa von selbst, dass wir es anders halten dürfen? Ist der nun einmal nicht zu leugnende Ursprung der modernen Mission bei den Jesuiten und bei den Pietisten, das heißt ihre Geburt aus dem Geiste des katholischen und protestantischen Barockchristentums – auch wenn man aus dieser geschichtsphilosophischen Überlegung die sachlichen Konsequenzen nicht ziehen darf und will, die Paul Schütz hier gezogen hat – nicht doch mindestens eine sehr ernste Warnung? Eine Warnung vor der für jene Zeit so charakteristischen Überschätzung dessen, was der Mensch für göttlich gut meint halten zu dürfen und zu sollen, eine Warnung also auch vor der Überschätzung aller angeb­baren Missionsmotive? Sie könnten an sich, wie trefflich und wahr sie uns immer anschauen, wie unausweichlich sie sich uns aufdrängen mögen, auch Ergebnisse einer Systematik sein, deren Eigenmächtigkeit mit Gehorsam nichts zu tun hätte. Die Möglichkeit, dass der Mensch sich in der Mission etwas nimmt, was ihm nicht zukommt, könnte durch die sämtlichen an­gebbaren Missionsmotive ebensogut erwiesen als widerlegt sein. Dürfte es darum nicht ange­messen sein, sie nicht geltend zu machen, ohne zugleich zuzugeben, dass sie an sich allesamt gefährdet sind, dass sich gegen sie alle, wie einleuchtend und zwingend sie uns auch augen­blicklich erscheinen mögen, doch immer noch Einwendungen erheben lassen? Wäre es zuge­geben, dass dem grundsätzlich so sein muss, wäre eingesehen, dass wir mit keinem Missions­motiv wirklich und letztlich durchkommen, es wäre denn mit dem heute und jetzt ergehenden Befehl des Herrn, auf den man sich nur berufen kann, indem man darum betet, ihn zu empfan­gen, indem man ihn wiederholt und ausführt, wie man ihn gehört hat – wäre |116| es dann nicht möglich, dass die Mission bei Angriffen auf ihre Notwendigkeit und Berechtigung wie einst dem schwergerüsteten Angriff von J. T. Beck oder heute dem etwas leichter geschürzten von P. Schütz mit etwas weniger Nervosität reagieren dürfte, als es da und dort geschehen ist? Einfach darum, weil sie ja dann wüsste, dass sie mit ihren angebbaren und angreifbaren Moti­ven weder steht noch fällt, dass es ihr nur zum Besten dienen kann, wenn ihr deren Gebrech­lichkeit wieder einmal zum Bewusstsein gebracht, wenn sie vielleicht wieder einmal von allen möglichen Selbstrechtfertigungen zurückgeworfen wird auf die Rechtfertigung, die ihr nur widerfahren kann und die gerade als solche ihre wirkliche und wirksame Rechtfertigung sein wird. Die Voraussetzung der Erkenntnis dieser Rechtfertigung ist doch die Erkenntnis, dass jede menschliche Berechtigung der Mission bis in die Wurzel hinein anfechtbar ist. Sollte die Missionsapologetik, deren Sätze durch solche Angriffe getroffen werden können, nicht viel­leicht gerade so viel wirkliche Bedeutung haben, als sie solchen Angriffen keinen allzu ernst­lichen Widerspruch entgegensetzt, als sie die Relativität ihrer eigenen Sätze einsieht und zugibt und als sie die Mission über alle sogenannten Missionsmotive hinaus auf die Grundle­gung verweist, die mit der höchsten Beunruhigung, die sie wie über jedes menschliche Werk so auch über die Mission bringen muss, auch ihre faktische Bewährung bedeutet?

2. Mit der Frage nach dem rechten Missionsmotiv hängt eng zusammen die Frage nach dem rechten Aufruf zur Mission. Die Mission tritt innerhalb der Kirche verständlicherweise vor allem in Erscheinung in Form von Werbung für die Mission. Und diese Werbung vollzieht sich, wenn ich wiederum recht sehe, heute wie in den Anfängen der Mission entscheidend in Form des Missionsberichtes, das heißt der Darlegung der konkreten Notwendigkeit, der Hem­mungen und Förderungen, der Erfolge und Niederlagen der missionarischen Arbeit. Auch das wird so sein müssen. – Aber auch dazu sind einige theologische Fragen zu stellen. Es ist offenbar eine besondere Gnade und gar keine selbstverständliche Möglichkeit, wenn es dazu kommt, dass (wie ich persönlich es etwa von den Büchern von Christian Keyßer sagen würde) wirklich mit dem Bericht von Mission wirklich für die Mission geworben wird. Die wie es scheint von J. P. Lange eingeführte und dann besonders von Martin Kähler fruchtbar gemach­te Unterscheidung von Mission und Propaganda ist heute in zweifellos bedeutsamer Weise in das Bewusstsein jedenfalls der |117| deutschen Mission eingegangen – nämlich hinsichtlich der Zielsetzungen für ihre Arbeit draußen. Man wird aber fragen dürfen: ob sie auch bei der theologisch vielleicht noch schwerer zu bestimmenden Zielsetzung ihrer Heimatarbeit schon in der ihr zukommenden Weise zu ihrem Rechte gekommen ist? Enthält nicht schon der Be­griff des Missionsberichtes eine ganz eigentümliche Schwierigkeit? Werben soll er und zu diesem Zweck Entscheidendes mitteilen. Gerade über das Entscheidende aber, nämlich über die wirkliche Not des Heiden, über die wirkliche Kraft des Evangeliums, über wirkliche Bekehrung, über wirklich erwachendes neues Leben lassen sich doch keine, jedenfalls keine direkten Mitteilungen machen, aus dem einfachen Grund, weil sie doch wahrlich weder drau­ßen noch bei uns Gegenstände von Beobachtung, jedenfalls nicht von direkter Beobachtung sind. Kann sich die Mission wohl genügend der Verantwortung bewusst sein bei der Vorlage ihrer Berichte, gerade darum, weil diese zugleich werben sollen? Ist sie sich klar darüber, dass die Apostelgeschichte mit ihren allerdings höchst direkten Mitteilungen dieser Art nun eben die Apostelgeschichte ist, ein Stück des kanonischen Zeugnisses von Gottes einmaliger und einzigartiger Offenbarung, und auf keinen Fall dazu uns gegeben, um durch die (feineren oder gröberen!) Geschichten von den Taten unserer Missionare wiederholt, fortgesetzt und womög­lich überboten zu werden, wie es ihr in der altkirchlichen und mittelalterlichen Heiligenle­gen­de widerfahren ist? Sollte es der heutigen Mission nicht möglich sein, sich gerade in dieser Hinsicht vom Geist des Barock mit seinem Bedürfnis nach Vorführung gerade noch etwas freier zu machen? Müssten ihre Berichte [nicht], gerade weil sie werben, aber eben für die Mission und also nicht für eine Partei oder für ein Geschäft werben sollen, lieber zu wenig als zu viel sagen wollen, das heißt aber am liebsten, wenn die betreffenden Missionsschriftsteller nicht prophetische Inspiration für sich in Anspruch nehmen, gar nichts in letzten Worten, gar nichts in Form des Versuchs von direkter Mitteilung? Missionsberichte müssen glaubwürdig sein, um werbekräftig, nämlich in dieser Sache, in Sachen der Mission, werbekräftig zu sein. Glaubwürdig aber macht sie – so ist jedenfalls theologisch zu denken – gerade das, was sie, indem sie etwas sagen, nicht sagen – nicht sagen, weil sie auf der Erkenntnis beruhen, dass man es nicht sagen darf und darum auch nicht sagen kann. Es ist wichtig zu betonen: gerade um der Werbekraft des Missionsberichtes willen ist diese Frage zu stellen. Wofür soll er denn werben? Doch für die Mission als Werk des Glaubens! |118| Doch dafür, dass die Gemeinde, die sogenannte Heimatgemeinde, die Gemeinde der Heidenchristen sich selbst erkenne und betätige als das, was sie von Hause aus ist: als Missionsgemeinde! Nicht als Missionsverein oder -gesellschaft, nicht als zur Missionstat eigenmächtig entschlossene, sondern als zur Missionstat berufene Menschenschar. Kann die Werbung dafür mit genug Bedacht betrieben werden? Wird sich die Mission nicht allzu bald und in der verschiedensten Hinsicht mit Recht über eine Heimatgemeinde beschweren müssen, bei deren Werbung sie vielleicht dieses Be­dachtnehmen nicht geübt hat? Kann die gröbere oder feinere Heiligenlegende für etwas Ande­res werben als für eine gröbere oder feinere Werkgerechtigkeit? Und wird Werkgerechtigkeit die Mission auf die Länge wirklich tragen können und wenn ihre Leistungen noch so treu und reichlich wären? Wäre die Mission nicht ein Koloss auf tönernen Füßen [vgl. Dan. 2,31–45], wenn sie, um leben zu können, nach dem Grundsatz: Helfe, was helfen mag! verfahren woll­te? Aber wird dann, wenn sie das nicht will, ihre Botschaft an die Heimat nicht doch, indem sie von dem Werk der Mission berichtet, abbiegen müssen von allen Berichten über mensch­liche Leiden und Taten, Zustände und Aussichten und einbiegen in das an Hand der keiner Ergänzung bedürftigen biblischen Texte stattfindende Berichten von den einmaligen und einzigartigen Taten Gottes? Kann die Missionsgemeinde: die die Mission als ein Werk des Glaubens und nicht der menschlichen Eigenmacht tragende Missionsgemeinde, anders ge­sammelt werden als indem die Gemeinde überhaupt gesammelt wird, das heißt aber in Form jener Wiederholung, also wirklich gar nicht durch Propaganda, sondern auch sie selber durch Mission und nur durch Mission?

3. Die Missionsliteratur der Gegenwart ist bewegt von der Diskussion über die rechte Fassung der Missionsaufgabe. Bedeutet das rechte Hören des Evangeliums entscheidend eine innere seelische Umwandlung des Menschen, besteht also die Missionsaufgabe, die Ausrichtung der Botschaft, entscheidend darin, den Heiden bei diesem inneren Anderswerden, das der Missio­nar schon hinter sich, der Heide aber noch vor sich hat, dienlich zu sein? Oder ist das Wesen des Christwerdens zu suchen in der Annahme einer neuen moralischen Lebensgestalt, um deren Beschaffenheit und Güte der Missionar als Vertreter seiner europäischen Heimatge­meinde weiß, der Heide aber noch nicht weiß, so dass die Aufgabe jenes darin bestünde, die­sen in das Leben in jener Gestalt, will sagen: in die christlich bestimmte Kultur oder Zivilisa­tion über- und einzuführen? |119| Oder wird der ein Christ, der zugleich innerlich und äußer­lich heimfindet zu der Gotteskindschaft, zu der er schöpfungsmäßig durch die Gestalt gerade seines bisherigen Lebens (in dessen Verwurzelung in seinen natürlichen, geschichtlichen und soziologischen Zusammenhängen) bestimmt und unwissend schon auf dem Wege ist und die nun im Hören des Evangeliums, in Christus, sozusagen ihr natürlich vorgesehenes Erwachen, Aktuellwerden und Aufgipfeln erfahren würde, so dass die Missionsaufgabe darin bestünde, den Heiden – wozu der Missionar als Künder des Evangeliums befähigt und verpflichtet wäre – im tiefsten Sinne zu sich selbst und eben damit zu Gott zu rufen? Es ist die alte pietistische, die viel verrufene anglo-amerikanische und endlich die besonders von Bruno Gutmann inau­gurierte und vertretene, sich selbst gern als die genuin lutherisch bezeichnende Fassung der Missionsaufgabe, auf die damit kurz hingewiesen sein soll. – Die theologische Frage wird hier schon bei der gemeinsamen Voraussetzung dieser drei Auffassungen einsetzen müssen. Darf die Mission überhaupt diese oder jene systematische Auffassung von dem, was Christus für den Menschen bedeutet, dem gleichsetzen, was Christus selbst in Wirklichkeit, aber eben in seiner Wirklichkeit für den Menschen bedeuten will? Müsste die Mission nicht in erster und letzter Linie und ohne ihr Pathos an ein solches System zu verschwenden, Christus selbst die­nen? Gewiss, sie wird das nie rein tun, und gewiss, sie wird es auch gar nie rein tun, können. Es gehört gewiss zu der Menschlichkeit wie der Kirche überhaupt, so auch der Mission, dass Christus von uns nie anders als in einer solchen systematischen Auffassung verkündigt wird. Aber muss dieser Notstand nicht als Notstand und also in seiner Relativität erkannt werden? Darf man anders für diesen oder jenen dieser drei Wege eintreten als zum vornherein unter dem Vorbehalt, dass man es nach der eigenen Führung und Einsicht zwar so und so halten muss, dass man aber darüber hinaus mindestens weiß um eine der eigenen überlegene Füh­rung und Einsicht, um die ständige Möglichkeit eines Einspruchs von dorther und um die Notwendigkeit, zum Gehorsam gegen diesen Einspruch und also zum Ungehorsam gegen das eigene System jederzeit bereit zu sein? Wird das Pietistische oder das Zivilisatorische oder also das Völkisch-Urtümliche dann nicht aus einem eigentlichen Prinzip zu einem ehrlich und unvermeidlich, aber untergeordnet Mitlaufenden des missionarischen Handelns werden müs­sen? Und würden dann, wenn man sich über dieses Grundsätzliche verständigen könnte, nicht auch die ernsten |120| Schranken, aber auch die Wahrheitsmomente aller drei Auffassungen in Ruhe und ohne allzu große gegenseitige Rechthaberei erwogen werden können? Was etwa gegen die pietistische Missionsauffassung im Besonderen zu erinnern ist, ist längst am Tage. Was heißt Bekehrung? Als seelisches Erlebnis? Als Erlebnis Einzelner? Als menschlicher Besitz? Was hat man sich unter einem bekehrten Missionar und was unter einem bekehrten Heiden eigentlich vorzustellen? Darf man die Aufgabe der Mission, wenn sie wirklich Aus­richtung der Botschaft vom Reiche Gottes sein soll, so eng auffassen? Aber es wird doch heute, wo diese Fragen auch die pietistisch gerichteten Missionen längst lebhaft genug be­schäftigen, wo es kaum eine ursprünglich pietistische Mission gibt, die nicht mit den andern Richtungen ihre größeren oder kleineren Kompromisse geschlossen hätte, angebracht sein, auch die Gegenfrage zu stellen: Ja, kommt es etwa nicht wirklich immer wieder auch und gerade an entscheidender Stelle auf die Bekehrung des Einzelnen an? Ist die Aufgabe nicht tatsächlich immer wieder mindestens auch «so eng» zu fassen? Sagt die Zinzendorfsche Formel, es gelte «Seelen für das Lamm zu werben», recht verstanden nicht doch immer wie­der alles, was im Grunde zu sagen ist? Ebenso hieße es Wasser in den Rhein tragen, wenn man an einer deutschen Missionskonferenz aus der theologischen Frage, die an den anglo-amerikanischen Missionsgeist und Missionsbetrieb sicher zu stellen ist, allzu viel Aufhebens machen würde. Wir fragen hier vielleicht beinahe schon wieder zu selbstverständlich und routiniert und unserer eigenen besseren Auffassung allzu gewiss, wenn wir die drüben fragen: ob bei jenem Moralismus das Evangelium vom Reiche Gottes nicht zu flach verstanden, der Mensch nicht zu optimistisch betrachtet, die Abgründe der menschlichen Existenz und zwar gerade auch die Abgründe der kultivierten menschlichen Existenz nicht übersehen und die Herrlichkeit Gottes und insbesondere der Zukunft des Herrn nicht bis zur Unkenntlichkeit verkleinert werde? Ob ein theologisches Dokument dieser Missionsauffassung wie die Bot­schaft der Jerusalemer Konferenz an Erkenntnis- und Bekenntnisgehalt den Symbolen der alten Kirche und den Konfessionen der lutherischen und calvinistischen Reformation auch nur von ferne an die Seite gestellt werden könne? Sei es denn, dass wir mit dem Allem nur zu recht haben und ernste Gründe genug, anders als so zu glauben und zu denken. Aber verges­sen wir nicht: auf denselben Begriff der Schöpfung, an den man bei uns zur Formulierung einer vermeintlich reinen Antithese gegen jene westliche Konzeption anzuknüpfen pflegt, kann sich |121| in etwas anderer Wendung auch diese berufen. Gleichnisfähig ist der Begriff der Organisation nicht weniger als der dem deutschen Denken so liebe Begriff des Organis­mus. Dass man in jener so ganz anderen Missionswelt ein so lebhaftes Empfinden hat auch und gerade für die äußeren, menschlicher Hilfe zugänglichen Exponenten der großen Mensch­heitsnot, dass man gewisse relative Ziele in der Veränderung der menschlichen Dinge mutig ins Auge fasst, dass man den menschlichen Willen innerhalb seiner Schranken ernst nimmt und ernstlich in Anspruch nimmt, dass man eine Beziehung zu sehen meint zwischen dem einen Adam und Christus und einer einheitlichen Menschheit – das alles sind Dinge, die man, wie bedenklich uns ihre Ausprägung und Anwendung auch mit Recht sein mag, theologisch, im Lichte jenes Vorbehalts der eigenen Lösung und Führung gegenüber, auch im lutherischen Deutschland nicht einfach wird verurteilen können, durch die man sich vielmehr besser an die eigene Gebrechlichkeit, an gewisse kaum zu verkennende Probleme der eigenen Position wird erinnern lassen. Und nun scheint heute die durch den Namen von B. Gutmann bezeichnete Lehre gute Aussicht zu haben, im Gegensatz zu der anglo-amerikanischen für die spezifisch deutsche Auffassung der Missionsaufgabe einigermaßen repräsentativ zu werden. Die Frage dürfte aber hier vor allem zu erwägen sein, ob diese Lehre von der anglo-amerikanischen wirklich durch eine so tiefe Kluft geschieden ist, wie Gutmann und die Seinen anzunehmen scheinen. Sie mag sich von ihr unterscheiden, wie sich eben konservative und liberale, roman­tische und revolutionäre Weltanschauung unterscheiden. Aber dieser Unterschied dürfte doch von Theologen auch in den aufgeregtesten Zeiten mit dem Unterschied von Himmel und Erde, von Gottesreich und Weltreich nicht gleichgesetzt werden. Er ist ein innerhumanitärer, aber kein theologischer Unterschied. Und wenn es nun so sein sollte, dass die Konzeption des «Freien Menschentums aus ewigen Bindungen» eine ähnliche Verabsolutierung eines huma­nitären Prinzips bedeuten würde wie der Fortschritts- und Zivilisationsglaube der Westler auf der Gegenseite – das Zutrauen in die Identität zwischen Christus und der eigenen Auffassung von Christus ist hüben wirklich nicht geringer als drüben – wären dann nicht beide gleich sehr eine säkularistische Bedrohung der eigentlichen Missionsaufgabe? Was heißt denn Säkularis­mus, was kann das heißen als eben dies, dass Christus in irgendeiner Auffassung von Christus aufgeht und verschwindet, und was übrigbleibt, ist der Mensch – wobei die Frage, ob dies der zivilisierte |122| oder der urtümliche Mensch ist, einen so großen Unterschied gewiss nicht ausmacht! Verrät sich die Eigenmächtigkeit der Gutmannschen Position nicht schon in der schönen, aber theologisch nun doch sehr bedenklichen Einseitigkeit, mit der er sich mit so vielen Zeitgenossen getraut, aus dem Artikel von der Schöpfung den «articulus stantis et cadentis ecclesiae» zu machen? Kommt die Predigt des Gerichts, der durch Christus für uns vollbrachten Versöhnung, der Rechtfertigung allein durch den Glauben – ich meine nicht in Gutmanns Verkündigung als Missionar, aber in Gutmanns Missionstheorie etwa besser zu ihrem Recht als in den Jerusalemer Protokollen? Liest sich die wahrlich geistreiche Gutmann­sche Literatur nicht durchwegs wie eine einzige Variation zu dem nur zu lieblichen Gesang der alten Schlange [Apk. 20,2]: «Gratia non tollit sed supponit et perficit naturam»? Und das soll nun Luthertum sein? Und ausgerechnet dahin sollte die Reise nun gehen? Nun, wir wer­den auch hier nicht versäumen dürfen, uns sagen zu lassen, was wir uns sagen lassen müssen. Wie sollte Gutmann nicht im Vorsprung sein vor dem Pietismus mit der einfachen und fol­genschweren, von Christian Keyßer in Neuguinea so eindrucksvoll betätigten Einsicht, dass die Völker der Gegenstand des Missionsbefehls sind und also auch der Gegenstand der Mis­sion sein müssen? Und wie sollte er nicht im Vorsprung sein vor dem Anglo-Amerikanismus, wenn er die Mission aufruft zur Einsicht in den Fluch, den die sogenannte christliche Zivilisa­tion überall mit sich bringt und zum unvoreingenommenen offenen Kampf gegen die Folgen dieses Fluchs? – Die Theologie wird alle diese Fragen stellen müssen. Irgendwo in der Mitte zwischen allen diesen Fragen – wo, darüber hat die Theologie nicht zu entscheiden sie kann sich nur dafür einsetzen, dass die sämtlichen Fragen gesehen werden und offen bleiben – liegt die richtig gestellte Missionsaufgabe, die dem, der hier ernstlich Besinnung übt, je und je, je­weilen für den nächsten Tag, wie wir Menschen es nötig haben, nicht verborgen bleiben wird.

4. Wenn endlich ein Wort gesagt werden soll zu der Frage «Theologie und Missionspredigt», so muss besonders deutlich daran erinnert werden, dass in dem allen von der die Mission begleitenden Theologie die Rede ist, also nicht von einer Sache, die irgendwo in einer fernen Studierstube von irgendjemand Anderem besorgt wird, sondern von einer Sache, die den Mis­sionar oder Missionsfreund selbst angeht, auf die er sich in irgendeinem Maße selbst einzu­lassen willens ist. Wie die Theologie eines Anderen, des theologischen Lehrers zum Beispiel, dem Prediger überhaupt in Bezug auf |123| den Inhalt seiner Predigt nur dienlich sein kann, sofern sie ihn selbst zur theologischen Arbeit anregt, so wird es auch nicht sie, sondern bestenfalls die durch sie angeregte Theologie des Missionars selbst sein können, die ihm für den konkreten Inhalt seiner Predigt konkrete Wegleitung gibt. Alle Predigt und so auch die Missionspredigt ist Ereignis und Entscheidung, für die der Prediger eine Verantwortung trägt, die ihm letztlich niemand abnehmen kann. Wie sollte ihm zum Beispiel der ahnungslose euro­päische Theologe vorsagen können, wie weit er – im fernen Land da drüben, in der frem­den Sprach- und Vorstellungswelt, in einer Situation, die sich dem Urteil dessen, der sie nicht genau kennt, völlig entzieht – in der Anwendung von Gleichnissen und Veranschaulichungen und überhaupt in der pädagogisch-psychologischen Anpassung gehen oder nicht gehen darf? Wie sollte er ihm im Allgemeinen sagen können, was er etwa wagen darf und vielleicht muss an Bezugnahmen auf die natürliche, moralische und religiöse Existenz des Heiden, wie er ihn vorfindet? Siegfried Knak hat die Frage gestellt, ob der afrikanische Missionar recht getan habe, der seine Missionspredigt damit eröffnete, dass er seine Hörer auf die Geborgenheit ihrer Ziegen und Schafe unter der Hut des Hirten aufmerksam machte, um ihnen dann deutlich zu machen, dass auch der Mensch einen Hirten brauche. Ohne die näheren Umstände zu ken­nen, würde ich denken, dass dieser Missionar recht getan hat, weil es sich dabei offenbar eben um ein «Deutlichmachen», das heißt um einen Versuch der Sprache zu handeln scheint, der dem Gehalt von Ps. 23 oder Joh. 10 gerecht zu werden gewiss dienlich sein konnte. S. Knak hat dann aber weiter gefragt, ob wohl der China-Missionar Unrecht hatte, der am Fuße des «Marmornen Hügels» vor den Toren Pekings, wo der chinesische Kaiser als Himmelssohn und zugleich als Hohepriester der Menschheit «die schönste und edelste Naturverehrung zu leisten hatte, die uns bekannt ist», zu seinem Begleiter sprach: «Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heilig Land» [Ex. 3,5]? Wieder, ohne die näheren Umstände zu kennen, würde ich sagen, dass dieser Missionar wohl in der Tat Unrecht hatte, weil es schon mit sehr merkwürdigen Dingen zugehen musste, wenn eine so solenne Anerkennung eines asiatischen Numens (noch dazu ausgerechnet in Form des Zitates des Gottesausspruches aus Ex. 3) mit Missionspredigt irgendetwas zu tun haben sollte. Ich könnte von mir aus eine dritte Frage als Beispiel anführen: Hat Ernst Johanssen recht, wenn er sich getraut, die Existenzbe­dingungen des ostafrikanischen Menschen: |124| die gliedhafte Verbundenheit, das Ichbe­wusstsein, die Leiblichkeit und schließlich auch seinen religiösen Glauben als «Mysterien» zu bezeichnen und, wie anzunehmen ist, doch auch als Missionsprediger als solche «in das Licht des Evangeliums» zu rücken? Ich würde wiederum sagen: er hat nicht recht, weil da eine Sprachverwirrung und vielleicht doch auch eine Verirrung in der Richtung einer natürlichen Theologie vorzuliegen scheint, der gegenüber zum Beispiel die des Vatikanums mit ihrer sehr viel vorsichtigeren Verwendung des Begriffs «Mysterium» den Vorzug größerer Nüchternheit haben dürfte. Aber wie könnten solche Urteile anders als sehr unmaßgeblich und unter Vor­behalt abgegeben werden? Streng theologisch antwortend könnte ich eigentlich nur die Fragen Knaks unterstrichen an ihn selbst bzw. an die Mission zurückgeben und sagen: das eben ist die Beziehung zwischen Theologie und Missionspredigt, dass auch und gerade der Missions­prediger möglichst ununterbrochennotedurch solche Fragen nach Recht oder Unrecht (N. B.: nach dem inneren, sachlichen Recht oder Unrecht) dessen, was er als Missionar vorzubringen wagt, bedrängt ist und sich ohne Rücksicht auf das, was dabei praktisch herauskommt, ehrlich von diesen Fragen bedrängen lässt. Die theologischen Fragen werden aber diejenigen Fragen sein, die sich aus dem Verhältnis ergeben zwischen dem, was der Missionar aus praktischen, pädagogisch-psychologischen, volks- und religionskundlichen Gründen formell, das heißt sprachlich wagen zu dürfen bzw. zu müssen glaubt, und dem, was ihm durch die Heilige Schrift als Gehalt dessen, was er sprechen soll, je und je vorgehalten wird. Schon die klare Einsicht in das grundsätzliche Über- und Unterordnungsverhältnis dieser beiden Instanzen: des Problems der Sprache hier und des biblischen Offenbarungszeugnisses dort, wird ihn ununterbrochen an die theologische Frage erinnern, und dass dieses Verhältnis besteht, das ist vielleicht das Beste, jedenfalls das Entscheidende, was ihm die Theologie zu sagen hat. Er wird dann, wenn er sich das sagen lässt, auf jener untergeordneten Ebene, in Bezug auf das Problem der Sprache alle nur mögliche Freiheit in Anspruch nehmen dürfen. Er wird aber wissen, dass es sich dabei um die Freiheit des Dienstes, seines Dienstes als Botschafter han­delt, dessen Meister das Wort, und zwar das geschriebene Wort ist, nicht aber die Freiheit, dem Evangelium nach seinem pädagogischen Ermessen eine indische, chinesische oder afri­kanische Gestalt zu geben, das heißt, es in ein neues System zu bringen. Er hat ja nicht die Freiheit eines Führers – dieser profane Begriff hat in |125| der Kirche Jesu Christi draußen und in der Heimat schwerlich etwas zu suchen – sondern eben die Freiheit eines Dieners, und zwar nicht eines Dieners der Menschen, sondern eines Dieners des Wortes an die Menschen. Nicht auf eine besondere geschichtliche Gestalt des Evangeliums, weder auf eine europäische noch auf eine asiatische oder afrikanische, wird er sein Augenmerk richten, sondern auf die eine wesentliche und überlegene Gestalt, deren Konkretion eben die Offenbarung ist, die ihm wie dem Prediger in der Heimat die Schrift und nur die Schrift bezeugt. Er wird «anknüpfen» – wie sollte er nicht anknüpfen? alle Sprache ist ein Anknüpfen! – an den ganzen, warum also nicht auch an den religiösen Lebensbestand seiner Hörer, aber er wird darum das christliche Bekenntnis und die christliche Predigt nicht durch die Lehre von einem «Anknüpfungspunkt», von einer natürlichen Offenbarung vor der Offenbarung bereichern. Denn er wird wissen, dass der wirkliche Anknüpfungspunkt nicht im Bereich und in der Macht der menschlichen Spra­che liegt, dass wohl das Verhältnis von Mensch und Mensch und also das Verhältnis von Missionar und Heide ein kontinuierliches, das Verhältnis von Gott und Mensch aber, um das es in der Kirche und in der Mission geht, ein diskontinuierliches, dass die Gnade, wo und wie immer die Sprache anknüpfen möge, ein Wunder und kein Brückenschlag und als Wunder und nicht als erhöhte Natur zu verkündigen ist. Wie sollte er das nicht wissen? Und wenn er es weiß, wie sollte es ihn nicht als drängende Frage begleiten? Und wenn er weiß, um was es geht in der Mission, wie sollte er es sich dann leicht machen und dieser Bedrängnis sich ent­ziehen wollen? Irre ich mich, wenn ich den Eindruck äußere, dass die, die hier widersprechen und von der Theologie gerade an dieser Stelle mehr – vermeintlich mehr – nämlich eine hilf­reiche Spekulation über die ursprüngliche Synthese zwischen Gott und Mensch erwarten sollten, im Ganzen mehr unter den Missionstheoretikern in der Heimat als auf den Missions­feldern selber zu suchen sein dürften?

Ich bin am Ende. Es darf nochmals betont werden, dass gerade alles zuletzt Gesagte nur als Beispiel und Andeutung gemeint sein konnte. Das Schwergewicht dessen, was hier beigetra­gen werden sollte, lag am Anfang und in der Mitte des Vortrags. Ich darf bitten, alles Gesagte von dort aus zu verstehen.

Und nun hat jemand von «Lähmung des Missionswillens» durch die Theologie, speziell durch eine bestimmte Theologie der Gegenwart, ge-|126|redet. Ich würde mich nicht wundern, wenn man finden sollte, dass dieser Vorwurf durch diesen Vortrag bestätigt sei. Ich nehme den Vor­wurf auf und erinnere daran, dass wir alle aus der Bibel von einem Mann wissen, der gelähmt werden und sich Lähmung gefallen lassen musste, um als Gelähmter obzusiegen und den Namen Israel zu bekommen [vgl. Gen. 32,23–33]. Die Theologie ist nicht der Engel Jahves. Es könnte aber sein, dass ihre Funktion in der Kirche und so auch der Mission gegenüber in der Linie dessen liegen muss, was jener Engel an Jakob tat. Und wenn dem so wäre, dann dürfte sich auch die Mission über diesen ihren Partner gewiss nicht nur beklagen.

Vortrag gehalten an der Brandenburgischen Missionskonferenz in Berlin am 11. April 1932.

Quelle: Karl Barth, Theologische Fragen und Antworten. Gesammelte Vorträge, Bd. 3, Zollikon 1957, S. 100-126.

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