Karl Barths Andacht für Ostersonntag: „Gott geht durch alles das, was wir für gut und böse, wahr und verkehrt, möglich und unmöglich halten, quer hindurch seinen eigenen Weg.“

Corinth - Kain
Lovis Corinth – Kain (Ölgemälde, 1917)

Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für Ostersonntag:

Ostern

Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. 1. Mose 4, 4-5

Nach unserer Ansicht dürfte es zwischen dem Opfer Abels, von dem wir nichts Gutes, und dem Opfer Kains, von dem wir nichts Böses wissen, vor Gott keinen Unterschied geben. Nach unserer Ansicht müßte Jesus Christus einer von den vielen großen Lehrern und Führern der Menschheit heißen, zwischen denen man wählen kann, aber nicht mehr als das. Nach unserer Ansicht bestünde kein Anlaß, unter all dem vielen, was der Mensch tun kann, nun gerade vom Glauben, und unter dem vielen, woran der Mensch glauben kann, gerade vom Glauben an Christus alles Heil zu erwarten. Möchte es uns wohl gehen mit allen unseren Ansichten! Aber es geht uns ja nicht eben wohl dabei. Die Welt unserer Ansichten ist die Welt, in der einer gegen den anderen ist und doch keiner auch nur bei sich selbst zu Hause, die Welt, in der es keine Wahrheit und keinen Frieden gibt, die Welt im Schatten des Todes. Aber Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Das ist nicht unsere oder irgend eines Menschen Ansicht, das ist das gnädige Ansehen Gottes. Gottes Ansehen richtet sich nicht nach unseren Ansichten. Gott geht durch alles das, was wir für gut und böse, wahr und verkehrt, möglich und unmöglich halten, quer hindurch seinen eigenen Weg. Weil er der Herr ist, der besser weiß, was gut, wahr und möglich ist. Weil er selber und er allein gut und wahr ist. Weil er und er allein bestimmt, was möglich und unmöglich ist. Was heißt Ostern feiern? Ostern heißt: Gott gebietet, und es steht da, das Unbegreifliche als notwen­dig, das Törichte als Weisheit, der Tod als Leben. Ostern feiern muß also heißen: den alten Sauerteig ausfegen, d.h. allen unseren Ansichten Urlaub und dem gnädigen Ansehen und Entscheiden Gottes recht geben, einsehen und uns damit zufrieden geben, daß alles genau so ist und genau so gerecht und heilsam ist, wie er es ansieht. Er nimmt Abel an und verwirft Kain. Er erweckt diesen Jesus Christus und keinen anderen als den Erstling unter den Toten. Er legt uns den Glauben vor als das Heil, außer dem kein anderes ist. Und aus dem Wörtlein «Er» leuchtet hinein in die Trostlosigkeit unserer Ansichtenwelt die frohe Botschaft: Siehe, ich mache alles neu [Apk. 21, 5]!

Herr Jesus Christus! Laß in Deinen Tod verschlungen sein den leichtsinnigen und den ernst­haften Hochmut, mit dem wir, was uns gut ist, selbst schaffen wollen. Du hast uns den Vater gezeigt. Laß uns gebunden sein an sein gerechtes Gebot und frei in seiner Liebe. Wir danken Dir, daß wir in Deinem Lichte das Licht sehen. Amen.

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