„In der zur heutigen Weltstunde unumgänglichen Begegnung mit dem Judentum stoßen die Christen auf das Geheimnis des Glaubens Israels, das Ge­heimnis seiner Treue zur Tora“ – Kristlieb Adloffs Artikel „Judentum“ aus dem LMG

Kastanienallee
Die Berliner Messiaskapelle in der Kastanienallee 22 am Prenzlauer Berg, ehemals Sitz der „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden“ (Bild: gedenkstätte deutscher widerstand)

Im Lexion missionstheologischer Grundbegriffe hatte seinerzeit Kristlieb Adloff den Artikel Judentum geschrieben und sich dabei der Frage einer Judenmission angenommen:

Welcher Art ist die Mission der Kirche an Israel?

Eine auch heute noch als rechtgläubig verbreitete, scheinbar zeitlose These besagt: Wie alle Menschen, wie alle Sünder aus den Heiden (Gal 2,15), so sind auch bzw. besonders die Juden gemäß Joh 14,6; Apg 4,12 durch die Kirche zum Heilsglauben an Jesus Christus zu ru­fen. Die Juden werden damit unter die „ethne“ von Mt 28,19 subsumiert. Ein relativer Unter­schied zwischen Juden und Heiden kann dabei konzediert und die Möglichkeit bleibender Treue zum Judentum (Tora) in die christliche Freiheit der Judenchristen (1Kor 7,18) ge­stellt werden. Jedenfalls ist die Erwählung Israels zum Dienst an den Völkern durch die Mission der Kirche ersetzt bzw. in ihr aufgehoben.

Aus einer sich auf Röm 9-11 stützenden heilsgeschichtlichen Sicht Is­raels kann sich eine doppelte Konsequenz ergeben:

a) Sieht man die Gegenwart unter endzeitlich-chiliastischem Aspekt, so kann in einer Art von eschatologischem Kurzschluß das Menschenwerk der Judenbekeh­rung zum Zeichen der End­zeit gemacht und insofern forciert werden.

b) Menschliche Bemühung um Bekehrung von Juden entfällt, wenn die Ret­tung Israels als endzeitliches Gotteswerk (Röm 11,26) streng von jedem Men­schenwerk zu scheiden ist. Dem entspricht die Feststellung, daß nach dem Neuen Testament kein Heidenchrist zur Glau­ben weckenden Verkündigung von Jesus Christus an Juden berufen wurde. Die wahre Missi­on an Israel besteht dann wie bei Paulus (Röm 11,11.13f) in der Wahrnehmung des apo­stoli­schen Dienstes an den Heiden, in der Existenz einer messianischen Gemeinde inmitten der Völker. In welcher Weise an Jesus als den Messias glaubenden Juden („Messianische Juden“) ihre besondere Mission erfüllen, können Heidenchristen nicht bestimmen, auch nicht, indem sie diese Juden durch die Taufe als Christen definieren und so ihren unver­wechselbaren Auf­trag an Israel wie an der Kirche verhindern.

c) Die Gefahr des eschatologischen Kurzschlusses (a) wie die mit der Hoff­nung auf die Ret­tung Israels durch Gott selbst (b) gegebene Möglichkeit der la­tenten oder offenen Judenfeind­schaft (die Juden als hoffnungslos verstocktes Volk, Herausdrängen von Juden aus der Kir­che) lassen sich ausschließen, wenn man in Röm 11,31 (lectio difficilior) liest, daß die Juden jetzt Gottes Barmherzig­keit erfahren: Eine heilsgeschichtlich-biblizistische Sicht reicht dann freilich nicht mehr aus.

Tritt „nach Auschwitz“ die unermeßliche christliche Schuld an den Ju­den ins Bewußt­sein, so stellt sich die Frage nach der Legitimation christlicher Mission an Israel nicht mehr dogmatisch, sondern ethisch. In der Erkenntnis ihrer Schuld und in der Umkehr zu dem Gott Israels kann die Kirche Röm 9-11 als „Schutzrede für Israel“ (Lothar Steiger) und so die Ver­teidigung und den Schutz Israels als Inhalt ihrer Sendung neu begreifen lernen. Umkehr läßt nicht zuletzt die Schuld als Dankesschuld für das empfangene und auch künftig zu empfan­gen­de Erbe aus Israels bleibendem Dienst an den Völkern sehen, das die Kirche um ihrer selbst willen zum Dienst an Israels Integrität verpflichtet.

In der zur heutigen Weltstunde unumgänglichen Begegnung mit dem Judentum stoßen die Christen auf das Geheimnis des Glaubens Israels, das Ge­heimnis seiner Treue zur Tora: dieser Glaube kann abgesehen von der Bereit­schaft, auf das Selbstzeugnis Israels zu hören, davon zu lernen und sich in Frage stellen zu lassen, nicht Gegenstand eines dogmatischen Dialoges sein. Die für das christliche Selbstverständnis wesentliche Frage, ob das Judentum theologisch als Problem der Ökumene oder des Verhältnisses der Kirche zu den nichtchristli­chen Religionen zu verstehen sei, muß wegen der spezifischen „Asymmetrie“ im jü­disch-christlichen Verhältnis, und so um der Freiheit des jüdischen Partners wil­len, offengehalten werden. Der Christ aber, der in der Begegnung mit dem Juden­tum des Geheimnisses des der Kirche anvertrauten Glaubens, des Glaubens Abra­hams, und so seiner geistlichen Verbindung nicht nur mit dem biblischen, son­dern dem gegenwärtigen Judentum innewird, ist dem Juden das Zeugnis seiner Bekehrung zu dem Gott Abrahams schuldig (Apg 15,3f). Das Zeugnis ge­schieht in der dem Christen durch Jesus Christus erschlossenen Hoffnung auf ein gemein­sa­mes Gotteslob von Juden und Heiden (Röm 15,8-13). Insofern ist das Christuszeugnis Teil auch einer christlichen Mission an Israel, die sich jeden Gedanken an Bekehrung der im Gna­denbunde mit Gott lebenden Juden verboten sein läßt. Die von den Propheten geforderte stets nötige Umkehr Israels zu seinem Gott steht auf einem anderen Blatt und kann nicht Sorge der Christen sein.

Es zeigt sich, daß die Frage nach der „Judenmission“ einen innerchristli­chen Streit um die Wahrheit erzwingt: Dem Dilemma von „Auftrag und Unmöglichkeit eines legitimen christlichen Zeugnisses gegenüber den Juden“ (Pierre Lenhardt) kann man weder nach der einen (Auftrag) noch nach der anderen (Un­möglichkeit) Seite hin entgehen. Geht es dabei um Israel als Kategorie christli­chen Denkens, so werden sich alle Beteiligten vor falschen Verall­gemeinerungen zu hüten haben. Vielmehr ergeben sich aus diesem Thema mit seiner unlösba­ren Problematik, das „Reife und Ernst für unlösbare Probleme“ (Emmanuel Levinas) erfor­dert, die aus dem Drama einer gemeinsamen Geschichte erwachsen, gerade heilsame Diffe­renzierungen, die dem Verständnis des biblischen Sinns von Sen­dung zugute kommen.

Hier der vollständige Text als pdf.

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