Karl Barths Andacht für Karsamstag: „Es brauchte schon ein feineres Ohr als das unsrige, um in dem tiefen Schweigen der Nacht und des Tages und der anderen Nacht von Karfreitag zu Ostern die Stimmen des ohn­mächtigen, gebrochenen Zornes der Dämonen dieser Welt und über ihnen die Stimmen des Triumphes der himmlischen Diener Gottes zu hören.“

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Image by Robert Balog from Pixabay

Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für Karsamstag:

Ostersonnabend

Der Herr soll Herr über euch sein. Richt. 8, 23

So das gute Wort Gideons an die Leute, die ihn wegen seiner Siege zu ihrem Herrn machen wollten. Er konnte und wollte solche Herrschaft nicht antreten. Der Herr soll Herr über euch sein. Das ist die Macht Gottes des Schöpfers und Regierers aller Dinge und das ist die unab­sehbare Freiheit, zu der er seine Kinder berufen hat: daß er keinen Herrn neben sich duldet. Gideon wußte und bekannte das freudig und gerne. Andere müssen es widerstrebend und zähneknirschend wissen und schließlich bekennen. Daß es so ist, das ist uns freilich tief verborgen. Wir sehen die Welt voll fremder Herren. Mammon und seine Vettern und Ver­wandten regieren gewaltig und denken nicht daran, abzudanken. Falsche Gottseligkeit macht sich auch breit genug und tut dem Fürsten dieser Welt wahrlich keinen Abbruch. Hatte er sich nicht aufs neue zum Herrn eingesetzt auf Golgatha im Tode des Ge­rechten? Es brauchte schon ein feineres Ohr als das unsrige, um in dem tiefen Schweigen der Nacht und des Tages und der anderen Nacht von Karfreitag zu Ostern die Stimmen des ohn­mächtigen, gebrochenen Zornes der Dämonen dieser Welt und über ihnen die Stimmen des Triumphes der himmlischen Diener Gottes zu hören. Aber was wir noch nicht hören, ist doch schon wahr: «Du wirst meine Seele nicht in der Hölle lassen, auch nicht zugeben, daß Dein Heiliger die Verwesung sehe». Und wenn wir noch nichts zu sehen bekommen von dem Sturz der Mächte, Fürstentümer und Gewalten und von dem Sieg Gottes über alle ihm widerstrebenden Herrschaften, wenn unser Himmel, so weit das Auge reicht, verfinstert ist von ganzen Wolken von anmaßenden Göttern und Göttlein, vor denen die Leute (und wir selbst oft genug mit ihnen) auf den Knien liegen, wenn es nur zu wahr ist, daß wir keinen einzigen dieser falschen Herren aus eigener Gewalt stürzen können und werden – wohl, so ist es uns auch und gerade in dieser Finsternis offenbart, und der Glaube vernimmt trotzig, was das Auge nicht sieht und das Ohr nicht hört: Der Herr soll Herr über euch sein. Dazu, gerade dazu hat Jesus Christus die Not des Todes und den Aufruhr der Hölle über sich ergehen lassen, daß er über sie alle Herr sei. Es ist doch die ganze Welt jener falschen Herren, so gewaltig und eindrucksvoll sie dasteht, reif zum Zusam­menbruch. Es kann ihr doch ein letzter Ernst und Respekt nicht mehr entgegengebracht wer­den. Es sind die Erben der Verheißung mitten im Gefängnis doch jetzt schon die heimlich Freien. Sie sollen es nicht versäumen, ihren Mitgefangenen Boten der göttlichen Freiheit zu sein.

Herr, mach uns frei! Aber mach uns recht frei durch den Anbruch Deiner Herrschaft. Du siehst die Ketten der Sünde und des Todes, die wir tragen. Du weißt unsere Schuld und unser Elend. Aber das Leben ist erschienen. So vertrauen wir und flehen mit allen anderen Gebundenen, unseren Brüdern und Schwestern: Dein Reich komme! Amen.

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