Edmund Schlinks Theologie des Gottesdienst von 1960: „Inmitten der Welt ist die Kirche die Gemeinschaft derer, die sich diesem Herrn im Glauben unterworfen haben, die ihn als Herrn preisen und ihn der Welt als das alleinige Heil verkündigen“

Edmund Schlink im Gespräch mit Kardinal Bea während des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom
Edmund Schlink im Gespräch mit Kardinal Bea während des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom

Der Titel, dem Schlink katholischerseits für seinen Vortrag 1960 vorgegeben war, lautete

Der Kult in der Sicht evangelischer Theologie[1]

Von Edmund Schlink

Wir kommen alle her von dem geschichtlichen Ereignis des Todes Jesu Christi für die Welt, und wir gehen alle entgegen dem kommenden endgeschichtlichen Ereignis, da Jesus Christus seine Herrlichkeit der Welt, für die er gestorben ist, richtend und rettend offenbaren wird. Die ganze Menschheit ist von diesen beiden Ereignissen umgeben, ob sie es weiß oder nicht — ob sie es wahrhaben will oder nicht.

Wir sind aber von Jesus Christus nicht nur umgeben als einem Ereignis einer immer ferner werdenden Vergangenheit und als von einem Ereignis einer unbestimmt fernen oder nahen Zukunft, sondern wir sind alle Jesus Christus als dem gegenwärtigen Herrn unterstellt. Der Gekreuzigte ist der gegenwärtige Herr. In seiner Erhöhung ist ihm bereits von Gott alle Macht und Herrlichkeit gegeben, die er in seiner Parusie offenbaren wird. Zugleich aber hört er als der Erhöhte nicht auf, der Mensch zu sein, der die Narben seines Kreuzestodes an seinem ver­klärten Leibe trägt. Als der, der sein Leben am Kreuz geopfert hat, ist der Erhöhte der ewige Hohepriester, der auf Grund seines einmaligen geschichtlichen Selbstopfers vor Gott für seine Brüder eintritt. Auch hier ist zu sagen: Die ganze Menschheit ist diesem Herrn unterstellt — ob sie ihn als Herrn anerkennt oder nicht.

Aber inmitten der Welt ist die Kirche die Gemeinschaft derer, die sich diesem Herrn im Glau­ben unterworfen haben, die ihn als Herrn preisen und ihn der Welt als das alleinige Heil verkündigen.

Die Kirche lebt in dieser Welt in einer doppelten Lebensbewegung: Sie lebt als das aus der Welt herausgerufene Gottesvolk, das durch die Taufe in Jesus Christus einen neuen Ursprung erhalten hat, errettet aus den Bindungen und der Gerichtsverfallenheit dieser Welt. Sie lebt zugleich als das in die Welt hineingesandte Volk der Propheten, Priester und Könige, gesandt, der Welt das Heil zu verkündigen und fürbittend für sie einzutreten. So ist sie das Aufgebot und Organ der in die Welt hereinbrechenden Königsherrschaft Gottes.

Diese doppelte Lebensbewegung der Kirche hat ihre Mitte in der gottesdienstlichen Ver­sammlung. Was geschieht in dieser Versammlung?

Wenn ich auf diese Frage zu antworten suche, muß ich vorausschicken, daß im Bereich evan­gelischer Theologie immer wieder eine deutliche Hemmung spürbar ist, den christlichen Got­tesdienst als Kultus zu bezeichnen. Man spricht [117] vom heidnischen Kult, auch vom alttestamentlichen Kult, aber nur selten vom christlichen Kult.

Denn Jesus Christus hat das Sühnopfer für die Sünden der Welt ein für allemal am Kreuz Gott dargebracht. Ja, Gott selbst hat dies in der Dahingabe des Sohnes ans Kreuz getan. Christi Tod ist darum das Ende des Opferkultes, durch den der Mensch Gott zu versöhnen sucht. Aber auch der erhöhte Christus bringt sich nicht nochmals Gott als Opfer dar, sondern als der am Kreuze ein für allemal Geopferte ist er der ewige Hohepriester, der unablässig vor Gott für die Seinen eintritt.

Auf Grund dieser Heilstat am Kreuz ist der christliche Gottesdienst im Entscheidenden kein Dienst der Menschen vor Gott, sondern der Dienst Gottes an den Menschen. Gott gibt hier der Gemeinde Anteil an dem, was Christus für sie vollbracht hat. Christus der Herr schenkt sich im Gottesdienst der Gemeinde, die er durch sein Blut am Kreuz erworben hat.

So unterscheidet sich der christliche Gottesdienst vom alttestamentlichen Kultus wie das Evangelium vom Gesetz. Durch das Gesetz hat Gott den Gehorsam des Menschen gefordert und die Erlangung des Lebens von dem Gehorsam gegen seine Forderung abhängig gemacht. Durch das Evangelium aber schenkt Gott das Leben und mahnt, auf Grund dieser Neuschöp­fung in einem neuen Leben zu wandeln.

Wie Jesus Christus das Ende des Gesetzes ist, so ist er auch das Ende des Kultes. Daß Christus des Gesetzes Ende ist, bedeutet nun allerdings nicht, daß er das Ende des göttlichen Gebietens wäre. Aber Gottes Gebot begegnet den an das Evangelium Glaubenden nicht mehr als Gesetz, sondern als Paraklese, als tröstliche, väterliche Mahnung. Demgemäß vermeiden es die neutestamentlichen Briefschreiber — nicht nur Paulus —, den Imperativ des Evangeli­ums als Gesetz zu bezeichnen. Daß Christus das Ende des Kultus ist, bedeutet ebensowenig, daß er das Ende des Gottesdienstes wäre. Aber es geschieht nun in ihm etwas so völlig Neues, daß die alten Bezeichnungen nicht mehr zureichen.

Was geschieht in der gottesdienstlichen Versammlung der christlichen Gemeinde? Auf diese Frage hat Luther in seiner berühmten Predigt bei der Einweihung der Schloßkirche zu Torgau 1544 geantwortet, „daß nichts anderes darin geschehe, als daß unser lieber Herr (Jesus Chri­stus) selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“[2]. So ist der christliche Gottesdienst Tat Gottes an der Gemeinde und Antwort der Gemeinde auf Gottes Tat. Hierfür können wir auch sagen: Der Gottesdienst ist Dienst Gottes an der Gemeinde und Dienst der Gemeinde vor Gott. Diese doppelte Antwort der reformatorischen Theologie auf unsere Frage kehrt in der Geschichte der evangelischen Theologie des Gottesdienstes immer wieder, so auch in der bedeutendsten neueren Darstel­lung der „Lehre vom Gottesdienste der im Namen Jesu versammelten Gemeinde“ von Peter Brunner.[3] [118] Diese beiden Aussagen über das gottesdienstliche Geschehen will ich im folgenden in der gebotenen Kürze zu erläutern versuchen, um sie sodann ekklesiologisch und kosmologisch zu entfalten.

 

  1. Der Dienst Gottes an der Gemeinde

Im christlichen Gottesdienst geschieht die Erinnerung an Gottes große Taten und an die Verheißungen, die Gott gegeben hat. Diese Erinnerung bezieht sich auf alle Taten Gottes: auf die Erschaffung und Erhaltung der Welt, auf die Erwählung und Führung Israels und der Kirche, vor allem aber auf seine Heilstat in Christi Tod und Auferstehung. Sie bezieht sich ebenso auf alle Verheißungen Gottes, vor allem aber auf die Verheißung der Parusie Jesu Christi.

Diese Erinnerung geschieht auf Grund der Heiligen Schrift: als Schriftlesung, als Lehre und Verkündigung. In dieser Erinnerung wird laut der Anspruch und Zuspruch, die Forderung und die Gabe, die in den Taten und Verheißungen Gottes für die versammelte Gemeinde beschlos­sen sind. Vor allem aber geschieht sie im Zuspruch des Evangeliums: Christus ist für euch in den Tod gegeben! Er ist für euch auferstanden!

In diesem Gedächtnis der Heilstat Gottes ist Gott selbst rettend gegenwärtig. Durch die Verkündigung seiner Heilstat gibt er das Heil. Der neutestamentliche Ausdruck „Evangelium Christi“ sagt nicht nur, daß das Evangelium Christus verkündigt, sondern daß es von ihm ausgeht, und wiederum nicht nur, daß es von ihm historisch ausgegangen ist, sondern daß er als der gegenwärtige Herr durch das Evangelium wirkt, — daß er durch das Evangelium Anteil gibt an seinem Tod und an seinem Leben. Das Evangelium ist Tatwort Gottes, Kraft Gottes. So ist es nicht nur die Botschaft von der Versöhnungstat Gottes am Kreuz, sondern durch das Evangelium macht uns Gott zu Versöhnten. Es ist auch nicht nur die Lehre, daß Gott den Sünder um Christi willen rechtfertigt, sondern durch das Evangelium spricht Gott den Sünder gerecht. Und zwar ist dieses Urteil als Gottes gnädiges Urteil zugleich sein neu­schaffendes Wort, deklaratorisch und effektiv zugleich. Indem uns Gott durch das Evangelium die Gerechtigkeit zuspricht, die er in Christo am Kreuz geoffenbart hat, entnimmt er uns dem kommenden Zornesgericht und gibt uns jetzt schon das Leben, das einst in der Auferweckung von den Toten sichtbar werden wird. Er gibt uns durch das Evangelium somit nicht nur Anteil an Jesus dem Gekreuzigten, sondern auch an dem Erhöhten, der als der Weltenrichter kom­men wird.

In der Erinnerung an Jesus Christus werden sodann Brot und Kelch genommen, gesegnet und zum Essen und Trinken der Gemeinde dargereicht. In der Erinnerung an Jesu letztes Mahl werden hierbei dieselben Worte gesprochen, die als Jesu Spendeworte überliefert sind: „Das ist mein Leib für euch“, „das ist der neue Bund in meinem Blut“. Auch mit dieser Handlung wird Christi Tod verkündigt. Zugleich wird des von Jesus verheißenen zukünftigen Mahles gedacht, das er mit den Seinen im Reiche Gottes feiern wird. [119]

Auch in diesem Gedächtnismahl ist Jesus Christus wirkend gegenwärtig. Er selbst, der Erhöh­te, lädt die Gemeinde zum Mahl. Er selbst gibt ihr das, was seine Spendeworte sagen: seinen Leib und den neuen Bund in seinem Blut. Er selbst, der Herr, ist hier der Geber und die Gabe zugleich, zur Vergebung der Sünden und zur Vereinigung mit ihm. Indem er in seinem Geben seinen Leib und sein Blut unterscheidet, gibt sich der Herr der Gemeinde als der, der sein Leben für sie am Kreuz dahingegeben hat. Als der ewige Hohepriester gibt er in diesem Mah­le Anteil an dem Sühneopfer, das er am Kreuz Gott dargebracht hat. Sich gebend nimmt er die Gemeinde hinein in den neuen Bund, den Gott in seinem Blute in Kraft gesetzt hat. Auch die Erinnerung an das von Jesus verheißene kommende Mahl im Reiche Gottes bleibt nicht bloße Erinnerung oder Erwartung. Indem sich der Herr der Gemeinde als der Geopferte darbietet, gibt er ihr zugleich Anteil an seinem Sieg und an seinem Kommen in Herrlichkeit. Die Bitte „maran atha“ ist zugleich das Bekenntnis „der Herr kommt!“. Er kommt im Abendmahl auf Erden und gibt darin jetzt schon Anteil am kommenden Hochzeitsmahl des Lammes mit der Gemeinde.

So dient Gott der Gemeinde durch Wort und Sakrament. Durch beide macht er Christi Kreu­zessieg und Parusie anteilgebend gegenwärtig und nimmt uns in sein Heilshandeln hinein. Durch beide handelt er an der Gemeinde rechtfertigend, heiligend, lebendigmachend, mit Christus einend. Die Verkündigung ist weder nur Hinführung zum lebenspendenden Mahl, noch ist das Abendmahl nur Vergewisserung des lebenspendenden Wortes. Sondern durch beide zusammen gibt uns Gott das Leben. Ist es doch ein und derselbe fleischgewordene Logos, der sich durch Wort und Sakrament uns schenkt. Die Verhältnisbestimmung von Wort und Sakrament ist letztlich nur deshalb ein so überaus schwieriges theologisches Problem, weil die Gabe der göttlichen Gnade unermeßlich ist.

 

  1. Der Dienst der Gemeinde vor Gott

Wie dient die Gemeinde dem Gott, der sich in Jesus Christus so tief zu ihr herabneigt?

Der Dienst der Gemeinde besteht vor allem anderen darin, daß sie dieses Dienen Gottes an sich geschehen läßt und daß sie seine unerschöpfliche Gabe so empfängt, wie es der Maiestas des göttlichen Gebers entspricht. Wie empfängt sie den Herrn „wahrhaft würdig und recht“? Nicht anders als in der totalen Hingabe des Menschen, des Herzens und aller Glieder, an den, der sich für uns Menschen dahingegeben hat und sich uns immer wieder gibt. Diese Hingabe geschieht in der Abkehr von uns selbst, in der Reue über unsere begangenen Sünden, im Ver­zicht auf selbstgewählte Pläne und Wege und zugleich in der Hinwendung zu ihm, im Sichan­klammern an sein Wort und im Hinzutreten zum Mahl des neuen Bundes. Für dies beides — für die Umkehr und für die Zuwendung — können wir auch sagen: Der Dienst der Gemeinde vor Gott ist vor allem der Glaube. Denn Glaube ist nicht ohne Buße und ist das Ergreifen der Gnade. [120] Zugleich aber ist der Glaube des Heils gewiß, nicht wegen unserer Buße und unseres Ergreifens, sondern allein wegen der uns ergreifenden Gnadentat Gottes.

Dieses Empfangen im Glauben kann nicht stumm bleiben. Hat doch Gott den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen, auf daß er ihm die Antwort gebe, die seiner Anrede entspricht.

So dient die Gemeinde Gott mit dem Bekenntnis der Sünden. Sie bekennt sich unwürdig, den Herrn in ihrer Mitte zu empfangen.

Sie dient ihm ferner mit dem Lobpreis seiner Gnade. Sie dankt ihm für alle seine großen Taten und Verheißungen, vor allem für die Heilstat am Kreuz, für seine Taten einst und für seine Tat, die er jetzt im Gottesdienst selbst vollbringt, für seine Heilstat an uns selbst und an der ganzen Welt.

Die Gemeinde dient Gott ferner mit Bitten im Namen Jesu für die Kirche und für die Welt. Im Namen Jesu zu Gott beten — das heißt, Gott betend vorhalten das Opfer, das Jesus auf Golga­tha ihm dargebracht hat für die Sünden aller Menschen.

Sie bleibt aber in ihrem Dienst nicht stehen bei dem Dank für die geschichtliche Heilstat und bei der Bitte um weitere Taten, die Gott verheißen hat, sondern auf Grund dieser Taten ver­herrlicht sie Gott durch Jesus Christus als den, der er ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. In der Doxologie rühmt sie die ewige Selbigkeit des göttlichen Seins und Wesens, in der die Wahr­heit der Verheißung gründet.

Alle diese Antworten aber sind konzentriert im Bekenntnis des Glaubens. Im Credo sind — wie in der Taufe so auch im Gottesdienst — Sündenbekenntnis, Lobpreis, Anbetung und öffentliches Zeugnis in eigentümlicher Weise konzentriert. In der Mannigfaltigkeit dieser Antworten und in der Spontaneität ihres Ausdrucks bekennt die Kirche, allein von Gottes Gnade täglich neu zu leben.

In dieser Selbsthingabe des Glaubens und des Bekenntnisses bringt sich die Gemeinde durch Jesus Christus Gott als Opfer dar. Der Dienst der Gemeinde vor Gott ist das Dank- und Lob­opfer, das das Opfer preist, das Christus am Kreuz für die Sünden der Welt Gott dargebracht hat und an dem er ihr durch Wort und Sakrament Anteil gibt. Dieser Dienst ist das Opfer der Eucharistie, das die Kirche in ihrem Gottesdienst Gott darbringt. Dieses Opfer ist ein totales. Es kann nicht beschränkt sein auf das Herz und auf den Mund des Menschen. Es ist gefordert auch als Opfer des Leibes und als Opfer alles dessen, was des Menschen ist. So werden auch die irdischen Gaben, die für den Dienst der Kirche von ihren Gliedern Gott dargebracht wer­den, als Opfer bezeichnet.

Ich halte hier zunächst inne und frage: Wie verhalten sich nun im christlichen Gottesdienst zueinander der Dienst Gottes an der Gemeinde und der Dienst der Gemeinde vor Gott? Lassen sie sich überhaupt unterscheiden?

Der Dienst Gottes an der Gemeinde geschieht durch den Dienst von Menschen. Gott redet und handelt an der Gemeinde durch menschliches Reden und Tun. Nicht nur die Antwort des Lob­preises und des Gebetes, sondern auch der Zu-[121]spruch der Verkündigung und das Dank­gebet über Brot und Kelch geschieht in der Spontaneität der glaubenden Kirche und ihrer Glieder. Wiederum ist der Dienst der Gemeinde vor Gott bei aller Spontaneität der glauben­den Gemeinde zugleich Gottes Tat. Dieser Dienst ist nicht nur Antwort auf Gottes Tat, son­dern gewirkt durch Gottes Tat. Er ist das Lobopfer, das Gott sich selbst bereitet durch den Heiligen Geist. Der Dienst Gottes an der Gemeinde und der Dienst der Gemeinde vor Gott gehören somit nicht nur zusammen, sondern sie durchdringen einander in einem pneumati­schen Geschehen.

Mit der Reihenfolge Dienst Gottes und Dienst der Gemeinde kann also nicht gemeint sein die Reihenfolge der Worte und Handlungen im Aufbau des Gottesdienstes. Mit dieser Unterschei­dung ist auch nicht gemeint, daß der Dienst Gottes und der Dienst der Gemeinde in exklusiver Weise auf die verschiedenen Stücke des Gottesdienstes verteilt werden könnten. Wohl aber bezeichnet diese Unterscheidung und diese Reihenfolge von Gottes Dienen und Dienst der Gemeinde eine unumkehrbare innere Ordnung des christlichen Gottesdienstes, eine innere Ordnung, die zugleich der heilsgeschichtlichen Ordnung entspricht, auf der der christliche Gottesdienst gründet und in der er steht:

Vor dem Gottesdienst der Kirche geschah die Heilstat Gottes in Christus: die Sendung des Sohnes ins Fleisch, die Dahingabe Jesu ans Kreuz und die Proklamation des Kreuzessieges Jesu in seiner Auferweckung aus dem Grabe. Vor dem Gottesdienst der Kirche steht der Auftrag Jesu Christi, seiner zu gedenken und ihn der Welt zu verkündigen. Vor dem Gottes­dienst der Kirche steht die Verheißung, daß er stets bei den Seinen bleiben und durch sie seine Taten tun wird. Vor dem Gottesdienst der Kirche stehen die Apostel als die berufenen Augen­zeugen der Auferstehung Jesu Christi und als die Bürgen und Diener seines Auftrags und seiner Verheißung. Und vor dem Gottesdienst der Kirche geschah die Ausgießung des Heili­gen Geistes, sie aber nicht nur als einmalige Tat, wie Christi Tod und Auferstehung, sondern als erstmalige Heilstat, der immer neue Geistesausgießungen auf immer neue Menschen folgen.

Diese heilsgeschichtliche Ordnung, auf der der Gottesdienst gründet, ist zugleich die innere Ordnung, in der der christliche Gottesdienst zu geschehen hat. Alles menschliche Tun, durch das Gott hier der Gemeinde dienen will, ist endgültig bestimmt durch Gottes geschichtliche Heilstat und den damit verbundenen Auftrag und die Verheißung des Herrn. Die geistliche Spontaneität der Zeugen und Hirten, durch die Gott an der Gemeinde handelt, hat allein der Ausführung des geschichtlichen Auftrages zu dienen, den Christus der Kirche gegeben hat und der uns durch die Apostel überliefert ist. Ist es doch das Wesen des Heiligen Geistes, daß er „nicht redet von sich selber“ (Joh. 16,13), sondern „erinnert“ an all das, was Jesus Christus gesagt hat (Joh. 14,26). Alle Vergegenwärtigung, Entfaltung, Konkretisierung der Herrenwor­te durch den Geist bestätigt die Endgültigkeit dessen, was Jesus Christus ein für allemal gesagt und getan hat. So ist das menschliche Reden und Tun, durch das Gott der Gemeinde dient, gänzlich umschlossen von Gottes Tun und hineingenommen in die eine große Bewe­gung der [122] Herablassung Gottes in die Tiefen der Menschheit, hineingenommen in die eine große Bewegung seiner Selbsterniedrigung von der Menschwerdung an bis zur Darrei­chung von Christi Leib und Blut im Abendmahl an die Gemeinde. Diese eine durchgehende Bewegung göttlicher Herablassung darf vom Menschen an keiner Stelle durchbrochen oder abgekürzt werden, weder im Handeln dessen, der den Gottesdienst leitet, noch im Denken der theologischen Reflektion. Denn die Bewegung des göttlichen Erbarmens zielt auf den Zu­spruch: „für euch gegeben“. Sie kommt zur Erfüllung in dem Empfang seiner Gaben durch die Gemeinde.

So ist der Mensch, durch den Gott seiner Gemeinde dient, nur Werkzeug der Zuwendung Gottes zu den Menschen. Er hat nicht Gott mit den Menschen zu versöhnen. Gott hat ja in Christo die Welt versöhnt mit sich selber (2. Kor. 5,18). Der Mensch hat diese Versöhnungstat nur zu verkündigen und zu mahnen: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ — und hierbei darf er gewiß sein, daß Gott durch ihn mahnt (V. 20). Der Mensch hat Gott kein Sühneopfer darzu­bringen. Christus hat ja dies Sühneopfer dargebracht am Kreuz. Der Mensch hat Gottes Bun­desschluß in Christi Blut nur zu verkündigen, er hat nur Brot und Kelch zu nehmen, zu segnen und darzureichen. Und hierbei darf er gewiß sein, daß Christus selbst in diesem Mahl seinen Leib und sein Blut der Gemeinde darreicht und ihr damit Anteil gibt an seinem Opfertod am Kreuz.

Die evangelische Theologie ist streng asketisch gegenüber allen naheliegenden religionsge­schichtlichen und syllogistischen Möglichkeiten einer symbolischen oder auch einer reali­stisch gemeinten Ausdeutung des segnenden und spendenden menschlichen Tuns, durch das Gott der Gemeinde dient. Sind doch die neutestamentlichen Schriften bekanntlich gerade an diesem Punkt äußerst zurückhaltend mit ihren Aussagen. Im Gottesdienst opfern wir Christus nicht, und auch Christus opfert sich nicht abermals durch unser Tun. Der christliche Gottes­dienst ist kein von Menschen Gott dargebrachtes Sühneopfer, sondern das von Gott den Men­schen zugewandte ein für allemal vollbrachte Sühneopfer Christi, das die Gemeinde im Glau­ben lobpreisend empfängt. Das Tun der Kirche im Gottesdienst ist nicht sacrificium propi­tiatorium, sondern sacrificium eucharistikon auf Grund des sacrificium propitiatorium Christi am Kreuz, an dem uns Gott durch Wort und Sakrament Anteil gibt.[4]

 

III. Die ekklesiologische Entfaltung des Dienstes Gottes an der versammelten Gemeinde

Indem im christlichen Gottesdienst Gott den hier versammelten Menschen dient, vereinigt er sie mit sich und untereinander. Indem sie Christi Leib empfangen, sind sie ein Leib, sein Leib. Aber Gott vereint die örtlich Versammelten nicht nur miteinander, sondern mit allen Glauben­den auf Erden. Denn es ist der eine Herr, der sich hier und an allen Orten den Seinen schenkt. Demgemäß be-[123]zeichnet dasselbe Wort „ekklesia“ im Neuen Testament sowohl die Orts­gemeinde als auch das ganze Gottesvolk auf Erden. In der örtlichen gottesdienstlichen Ver­sammlung manifestiert sich die Gemeinschaft aller Glaubenden.

Diese Gemeinschaft ist nicht nur Gemeinschaft mit den Brüdern, die gleichzeitig mit uns leben, sondern zugleich Gemeinschaft mit den Vätern, die uns im Glauben vorausgegangen sind. Denn es ist ja zu allen Zeiten der eine Herr, von dessen Gnade die Glaubenden leben, derselbe Herr, der einst an ihnen gehandelt hat und der heute an uns handelt. Sie alle, auch die Frommen des Alten Bundes, lebten von dem Opfer Christi. Der alttestamentliche Opferkult war schon der Schatten dieser kommenden Wirklichkeit. So dienen wir Gott in Gemeinschaft mit den Aposteln und den alttestamentlichen Propheten und mit den bekannten und unbekann­ten Gliedern des alt- und neutestamentlichen Gottesvolkes. Im christlichen Gottesdienst mani­festiert sich die Kirche aller Orte und Zeiten. Und zwar besteht diese Gemeinschaft nicht nur in einer historischen Erinnerung an die, die uns vorausgegangen sind und auf deren Dienst wir gründen; sie besteht nicht nur darin, daß wir im Gottesdienst ihre Lehre bewahren und mit ihren Gebeten Gott preisen. Im Gottesdienst haben wir mit ihnen Gemeinschaft als mit sol­chen, die leben, wenngleich sie starben. Indem wir im Herrenmahl jetzt schon teilhaben am kommenden Hochzeitsmahl des Lammes, haben wir über den Abstand der Zeit und auch über die Problematik des Zwischenzustandes hinweg Gemeinschaft mit allen, die der Herr einst in seiner Parusie aus allen Ländern und Zeiten versammeln wird zur ewigen Freude. In der Anbetung des einen Herrn ist das auf Erden wandernde und das ans Ziel gekommene Gottes­volk eines.

 

  1. Die kosmologische Entfaltung des Dienstes Gottes an der versammelten Gemeinde

Durch seinen Dienst erschließt uns Gott zugleich die kosmische Dimension des Lobpreises, den er sich bereitet hat in der außermenschlichen Kreatur, des Lobpreises, der durch den Fall des Menschen nicht zum Verstummen gebracht worden ist. Gott ist im christlichen Gottes­dienst gegenwärtig als der Herr, den die Scharen der Engel unaufhörlich preisen. Indem die Gemeinde das Gloria in excelsis und das Sanctus anstimmt, tritt sie herzu zu dieser himmli­schen Liturgie.

Zugleich erschließt Gott ihr den Lobpreis, auf den hin er die außermenschliche sichtbare Kreatur geschaffen hat. Trotz aller Entstellung und allem Seufzen der irdischen Kreatur er­kennt der Glaube, daß sie dem Ruhme Gottes dient. Aus der Gemeinde heraus ergeht so mit dem Psalter der Anruf an Himmel und Erde: „Lobet im Himmel den Herrn …, lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne …!“ und: „Lobet den Herrn auf Erden, ihr Wal­fische und alle Tiefen, Feuer, Hagel, Schnee…, Berge, Bäume, Tiere…!“ (Ps. 148). Jedes Ge­schöpf lobe den Herrn auf seine Art. [124]

Im christlichen Gottesdienst hebt so der einhellige Lobpreis an, auf den hin Gott das All geschaffen hat. Himmel und Erde sollen den Herrn rühmen und in ihrer Mitte der Mensch als Gottes Ebenbild. Noch wird der Lobpreis der Gemeinde auf Erden nur laut unter Bitten, Fle­hen, Seufzen, Klagen. Noch haben wir nur im Glauben teil an der Anbetung der Vollendeten und der himmlischen Scharen der Engel. Noch ist der Gottesdienst der Gemeinde umgeben vom Seufzen der außermenschlichen Kreatur. Und doch ist die Kirche schon jetzt der Mund des Lobpreises, den einst die ganze neue Schöpfung Gott darbringen wird.

So ist im gottesdienstlichen Geschehen die ganze Heilsgeschichte in eigentümlicher Weise konzentriert, nämlich die Taten, die Gott als Schöpfer, Erlöser und Neuschöpfer an Mensch­heit und Kosmos getan hat und tun wird, und die diesen Taten angemessene Antwort des Menschen inmitten aller Kreatur. Gottes Tat und Menschentat kommen im Gottesdienst zur Einheit, indem Gott sich in Christo dienend herabläßt und die Gemeinde dem gekreuzigten Christus als Herrn und Gott die Ehre gibt. So hat das gottesdienstliche Geschehen als Ganzes, wie auch die Darreichung von Christi Leib und Blut „in, mit und unter“ Brot und Wein teil an der Struktur der Inkarnation.

Ich komme zum Schluß, indem ich nochmals auf die Einleitung meiner Ausführungen zurück­komme:

Als Konzentration des Heilshandelns Gottes ist die gottesdienstliche Versammlung die lebenspendende Mitte der Lebensbewegungen der Kirche inmitten der Welt. Denn immer wieder sammelt hier der Herr die in der Welt Zerstreuten heraus aus der Welt, reinigt sie von ihren Sünden, stärkt sie in ihren Anfechtungen, eint sie aufs neue mit sich. Immer wieder sendet zugleich der Herr hier die Seinen hinein in die Welt. Indem er ihnen dient, befiehlt er ihren Dienst in der Welt, und indem er sie stärkt, gibt er ihnen die Vollmacht für diesen Dienst, den Dienst der Rettung an denen, die mit der Welt dem Gericht verfallen sind, wenn sie nicht zum Glauben kommen. Das Opfer der Hingabe kann also nicht beschränkt bleiben auf die gottesdienstliche Versammlung. Ist hier wahre Hingabe, dann bricht das Lobopfer der Gemeinde von hier aus hinein in die Welt, und es wird das ganze Leben der Glieder der Gemeinde zum Lobopfer, das Christus preist. „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles in dem Namen des Herrn und danket Gott und dem Vater durch ihn“ (Kol. 3,17). So ist der gebotene Gottesdienst der Christen das tägliche Opfer des ganzen Menschen im Gehorsam des Tuns und des Leidens. Der Glaube, der Gottes Gabe empfängt, kann nach reformatorischer Lehre nicht ohne gute Werke bleiben, wenngleich der Glaubende die Gnade nicht wegen der Werke empfängt. Aber der Glaube an Christus macht uns zu Sklaven dieses Herrn, und als seine Sklaven sind wir befreit zur Freude seines Dienstes.

In dieser doppelten Lebensbewegung, heraus aus der Welt und hinein in die Welt, wird die Kirche von Gott auferbaut und ist sie der wachsende Christus-[125]leib, wachsend an Gaben und wachsend an Gliedern. Sie wächst von Christus dem Haupte her, der in der gottesdienst­lichen Versammlung Anteil an seinem geopferten Leibe gibt.

Freilich wäre sowohl die Sammlung heraus aus der Welt als auch die Sendung hinein in die Welt verkannt, wenn man hier nur an die örtlich versammelte Gemeinde denken würde. Da sich im örtlichen Gottesdienst durch das Sich-Schenken des einen Herrn die eine Kirche aller Orte und Zeiten manifestiert, entbindet der Gottesdienst wesensgemäß den Drang, über die örtlichen Grenzen hinaus die in Christus gegebene Gemeinschaft aller Glaubenden sichtbar werden zu lassen in wechselseitigem Trösten und Mahnen, Helfen und Geben und in der wechselseitigen Teilhabe an den Gaben und Leiden, mit denen Christus die Seinen auszeich­net. Dieser Drang kann auch nicht haltmachen an den Grenzen der Spaltungen, die die ver­schiedenen Teile der Christenheit voneinander trennen. Er ist vielmehr das sehnsüchtige und liebende Suchen der Gemeinschaft mit allen, die durch den Christusnamen gezeichnet sind, um mit ihnen allen gemeinsam der Welt den Herrn zu verkündigen, dessen Eigentum sie bereits ist, auch wenn sie es noch nicht erkennt.

Quelle: Edmund Schlink, Der kommende Christus und die kirchlichen Traditionen. Beiträge zum Gespräch zwischen den getrennten Kirchen, Göttingen 1961, 116-125.

[1] Vortrag, gehalten am 1. August 1960 auf dem römisch-katholischen Internationalen Wissenschaftlichen Kongreß, der über das Thema „Der Kult und der heutige Mensch“ aus Anlaß des Eucharistischen Weltkon­gresses in München stattfand. Die Formulierung des Themas war durch den Kongreß vorgegeben.

[2] M. Luther, WA 49, 588, Z. 15ff.

[3] Leiturgia, Handbuch des Evangelischen Gottesdienstes, Bd. I, 1954, 82-361.

[4] Vgl. Artikel XXIV der Confessio Augustana und ihrer Apologie, hier besonders § 16 ff.

Hier Schlink Vortrag als pdf.

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