Joseph Wittigs Gruß an die Ostersonne: „Das warst du, Ostersonne! Mit dir, in deinem Licht, war der Herr des Lebens aus dem Grab emporgestie­gen, und kein Toter war mehr im Grabe zu finden!“

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Gruß an die Ostersonne

Von Joseph Wittig

Ostersonne, wer mag noch glauben, daß du das alltägliche Gestirn bist, das über die Erde geht? Du bist Kraft und Wille, Licht und Sinn und bist an jedem Tage neue Kraft, neuer Wille, neuer Sinn, und heute bist du Kraft und Wille zur Auferstehung. Daß du dich erhebst über das Dunkel der Nacht, und daß du uns heute mit emporreißt, das ist heute dein Sinn und Wesen. Bist du eins mit dem Strahl, der einst am Ostermorgen aus verschlossenem Grabe hervorbrach, so daß die Steine vor ihm rollten und die Grabeswächter geblendet zur Erde stürzten? Bist du nur sein Bild, so bist du sein getreuestes Bild, in das ein Schimmer seiner Glorie eingegangen ist! Die frommen Frauen kamen damals zu spät mit ihren Krüglein; sie wollten einen Toten salben, und es heißt: „Als die Sonne eben aufgegangen war.“ Das warst du, Ostersonne! Mit dir, in deinem Licht, war der Herr des Lebens aus dem Grab emporgestie­gen, und kein Toter war mehr im Grabe zu finden!

Unsere Frauen gingen heute früh rechtzeitig zum Bächlein im Wiesengrund. „Wir müssen dort sein, ehe die Sonne aufgeht,“ sagten sie. Sie wollten keinen Toten salben; sie wollten lebendiges Wasser schöpfen, denn in der Osternacht schlummert alles Leben in der Erde und quillt in den Quellen hervor. Da stiegst du, Osterson­ne, über das Gebirg empor und gossest dein Licht in die Krüglein der Frauen. Sie schöpften Wasser aus dem Bach und Licht aus dir!

Ich bin auch an einen Bach gegangen, der aus jahrhunderteweiter Ferne in unser gegenwärti­ges Tal fließt. Ist unterdes ein Strom geworden, der noch stark und frisch und hell durch die Berge fließt und erst in der Ebene, sich verbreitend, versickern soll. Ich ging auf die Quelle zu, um dort zu schöpfen, stieg von Jahrhundert zu Jahr­hundert und kam in Zeiten, in denen die heutige Jahresrechnung noch unbekannt war. Dort habe ich einst meinen Doktorhut ge­holt, dort bin ich heimisch. Dort war ich näher am Osterquell, und ich fragte die Menschen: „Wie habt ihr die Ostersonne begrüßt?“ Und auch dort war Ostern, und wenn die Menschen zur Kirche gingen, grüßten sie erst dich, Ostersonne! Und ein ehrwürdiger Mann trat hervor, noch nicht in Kleidung, aber im Amt und mit der Seele eines Bischofs, und er grüßte dich, Ostersonne, und sprach:

„O heiliger und heiligender Ostertag, allen Lobpreises würdig! Als du kamst, ward der Tod überwunden, dem Teufel die Herrschaft genommen das Reich entrissen. Gottes Eidgenossen­schaft trat ans Tageslicht; der Schandvertrag wider uns ward ungültig; die Tore des Kerkers wurden gesprengt, die Fesseln gelöst, die Eingeschlossenen befreit. Blinde wurden sehend, Unwissende mit Wissen beschenkt. Hartherzige wurden barmherzig, Ungerechte gerecht. Sündenlast ward aufgehoben; Verfeindete reichten sich die Hand. Alter Irrtum ward berich­tigt, alte Wahrheit leuchtete wieder auf; Söhne Gottes wurden aus denen, die für verloren galten. Hochmut wurde unter­drückt, demütiger Sinn erhoben. Arme wurden reich, und die Rei­chen mußten leer ausgehen. Hügel wurden abgetragen, Täler aufge­füllt, Felsen nieder­gelegt. Unverschämtheit wurde mit der Ferse zer­treten, Verschämtheit mit zarter Hand gehegt. Seelentum erlangte wieder himmlische Macht. Ihm wurde wieder die Freiheit zurückge­geben, zerbrochen und gelöst seine Fesselung. Da schwanden die Verdunklungen; da verging die Niedertracht; da wurde der Schmutz weggeräumt. Der Satan gestürzt, eine Hölle vernichtet, unser Herr Christus Jesus als wahrer Gottessohn erwiesen, die Leiblichkeit gegen die Mei­nung aller Überklugen der Welt in den Bereich des Himmlischen erhoben, und alles Himmli­sche und Irdische und Unterirdische zeigte sich als Eigentum und Machtbereich des ein­zigen Gottes und Herren!“

Nachdem der Bischof so gesprochen, wandte er sich an die Männer rings um ihn: „Darum, liebste Brüder, müssen wir diesen Tag mit festlichen Ehren begehen, gottgehörig, in schlichter Bejahung des Lebens und mit tiefinnerer Freude, alle Unehre und Schande mei­dend, auf daß wir die Frucht des Ostertages ernten durch Christus unsern Herrn, dem Ehre und Herrlichkeit in alle Zeiten!“

Das ist ein uraltes Stück Ostergruß. Der Mund, der ihn gespro­chen, ist schon seit mehr als anderthalb Jahrtausenden geschlossen. Der Name des Mannes ist unbekannt geblieben. Sein Osterwort hat sich unter fremden Namen und Papieren erhalten. Aber was spricht er von zer­brochenen Ketten, von zerrissenem Dekret, von gerei­nigtem Menschentum, von neuem Sinn der Leiblichkeit, von neuer Seelenmacht?

Ich ging wohl oft in Vorostertagen an alte Palmsohlen, die schon in Vorväterzeiten an Ränften und Rainen unserer Landschaft standen. Wir haben in all den modernen Zeiten noch keinen anderen Osterschmuck gefunden als die erst silbern leuchtenden, dann golden erblühenden Weidenkätzchen. Und du, Ostersonne, umleuchtest sie Jahr für Jahr und bist mit ihnen zufrie­den. So schnitt ich dir auch von dem alten Baum des Geistes ein Zweiglein zum Gruß, und du machst vergangenes Wort zu gegenwärtigem. Es ist ein ewiges Ostern, das aus den Zweigen des Frühlings wie aus den Worten des Menschengeistes hervorbricht, wenn du aufsteigst, Ostersonne!

Siehe, auch unser Volk jubelt über einen bezwungenen Tod, über eine vernichtete Hölle, über gesprengte Tore, über den Aufgang eines neuen Lebens und neuer Macht von Leib und Seele. Leuchte in diesen Jubel hinein und mache ihn österlich, damit er in die Ewig­keit des Oster­glaubens und der Osterkraft eingehe! Denn was uns verheißen ist, ist vor allem dem Volke verheißen, auch die Auferste­hung von den Toten und die Teilnahme an dem Reich, das sich am Ostertag erwiesen als Eigentum und Macht des einen Gottes und Herrn.

Sei gegrüßt, Ostersonne!

Hier der Text als pdf.

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