„Der Friede Gottes geht am Gefängnis dieser Welt nicht vorüber, er begibt sich hinein“ – Helmut Gollwitzers Weihnachtspredigt über Epheser 2,17-18 von 1939

piece on earth

Nachdem Martin Niemöller im Juli 1937 inhaftiert worden war, übernahm Helmut Gollwitzer Prediger- und Pfarrdienste in dessen Gemeinde in Berlin-Dahlem. Im ersten Kriegswinter 1939 hielt er zu Weihnachten folgende Friedenspredigt:

„Er ist gekommen“ – Predigt über Epheser 2, 17-18 zu Weihnachten 1939

Von Helmut Gollwitzer

Und er ist gekommen, hat verkündigt im Evangelium den Frieden euch, die ihr ferne waret, und denen, die nahe waren; denn durch ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geiste zum Vater. (Epheser 2, 17-18)

Liebe Gemeinde!

Eine altchristliche Legende läßt den Vater Josef erzählen, wie es in jener Nacht gewesen sei. Er berichtet: „Ich aber, Josef, ging umher und ging nicht umher. Und ich blickte auf an das Himmelsgewölbe und sah es still stehen und blickte auf in die Luft und sah sie erstarrt, und ich sah die Vögel des Himmels unbeweglich, und ich sah auf die Erde und sah eine Schüssel da stehen und Arbeiter gelagert und ihre Hände in der Schüssel und die Kauenden kauten nicht, und die am Aufheben waren, brachten nichts in die Höhe, und die zum Munde führen wollten, brachten nichts zum Munde, sondern aller Angesichter waren nach oben gerichtet, und siehe, Schafe wurden getrieben und blieben stehen, und es hob der Hirt seine Hand auf, sie zu schlagen, und seine Hand blieb oben stehen, und ich sah auf den Wasserlauf des Flusses und sah die Mäuler der Böcke darauf gehalten, und sie tranken nicht; und auf einmal ging alles wieder seinen Lauf.“

In dieser schönen Legende ist das, was das Ereignis der Weihnacht für diese Erde bedeutet, anschaulich gemacht. Es bedeutet eine Unterbrechung alles dessen, was sonst hier auf der Erde gilt; alles wird außer Kraft gesetzt und alles, was es sonst an Bestrebungen und Anstren­gungen gab, muß schweigen. Und des zum Zeichen steht in der alten Legende eine Sekunde lang alles still. Ein Ereignis, das alles andere aufhebt, ist gemeint, wenn der Apostel sagt: „Er ist gekommen.“ Um dieses „Er ist gekommen“ sammelt ihr euch heute. Und daß der, der kam, ganz unvergleichlich ist, das seht ihr eben daran, daß ihr jetzt hier zusammenkommt und doch hoffentlich mit irgendeiner Freude im Herzen sagt: „Er ist gekommen.“ Es ist sonst kein Mensch, den man nach 2000 Jahren noch feiert. Man feiert vielleicht eine Wirkung von ihm, ein nachgelassenes Werk. Aber das wird verdrängt durch neue Werke und Wirkungen, und dann gehört er der Historie an und niemand sagt heute befreit: „Gott sei Dank, er ist gekom­men.“ Von Ihm sagen wir es, und – nicht wahr – alle Versuche, dieses Weihnachtsfest umzu­ändern, Ihn aus dem Mittelpunkt zu schieben und es zu entleeren zu einem bloßen Schenk- und Stimmungsfest – alle diese Versuche haben doch nur das erreicht, daß eine ganze Reihe von Menschen nur um so intensiver und aufmerksamer ihre Blicke richten auf diesen Mittel­punkt und sich klar werden, was für eine Rettung das ist.

Er ist gekommen, „zu verkündigen den Frieden“. Ihr kommt hier zusammen, Angehörige einer friedlosen Welt, und vernehmt eine Verkündigung vom Frieden. Es ist nicht gemeint, daß hier zu den vielen Aposteln des Friedens ein neuer kommt und uns auch ein Programm gibt, wie man auf Erden vielleicht einen Frieden herstellen könnte. Er appelliert nicht an unsere Vernunft und nicht an unseren guten Willen. Seine Verkündigung sagt nicht, daß Frieden sein soll, sondern sie sagt, daß Frieden ist, und zwar der Frieden. Außer dem Frieden, von dem er spricht, gibt es auf Erden nur Waffenstillstand, sowohl im einzelnen Leben wie im Leben der Völker. Frieden gibt es nur, wo er ihn verkündigt.

Frieden heißt aber: es war ein Krieg vorher, den dieser nun durch sein Kommen beendigt, so daß wir und die ganze Schöpfung aufatmen und eine heimliche Freude durch alle Schöpfung von den Engeln bis zu den Tieren geht: Gott sei Dank, er ist gekommen. So wie Gefangene aufatmen, wenn sie in der Ferne den Kampfeslärm hören und daran merken, der Retter ist gekommen – so wie die Kinder an der Tür stehen und den Vater, der in Urlaub nach Hause kommt, erwarten und von weitem sehen: er ist gekommen – so sehen wir es auch. Dabei ist also aufgedeckt eine Armut, eine Gefangenschaft, ein Kriegszustand, in dem wir waren. Der Schrecken, von dem in den Weihnachtsgeschichten so viel die Rede ist – „Und sie fürchteten sich sehr“ – ist der Schrecken, der uns satt und sicher dahinlebende Menschen trifft, wenn aufgedeckt wird, daß wir in einem Zustand der Feindschaft mit Gott leben. Feindschaft bewirkt Getrenntsein, Ausgeschlossensein aus der Gemeinschaft, aus dem Paradies. So sieht es ja wohl aus, wenn man aus dem Paradies ausgeschlossen ist, wie es jetzt bei uns aussieht. Wer von dem Verkündiger des Friedens, Jesus Christus, vernimmt, daß wir in einem Zustand des Krieges mit dem ewigen Leben Gottes gelebt haben, kann sich auf einmal erklären, wa­rum es bei uns so zugeht. Es kann ja nicht anders sein, als daß ein aus dem Paradies Ausge­schlossener so lebt, wie wir uns leben sehen: so mit Sorgen erfüllt, zum Sorgen für sich selbst gezwungen, so bedrückt und um sich selbst besorgt in das neue Jahr gehend, so sich selbst rühmend, so ständig sich seine eigene Tüchtigkeit vor Augen haltend, so sich seine eigenen Götter erdichtend, so auf Kosten des anderen lebend, so in Tugenden wie in Lastern eben dies beweisend, daß man aus dem Paradies ausgeschlossen ist. „Gottes Rat war uns Verborgen, seine Gnade schien uns nicht; Klein und Große mußten sorgen, jedem fehlt es an dem Licht, das zum rechten Himmelsleben seinen Glanz uns sollte geben.“

Kein Schrecken der Erde, der dem Schrecken dieser Erkenntnis der Feindschaft gleich ist. Soweit ihr diesen Schrecken kennt, könnt ihr euch wirklich von Herzen freuen über die Ver­kündigung des Friedens; und soweit ihr ihn nicht kennt, bleibt euch notwendig das Evange­lium ein Buch mit sieben Siegeln. „Aber wie hervorgegangen ist der Aufgang aus der Höh“ geht es in jenem Epiphaniaslied, in dem der eben gesprochene Vers steht, weiter. Nun tritt herein in die Finsternis die Botschaft, die der bringt, der alles ändert. Es ist keine Botschaft, die bloßes Wort bleibt, sondern eine Botschaft, die von Tatsachen kündet und Tatsachen schafft. Sie tritt herein: und du siehst die Welt in einem neuen Licht. Jesus ist die Verkündi­gung an uns, an dich und mich, Gott habe sich nicht abgefunden mit diesem Kriegszustand, er sei nicht Partei geblieben, die gegen uns geht, Gott habe sich aufgemacht und seine rechte Hand eingesetzt, die alles ändern kann. Der Frieden sei nicht an unserer Welt vorübergegan­gen und in Regionen geblieben, die näher sind am Leben Gottes und die nicht in einem Kriege mit ihm leben, er sei hereingekommen in unsere Welt. Wer von euch mit seinen neugekauften Geschenken vorübergeht, etwa am Alexanderplatz oder am Gefängnis in Moabit, der geht mit seiner ganzen Freude vorüber, aber er kann zu den Menschen, die da freudlos und wartend und unglücklich darin sitzen, nichts hineinbringen vom Frieden. Der Friede Gottes geht am Gefängnis dieser Welt nicht vorüber, er begibt sich hinein. Und wer ihn sieht und ihm aufat­mend entgegeneilt, „er ist gekommen“, der weiß in dieser großen Freude, daß man ohne die­ses Kommen auf Erden schlechthin über nichts, über nichts sich wirklich und restlos und endgültig freuen kann. Was der größte Pessimist dann Schlechtes sagen mag von dieser Erde, das bleibt noch zurück hinter der wirklichen Verlorenheit unseres Lebens. Aber nun gilt umgekehrt: daß, weil er wirklich gekommen ist, auf Erden auch nichts, gar nichts diese Freu­de auslöschen kann.

Friede heißt Versöhnung. Friede heißt, wir können hingehen zum Vater, wir haben einen Zugang zu ihm. Friede heißt: du, der du jetzt hinausgehst mit deinen Kindern und ins neue Jahr hineingehst, du brauchst dir nicht mehr im Zweifel darüber zu sein, was Gott von dir hält, und was er mit dir vorhat. Weihnachten gibt dir die Vollmacht, ganz getrosten Mutes zu dei­nem besorgten Herzen zu sagen: „Glaub nur feste, daß das Beste über dich beschlossen sei!“

Er geht so schwach durch die Welt, wie er gekommen ist. Als ein Kind ist er gekommen, und da war nichts von Macht zu sehen. Als ein schwaches Wort geht er durch die Welt, und alles in der Welt scheint stärker zu sein als dieses Wort. Täglich erkämpft er zwar seine heimlichen Siege und erobert Herzen für seinen Frieden, aber wir treten zur Krippe und fragen ihn: Herr Christus, hast du es nicht anders machen können? Mußtest du so schwach sein? Warum bist du zu uns gekommen, statt daß du unsere ganze Welt genommen hättest und hineingehoben in deinen Himmel? Herr, wir leiden daran, daß alles „dann auf einmal wieder seinen Lauf ging“. Wir denken an solcher Weihnacht 1939 an alle Trauernden, deren Söhne jetzt nicht mitfeiern; wir denken an alle, die da draußen an den Fronten liegen und kein Werk des Friedens mitein­ander zu treiben haben: wir denken an die Frierenden, an die Hungernden, an die Umherirren­den, an die Heimatlosen, an die Entrechteten, die Entehrten, an die Kranken und Verwunde­ten; wir gedenken aller derer, die heuer aus Gram über diese Welt kein Weihnachtsfest feiern wollen oder können; wir gedenken der Selbstmörder; wir gedenken derer, die sich an einem solchen Abend vor Einsamkeit nur in den lauten Betrieb der Gaststätten flüchten können. Wir fassen alle Tränen der Welt, die an diesem Abend geweint werden, zusammen und bringen sie hin zu Christus und fragen ihn: Warum bist du zu uns gekommen und hast uns nicht in deine Welt hineingenommen? Das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz – er sieht uns an und gibt uns mit dem, was er tut, die Antwort: Der nimmt teil an diesem ganzen Leben, das wir beklagen, und sagt uns damit: Frieden heißt Versöhnung. Kein neues Leben frommt dir, das nicht zuallererst ein ausgesöhntes Leben ist. Keine anderen Verhältnisse bedeuten dir ein neu­es Leben, solange du keinen Zugang zum Vater hast. Auf Erden, in diesem unversöhnlichen Leben, muß die Versöhnung geschehen. Dort, wo die Wurzel des Krieges ist, muß zuerst der Frieden entstehen, damit er dann sich ausdehnen kann auf alle anderen Verhältnisse.

Darum seht, liebe Brüder und Schwestern, – sagt er zu uns – seht doch, wie mein ganzes Leben, das auf diesen Tag in der Krippe folgt, eine Verkündigung des Friedens ist. Ich bin armselig – also ist nun auch in der Armut Frieden. Ich habe nicht, wo ich mein Haupt hinlege – also ist nun auch in der Heimatlosigkeit Frieden. Ich bin bespuckt und entehrt – also ist nun auch in Schande und Verfolgung Frieden. Ich bin verlassen von all den Meinen – also ist auch in der großen Enttäuschung Frieden. Ich hänge geopfert und verhöhnt am Kreuz – also ist auch im einsamen Tod Frieden. Ich schreie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – also ist nun auch in der großen Gottverlassenheit Frieden. So beweist sich der Sieg meines Friedens: er läßt sich keine Schranke setzen, sondern dringt vor in die äußerste Ferne der Friedlosigkeit. Unser Herz ist der eigentliche Kriegsgrund, unser Herz muß ausge­söhnt werden. Nicht bei der schwächsten, sondern bei der stärksten Stelle des Widerstandes setzt Gott an, wenn der Sieg seines Friedens bei uns von innen nach außen geht. Darum sei darüber nicht enttäuscht, sondern hocherfreut. „Denn aus dem Herzen kommen arge Gedank­en“, sagt Christus (Matth. 15,19). Wer heute, belehrt von der Nüchternheit der Bibel und entschlossen, sich nicht beschwätzen zu lassen, die Lage der Welt sieht, der weiß, daß nicht unter dem Zwang der Verhältnisse immer wieder die Schrecken eines solchen Krieges aufbre­chen und die Greuel hin und her geschehen, sondern er weiß: aus dem Herzen kommen arge Gedanken. Genau das, was unser Leben im einzelnen so friedlos macht, genau das ist es, was das Leben der Völker miteinander vergiftet und sie zum gegenseitigen Töten verurteilt. Dein Herz ist der Kriegsgrund, auf dein Herz muß der Angriff gemacht werden. Dieses friedlose Herz, das unbefriedigt von Ziel zu Ziel treibt, das enttäuscht ist von allem, was es erreicht, das sein älteres Lebensrecht proklamiert und das Recht der anderen für nichts achtet, das für sich selbst ständig mildernde Umstände beansprucht und sie dem Gegner verweigert – dieses Herz ist der wahre Grund für die Friedlosigkeit der Welt. Es bleibt aber friedlos, solange du nicht Frieden hast mit dem Herrn deines Lebens. Dieses gleiche Herz darf, wenn es ausgesöhnt ist mit dem ewigen Vater und einen freien Zugang zu ihm hat, zu einer Stätte des Friedens wer­den.

„Die gründlichste Antwort auf alle bangen Fragen des Jahres ist das Weihnachtsfest“, schreibt ein großer deutscher Gelehrter (Rudolf Hildebrand). Die Welt geht weiter ihren Lauf. Mit den bangen Fragen dieses Weltlaufes gehen wir zum Weihnachtsfest und hören aus dem Evangeli­um die einzige und gründlichste Antwort, die es auf sie gibt. Davon leben wir ganz, daß am Ende eines solchen Jahres Weihnachten gefeiert werden darf, und daß vor einem solchen Jahr, wie wir es nun erleben werden, Weihnachten steht. „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein großes Licht.“

Euer Pfarrer [Martin Niemöller, der im KZ gefangen saß] schreibt: „So werden wir dann in diesem Jahr unsere Herzen ganz besonders weit aufmachen müssen, daß uns kein Strahl des Lichtes entgehe und keine dunkle Ecke ohne seinen Trost und Glanz bleibe.“ Das ist unser Weihnachtswunsch, und das darf unser Weihnachtsgebet sein. Die Welt liegt im Krieg – der Frieden ist da. Der Zorn Gottes geht über die Länder – die Gnade ist da. Der Tod ist tot – das Leben ist erschienen. Trauer und Sorgen drücken die Herzen, „doch es wird nicht dunkel blei­ben über denen, die in Angst sind“ (Jes. 8,23). „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ Darum: „Es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen und was mir selig ist.“ Amen.

Hier Gollwitzers Predigt als pdf.

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