Martin Luther über den Christus-Glaube in seiner Auslegung des Galaterbriefs von 1531: „Dennoch sitzt in dieser Finsternis Christus, der im Glauben ergriffen wird, so wie der Herr auf dem Sinai oder im Tempel mitten in der Fin­sternis saß.“

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Über den Christus-Glaube

Von Martin Luther

Der Glaube ergreift Christus, der ist die „Grund­form“, die den Glauben schmückt und ge­staltet, wie die Farbe die Wand. Darum ist der christliche Glaube nicht eine müßige Beschaf­fenheit oder eine leere Hülse im Herzen, die mit einer tödlichen Sünde zusammen bestehen könnte, bis dann die Liebe käme und machte ihn lebendig. Wenn er wahrer Glaube ist, dann ist er eine gewisse Zuversicht des Herzens, eine starke Zu­stimmung, durch die Christus ergriffen wird, so daß Christus der Gegenstand des Glaubens ist, freilich nicht Objekt, sondern daß ich so sage: im Glauben selbst ist Christus gegenwärtig. Der Glaube ist eine gewisse Erkenntnis oder Finsternis, die nicht sieht und dennoch sitzt in dieser Finsternis Christus, der im Glauben ergriffen wird, so wie der Herr auf dem Sinai oder im Tempel mitten in der Fin­sternis saß. Unsere Grundgerechtigkeit (formalis nostra iustitia) ist nicht die Liebe, die dem Glauben erst die Gestalt und Kraft gibt, sondern unsere Grundgerechtigkeit ist der Glaube selbst und die Finsternis des Herzens, d. h. unser Vertrauen in eine Sache, die wir nicht sehen, d. h. unser Vertrauen auf Christus, der, mag er auch in keiner Hinsicht gesehen werden, den­noch gegenwärtig ist.

Gerecht macht also der Glaube, der jenen Schatz ergreift und besitzt, näm­lich den gegenwär­tigen Christus. Wie er gegenwärtig ist, ist nicht mit Gedan­ken zu begreifen, denn es sind Finsternisse, wie ich sagte. Wo also der wahre Herzensglaube ist, da ist Christus mitten im Nebel und im Glauben. Und das ist die Grundgerechtigkeit, derentwegen ein Mensch gerecht gemacht wird, nicht wegen der Liebe, wie die Sophisten sagen. Summa: Wie die Sophisten sagen, daß die Liebe den Glauben gestalte und fruchtbar mache, so sagen wir, daß Christus den Glauben gestalte und fruchtbar mache, so daß er Gestalt des Glaubens ist. Darum, der im Glauben ergriffene und im Herzen woh­nende Christus ist die christliche Gerechtigkeit, derentwegen Gott uns als ge­recht betrachtet und das ewige Leben schenkt.

Aus Martin Luthers Auslegung des Galaterbriefs von 1531 zu 2,16 (WA 40/I, 228,29-229,30 – Übersetzung Hermann Kleinknecht)

Hier der Text als pdf.

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