Hans Joachim Iwand über das Wort Gottes und die Predigt 1948: „Wo also das Wort Gottes wieder unter uns mächtig sein sollte, würde nicht nur eine Rekon­struktion des Alten erfolgen, sondern da müsste das aus dem Vergangenen ganz und gar nicht ableitbare Neue geschehen.“

Vorwort zum zweiten Heft der Predigtmeditationen 1947/48

Von Hans Joachim Iwand

Immer bedrängender, immer bewußter wird die Klage um die Verkündigung. Als neulich in einem Kreis von Pfarrern die Rede darauf kam, fiel das Wort von dem Bann, der auf unserer Verkündigung liegt. Hatte der, der das sagte, nicht recht? Gibt es wohl noch ein paar Augen mehr, die das sehen, ein paar Herzen mehr, die darüber aufs tiefste erschrocken sind, gibt es noch ein paar Theologen, die hier, und eigentlich hier allein, den tiefsten Schaden und die eigentliche Wurzel aller unserer Not sehen?

Denn der Untergang des Wortes wäre unvergleichlich schlimmer als all der anderen Dinge und Werte, die uns heute genommen werden und vor unseren Augen Versinken. Hoffentlich meinen wir nicht, das Wort Gottes hätten wir ja immer, darum brauchten wir nicht besorgt zu sein, das bliebe uns von selbst. Es ist mit dem Bleiben Seines Wortes, mit dem Bei-uns-blei­ben des Wortes Gottes doch eine Sache eigener Art, es wird nur bei denen bleiben, die auch in ihm bleiben, weil sie ohne es nicht leben können. Es bleibt, weil es ein Wort der Gerechtigkeit ist, nur bei denen, die ihrer eigenen Gerechtigkeit ledig sind, es bleibt, weil es ein Wort der Wahrheit ist, nur bei denen, die in die Irre gegangen sind und nicht wissen, wo nun ihr Weg ist, es bleibt, weil es ein Wort des Lebens ist, nur bei denen, die in Finsternis und Todesschat­ten sitzen.

Weiter dürfte deutlich sein, daß der Untergang des Wortes Gottes sich niemals in der Heiden­welt und durch alles das, was von daher geschieht, vollziehen kann, obschon freilich Gott Kriege, Umsturz, Plagen und Strafen ganz gewiß gebrauchen kann, um uns aufs neue anzu­treiben, nach ihm und seinem Wort zu fragen. Aber der Untergang des Wortes kann ja nur da Ereignis werden, wo es zuvor aufgegangen ist, an der Stätte und in der Gemeinschaft, in der es einmal Licht und Salz und Kraft gewesen ist. Die Kirche, und zwar gerade die Kirche in ihrem äußeren Bestande in ihren Traditionen und Ordnungen, wird der Ort sein, wo das Wort Gottes untergehen kann. Das zieht dann auch den Untergang alles anderen nach sich. Wenn die Sonne untergeht, liegt nach geraumer Zeit das ganze Land ihn tiefster Finsternis. Und das eben ist unsere bange Frage heute, ob da, wo Gottes Wort lebendig und überlegen verkündigt werden, wo es als das Wort des Sieges erklingen sollte, wo das Wasser fließen soll, das den Durstenden umsonst gegeben wird, – ob da dies Geschehen wirklich noch Ereignis ist.

Gewiß, es hat immer wieder ein Naschlassen dieser Leuchtkraft des Wortes Gottes gegeben, bald leuchtete es hier heller, dort weniger hell, hier und da war mehr Rauch und Qualm als helle Flamme und verzehrendes Feuer – aber es waren doch immer wieder nur partielle Son­nenfinsternisse, die die europäische Christenheit erlebte. Aber heute ist es wie eine langsam und unabwendbar heraufziehende Nacht, die sich über uns legt. Wie oft haben wir schon ge­fragt, gehofft, gedacht oder vielleicht sogar fast gejubelt: „Hüter, ist die Nacht bald hin?“ – und immer wieder kommt jene hoffnungslose Antwort, wie sie bereits den Fragenden aus Seir zuteil wurde: Ja, es bleibt zwar nicht so, wie es war, aber der Wandel, der bevorsteht, bedeutet für eure Hoffnung und Erwartung nichts. „Wenn der Morgen kommt, so wird es doch Nacht sein.“

Vielleicht darf man sagen, daß der Weg eben dieser Hoffnung und eben dieser Enttäuschung ein sehr, sehr alter Weg ist. Nicht erst wir, schon unsre Väter und wieder deren Väter sind hier aus der Nacht in den Tag und dann doch wieder in neue Nacht geschritten. Zum mindesten seit der französischen Revolution, von Rousseau bis zu Tolstoi, hat dieses Fragen nach der weichenden Nacht, nach dem Kommen einer besseren Gerechtigkeit nicht aufgehört. Und doch zeigen die Epochen der Revolutionen und Kontrerevolutionen, in denen wir mitten drin stehen, daß dieser erhoffte Morgen sich immer wieder aufs neue in Nacht verwandelte. Ob es nicht an der Zeit wäre, das Fazit aus dem allen zu ziehen mit dem, Was Mereschkowski sagt: „Vergeblich sind alle äußeren Revolutionen; scheinbar beweglich, sind sie starr. Nur die eine, die von dem Primo Motore ausging, die innere Umwälzung, ist echt, weil nur sie im Men­schen und in der Welt den inneren Schwerpunkt verlegt; nur sie ist die tiefste und stärkste, weil sie die leiseste ist (Jesus der Kommende) Aber nun doch so, daß, wenn uns das Wort Gottes nicht trifft als das Wort, das ,,alles neu macht“, als das Nein Gottes zu dem Menschen, der zu sich Ja sagt, und als das Ja Gottes zu dem, der zu Gott Nein sagt, wenn es uns nicht trifft als das einzige, was jenseits aller unserer. Gedanken und Erwartungen liegt, als das Fremde, das uns aber doch im tiefsten fehlt, als das Gegnerische, das aber doch den Frieden bringt, wenn wir nicht bereit sind, das Wort Gottes in seiner harten Wahrheit zu erleiden, dann wird es uns mit seiner gnadenvollen Herrlichkeit nicht erquicken. Niemand kann Gott sehen, ohne zu sterben!

Wo also das Wort Gottes wieder unter uns mächtig sein sollte, würde nicht nur eine Rekon­struktion des Alten erfolgen, sondern da müßte das aus dem Vergangenen ganz und gar nicht ableitbare Neue geschehen. Es müßte geschehen, daß dies Wort als ein versöhnendes Wort mächtig und kräftig wurde mitten in einer hoffnungslosen Entzweiung der Menschen, es müßte geschehen, daß mit diesem Worte eine Macht des Friedens mitten unter uns aufstünde, die alle, welche sich ihr beugen, nun zu rechten Werkzeugen dieses Friedens, zu rechten eirēnopoiētaí machte; es müßte geschehen, daß dies Wort der Vergebung uns frei machte von aller, auch der größten und der geheimsten Schuld, die heute unbeweglich, wie ein Berg, den keine Macht der Welt versetzen kann, jedem Fortschritt in ein besseres Morgen im Wege steht. Es müßte geschehen, daß das Wort vom Kreuz uns unser eigenes Kreuz und Leid, das uns schier unaussagbar dünkt und dazu verführt, nur um uns selbst zu kreisen, tragbar macht in jener Geduld der Heiligen, zu der uns die Schrift ermahnt.

Daß Gottes Wort unter uns wohnte, das müßte doch bedeuten, daß es ein Wort ist, das uns er­leuchtet, so daß unsere Augen anfangen, die Wahrheit zu erkennen, daß sie anfangen, auf die Wahrheit zu sehen und nicht mehr auf das, was wir Wirklichkeit nennen und was doch ge­meinhin immer nur die Wirklichkeit des Bösen, der Sünde, des Todes und jenes Menschen ist, der von Gott nichts weiß und wissen will. Dieser falsche und böse Glaube an die Wirklichkeit, die man „siehet“ und die darum immer eine hoffnungslose, trügerische, eben nicht von Gott und seinem Wort her erfaßte Wirklichkeit ist, muß dann Schritt für Schritt aus unserem Her­zen weichen, es bleibt keine Möglichkeit für das Nebeneinander zwischen dem Wort und die­sem ,,Glauben“, durch den uns die sichtbare Welt mit ihren Mächten und Gewalten bezau­bern, durch den sie unser Denken und Trachten regieren möchte. Wenn Gottes Wort wieder bei uns Wohnung nimmt, wenn eine Gemeinde, eine Schar von Menschen, und seien es zwei oder drei, sich darum sammelt, sei es im Gotteshaus oder im Rathaus, sei es da, wo dies Wort geheim oder sei es, wo es offen erklingt und verkündet wird: immer wird es geschehen, daß Gott mit feiner eigenen, wunderbaren Gerechtigkeit aus denen, die nicht sein Volk sind, Sein Volk und Sein Eigentum macht, eine ihm in Glauben und Dankbarkeit gehorsame Schar, die sich in feinem Gnadenbund bewahrt und geheiligt weiß.

Das ist im letzten Grunde die Hoffnung, die hinter dieser so bescheidenen Arbeit unserer Meditationen steht und mit der wir in den mancherlei kirchlichen Wirrnissen und Bewegun­gen unserer Tage einen relativ klar vorgezeichneten Weg zu sehen und zu gehen meinen. Es könnten ja nicht so große und herrliche Verheißungen Gottes eben diesem Seinem Wort mitgegeben sein, wenn unsre Hoffnung darauf und unser Bemühen darum nicht von Gott her ihr unveräußerliches und gewisses Recht empfangen hätte. Diese Hoffnung ist ganz sicher keine eigenmächtige, menschliche Hoffnung, sondern wenn je eine Hoffnung Grund und Be­stand in Gott selbst hat, dann die, welche dem Ereigniswerden Seines Wortes alles Gute, Heil und Hilfe für alle Menschen in allen ihren Nöten zutraut. Solange wir also diese uns von Gott selbst gebotene Zuversicht zu seinem Wort nicht wegwerfen, solange wir in solchem Glauben und Bemühen seinem Schweigen widerstehen und darauf warten, daß wir doch Sein Wort hö­ren und Seine Botschaft kundmachen könnten, solange wir zu Gott hoffen, daß er unser Zeug­nis annehmen möge, obschon es ganz gewiß dies Angenommen- und Bestätigtwerden (Hebr. 2,4) nicht verdient, so dürfte dann doch immer noch etwas da sein, was dem Unglauben und der Verzweiflung widersteht, was mit seinem Suchen nach dem rechten Weg und der rechten Verkündigung (die immer eine aufgetragene bleiben wird; keine gekonnte, sondern eine nur durch Gott jeweils gelungene!) auf dem rechten Wege ist. Denn alle unsere Bemühungen um die Exegese, um die Auslegung der Schrift, auf das Hören jenes Wortes hin, können ja immer nur eins offenbar machen: daß das Wort selbst nie so gefunden wird, daß man sagen könnte: hier, dies oder das, dieser oder jener Satz, dieser Artikel, diese Lehre – das ist es. Sondern, obschon wir immer werden dahin kommen müssen, daß wir sagen und bezeugen können, daß ,,dies“ Gottes Wort sei, so werden wir doch zugleich und in der Art und Weise, wie wir es bezeugen, deutlich machen müssen, daß wir immer nur Seines Geistes einen Hauch verspürt haben, daß es auch wo es uns erfaßt, von uns nie ganz erfaßt werden kann.

Darum muß alle echte Bemühung um das Wort, die Meditation nicht minder wie die Predigt selbst, immer über sich hinausweisen, muß in sich jene Bewegung des Abnehmens sichtbar machen, die notwendig ist, damit Christus wachsen kann. Es gilt immer noch jenes großartige Wort, mit dem Luther seine Kirchenpostille, von 1522 beschließt, und das auch hier, als ein Trost für uns und unsere Arbeit, aber vielleicht auch für manchen, der die Predigtnot von heu­te an sich selbst empfindet, den Beschluß bilden soll:

„O daß Gott wollte, daß meine und aller Lehrer Auslegungen zugrunde gingen und ein jeglicher Christ sich die bloße Schrift und das lautere Wort Gottes vornähme. Du siehst ja aus diesem meinem Geschwätz, wie ungleich Gottes Worte sind gegenüber allen Menschenworten, wie kein Mensch ein einziges Wort Gottes mit all seinen Wor­ten genügend erreichen und erklären kann. Denn es ist ein unendliches Wort und will mit stillem Geist gefaßt und betrachtet sein, wie es der 83. Psalm sagt: Ich will hören, was Gott selbst in mir redet (Psalm 85,9). Es begreift auch sonst niemand hier etwas, denn ein solcher stiller betrachtender Geist. Wer dahin ohne Auslegen und Glossieren kommen könnte, dem wären mein und aller Menschen Glossieren nicht nötig, ja, nur hinderlich. Darum, hinein, hinein, liebe Christen, und laßt mein und aller Lehrer Aus­legung nur ein Gerüst sein zum rechten Bau, daß wir das bloße, lautere Gotteswort selbst fassen, schmecken und in ihm bleiben; denn da wohnt Gott allein in Zion. Amen“ (WA. 10 II 728).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 120-123.

Hier der Text als pdf.

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