Origenes über das Leiden Gottes (Ezechiel-Homilie VI,6): „Selbst der Vater ist nicht leidensunfähig. Wenn er angerufen wird, erbarmt er sich und fühlt den Schmerz mit. Er erleidet ein Leiden der Liebe (passio caritatis) und wird etwas, was er wegen der Größe seiner Natur nicht sein kann, und hält unsertwegen menschliche Leiden aus.“

Es heißt, dass die Kirchenväter eine göttliche Apathie (impassibilitas) im Hinblick auf die Lehre von der göttlichen Unveränderlichkeit bzw. Unbeweglichkeit (immutabilitas) gelehrt haben. Aber so einfach ist das nicht, findet sich doch in Origenes‘ Ezechiel-Homilie VI,6 folgender Passus:

Über das Leiden Gottes

Von Origenes

„Er [der Erlöser] stieg auf die Erde herab aus Mitleid mit dem Menschengeschlecht. Er hat unsere Leiden (passiones) gelitten, bevor er das Kreuz erlitt und bevor er sich würdigte, unser Fleisch anzunehmen; denn hätte er nicht (zuvor) gelitten, so wäre er nicht in den Wandel des menschlichen Lebens eingetreten. Zuerst hat er gelitten, dann stieg er herab und wurde sicht­bar. Was ist das für ein Leiden, das er für uns erlitt? Das Leiden ist Liebe (caritas est passio). Und der Vater selbst, der Gott des Alls, ‚langmütig und von großer Erbarmung‘ (Psalm 103,8) leidet er nicht auch in gewisser Weise? Oder weißt du nicht, dass er, wenn er sich zu den Menschen herablässt, menschliches Leiden leidet? ‚Es ertrug der Herr, dein Gott, deine Sitten, wie wenn ein Mensch seinen Sohn erträgt‘ (Deuteronomium 1,31). So erträgt Gott unsere Sitten, wie der Sohn Gottes unser Leiden trägt. Selbst der Vater ist nicht leidensunfähig (ipse pater non est impassibilis). Wenn er angerufen wird, erbarmt er sich und fühlt den Schmerz mit. Er erleidet ein Leiden der Liebe (passio caritatis) und wird etwas, was er wegen der Größe seiner Natur nicht sein kann, und hält unsertwegen menschliche Leiden aus.“ (Übersetzung nach Wilhelm Maas, Unveränderlichkeit Gottes. Zum Verhältnis von griechisch-philosophischer und christlicher Gotteslehre, München: Schöningh, 1974, S. 137).

Im lateinischen Original heißt es:

„Descendit in terras miserans humanum genus, passiones perpessus est nostras, antequam crucem pateretur et carnem nostram dignaretur assumere; si enim non fuisset passus, non venisset in conversatione humanae vitae. Primum passus est, deinde descendit et visus est. Quae est ista, quam pro nobis passus est, passio? Caritatis est passio. Pater quoque ipse et Deus universitatis, ›longanimis et multum misericors‹ et miserator, nonne quodammodo patitur? An ignoras quia, quando humana dispensat, passionem patitur humanam? ›Supportavit‹ enim ›mores tuos Dominus Deus tuus, quomodo si quis supportet homo filium suum‹. Igitur ›mores‹ nostros ›supportat Deus‹, sicut portat passiones nostras filius Dei. Ipse pater non est impassibilis. Si rogetur, miseretur et condolet, patitur aliquid caritatis et fit in iis, in quibus iuxta magnitudinem naturae suae non potest esse, et propter nos humanas sustinet passiones.“

Quelle: Wilhelm Adolf Baehrens (Hg.): Origenes Werke. 8. Band. Homilien zu Samuel I, zum Hohelied und zu den Propheten; Kommentar zum Hohelied in Rufins und Hieronymus Übersetzungen (GCS 33), Leipzig: Hinrichs 1925, S. 384,21-385,3. Vgl. MPG 13, 714f; bzw. Homélies sur Ézéchiel, ed. M. Borret, Sources Chrétiennes, Bd. 352, Paris 1989, 228f.

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

  1. auch in der Geschichtstheorie gibt es die von Menschen unplanbare Entwicklung zum Guten,so daß eine Ähnlichkeit mit der Zukunftshoffnung auf das Reich Gottes doch denkbar scheint,also eine Möglichkeit für die Wirklichkeit der Vernunft parallel zur Welt des Glaubens.

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