Martin Buber über das Leitwort in biblischen Texten: „Wem das Ganze gegenwärtig ist, der fühlt die Wellen hinüber und herüber schlagen“

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Im Hinblick auf die Übersetzung der Hebräischen Bibel in das Deutsche und die Interpretation eines biblischen Textes war für Martin Buber die Wahrnehmung jeweiliger Leitwörter aufschlussreich. Dazu schrieb er:

Unter Leitwort ist ein Wort oder ein Wortstamm zu verstehen, der sich innerhalb eines Textes, einer Textfolge, eines Textzusammenhangs sinnreich wiederholt: wer diesen Wieder­holungen folgt, dem erschließt oder verdeutlicht sich ein Sinn des Textes oder wird auch nur eindringlicher offenbar. Es braucht, wie gesagt, nicht dasselbe Wort, sondern nur derselbe Wortstamm zu sein, der solcherweise wiederkehrt; durch die jeweiligen Verschiedenheiten wird sogar oft die dynamische Gesamtwirkung gefördert. Dynamisch nenne ich sie, weil sich zwischen den so aufeinander bezogenen Lautgefügen gleichsam eine Bewegung vollzieht: wem das Ganze gegenwärtig ist, der fühlt die Wellen hinüber und herüber schlagen. Die maß­hafte Wiederholung, der inneren Rhythmik des Textes entsprechend, vielmehr ihr ent­strö­mend, ist wohl überhaupt das stärkste unter allen Mitteln, einen Sinncharakter kundzutun, ohne ihn vorzutragen; und ob es sich um die eigentliche „Paronomasie“ handelt, die innerhalb eines einzelnen syntaktischen Zusammenhangs erscheint, ob um eine weiter gemeinte, die Alliteration und Assonanz umfaßt, oder aber um die distanzielle, also nicht im Nebeneinan­der, sondern über einen größeren Textraum hin wirkende Paronomasie, von der hier die Rede ist, immer kann sie unabhängig vom ästhetischen Wert – den wir in mustergültiger Erscheinung etwa aus dem Stabreim der älteren Edda kennen – einen besonderen, durch nichts zu ersetzenden Äußerungswert gewinnen. Dieser besondere Äußerungswert besteht darin, daß der zu äußernde Sinn sich nicht in einem didaktischen Zusatz, also ohne Sprengung oder Entstellung der reinen Gestalt darstellt. Vorausgesetzt ist dabei somit, daß eine solche Gestalt, eine geschlossene Kunstform vorliegt, zugleich aber, daß ein Sinn, eine Botschaft zur Mitteilung gelangen sollen, die diese Kunstform transzendieren, die sich ihr also nicht, wie eben einem Gedicht seine Bedeutung, ohne jedes Sondermittel eintragen, sondern ihrem Wesen nach sich einen eigenen Ausdrucksweg bahnen müssen. Nirgends ist diese Voraus­setzung so gegeben, wie wo die strenge geschlossene epische Form und eine vom niederfah­renden Geist durchwehte »religiöse« Botschaft aufeinandertreffen.

Quelle: Martin Buber, Leitwortstil in der Erzählung des Pentateuchs, in: Martin Buber/Franz Rosenzweig, Die Schrift und ihre Verdeutschung, Berlin: Schocken 1936, 211f.

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