Johann Baptist Metz: „Die Sinnfrage in der Gestalt der Frage nach der Rettung der ungerecht Lei­denden ist die Frage, welche gerade wir Christen immer wieder auf die Tagesordnung unse­res aufgeklärtesten und fortgeschrittensten Bewußtseins zu pressen haben.“

Sinn und Subjekt. Theologisch-biographische Notizen zur sogenannten Sinnfrage

Von Johann Baptist Metz

  • »Sinn« ist immer dort in Gefahr, wo er als ungefährdeter gedacht und gesucht wird.
  • Bei der sog. Sinnfrage kommt es nicht darauf an, sie zu beantwor­ten, sondern sie so zu stellen, daß sie unvergeßlich und unverdrängbar bleibt.
  • Nach Auschwitz gibt es keine subjektlosen Sinnsysteme mehr.

Für mich hat sich die sogenannte Sinnfrage eigentlich immer in der Gestalt der Gottesfrage gestellt, und zwar nicht im allgemeinen Sinn der Frage nach der Existenz Gottes, sondern in jener ältesten und wohl auch umstrittensten Version der Gottesfrage, welche die Schule bis heute die Theodizeefrage nennt: die Frage nach Gott im Angesichte der abgründigen Leidens­geschichten der Welt. Diese Gestalt der Sinn­frage ist lebensgeschichtlich bedingt, und um ihre Konturen und ihr Gewicht wenigstens anzudeuten, möchte ich auf zwei biographische Kon­texte verweisen.

1. Zum einen knüpft diese Fragegestalt an meine drastischen Kriegs­erfahrungen an. Gegen Ende des 2. Weltkriegs wurde ich, sechzehn­jährig, aus der Schule herausgerissen und zum Militär gepreßt. Nach flüchtiger Ausbildung in Würzburger Kasernen kam ich an die Front, die damals schon über den Rhein ins Land gerückt war. Die Kompa­nie bestand aus lauter jungen Leuten. Eines Abends schickte mich der Kompanieführer mit einer Meldung zum Bataillonsgefechtsstand. Ich irrte die Nacht über durch zerschossene, brennende Dörfer und Ge­höfte, und als ich am Morgen darauf zu meiner Kompanie zurück­kam, fand ich nur noch Tote, lauter Tote, überrollt von einem kombi­nierten Jagdbomber- und Panzerangriff. Ich konnte ihnen allen nur noch ins erloschene, tote Antlitz sehen, ihnen, mit denen ich tags zu­vor noch Kinderängste und Jungenlachen geteilt hatte. Ich erinnere nichts als einen lautlosen Schrei. Verstört irrte ich noch stundenlang allein im Wald umher, wie betäubt hielt ich, um nicht als Überläufer verdächtigt und aufgeknöpft zu werden (das hatte man mir, dem Bu­ben, eingeschärft), meine Knarre umklammert, ehe sie mir ein riesiger Gl aus der Hand schlug. So sehe ich mich heute noch, und hinter die­ser Erinnerung sind alle meine Kindheitserinnerungen zerfallen. Nie konnte ich mich mit dieser Erinnerung versöhnen, nie habe ich sie als ein schließlich doch glücklich bestandenes Abenteuer begriffen, sie wurde mir gewissermaßen zur »gefährlichen Erinnerung«.

Von ihr erzähle ich meinen Studenten, wenn ich ihnen zu erläutern suche, wieso im Zentrum meines Sinninteresses und meiner Gottesfrage die streitbare, theologisch-politische Behand­lung dieser Gottes­frage als Theodizeefrage steht: der Schrei nach Gott angesichts der Leidens­geschichten in der Welt; und wieso ich dabei immer bei der Frage nach dem Leid der anderen, nach dem unmittelbar vergangenen Leid einsetze. Die theologische Gestalt der Sinnfrage, mit der ich mich beschäftige, heißt deshalb nicht: Wer rettet mich?, sondern: Wer rettet euch? Ich setze nicht an mit der Frage: Was ist mit mir im Leid, was mit mir im Tod?, sondern: Was ist mit dir – mit euch – im Leid, im Tod?

Von dieser Struktur ist übrigens auch die Frage: Was darf ich hof­fen? geprägt. Diese Frage verwandelt sich für mich in die Frage: Was darf ich für euch hoffen – und darin am Ende auch für mich? Dieses intersubjektiv orientierte Hoffnungsinteresse klingt übrigens auch in dem (von mir redaktionell formulierten) Synodenbeschluß »Unsere Hoffnung« an. Dort heißt es, natürlich bereits »allgemeiner« formu­liert: »Die Hoffnung, die wir bekennen, ist nicht vage schweifende Zu­versicht, ist nicht angeborener Daseinsoptimismus; sie ist so radikal und so anspruchsvoll, daß keiner sie für sich allein und nur im Blick auf sich selber hoffen könnte. Im Blick auf uns allein: bliebe uns da am Ende wirklich mehr als Melancholie, kaum ver­deckte Verzweif­lung oder blinder egoistischer Optimismus? Gottes Reich zu hoffen wagen – das heißt immer, es im Blick auf die andern zu hoffen und darin für uns selbst. Erst wo unsere Hoffnung für die anderen mit­hofft, wo sie also unversehens die Gestalt und die Bewegung der Liebe und der Communio annimmt, hört sie auf, klein und ängstlich zu sein und verheißungs­los unseren Egoismus zu spiegeln.« Ich habe in mei­nem Leben schon Menschen kennenlernen dürfen, Menschen in ihrem Leid, in ihrem Kampf, in ihrer Trauer, in ihrem Mut, Menschen, mit denen ich die Verheißungsbilder vom Reiche Gottes leichter und um­standsloser in Bezie­hung bringen kann als mit mir; Menschen, denen ich sie gewissermaßen eher zutrauen kann als mir. Und nur im Blick auf sie wage ich dann, solche Verheißungen auch auf mein Leben zu beziehen und diesen Bildern auch im Blick auf mein Leben treu zu bleiben.

2. Schließlich ist noch von einem zweiten biographischen Element zu sprechen, das meine Gestalt der Sinnfrage als Gottesfrage nachhaltig geprägt hat. Langsam – vermutlich viel zu langsam – wurde mir be­wußt, daß die Situation, in der ich von Lebenssinn und von Gott rede, die Situation »nach Auschwitz« ist. Die radikale Herausforderung die­ser Situation »nach Auschwitz« wurde mir übrigens gerade in einem Gespräch mit Milan Machovec deutlich, an das ich schon des öfteren erinnert habe: Ende 1967 fand in Münster eine Podiumsdiskussion zwischen Milan Machovec, Karl Rahner und mir statt. Gegen Ende des Gesprächs erinnerte Machovec an Adornos Wort »Nach Au­schwitz gibt es keine Gedichte mehr«, und er fragte mich, ob es denn für uns Christen nach Auschwitz noch Gebete geben könne. Ich hatte schließlich geantwortet, was ich auch heute noch antworten würde: Wir können nach Ausch­witz beten, weil auch in Auschwitz gebetet wurde. Wir Christen kommen mit unserer Gottes­frage niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz. Angesichts von Auschwitz gibt es für mich keinen »Sinn«, den wir ohne die Juden bezeugen könnten. Hier sind wir, ohne sie, zum Unsinn verurteilt. Auschwitz signalisiert für mich einen Schrecken, der alle subjektlosen theologischen Sinnangebote bricht, einen Schrecken, der von uns Chri­sten nur im Bündnis mit jenen be­standen werden kann, denen er widerfuhr und die in ihm gleichwohl nicht verzweifelten. »Sinn« kann hier nur im Bündnis mit der jüdi­schen Leidens­geschichte aufrechterhalten werden.

Offensichtlich gibt es keinen Sinn, den man mit dem Rücken zu Auschwitz retten, keinen Gott, den man mit dem Rücken zu dieser Katastrophe anbeten kann. Auch hier drängte sich mir die Gottesfrage in ihrer ältesten und umstrittensten Version auf, als Theodizeefrage, freilich nicht einfach in existentialistischer, sondern gewisser­maßen in politischer Fassung: als Frage nach der Rettung der anderen, der ungerecht Leidenden, der Opfer und Besiegten unse­rer Ge­schichte. Wie auch könnte man nach Auschwitz ohne diese Frage nach der eigenen Rettung fragen? Die Sinnfrage in der Gestalt dieser Frage nach der Rettung der ungerecht Lei­denden ist m. E. die Frage, welche gerade wir Christen immer wieder auf die Tagesordnung unse­res aufgeklärtesten und fortgeschrittensten Bewußtseins zu pressen haben, die Frage, die wir auch im Namen der Humanität im öffentli­chen Bewußtsein einzuklagen und als eine Frage zu erläutern haben, an der das Schicksal der Menschen in ihrem anschaulichen Subjekt­sein hängt. »Diese Frage … zu vergessen und zu verdrängen, ist zu­tiefst inhuman. Denn es bedeutet, die vergangenen Leiden zu verges­sen und zu verdrängen und uns der Sinnlosigkeit dieser Leiden wider­spruchslos zu ergeben. Schließlich macht auch kein Glück der Enkel das Leid der Väter wieder gut, und kein sozialer Fortschritt versöhnt die Ungerechtigkeit, die den Toten widerfahren ist. Wenn wir uns zu lange der Sinnlosigkeit des Todes und der Gleichgül­tigkeit gegenüber den Toten unterwerfen, werden wir am Ende auch für die Lebenden nur noch banale Versprechen parat haben. Nicht nur das Wachstum unseres wirtschaftlichen Po­tentials ist begrenzt, wie man uns heute einschärft; auch das Potential an Sinn scheint be­grenzt, und es ist, als gingen die Reserven zur Neige und als bestünde die Gefahr, daß den großen Worten, unter denen wir unsere eigene Geschichte betreiben – Freiheit, Emanzipation, Gerechtigkeit, Glück – am Ende nur noch ein ausgelaugter, ausgetrockneter Sinn entspricht« (»Unsere Hoffnung« 13).

Quelle: Horst Georg Pöhlmann (Hrsg.), Worin besteht der Sinn des Lebens, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn 1985, S. 154-157.

Hier der Text als pdf.

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