Martin Buber, Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift: „Das Heilige dringt in die Geschichte ein, ohne sie zu entrechten“ (vollständiger Text)

Martin_Buber

Was Martin Buber unter dem Titel „Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift“ als Beilage zum ersten Band Die fünf Bücher der Weisung 1954 veröffentlicht hatte, ist im Hinblick auf Übersetzung und Lesung des Alten Testaments immer noch erhellend:

 

1.

EIN DOPPELTES hebt die Schrift, das sogenannte Alte Testament, von den großen Büchern der Weltreligionen ab. Das eine ist, daß Ereignis und Wort hier durchaus im Volle, in der Geschichte, in der Welt stehn. Was sich begibt, begibt sich nicht in einem ausgesparten Raum zwischen Gott und dem Einzelnen, über diesen hin geht das Wort an das Volk, das hören und verwirklichen soll. Was sich begibt, erhebt sich nicht über die Volksgeschichte, es ist nichts andres als das offenbare Geheimnis der Volksgeschichte selber. Aber eben damit ist das Voile gegen die nationale Selbstzwecksetzung, die Gruppeneigensucht, den »Atem der Weltge­schichte« gestellt; es soll die Gemeinschaft der Seinen als Vorbild einer Gemeinschaft der so vielen und so verschiedenen Völker errichten; der geschichtliche Bestand in »Stamm« und »Erde« ist an den »Segen« gebunden [Gen 12,7ff.] und der Segen an den Auftrag. Das Heilige dringt in die Geschichte ein, ohne sie zu entrechten. Und das andere ist, daß hier ein Gesetz spricht, das dem natürlichen Leben des Menschen gilt. Fleischessen und Tieropfer sind anein­ander gebunden, die eheliche Reinheit wird monatlich im Heiligtum geweiht; der triebhafte, der leidenschaftliche Mensch wird angenommen, wie er ist, und eingeheiligt, daß er nicht süchtig werde. Das Verlangen nach Bodenbesitz wird nicht verpönt, Verzicht wird nicht geboten; aber Eigner des Bodens ist Gott, der Mensch nur »Beisaß« bei ihm, und der Eigner setzt den Rhythmus des Besitzesausgleichs ein, damit die überwachsende Ungleichheit nicht die Gemeinschaft zwischen den Genossen sprenge. Das Heilige dringt in die Natur ein, ohne sie zu vergewaltigen. Der lebendige Geist will begeisten und beleben; will, daß Geist und Leben einander finden, daß Geist sich ins Leben gestalte, Leben aus Geist sich kläre; er will, daß die Schöpfung sich aus sich vollende. Dieses Willens und des gebotenen Dienstes am lebenverbundenen Geist Zeugnis will das »Alte Testament« sein. Faßt man es als »religiöses Schrifttum«, einer Abteilung des abgelösten Geistes zugehörig, dann versagt es, und dann muß man sich ihm versagen. Faßt man es als Abdruck einer lebenumschließenden Wirklich­keit, dann faßt man es, und dann erfaßt es einen. Der spezifisch heutige Mensch aber vermag dies kaum noch. Wenn er an’ der Schrift überhaupt noch »Interesse nimmt«, dann eben ein »religiöses« – zumeist nicht einmal das, sondern ein »religionsgeschichtliches« oder ein »kulturgeschichtliches« oder ein »ästhetisches« und dergleichen mehr, jedenfalls ein Inter­esse des abgelösten, in autonome »Bereiche« aufgeteilten Geistes. Er stellt sich dem bibli­schen Wort nicht mehr, wie die früheren Geschlechter, um auf es zu hören, er konfron­tiert sein Leben nicht mehr mit dem Wort; er bringt das Wort in einer der vielen unheiligen Laden unter und schafft sich Ruhe davor. So lähmt er die Gewalt, die unter allem Bestehenden am ehesten ihn zu retten vermöchte.

Die sich Besinnenden mögen mich fragen: »Und wenn dieser Mensch – und wenn wir es zustande brächten, als Ganze vor die Ganzheit des Buches, von dem du redest, zu treten, würde nicht auch dann noch das zu einer echten Rezeption Unentbehrlichste fehlen? Würden wir dem Buch dann glauben können? Würden wir es glauben können? Können wir mehr als glauben, daß einst so geglaubt worden ist, wie es berichtet und bekundet?«

Dem »heutigen Menschen« ist die Glaubenssicherheit nicht zugänglich und kann ihm nicht zugänglich gemacht werden. Wenn es ihm um die Sache ernst ist, weiß er das und darf sich nichts vortäuschen. Aber die Glaubensaufgeschlossenheit ist ihm nicht versagt. Auch er kann sich, eben wenn er mit der Sache wahrhaft Ernst macht, diesem Buch auftun und sich von dessen Strahlen treffen lassen, wo sie ihn eben treffen; er kann sich, ohne Vorwegnahme und ohne Vorbehalt, hergeben und sich erproben lassen; er kann aufnehmen, mit allen Kräften aufnehmen, und erwarten, was etwa an ihm geschehen wird, warten, ob nicht zu dem und je­nem in dem Buch eine neue Unbefangenheit in ihm aufkeimt. Dazu muß er freilich die Schrift vornehmen, als kennte er sie noch nicht; als hätte er sie nicht in der Schule und seither im Schein »religiöser« und »wissenschaftlichen Sicherheiten vorgesetzt bekommen; als hätte er nicht zeitlebens allerlei auf sie sich berufende Scheinbegriffe und Scheinsätze erfahren; neu muß er sich dem neugewordenen Buch stellen, nichts von sich vorenthalten, alles zwischen jenem und ihm geschehen lassen, was geschehen mag. Er weiß nicht, welcher Spruch, wel­ches Bild ihn von dort aus angreifen und umschmelzen, woher der Geist brausen und in ihn fahren wird, um sich in seinem Leben neu zu verleiben; aber er ist aufgetan. Er glaubt nichts von vornherein, er glaubt nichts von vornherein nicht. Er liest laut, was dasteht, er hört das Wort, das er spricht, und es kommt zu ihm, nichts ist präjudiziert, der Strom der Zeiten strömt, und dieses Menschen Heutigkeit wird selber zum auffangenden Gefäß.

2

DIE BESONDERE Pflicht zu einer erneuten Übertragung der Schrift, die in der Gegenwart wach wurde und zu unserm Unternehmen geführt hat, ergab sich aus der Entdeckung der Tat­sache, daß die Zeiten die Schrift vielfach in ein Palimpsest verwandelt haben. Die ursprüngli­chen Schriftzüge, Sinn und Wort von erstmals, sind von einer geläufigen Begrifflichkeit teils theologischer, teils literarischer Herkunft überzogen, und was der heutige Mensch gewöhnlich liest, wenn er »das Buch« aufschlägt, ist jenem lauschenden Sprechen, das sich hier eingetra­gen hat, so unähnlich, daß wir allen Grund hätten, solcher Scheinaufnahme die achselzucken­de Ablehnung vorzuziehen, die »mit diesem Zeug nichts mehr anzufangen weiß«. Das gilt nicht etwa bloß für das Lesen von Übersetzungen, sondern auch für das des Originals: die hebräischen Laute selber haben für einen Leser, der kein Hörer mehr ist, ihre Unmittelbarkeit eingebüßt, sie sind von der stimmlosen theologisch-literarischen Beredsamkeit durchsetzt und werden durch sie genötigt, statt des Geistes, der in ihnen .Stimme gewann, ein Kompromiß der Geistigkeiten zweier Jahrtausende auszusagen; die hebräische Bibel selber wird als Über­setzung gelesen, als schlechte Übersetzung, als Übersetzung in die verschliffene Begriffspra­che, ins angeblich Bekannte, in Wahrheit nur eben Geläufige. An die Stelle der ehrfürchtigen Vertrautheit mit ihrem Sinn und ihrer Sinnlichkeit ist ein Gemisch von erkenntnislosem Re­spekt und anschauungsloser Familiarität getreten. Es wäre hoffnungslos, dieser Tatsache gegenüber etwas durch eine neue Übertragung ausrichten zu wollen, wenn die Schrift bereits einmal strengerweise übertragen und so verbreitet worden wäre, denn dann wäre es ja die Textwahrheit selber, die sich versteift hätte, und nicht nur ihre Umschreibung; dann wären die Bildhaftigkeit, die Bewegtheit, die Leiblichkeit der biblischen Rede bereits in das abend­ländische Bewußtsein ein-gegangen und hier nur eben einer Trivialisierung verfallen, aus der sie etwa dereinst die Neubeleuchtung durch neue religiöse Ereignisse, nicht aber eine nochma­lige Wiedergabe in einer der abendländischen Sprachen herauszuretten vermöchte. Aber dem ist nicht so. Auch die bedeutendsten Übersetzungen der Schrift, die uns erhalten sind, die griechische der Siebzig, die lateinische des Hieronymus, die deutsche Martin Luthers, gehen nicht wesenhaft darauf aus, den ursprünglichen Charakter des Buches in Wortwahl, Satzbau und rhythmischer Gliederung zu erhalten; von ihrer Absicht getragen, einer aktuellen Gemein­schaft, der jüdischen Diaspora des Hellenismus, der frühchristlichen Ökumene, dem Glau­bensvolk der Reformation, eine zuverlässige Stiftungsurkunde zu übermitteln, ziehen sie den »Inhalt« des Textes in die andre Sprache herüber, auf die Eigentümlichkeiten der Elemente, der Struktur, der Dynamik zwar nicht etwa von vornherein Verzicht leistend, wohl aber sie da unschwer aufgebend, wo die spröde »Form« die Weitergabe des Inhalts behindern zu wollen scheint. Als ob eine echte Botschaft, ein echter Spruch, ein echter Gesang ein von seinem Wie ohne Schaden ablösbares Was enthielte, als ob der Geist der Rede anderswo als in seiner sprachlichen Leibesgestalt aufzuspüren und anders als durch deren zugleich treue und unbe­fangene Nachbildung den Zeiten und Räumen zuzutragen wäre, als ob eine auf Kosten der ursprünglichen Leiblichkeit gewonnene Gemeinverständlichkeit nicht notwendigerweise eine Mißverständlichkeit wäre oder doch werden müßte! Gewiß standen die großen Übersetzer in der begeisterten Einsicht, daß das Wort Gottes allen Zeiten und Räumen gelte; aber sie ver­kannten, daß durch solche Einsicht das Gewicht des »Von wo aus«, des Dort und Damals in all seiner volkhaften, personhaften, körperhaften Bedingtheit nicht gemindert, sondern erhöht wird. Vollzogene Offenbarung ist immer Menschenleib und Menschenstimme, und das heißt immer: dieser Leib und diese Stimme im Geheimnis ihrer Einmaligkeit. Zur Verkündigung des Propheten gehören nicht bloß seine Symbole und seine Gleichnisse, sondern auch der Grundstrom althebräischer Sinnlichkeit noch in den geistigsten Begriffen, die straffe Span­nung der althebräischen Satz-Architektur, die althebräische Art, nah beieinander stehende, aber auch voneinander entfernte Worte durch Wurzelverwandtschaft oder Gleichklang auf­einander zu beziehen, der gewaltige, auch über alle Metrik hinaustreibende Gang althebrä­ischen Rhythmus. Dies erkennen, heißt freilich dem Übersetzer eine grundsätzlich unerfüll­bare Aufgabe zuweisen; denn das Besondere ist eben das Besondere und kann nicht »wieder­gegeben« werden, die Sinnlichkeiten der Sprachen sind verschieden, ihre Vorstellun­gen und ihre Weisen sie auszuspinnen, ihre Innovationen und ihre Bewegungen, ihre Leidenschaften und ihre Musik. Grundsätzlich kann denn auch Botschaft, in ihrer schicksalhaften Verschwei­ßung von Sinn und Laut, nicht übertragen werden; sie kann es nur praktisch: annähernd – wie nah zu kommen es einem jeweils von den Grenzen der Sprache, in die er überträgt, verstattet wird; aber zu diesen Grenzen muß der Dolmetsch immer wieder vorstoßen, nur an ihnen sel­ber, nur aus dem Mund der höchsten Wächter Belehrung annehmend, was ihm gewährt sei und was nicht. Grundsätzlich läßt sich ja nicht einmal die Voraussetzung erfüllen: die Aufde­ckung der Grundschrift; denn was mit einem biblischen Wort primär gemeint war, läßt sich naturgemäß nicht wissen, nur eben erschließen, und oft auch dies nicht anders als vermu­tungsweise – nicht selten müssen wir uns damit begnügen, zu vermuten, was der »Redaktor« damit gemeint hat, d. h. das Einheitsbewußtsein, das aus überlieferten Gebilden und Bruch­stücken die Hallen der Bibel erbaut hat. Aber auch dies darf uns für unser Vorhaben der Annäherung genügen, denn nicht in den »Quellen«, sondern hier ist in Wahrheit Bibel, das nämlich, was zu Zeugnissen und Urkunden hinzutritt, die es zu Büchern und zum Buch ver­bindet: zeitenverschmelzender Glaube an Empfang und Übergabe, das Zusammensehen aller Wandlungen in der Ruhe des Wortes.

Von diesem Wissen um lebendige Einheit ist das Verhältnis [8] unsrer Übertragung zum Text bestimmt. Der analytischen Wissenschaft steht das Recht zu, wo immer es ihr gutdünkt, Zei­chen, die geschrieben sind, durch andre zu ersetzen, die ihr angemessener erscheinen, uns aber das, in der Gegebenheit des „festen Buchstaben« zu verweilen, solang er es uns irgend er­laubt; sie darf eine Erzählung, ein Lied, einen Satz in wirklich oder vermeintlich selbstän­dige Bestandteile auflösen, wir aber dürfen das geschmiedete Werk der Ganzheiten betrachten und nachformen. Wobei unter Nachformen nicht das geistwidrige Unterfangen, eine vorge­fundene Form in andersartigem Material zu wiederholen, zu verstehen ist, sondern das Stre­ben, ihr in der andersgesetzlichen Sprache, in die übertragen wird, eine Entsprechung, Ent­sprechungen zu schaffen. Deutsche Lautgestalt kann nie hebräische Lautgestalt reproduzieren, aber sie kann, aus analogem Antrieb wachsend und analoge Wirkung übend, ihr deutsch ent­sprechen, sie verdeutschen.

Damit er solchem Anspruch gerecht werde, muß der Dolmetsch aus dem hebräischen Buch­staben wirkliche Lautgestalt empfangen; er muß die Geschriebenheit der Schrift in ihrem Großteil als die Schallplatte ihrer Gesprochenheit erfahren, welche Gesprochenheit sich – als die eigentliche Wirklichkeit der Bibel – überall neu erweckt, wo ein Ohr das Wort biblisch hört und ein Mund es biblisch redet. Nicht bloß Weissagung, Psalm, Spruch sind ursprünglich zungen-, nicht federgeboren, sondern auch Bericht und Gesetz; heiliger Text ist für ungebro­chene Frühzeit zumeist mündlich überlieferter Text – mündlich überliefert oft auch da, wo daneben ein hochausgebildetes profanes Schrifttum besteht –, der erst, wenn seine unver­fälschte Erhaltung trotz seiner dem Gedächtnis sich einprägenden Rhythmik und trotz allen strengen Memorialvorschriften unsicher geworden ist oder wenn besondere Zwecke es erfor­dern, aufgezeichnet wird. Was aber im Sprechen entstanden ist, kann nur im Sprechen je und je wieder leben, ja nur durch es rein wahr- und aufgenommen werden. In der jüdischen Tradi­tion ist die Schrift bestimmt, vorgetragen zu werden; das sogenannte Akzentsystem, das Wort um Wort des Texts begleitet; dient dem rechtmäßigen Zurückgehen auf seine Gesprochenheit; schon die hebräische Bezeichnung für »lesen« bedeutet: ausrufen, der traditionelle Name der Bibel ist: »die Lesung«, eigentlich also: die Ausrufung; und Gott sagt zu Josua nicht, das Buch der Tora solle ihm nicht aus den Augen, sondern, es solle ihm nicht »aus dem Munde« weichen, er solle [das bedeutet das Folgende eigentlich] darin murmeln«, d. h. die Intonatio­nen mit leisen Lippen nachbilden.

So aufgenommener Gesprochenheit also soll die deutsche Lautgestalt entsprechen, selbstver­ständlich nicht für das stumme Lesen, sondern für den richtigen, den vollen Lautwert heraus­holenden Vortrag. Auch unsere Verdeutschung der Schrift will »ausgerufen« werden. Dann nur wird die Ungeläufigkeit ihrer Wirkung nicht zur Befremdlichkeit entarten.

Diese Ungeläufigkeit selber aber ist notwendig, ist das Notwendige, wenn nach all dem fal­schen Bescheidwissen um die Bibel, nach all dem Sichgemeinmachen mit ihr eine Übertra­gung die Begegnung zwischen ihr und dem heutigen Menschen herbeiführen helfen soll. Es wäre eine falsche, überflüssige, bedenkliche, spätromantische Ungeläufigkeit, wenn sie aus ästhetischen oder literarischen Reflexionen erwachsen wäre; wenn etwa die Wortwahl ganz oder auch nur teilweise von einem Geschmack – gleichviel, einem archaisierenden oder einem willkürlich neologisierenden – bestimmt würde und nicht durchweg von den Forderungen des Textes, von seinem gebieterischen Sosein, von seinen eigentümlichen Mächtigkeiten und Inti­mitäten. Um diesen die abendländische, die deutsche Entsprechung zu schaffen, muß oft über den gegenwärtigen Wortbestand hinaus nach Ungebräuchlichgewordenem, ja Verschollenem gegriffen werden, wenn es, wohlüberliefert, kein wirkliches Synonym hat und also seine Wie­dereinführung legitim und erwünscht ist; zuweilen darf der Übersetzer auch Neubildungen nicht scheuen, wo er einer biblischen Einrichtung oder einer biblischen Vorstellung im deut­schen Wortschatz keine vollkommene Entsprechung zu finden vermag, und dann wird es von dem Ernst seines Sprachgewissens, von der Sicherheit seines Sprachtakts, von seiner Haltung zu den Gesetzen der Übertragungssprache – einer Haltung, die kühn und doch gehorsam sein muß – abhängen, ob das neue Wort, wenn auch nur als Bezeichnung für ein Ding jener bibli­schen Welt, von den Generationen bestätigt und eingebürgert wird. Der unbefangen den Weg zur Bibel suchende Leser wird eben immer wieder von den Worten der neuen Übertra­gung, die von der ihm geläufigen abweichen, zu den Wirklichkeiten hinzudringen suchen, die darin sich aussprechen, wird erwägen, ob diesen in ihrer Besonderheit die geläufige Wieder­gabe Genüge tut, wird den Abstand zwischen beiden ermessen und nun prüfen, wie sich ihm gegenüber die neue Wortwahl bewährt; und so wird ihm mit dem Lesen die biblische Welt Bezirk um Bezirk aufgehn, ihre Anderheit gegen manches Gewohnte, aber dann doch auch die Wichtigkeit der Aufnahme dieser Anderheit in den Bau unsres eigenen Lebens. Freilich wird ihm diese Welt vielfach sprachlich schärfer, ausgesprochener erscheinen als denen, die in ihr lebten: weil der Begriff in der Verdeutschung, vom Gewohnten abgehoben, seine sinnliche Grundbedeutung nachdrücklicher vorträgt als im Original, wo im begrifflichen Gebrauch das Sinnliche, Bildhafte nur eben mit anklang, wenn auch in einer oft recht wirksamen Weise; aber eben daraus wird sich für den ernsten Leser die Aufgabe einer Einarbeitung, Einlebung ergeben, die fruchtbar werden muß. Es ist dieselbe Aufgabe, die heute in andrer Gestalt den Leser des Originals antritt, wenn er das lebendige Dort und Damals, und damit die Leiblich­keit des biblischen Geistes, von der Wortgeläufigkeit befreien will, die alle Lektüre des in unserer Zeit hebräisch lernenden alsbald überzieht, gleichviel ob er aus einem Lexikon oder im Vulgärgespräch der Konversationsmethode erfahren hat, was die Wörter angeblich bedeu­ten. …

Hier der vollständige Text Martin Buber, Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift als pdf.

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