Karl Kupisch über Christoph Blumhardt: „Er war ein Mensch von einer Liberalität, wie sie heute kaum noch anzutreffen ist. Diese Freiheit hatte ihre Wurzeln in seiner un­zerstör­baren Hoffnung, daß Gottes Reich kommt.“

Christoph_Blumhardt
Christoph Blumhardt (1842-1919)

Christoph Blumhardt

Von Karl Kupisch

Christoph Blumhardts Blick war nicht auf den Protestantismus (oder des­sen Kirchen) ge­richtet, sondern auf das Reich Gottes. Dieser Ausdruck ist heute wenig gebräuchlich. Die seit Blumhardts Tod in Gang gekommene Erstarkung des kirchlichen Selbstverständnisses hat ihn zugunsten der „Kirche“ verdrängt, viele argwöhnen in ihm eine Liebhaberei der Schwär­mer. Und „Schwärmer“ werden in der Kartei der Kirchen nicht geführt. Wollte man von Blumhardt einen geistigen Ahnenpaß aufstellen, so würde das eine recht eigentümliche Namenreihe erge­ben, die im Katasterbuch der Theologiegeschichte mit sehr unterschiedlichen, meistens schwankenden Grundwerten verzeichnet ist. Ich widerstehe der Versuchung und bleibe im Bereich seines engeren Hauses.

Wer von Christoph Blumhardt reden will, muß zunächst einiges von sei­nem Vater sagen. Johann Christoph Blumhardt (1805-1880) ist als Sohn einer armen Handwerkerfamilie in der von der Landeskirche unabhängi­gen Gemeinde Korntal aufgewachsen. Der von Bengel, Oetinger und Phi­lipp Matthäus Hahn geprägte schwäbische Pietismus hatte hier seine Heim­stätte. Im Tübinger Stift gehörte zu seinen Freunden u. a. Eduard Mörike, der gern mit seinem „Blumhärdtle“ das „Däumeln“ trieb. Er hielt sich zu dem Kreise „erweckter“ Studenten, die sich um den jungen, früh verstor­benen Ludwig Hofacker sammelten. Nach dem Studium der Theologie und einem kurzen Vikariat wurde er für sieben Jahre Lehrer am Baseler Missions­haus, das eine Art Vorort der württembergischen Erweckungs­kreise war. Noch einmal folgte ein Vikariatsjahr in Iptingen, einer Land­gemeinde im Oberamt Vaihingen, von der aus hun­dert Jahre später Paul Schempp seinen leidenschaftlichen Kampf gegen den Stuttgarter Ober­kirchenrat führte. Im Jahre 1838 kam er nach Möttlingen bei Calw, das für zwölf Jahre seine Wirkungsstätte als Pfarrer wurde. Blumhardt war kein Pfarrer von besonders hervorstechen­den Eigenschaften, durch die er sich von den besten seiner Berufskollegen wesentlich unter­schieden hätte. Er war treu in seinem Amt, seiner Gemeinde ein gewissenhafter, bibel­gläubig­er Hirte, ganz der Praxis eines Landpredigers hingegeben. Auch die Gemeinde Möttlingen ragte nicht durch besondere Frömmigkeit aus ihrer Umgebung heraus. Im Gegenteil: die Kla­ge war wohl berechtigt, daß sich in ihr „kein Leben“ zeigen wolle. Man hatte sie, wie Blum­hardt selber sagte, „zu Tode gepredigt“. Man war abgestumpft, nach außen ge­wiß noch „gut kirchlich“, aber in der Bewährung des Christenstandes kraft­los. Da geschah, etwa um 1842, jener Vorgang, der zu einer Wende im Leben Blumhardts wie der Gemeinde führen sollte. Ein 27jähriges Dorf­mädchen litt an einer psychisch-physischen Krankheit, die Blum­hardt, je mehr er sie beobachtete, als „Besessenheit“ erkennt, wie sie in den analogen Berich­ten des Neuen Testaments geschildert wird. Er tritt nun jener Gottliebin Dittus nicht als Arzt entgegen. Was hier zu geschehen hat, damit eine „Erlösung“ eintrete, kann nicht mit den Mitteln der roman­tischen Medizin, mit Magie und Magnetismus, wie sie Franz Anton Mesmer und Blumhardts Landsmann Justinus Kerner zur Hand waren, vor sich gehen. Wenn eine Heilung erreicht wer­den soll, kann sie überhaupt von keinem Menschen kommen, son­dern allein von Jesus. Man beachte: Blumhardt hat diesen „Fall“ der Gottliebin nicht gesucht. Er kam auf ihn wie eine Herausforderung des Glaubens zu. Wollte er ihm nicht ausweichen, so mußte jetzt ein Kampf geführt werden, in dem Jesus Sieger blieb. Dieses Wochen- und monatelange Ringen trug keinerlei hektische Züge. Sosehr Blumhardt davon überzeugt war, der Macht der Finsternis gegenüberzu­stehen, so war er doch kein Exorzist, kein Teufels- oder Dämonenbeschwö­rer. Oft stand er vor der Frage, ob das, was er hier erlebte, nicht ein Trug­bild der Hölle sei, um ihn selber zu Fall zu bringen. Aber in seinen Gebeten für die Kranke, meist in Gegenwart der rat­losen Ärzte, ging es ihm einzig um die Gewißheit, daß das Reich Gottes Wirklichkeit sei. In allem blieb er jedoch völlig nüchtern und verrichtete seinen Dienst in der Gemeinde ge­wis­senhaft und treu wie zuvor. Die Gewalt der Finsternis schien indessen sich noch mehr auszu­weiten, als auch der halbblinde Bruder und die Schwester der Gottliebin von den furchtbaren Anfällen heimgesucht wur­den. Es war in den Weihnachtstagen 1843, als die Zustände gerade dieser Schwester einem Höhepunkt zutrieben. Aber inmitten der schauer­lichen, krampfhaft en Schreie entrang sich plötzlich der Kehle der Gequälten der zweimalige Ruf: „Jesus ist Sieger! Jesus ist Sieger!“ Damit war der Bann gebrochen. Von allen drei Befal­lenen wich die Krank­heit rasch, und zwar für immer.

Aber auch er selber, Blumhardt, fühlte sich als ein Geretteter. Denn das war die große Erfah­rung dieser Kämpfe: Das Reich Gottes bricht in diese Welt ein. Es ist keine fromme Idee, sondern erweist sich als Macht in der Wirklichkeit des menschlichen Lebens. Die Folge der Heilungen war der Anbruch einer Erweckung in Möttlingen. Menschen bekannten ihre Sün­den und empfingen mit offenem Herzen das Wort der Versöhnung. Audi mancherlei Heilun­gen fanden statt. Von weit und breit kamen Menschen nach Möttlingen, um sich helfen zu lassen. Sogar der ehemalige Studien­freund Eduard Mörike kam mit rheumatischen Rücken­schmerzen herbei­geeilt und empfand schon bei der Begrüßung durch Umarmung eine spür­bare Linderung. Aber nicht diese auch von mancherlei Kuriositäten be­gleiteten Aufregungen waren für Blumhardt entscheidend, sondern die tiefe Überzeugung von der Nähe des Reiches Gottes, dessen Anbruch ge­wiß nicht von Möttlingen abhängig sei. Die Erweckung kam auch bald zum Stillstand. Aber für Blumhardt blieben diese Erlebnisse ein Zeichen für die Wieder­kunft Jesu, der eine besondere Gnadenzeit vorangehen werde.

Im Jahre 1852 erwarb er das ehemals königliche Schwefelbad Boll, das nach seinen eigenen Worten „ein vergrößertes Pfarrhaus“ werden sollte. Zu einer neuen Erweckung kam es hier nicht. Aber zahllose Hilfesuchende strömten herbei, fanden mancherlei leibliche Hilfe. Dar­über hinaus sollte Bad Boll ein Haus der Hoffnung sein, ein „Herd der Hoffnung des Reiches Gottes, ein Ort, an dem weiter gewartet und gebetet, gekämpft und ge­siegt werde, damit es vorwärts gehe, der Erfüllung der Verheißung ent­gegen“ (Zündel).

Christoph Blumhardt ist in Möttlingen geboren. Seine Kindheit fiel in die „Kampfzeit“ des Vaters. Auf dessen Wunsch studierte er in Tübingen Theologie, ohne daß irgend einer seiner Lehrer auf ihn besonderen Ein­druck gemacht hätte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er sich auf einen anderen Beruf vorbereitet, am liebsten ein Handwerk ergriffen. Auch während sei­ner Vikariatszeit, die er in verschiedenen württembergischen Gemeinden zubrachte, kam ihm wiederholt die Zweifelsfrage, ob er über­haupt für das Pfarramt tauge. Im Jahre 1869 holte ihn der Vater zu sei­ner Unterstützung nach Bad Boll. Zehn Jahre lang stand er an seines Va­ters Seite, dessen geistesmächtige Persönlichkeit ihn „mit höchster Ehr­erbietung“ erfüllte. Durch ihn wurde ihm die Botschaft vom Reiche Got­tes wahre Herzenssache. Was er in Boll biswei­len an Wundern der Wir­kung des Heiligen Geistes erfuhr, wurde auch ihm zum „Zeichen“. Er be­gleitete den Vater wiederholt auf seinen vielen Reisen und lernte dabei etwas von der „Welt“ kennen. Dabei zeigte sich, daß er doch einer anderen Generation angehörte als der Vater. Es wurde ihm auch klar, daß es auf dem Gebiet des Reiches Gottes keine Vererbung gebe. Jeder muß selber und von vorn anfangen, um seiner Berufung gewiß zu werden. Viel­leicht hat das auch Vater Blumhardt empfunden, als er auf dem Sterbebett dem Sohn zurief: „Christoph, es muß durch, es muß!“ Als dieser darauf ant­wortete: „Es wird gesiegt!“, legte ihm der Sterbende die Hände auf mit den Worten: „Ich segne dich zum Siegen.“

Im äußeren Stil änderte sich während der kommenden Jahrzehnte in Bad Boll nichts. Der Besucherstrom riß nicht ab. Es gab nach den Berichten auch Gesundungen von körperlichen Übeln. Der junge Blumhardt wuchs in die Lebensarbeit des Vaters hinein. Seine Andachten, seine Gespräche mit den Gästen atmeten den Geist, der dieses Haus von seiner Gründung an bestimmt hatte. Den Geist des traditionellen Pietismus hatte schon der Vater überwunden. Das Zentrum alles Lebens lag außerhalb aller from­men individualistischen Wünsche und Behag­lichkeiten. Die Botschaft vom Reiche Gottes umspannte den Einzelnen wie alle Kreatur Got­tes. Aber in der Verkündigung des jungen Blumhardt wurde allmählich eine stärkere Unter­streichung dieser Verkündigung zum Konkreten hin hörbar. Das Wort: „Also hat Gott die Welt geliebt“, ist keine fromme Metapher oder Luxuswahrheit der beati possidentes, es will verwirklicht werden. Blum­hardt ging mit diesem „Weltchristentum“ einen großen Schritt wei­ter als sein Vater. Gewiß wird die Welt durch Jesus auch gerichtet. Aber dieses Gericht ist nicht die Vernichtung der Welt. Sie wird in Gerichtszeiten ge­preßt, aber um aus ihr wie aus den Trauben in der Kelter den Wein her­vorgehen zu lassen. Wer dabei ausgeschieden wird, so sagte er schon 1880, „das soll Er ausmachen; wir haben nichts zu tun, als alle Sünden und alles Elend ihm vor die Füße zu werfen“. So wird die Welt für ihn das Feld, dem größte Auf­merksamkeit gilt. Nichts, was hier geschieht, darf dem Christen gleichgültig sein. Geht es doch überall um das Neuwerden der Welt durch die Hand Gottes. Als gegen Ausgang der achtziger Jahre die politischen Gegensätze im Zeichen der Bündnispolitik der großen Mächte sich zuspitzten, sagte er: „Die Mörderwaffen sind alle gerüstet; die Mächte der Finsternis sind schon auf uns und wollen es dahin treiben, daß die Erde, namentlich Europa und wohl auch Deutschland, eine Blutlache werde. Darum denket im Glauben an das Wort: Ich mache alles neu. Muß denn ewig Krieg geführt werden? Dann macht eben Gott nicht alles neu. Wenn nicht eine Zeit erbeten werden kann, in welcher der allmächtige Gott auch Kriegsheere auf hält, dann ist es nicht wahr, und darum glaube ich’s; man kann in dem Riß stehen, daß solche Sachen nicht mehr vorkommen. Aber dann muß etwas geschehen, nicht von uns aus, sondern vom Himmel her, es muß eine neue Gottestat geschehen, es muß sichtbar werden, daß Jesus wirklich lebt, daß der allmächtige Gott wirklich ist und sich nicht ewig auf die Seite schieben läßt.“

So richtete er den Blick auf die menschliche Gesellschaft. Im Zusammen­leben der Menschen, in der Art, wie sie einander begegnen, sich vonein­ander abheben, sozial und religiös, wird nur deutlich, wie wenig diese Welt, insbesondere die der Kirchen, mit der Wirklichkeit Gottes rechnet. Nein: die Botschaft vom Reiche Gottes gehört in die Welt, sie muß Seite an Seite mit der Welt gehen und jene Umwandlung bewirken, die seiner Dynamik entspricht. Alles stati­sche Religions- und Kirchenwesen erweist sich als ein schweres Hemmnis. Denn: „Es ist eine ungeheure Wichtigkeit, daß gerade um die Erde gearbeitet wird; es soll nicht der Himmel erobert werden, sondern die Erde. Wollte Gott, dieses herrliche Ziel würde ins Auge gefaßt!“

Leonhard Ragaz hatte schon 1893 gefragt: „Ist es … nicht frömmer, in der sozialen Bewegung unserer Tage einen wenn auch unfreiwilligen Weg­bereiter einer neuen Herrlichkeit des Christentums als eine Ausgeburt des Antichristentums zu erblicken?“ Ähnliches konnte man auch von Blumhardt hören. Er hatte sogar schon daran gedacht, auf seine kirchlichen Rechte freiwillig zu verzichten, um die Bildung einer Sonderkirche in Bad Boll zu verhindern. Freun­de rieten ihm damals (1894) davon ab. In der kom­menden Zeit verdüsterte sich aber die sozialpolitische Situation immer mehr. Wilhelm II. hatte seinen angeblich arbeiterfreundli­chen Kurs rasch wieder verlassen. Er war nur der Laune eines Augenblicks entsprungen, um sein Popularitätsbedürfnis zu befriedigen. Als das erwartete Echo der Ar­beiterschaft ausblieb, schwenkte er in dieselbe Politik wieder ein, um deretwillen er 1890 Bismarck entlassen hatte. Sein Günstling, der von der Kirche für sein Interesse an ihrer gedeihlichen Entwicklung aus­gezeichnete ultrakonservative Großindustrielle Freiherr Carl von Stumm-Halberg, trieb ihn an, harte Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie zu ergreifen. Die von der kaiserlichen Regierung eingebrachte „Umsturzvorlage“ (1895) wurde freilich vom Reichstag abgelehnt. Ebenso kam 1899 die „Zucht­hausvorlage“ zu Fall, für die nur die Konservativen gestimmt hatten.

Für Blumhardt waren diese Vorgänge das Signal, einen längst erwogenen Entschluß auszu­führen. Was hatte es für einen Sinn, von der Botschaft des Reiches Gottes für die Welt zu reden und selber wie die säkularen Kirchen­männer nur mit den Fußspitzen gerade noch ihren Rand zu berühren? Diese Welt wiederum hatte ihren als Welt erkennbarsten Ort, wo ihr Ruf nach Erlösung am lautesten zu vernehmen war bzw. wo diese Erlösung ihr von den Mächtigen und Frommen dieser Zeit am härtesten verwehrt wurde. So wurde ihm die Sozialdemokratie zu einem prophetischen Rufer für die Beseitigung der Not einer ganzen Klasse der Gesell­schaft. Ihr Ma­terialismus, auf den die Kirchenleute mit Entsetzen hinweisen – meist ohne den eigenen, bürgerlichen zu bemerken – störte ihn überhaupt nicht. Auch er spricht von dem „Unsinn“ der propagandistischen Parole: „Wenn wir einmal leiblich versorgt sind, dann wer­den wir alle besser sein, als wir heute sind.“ Dennoch ist ihm dieser Schrei „eine Prophe­ten­stimme aus der Welt“, mag er auch noch so „rauh und seinem Ausdruck nach so gottlos her­auskommen – es liegt dennoch in ihm eine reale Gotteswahrheit, realer als in allem geistli­chen und religiösen Wesen. Unsere, der Christen Sache, ist so geistig geworden, daß man die Leute im Geist ersäuft hat.“ „Wenn du vom Himmelreich schwatzest und läßt deine Mitmen­schen in ihren Fesseln und Banden und lässest die Gebundenen gebunden und die Ge­schun­denen in ihrem Elend und weißt nicht einmal über die nächsten Standesunterschiede wegzu­kommen, daß du ein Grauen hast vor den geringen Menschen und nur in deiner Höhe leben willst! Da­für hat man heute kein Interesse mehr, heute leben wir in der Zeit des Prole­tariats. Die Prole­ta­rier sind eben da. Gott segne sie!“ So konnte er auch den sozialistischen Feiertag, den 1. Mai, an dem die Polizei mit Säbelhieben gegen die Ar­beiter vorging und damit das Geschäft der Industriekapitäne besorgte, rechtfertigen. Dieser Tag war ihm ein Symbol der erwachen­den Arbeiter­schaft. Gott will mit dieser sozialistischen Bewegung die lendenlahme Christen­heit an die Wahrheit seines Reiches mahnen. „Wie kannst du hoch und religiös sein, wenn du gut issest und nicht an deine Nebenmenschen denkst, die im Hunger sind? Heute mußt du daran denken, und es ist Gottesdienst, wenn Menschen aufstehen und sagen: Ich will auch leben … Gerade die sogenannten gottlosen Menschen schaffen und arbeiten im Wein­berg, sie sind nicht kirchlich und tun, als ob sie keine Religion hätten, aber ist das keine Reli­gion und nicht gebetet, wenn man sich darum müht, daß der Mensch zu seinem Recht kommt?“ Die Kirche glaubt mit Al­mosen, karitativer Arbeit, genug zu tun und bekommt dabei das Problem überhaupt nicht zu Gesicht. Das Ringen um eine neue Gesell­schaftsord­nung – an der die Hierarchen innerlich fremd vorbeigehen, weil das nicht Aufgabe der „Kirche“ sei – ist in Wahrheit ein Glaube an das uns durch Christus verheißene Reich Gottes.

Das Echo auf Blumhardts politisches Engagement konnte man alsbald von dem königlichen Konsistorium in Stuttgart vernehmen. Er wurde aufge­fordert, auf die Rechte des geistlichen Standes und seine Amtsbezeichnung zu verzichten. Er ist dem unverzüglich nachgekommen. Was konnten für ihn noch Berufsansprüche an eine Institution bedeuten, die lediglich das amtliche Christentum vertrat, mit dem er längst gebrochen hatte. Ein Pa­stor sollte sich par­teipolitisch nicht binden. Wurde er gar Mitglied der gott- und vaterlandslosen Sozialdemo­kratie, so war das eine unaustilgbare Schändung seiner Berufsehre als Geistlicher. Zwanzig Jahre später wurde von keiner Kirchenbehörde Anstoß genommen, wenn höchste geistliche Beamte und Gemeindepfarrer Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei wurden, die sich den Sturz der geltenden demokratischen Ordnung als Ziel gesetzt hatte.

Auch manche gute Freunde verstanden Blumhardts Eintritt in die Sozial­demokratie nicht. Ihnen hat er in einem allgemeinen Rundschreiben seine Gründe noch einmal dargelegt. Daß die Sozialdemokratie, so schrieb er, blutige Revolution wolle, den ungerechten Umsturz aller bestehenden Ver­hältnisse und damit allgemeine Unordnung, sei nicht wahr. Gegenüber der blutigen französischen Revolution, auf die man immer wieder hinweise und die doch den Fortschritt der heutigen Zeit begründet habe, wäre zu sagen: Die Reformation des 16. Jahr­hunderts ist viel blutiger verlaufen und hat doch nur in einem gewissen Grade religiöse Frei­heit geschaffen. „Die Prinzipien der Sozialdemokratie aber wollen allen Revolutionen ein Ende machen… Tritt nun eine Gesellschaft auf, aus bitterster Not geboren, und ringt um dieses Ende, um Erlösung von der Geldwelt und Geldzeit, wer will mir wehren, dieser Gesellschaft die Hand zu reichen im Namen Christi? Wer will mir’s verargen, ihr Recht zu geben in ihrem lauten Zeugnis, daß wir uns auf abschüssiger Bahn befinden, und in ihrer Hoff­nung, daß wir trotz alles heutigen Verderbens einer neuen Zeit entgegen­gehen, einer Zeit, in welcher es in Wahrheit heißen wird, Friede auf Erden! Solches Endziel ist das Reich Gottes auf Erden, des Gottes, der ein Heiland ist aller Menschen.“ Seinem Schwiegersohn, dem später berühm­ten Sinologen Richard Wilhelm, schrieb Blumhardt: „Gott tut immer wie­der neue Türen auf, und es ist mir in letzter Zeit deutlich gezeigt worden, wie ich ganz in die Welt gehöre.“ Und an einer anderen Stelle: Der Ge­danke, daß Jesus das Reich Gottes auf Erden will wie im Himmel, „der Gedanke, daß die Kapitalherrschaft die Masse der Menschen nur als Skla­ven behandelt, verbindet mich mit der Seele des Proletariats“. Der alte Ruf: Jesus ist Sieger! erfuhr jetzt seine Fortsetzung in dem anderen: Gott ist für uns! Sein Ort ist nicht die Kirche mit ihren „Gottes­häusern“, son­dern die Welt der Menschen.

Blumhardt erhielt bald auch ein Mandat im Württembergischen Landtag. Er hat es bis 1906 wahrgenommen, aber sich dann doch nicht mehr als Kandidat aufstellen lassen. Die prakti­sche Politik ist ihm nie die Haupt­sache gewesen, wie er auch nicht Sozialdemokrat geworden ist, weil er in dieser Partei die Hoffnungen sich verwirklichen sah, die er in der Kirche vergeb­lich gesucht hatte. Hinter all seinem Tun und Lassen auch als Mit­glied der SPD stand doch primär seine Verkündigung an die Menschen: „Ihr seid Gottes!“ Und ihr ist er treu geblieben. Das bedeutete einen dauernden Kampf. Von ihm zeugen die Briefe, die er dem Schwieger­sohn schrieb. Richard Wilhelm ist 1899 im Dienst des Allgemeinen Evangelisch-Protestan­tischen Missionsvereins nach China gegangen. Seine Aufgabe: er sollte im Gebiet von Kiaut­schou sich als Missionspfarrer betätigen, zu­gleich um eine geistig-kulturelle Annäherung Chinas und Deutschlands be­sorgt sein. Seine Anfänge fielen in die Zeit, als Deutschland mit der Inter­vention in China seine Ostasienpolitik begann und sich mit dem Pachtver­trag auf 99 Jahre am Gelben Meer militärisch und wirtschaftlich festsetzte. Es ist geradezu aufregend, zu verfolgen, wie Blumhardt an den Vorgängen im Fernen Osten teilnimmt und seine Beobach­tungen und Überlegungen dem Schwiegersohn mitteilt. Diese bis an die Schwelle des 1. Welt­krieges reichenden Briefe sind ein theologisch-politischer Kommentar der Welt- und Lebens­auffassung Blumhardts. Er beginnt gleich mit der Mahnung, der Schwiegersohn solle unter gar keinen Umständen den Versuch machen, die Chinesen in dem üblichen europäisch-kirch­lichen Sinne zu christianisie­ren. Die Chinesen, dieses große Proletariervolk der Welt, das die europä­ischen Kapitalmächte ausplündern, sich in Abhängigkeit unterwerfen, da­für mit dem „Christentum“ beglücken, sie sollen das Himmelreich haben. „Es wird ihnen unterhaltender sein als der lutherische Katechismus.“ „Der Kaufmann, der Missionar, der Soldat, jeder will die Völker nach seiner Art in seine Tasche stecken. Statt in Gottes Hände sollen die Völker in der Menschen Hände fallen.“ Die Botschaft vom Reiche Gottes gilt auch und gerade diesen Armen. Sie kann nur als persönliches Zeugnis auftreten, nicht in der Form von „Religion“ und „Kirchentum“. „Wir wollen die Zeit erfüllen mit wahrem Menschentum, mit dem Menschen Jesus Chri­stus, dem einen Mittler zwischen Gott und den Menschen … indem wir nicht als Geistliche und Priester, sondern als Jünger und Sklaven Christi allen Menschen nahetreten.“ Darum möge Richard nicht „in päpstliches Fahrwasser kommen durch Gemeindebildung nach bisheriger Art“. Schon dem jungen Paar hatte er empfohlen, sich „in aller Stille“ trauen zu lassen, wo eben ein Standesamt ist und ein Pfarrer. Letzterer wäre ja eigentlich unnötig: denn die Formeln der Kirche sind verhängnisvoll. „Ihr seid von Gott getraut, nicht von Menschen.“ So empfiehlt er jetzt, mit dem Taufen vorsichtig zu sein. „Sobald Du anfangen würdest zu taufen, dann glaube mir, bekommst Du die Untauglichen, die Schmeichler, die Profitsucher, und Gott zieht seine Schafe zurück.“ „Mache keine Scheidung durch Wasser­taufe! Warum nun die kirchliche, die menschliche Taufe? Unter Umstän­den müßt Ihr Chinesen mit den Chinesen werden, sei es auch, daß es zu einer Trennung von den kirchlich denkenden Men­schen kommt. Gott gebe Dir nur die Taufe, die ohne Wasser sich vollzieht durch den rechten Umgang nach Gottes, nicht nach der Menschen Willen, daß die Leute be­freit und von ihren falschen Instinkten frei werden. Ob diese dann Chri­sten heißen oder nicht, ist ganz einerlei… Christen nach unserer Mode sollen sie nicht werden.“ Richard Wilhelm hat seinen Schwieger­vater nur zu gut verstanden. Er war mit ihm in der Ansicht einig, daß es „gar keine Heiden an sich gibt, denn ein Heide ist nur etwas, wofür man einen anders gearteten Menschen hält, damit man ihn entweder bekehren oder zur Hölle verdammen kann“. Als er schon Professor an der Pekinger Reichsuniversität war, sagte er zu einem chinesischen Kollegen, es sei ihm ein Trost, daß er als Missionar keinen Chinesen bekehrt habe, wobei der Ausdruck „bekehrt“ in jenem von Blumhardt kritisierten Verständnis ge­meint ist. Denn daß die Botschaft vom Reiche Gottes die Menschen ereile, überwinde, befreie, das lag ohne Zweifel auch in der Absicht der Missions­arbeit Wilhelms.

Von einem sogenannten realistischen Standort aus würde es vielleicht nicht schwer fallen, die hier wiedergegebenen Aussagen Blumhardts als die eines Schwärmers zu kennzeichnen. Aber Blumhardt war weder ein Utopist noch ein halsstarriger Zelot. Er hat mit prophetischer Deut­lichkeit die welt­politische Lage und die gefährliche Rolle, die Deutschland in ihr spielte, durchschaut. Im übrigen sind manche seiner Bemerkungen im Laufe der Jahre von ihm selber stillschweigend korrigiert worden, wie er auch über seinen Einsatz in der Politik später zu­rückhaltender dachte. Er war auch kein blindwütiger Kirchenstürmer. Das Wesen der Groß­kirchen wie das offizielle Christentum hatte er freilich weit hinter sich gelassen und er­wartete von diesen Einrichtungen keine Wende mehr. Doch er wußte von dem Geheimnis einer christ­lichen Gemeinde, die ihre Aufgabe in der Welt hat, aber durch keine amtliche Statistik erfaßt wird. Seine Aussagen über die Taufe sind gleichfalls nicht als grundsätzliche Ablehnung zu verstehen. Er kannte sehr gut die Bedeutung der Taufe, aber er kehrte sich gegen die laxe Pra­xis der Kirche, besonders auf dem Felde der Mission. Zur wissen­schaft­lichen Theologie hatte er kaum ein Verhältnis. Er hat die Theologen nicht wie Franz Overbeck als Figaros verspottet. Aber er konnte in einer wunderbaren Überlegenheit von dem dummen Satz sprechen, daß die Theologie die Königin der Wissenschaft sei. Von dem Aberglauben, daß deren Aussagen nor­mative Kraft besäßen, war er völlig frei. Er war trotz eigener theolo­gischer Ausbildung in Lebensführung und Wirksamkeit ein Laie. Jeder Versuch, seinem reli­giösen Denken ein theo­logisches Rubrum zu geben, ist von vornherein zum Scheitern verur­teilt. Von dem jungen Karl Marx ist der Satz überliefert: „Je mehr der Mensch in Gott setzt, um so weniger behält er in sich selbst.“ Das moderne Frömmigkeitsverständnis operierte mit der religiösen Persönlich­keit. Blumhardt hatte alles „in Gott gesetzt“. Darum war er ein Mensch von einer Liberalität, wie sie heute kaum noch anzutreffen ist. Diese Freiheit hatte ihre Wurzeln in seiner un­zerstör­baren Hoffnung, daß Gottes Reich kommt. Gott ist nicht gegen, sondern für die Welt, die ihrer Verwandlung entgegengeht. So war seine Verkündi­gung eine Demonstration, deren Wert, wie Eduard Thurneysen sagt, „nicht in sichtbaren Resultaten, sondern einzig und allein in dem lag, worauf sie hinwies“.

Quelle: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.), Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts, Stuttgart: Kreuz-Verlag 21967, S. 24-32.

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