Karl Rahners, Der Christ in seiner Umwelt (1965): „Wir Christen sind nicht die, die meinen, ihr Glaube und ihre Konzeption der Welt könne nur werbend sein, wenn unser Glaube die besondere Protektion des Staates genieße.“

Karl Rahner
Karl Rahner 1974

Was Karl Rahner seinerzeit vor fast 55 Jahren hinsichtlich einer Diasporasituation der Christen in der Gesellschaft zur Sprache gebracht hat, ist immer noch lesenswert:

Der Christ in seiner Umwelt

Von Karl Rahner SJ

„Der Christ in seiner Umwelt“, ein unermeßliches Thema, zu dem nur ganz wenig, stotternd und mit Bangen, gesagt werden kann. Denn schon die „Welt“, die in diesem Thema vor­kommt, ist unübersehbar und unbeschreiblich: die Welt der ungeheueren, in einem erschre­ckenden Tempo wachsenden Menschheit, die Welt, die zu einer Einheit aus partikulären Kul­turen und Völkern zusammen­gewachsen ist, so daß heute jeder jedes Nachbar und Geschichte und Schicksal jedes Volkes zur Geschichte und zum Schicksal jedes anderen geworden ist; die Welt der rationalen Technik, der Atomkräfte, der Automation, der ABC-Waffen, der Mas­senkommunikationsmedien, der nomadenhaften Freizügigkeit, der militanten Großideologien, der Massenhysterien, der Werbung, künstlicher Bedarfslenkung, des organisierten Vergnü­gens, die Welt, die immer rationaler geplant und doch immer weniger kalkulierbar wird, die Welt, die nicht mehr das von der Natur vorgegebene feste Haus des Menschen, sondern das Material für die schöpferischen Pläne des Menschen ist, die Welt, deren Werdetempo der Mensch selbst beschleu­nigt; aber auch die Welt, die immer noch die des ewigen Wesens des je einmaligen Menschen ist, seiner Liebe, seiner alles überholenden Frage, seiner Sehnsucht, seiner Einsamkeit, seines Verlangens nach Glück und Ewigkeit, die Welt der ab­gründigen Qual und des Todes, die Welt von heute, die schrecklich ist und uns doch vertraut, von uns doch geliebt: unsere Welt, unser Schicksal, das wir an­nehmen, neben dem wir kein anderes kennen.

Der Christ in seiner Umwelt! Was tut der Christ in dieser Welt?

Das erste, meine ich, ist dies: Der Christ teilt brüderlich mit allen anderen Menschen diese Welt von heute, so wie sie ist. Er flieht sie nicht, er will weder in einem Getto leben, noch im Windschatten der Geschichte, weder in der Ver­gangenheit, in die er romantisch zurückflieht, noch in einer bestimmten soziologi­schen Kleingruppe, in der allein er sich wohl fühlen würde. Er nimmt die weltliche Welt an, er hat gar nicht die Absicht, sie in die Welt eines vergange­nen Mittelalters zurückzuverwandeln, in der unmittelbar alles religiös geprägt wäre; er bildet sich nicht ein, für alles und jedes ein fertiges oder gar besseres Rezept zu wissen als die Nicht­christen, bloß deshalb, weil er diese Welt umfaßt weiß von der Macht und dem Erbarmen des unbegreiflichen Geheimnisses, das er Gott nennt und das er als Vater anzurufen wagt; er weiß mit allen anderen, daß seine Welt in eine Be-[482]wegung geraten ist, deren konkrete inner­weltliche Ausgänge niemand klar sieht, weil alle Berechnungen auch das Unberechenbare wachsen lassen. Der Christ nimmt diese Welt an, die Welt der Macht des Menschen und der Angst und ab­gründigen Ohnmacht. Er vergöttert sie nicht in utopischen Ideologien und er ver­dammt sie nicht. Sie ist; und der Christ, der der wahre Realist ist oder sein soll, nimmt sie an als den ungefragt verfügten Raum seines Daseins, seiner Verantwor­tung und seiner Bewäh­rung. Er kann es sich leisten, ein hoffender Realist zu sein, weil er in der Treue zu dieser Welt und ihren Aufgaben einer absoluten Zukunft entgegengeht, die ihm von Gott her entgegen­kommt, mitten hindurch durch alle Siege und alle Untergänge dieser Welt und ihrer Geschich­te.

Das zweite ist dies: Der Christ erkennt die Diaspora an, in der er heute, und zwar überall leben muß, als die letztlich positiv zu deutende Situation seines Christseins. Wenn ich Diaspora sage, meine ich den biblischen und den heutigen Sinn des Wortes, nicht den von gestern, also nicht die Situation einer katholischen Minderheit unter einer Majorität von evangelischen Christen. Dieser Begriff des 19. Jahrhunderts mag auch noch eine Wirklichkeit und eine pa­storale Aufgabe bezeichnen. Aber er tritt in immer größerer Beschleunigung zurück hinter der Wirklichkeit, die wir heute unter diesem Stichwort sehen müssen. Und diese ist die welt­an­schaulich pluralistische Gesellschaft; die Gesellschaft, die als ganze und solche weder ver­fas­sungsrechtlich noch gesellschaftlich noch kulturell einfach und allein christlich geprägt ist, in der katholische und evangelische Christen, so sie es wirklich sind, gemeinsam als Brüder in der Diaspora leben. Diese Diaspora, in der es den a-christlichen liberalistischen Humanismus, militanten Atheismus, die Atrophie des Religiösen überhaupt gibt, ist gemeint, wenn hier von Diaspora die Rede ist, die gemeinsame Diaspora aller Christen, der gegenüber die christlich-konfessionellen Unterschiede nicht einfach unerheblich, aber geschichtlich sekundär werden. Diese Diaspora muß heute dem Christen als die gottverfügte Situation seines Christentums erscheinen. Sie ist die Situation seines personal freien Glau­bens, der durch keine gesellschaft­liche Sitte ersetzt werden kann, die Situation der freien Entscheidung, der persönlichen Ver­antwortung, des eigenen Bekenntnisses, die den alten Satz wahr machen hilft, daß Christen nicht geboren werden, sondern werden; sie ist die Situation, die in einem heilsgeschichtlichen „Muß“ kommen mußte, wenn das Christentum von seiner eigenen theologischen Zukunftser­war­tung her immer als das angefochtene Bekenntnis existieren wird und die eine Ge­schichte aller gar keine homogenen kulturellen Räume, die nur „von außen“ angefochten werden, zu­läßt. Wir Christen nehmen diese Situation an. Wir wollen zwar wie alle anderen Staatsbürger das Recht haben, an der Welt der Öffentlich­keit mitzuwirken; wir fordern zwar gewiß auch, daß dort, wo bei allem Pluralis­mus der Gesellschaft das eine öffentliche Leben eine und die­selbe Gestaltung gar nicht vermeidbar sein läßt, die christliche Geschichte unseres Volkes und die Tat­sache, daß die große Mehrheit des Volkes eben doch christlich sein will, respektiert [483] werden und nicht im Namen der Freiheit und Toleranz faktisch der den Ausschlag gibt, der am radikalsten das Christentum verneint. Aber wir Christen haben kein Interesse an christ­lichen Fassaden, hinter denen kein wahres Christentum lebt und die dieses nur kompromittie­ren und unglaubwürdig machen. Es scheint uns aber auch nicht fair, daß Nichtchristen insge­heim vom alten Erbe christlicher Kul­tur leben und es öffentlich glauben bekämpfen zu müs­sen. Wir Christen sind nicht die, die meinen, ihr Glaube und ihre Konzeption der Welt könne nur werbend sein, wenn unser Glaube die besondere Protektion des Staates genieße. Deswe­gen aber brauchen wir dennoch nicht der Meinung sein, das öffentliche Leben müsse in einem rationalistischen Formalismus konstruiert werden aus ein paar abstrak­ten Prinzipien von Frei­heit und Gleichheit und müsse alles christlich Geschichtlich-Gewordene in der Gestalt dieses öffentlichen Lebens ausmerzen. Wir nehmen die Situation der pluralistischen Gesellschaft, der christlichen Diaspora an; aber eben zu ihr gehören wir selber, unsere eigenen Massen und das Erbe einer mehr als tausendjährigen Tradition, die nicht nur Ballast, sondern auch echter Reichtum und Aufgabe in der Zukunft bedeutet. Und wenn wir ehrlich diese Situation an­neh­men, also, uns selbst gegenüber kritisch, uns selber darauf aufmerksam machen, daß wir den anderen auch dort nach unseren eigenen Prinzipien den gebührenden Raum der Freiheit einzu­räumen haben, wo sie zu widerchristlichen Entscheidun­gen verwendet wird, dann fügen wir anderen gegenüber ehrlich hinzu, daß die formalen Spielregeln der Demokratie allein nicht genügen, um ein gemeinsames Leben aller in Friede und Freiheit zu ermöglichen, daß eine Gesellschaft und ein Staat auf einen gemeinsamen materialen Fundus von letzten sittli­chen Über­zeugungen nicht verzichten können, mag er Naturrecht oder wie immer geheißen werden, mag er auch selbst noch einen Index geschichtlich bedingter Konkretheit haben, und daß die­ser Fundus, wo nötig, auch mit der Macht und Gewalt der Gesellschaft und des Staates vertei­digt werden darf und muß. Weil die gleich­zeitige Realisation dieser vielen Prinzipien diese nicht als Deduktion des heute Richtigen ein für allemal erlaubt, darum lassen wir gern mit uns reden, wollen den fairen Dialog mit allen, sind auch zu anständigen Kompromissen bereit, fürchten es aber auch nicht, wenn wir als Mucker, Engstirnige, Reaktionäre, Intolerante ver­schrien werden, bloß weil wir der Meinung sind, daß christliche Vorstellungen auch im öf­fentlichen Leben ihren Einfluß geltend machen dürfen, als ob nicht jener falsche Liberalis­mus, der meint, das öffentliche Leben könne und müsse welt­anschaulich sterilisiert werden und Bekenntnis und Gesinnung dürfe sich nur in Kirchen oder in den Klubs der Humanisti­schen Union zu Wort melden, auch eine Weltanschauung, und zwar eine schlechte sei. Weil jede Inanspruchnahme der Freiheit durch den einen eine verändernde Einengung des Frei­heitsraumes des anderen ist, schon im voraus zu dessen Zustimmung, kann es für keinen eine ab­solute Weite seines eigenen Freiheitsraumes geben, und darum ist nicht jede Ge­walt schon gegen das Wesen der Freiheit, wenn diese Gewalt eine sinnvolle Ver-[484]teilung des einen Freiheitsraumes aller garantiert und‘ ‚ aufrechterhält. Wir Chri­sten begehen – leider selbstver­ständlich – auch unsere Sünden. Und so ist es schwer zu sagen, ob die Sünde reaktio­nären Festhaltens an überholten christlichen Gestaltungen im öffentlichen Leben oder die Feigheit, für echte und neue ein­zutreten, bei uns verbreiteter ist. Vielleicht ist es sogar so, daß beide Sünden oft von denselben Christen, auch in Amt und Würden, gleichzeitig begangen werden. Wie dem auch sei: wir Christen wollen die Situation unserer Diaspora in einer plura­listischen Gesellschaft unbefangen annehmen und uns dabei hüten, in das Getto einer reaktio­nären Defensive des bloß Überlieferten oder in die bequeme Feigheit des Verzichtes auf die Gestal­tung des öffentlichen Lebens zu flüchten.

Ein drittes sei gesagt. Es betrifft die christliche Gemeinde. In der Situation einer pluralisti­schen Gesellschaft und einer allgemeinen Diaspora wandelt sich die Kirche notwendig von einer Volkskirche in eine Glaubenskirche. Das will sagen: Die Glieder einer christlichen Ge­meinde bilden diese Gemeinde nicht allein durch die historische Kontinuität des Amtes und durch die institutionelle Stabilität der gesellschaftlichen Verhältnisse, die im voraus zur perso­nalen Glaubensentschei­dung des einzelnen der Gemeinde ihre Glieder zuführt, sondern durch ihre freie, persönliche, in der Auseinandersetzung mit dem pluralistischen Milieu errungene Glaubensentscheidung- Unbeschadet der sakramentalen Bedeutung der Taufe (auch der Kin­der) beruht die Gemeinde in ihrer konkreten gesellschaftlichen Realität heute nicht mehr oder immer weniger auf Taufe und dem kirchlich Institutionel­len als solchem, sondern auf dem freien Glauben. Wir leben natürlich noch in einer Zeit des Übergangs von der Volks- zur Glaubenskirche. Und die Kirche kann in ihrem Amt aus Sorge für das Heil aller diesen Über­gangsprozeß nicht willkürlich beschleunigen, wenn sie auch wissen muß, daß ein ihr aus ech­ter Glaubensentschei­dung neu Zugehöriger wichtiger ist als drei, die ihr im Grunde doch nur durch das Gewicht der gesellschaftlichen Tradition angehören oder anzugehören scheinen.

In dieser Situation kommt es hinsichtlich der Gemeinde und damit der kirch­lichen Aufgabe des einzelnen Christen auf ein doppeltes an: einerseits: es muß echte Gemeinde immer neu entstehen. Die Kirche muß erfahren werden als ge­tragen vom Glauben aller, nicht bloß als Institution und Amt, das in sich ruht und die Christen als bloßes Objekt ihres heilsmittleri­schen Tuns sieht. Kirche ist Volk Gottes, sind wir alle, die wir glauben und die vergebende Gnade Gottes in Christo als Gemeinschaft des Glaubens, der ewigen Hoffnung und Liebe der Welt bezeugen. Wenn solche Gemeinde existieren und die Kirche an einem Ort lebendig repräsentieren soll, dann muß die brüderliche Verbundenheit aller in der Ge­meinde der notwendigen Unterscheidung der Einzelfunktionen in der Gemeinde und des Amtes und der Nichtbeamteten vorausliegen und alle diese Unterschiede unterfangen und tragen, dann muß brüderlicher Dialog zwischen Amt und Chri­sten möglich sein, dann müssen sich alle verant­wortlich fühlen, ihre Anteilnahme, ihr Herz und, wenn nötig, auch ihren Geldbeutel einsetzen dafür, daß die Ge-[485]meinde lebendig ist. Man muß sich kennen, muß Zusammenhalten, Liturgie, Nachbarschaftlichkeit mittragen, darf von der Kirche nicht bloß empfangen wollen, sondern bereit sein zu geben, muß den Willen zum Kontakt haben, zum Sich-kennenlernen, zum Helfen und Dienen. Die Gemeinde muß wissen, daß sie und in ihr die Kirche nicht bloß die religiös-technische Organisation zur Befriedigung individueller religiöser Bedürfnisse ist, sondern die Gemeinschaft derer, die, weil in Christus verbunden, untereinander so verbunden sind, daß ihre Gemeinschaft nicht bloß ein philanthropisches Wohlwollen anderen Menschen gegenüber, Ortho­doxie, Sakramentenempfang und Kirchensteuerwilligkeit bedeutet, sondern wahr­haft jene Liebe, die am konkreten Nächsten, an den „Hausgenossen des Glaubens“ nicht scheitert, sondern sich bewährt. Der Gebildete, der von Haus aus Individua­list ist und so leicht auch zum Egoisten auf sublimer Höhe wird, hat hier, so er wirklich ein Christ sein will, eine besondere Verantwortung und besondere Auf­gaben. Er darf nicht in erster Linie fragen: was bietet mir die Gemeinde, sondern: was habe ich selbst ihr zu geben an Teilnahme, Beispiel, Hilfe. Gewiß wird sein wichtigstes „Laienapostolat“ in der Dimension seiner „weltlichen“ Existenz lie­gen, in seinem Beruf, seiner Wissenschaft, in der profanen und bürgerlichen Ge­sellschaft, in seiner scheinbar bloß humanen Nachbarschaft. Gewiß wird er auch als Christ sich hier zuerst zu bewähren haben, hier, wo er also gar nicht zu ver­suchen braucht, seinem Leben überall ein für jeden anderen sofort bemerkbares christliches Etikett anzukleben. Denn schon Anständigkeit, Treue, Tapferkeit, das fraglos nüchterne Aushalten des Lebens und Ster­bens, Selbstzucht und Ver­antwortungsbereitschaft und andere humane „Tugenden“ hören nicht auf christ­liche Tugenden zu sein, weil sie unter Umständen von solchen beispielhaft gelebt werden, die meinen, keine Christen zu sein. Und solche Tugenden schon führen von sich selbst aus, dort, wo sie bis zum bitteren Ende, bis zum Punkt, an dem sie sich schlechter­dings nicht mehr „rentieren“, gelebt und gelitten werden, den Menschen in das schweigende Geheimnis des letzten Sinnes des Daseins, das allein den letzten Grund und Sinn gibt, in Gott hinein. Aber all das bedeutet eben doch nicht, daß der Christ in der Diaspora nicht auch die Aufgabe habe, die Kirche Gottes an seinem Ort, die Gemeinde des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe mitaufzubauen, damit sie allen Zeugnis gebe davon, daß der letzte Sinn der menschlichen Existenz, nicht die leere Absurdität ist (gleichgültig ob verzweifelt beschrien oder diskret verschwiegen), sondern die absolute Zukunft, die Gott selbst ist. Und beides, die Weltaufgabe des Christen, die er mit allen Menschen guten Willens teilt, und seine Berufung zum Aufbau der Kirche in der Gemeinde, sind letztlich eins, weil die sakralisierte Wirklich­keit der Kirche gerade das Zei­chen dafür ist, daß die profane Welt selbst gerade dort, wo sie weltlich bleibt, von Gottes Gnade geheiligt ist und, wo sie vorbehaltlos mit ihrem Hohen, Frag­würdigen und Vergeblichen bis zum Ende personal-frei angenommen wird, sich selbst als in den Abgründen Gottes gründend erweist. [486]

Das andere, worauf es heute in der Diasporasituation für jeden Christen hin­sichtlich seiner Christlichen und kirchlichen Aufgabe in der Gemeinde ankommt, ist dieses: Die Gemeinde, für die jeder verantwortlich ist, darf auf keinen Fall ein Getto werden. Das ist leicht gesagt, klingt selbstverständlich, ist aber schwer zu realisieren. Es braucht hier nicht darüber dispu­tiert zu werden, ob nicht die Glau­benskirche, die Glaubensgemeinde der Zukunft, die schon begonnen hat, soziolo­gisch unvermeidlich den Status der „Sekte“ (das Wort in einem ganz neutralen, religionssoziologischen Sinn verstanden) hat oder ob dies einen bestimmten Sach­verhalt zu mißverständlich wiedergibt, als daß man so formulieren dürfte. Jeden­falls muß die heutige und künftige Gemeinde eine von Brüdern sein, die sich kennen und lieben, eine Ge­meinde, die zusammenhält, die jenes notwendige Milieu der gemeinsamen Überzeugung, Sendung, Hilfe, Liebe schafft, in der ein christlicher Glaube unbefangen sich entfalten und nach all seinen Möglichkeiten leben kann. Dann aber ist auch unvermeidlich die Gefahr gege­ben, daß eine solche Gemeinde im schlechten Sinne „Sekte“ wird, ein Getto bildet, eine Art religiöser Vereinsmeierei betreibt, die schlechte Möglichkeit bietet, sich in ein geistiges, kul­tu­relles, gesellschaftliches Winkeldasein zurückzuziehen, sich, am normalen Leben zu kurz gekommen, als Klub der allein Auserwählten zu fühlen, sich gegenseitig zu bestätigen, weil einen die Welt, die große Öffentlichkeit als die quantité négli­geable harmloser religiöser Ideologen oder Fanatiker einschätzt, mit denen man im Ernst nicht rechnen muß, weil sie unbrauchbar für das wirkliche Leben sind. So darf es nid.it sein. Die christliche Gemeinde darf kein Ofen sein, der nur sich selbst wärmt, keine Reservation für Lebensuntüchtige, kein frommes Beikränzchen für harmlose Gemüter, die nichts fertigbringen als fromm zu sein und diese Frömmigkeit zu kompromittieren. So wie eine gesunde Familie von heute nicht mehr der in allen Dimensionen autarke Clan sein will, der, sich selbst genug, sich möglichst absetzt von allen anderen, sondern die Konkretheit personalen, rein durchformten Selbstbesitzes nach allen Dimensionen des Menschen, so muß es analog auch in der christlichen Gemeinde sein: sie muß offen sein nach außen; ihre Glieder müssen in einem echten, unbefangenen Kontakt leben mit der Welt, ihrem Geist, ihren Fragen und Aufgaben von heute; sie dürfen nicht mei­nen, eine christliche Gemeinde könne heute geistig, gesellschaftlich, kulturell, politisch autark sein, die Kirche müsse alles Lebenswichtige und alle Werte in eigener Regie ver­walten. Was man von der Kirche des Konzils im ganzen gesagt hat, muß auch von jeder Ortskirche gelten: sie kann und will nicht mehr die unbezwingliche Festung sein mit kleinen Mauerschlitzen, aus denen heraus man nach den Feinden späht, sondern das weiträumige Haus mit den großen Fenstern, aus denen man heraus in alle Lande des Menschseins blickt, die alle umfaßt sind von der schöpfe­rischen Macht und dem Erbarmen des Gottes, dem der Altar geweiht ist, der in der Mitte dieses Hauses steht als Zeichen der Gnade nicht nur für die, die dieses Haus be­wohnen, sondern für alle, die guten Willens und ehrlichen Gewissens [487] ihren Weg in die Erfüllung ihres Daseins suchen. Dementsprechend muß so in der Ortskirche gepredigt und gelehrt werden, daß auch möglichst die Außenstehenden, die Zaungäste des Gottesdienstes, die bloß Interessierten verstehen können, was da gemeint und gesagt wird. Die Botschaft darf nicht wie die Esoterik eines Klubs von Privilegierten klingen, sondern als das geheimnisvoll Selbstverständliche und das selbstverständliche Geheimnis, dem eigentlich doch alle in ihrer eigenen Da­seinserfahrung begegnen, wenn sie es auch nicht oder nicht genügend rein in eine reflexe Aussage erheben können. Wenn sich die christlichen Kirchen heute im öku­menischen oder kontroverstheologischen Gespräch begegnen wollen, dann sollte dieses Gespräch nicht klingen wie das Gespräch zwischen zwei gettohaften Ideo­logien, sondern vor allem auch geführt werden als gemeinsames Gespräch von Christen über die Möglichkeit einer echten Begegnung mit der Welt, die nicht christlich ist oder ihre eigene christliche Tiefe noch nicht eingeholt hat, sollte ein gemeinsamer Versuch sein, die ewige Gültigkeit der christlichen Bot­schaft für die Welt und ihre Zukunft neu zu durchdenken. Ich glaube, daß das ökumenische Gespräch auf die Dauer nur dann weiterkommt, wenn es gleichzeitig Gespräch mit der Welt von heute ist, die ganz andere Fragen an das Christentum stellt, als die Konfessionen sie gegenseitig einander zu stellen pflegen. Die christliche Ge­meinde muß in ihrem Kampf gegen alle gettohafte Sektenmentalität dafür sorgen, daß im Stil des Gottesdienstes, des Bekenntnis­ses, des Gemeindelebens alles Zop­fige, Prüde, Altfränkische, Muckerische, alles, was bloß einer bestimmten gesell­schaftlichen Schicht und geschichtlichen Überlieferung entstammt, nach Kräften verbannt werde und bleibe. Die Kirche braucht dadurch die Torheit des Kreuzes und die Härte der Ethik der Bergpredigt, die Zucht und den Mut zu echtem Non­konformismus nicht zu verleugnen. Sie hat im Erbe ihrer Vergangenheit an mensch­lichen und kulturellen Schätzen genug bewahrt, womit sie sich auch heute noch zeigen kann; und eine freie, gelöste Zucht des Sittlichen, die sie vertritt und leben will, wird immer auch wieder das Beste in den Herzen der anderen anrufen, vor­ausgesetzt nur, daß man der Härte der sittlichen Fragen von heute nicht dadurch ausweicht, daß man sich der bitteren Not des Alltags gar nicht stellt oder sich geistig und existentiell dort ansiedelt, wo das Leben schon vorbei ist. Die christ­liche Gemeinde müßte immer noch mehr als bisher neue Formen des Kontakts entwickeln, die dem sogenannten „Außenstehenden“ das Gefühl nehmen, ein mißtrauisch betrachteter Fremder oder bloßes Objekt einer beabsichtigten Be­kehrung zu sein. Die Kirche müßte diesen die Möglichkeit geben, sich als Nahe­stehende zu erleben, auch wenn sie vielleicht noch nicht alle dogmatischen oder moralischen Prinzipien der Kirche zu teilen vermögen.

Beide Aufgaben der heutigen Gemeinde zu vereinigen, eine echte Familie des gemeinsamen Glaubens zu sein und eine offene missionarische, sich in die Welt wagende Gemeinde zu bilden, ist schwer. Es ist schwer zu erreichen, daß der Kern der Gemeinde nicht Menschen sind, die sonst nichts zu tun haben als fromm zu [488] sein. Es ist damit nichts gesagt gegen die Menschen, die in der Weisheit des Alters und unter den Schatten des andrängenden Todes in echter Weise fromm sind und nur noch das, weil alles andere in dieser Situation nur noch feige Flucht wäre. Aber die Gemeinde muß in ihrem sie tragenden Kreis eine Gemeinde derer sein, die so in der Feier des Mysteriums des Todes des Herrn die sakramentale Erschei­nung der Mitte ihres Daseins erkennen, daß sie von einer weltlichen Aufgabe her­kommen, in dem Getöteten und Auferstandenen die letzte Begnadigung dieses weltlichen Daseins finden und von dieser erfahrenen und ergriffenen Gnade aus­gehen zur Freude und Zuversicht erlöster Tat ihres weltlichen, weltlich bleibenden Lebens. Aber Stil, Verhaltensmuster, konkrete Leitbilder solcher Gemeinden, in denen Menschen von heute selbstverständlich sich zuhause fühlen kön­nen, müssen noch viel deutlicher und überzeugender als bisher ausgebildet werden: für die Predigt, den Beichtstuhl, den Gottesdienst, die Nachbarschaftlichkeit in der Pfar­rei, die Cari­tas der Gemeinde. Wo all das noch zu wünschen übrig läßt, bedeutet das erst recht Pflicht und Auftrag für den Christen von heute, selbstlos und ge­duldig mitzubauen am Aufbau sol­cher Gemeinden und nicht ihre Mängel als Entschuldigung zu gebrauchen, sich von solchem selbstlosen Dienst dispensiert zu halten.

Das Vierte und Letzte ist das Schwerste und Schönste zugleich: das ewig alte und ewig neue Christentum, wie es immer schon war, sein und bleiben wird, ist auch heute und in der Dia­spora die geschenkte Gnade und die Aufgabe des Christen. Wir bewegen uns in immer be­schleunigterem Tempo auf die Welt von morgen zu, auf die eine Weltgeschichte, auf eine Welt drangvoller Enge durch das Wachsen der Weltbevölkerung, auf eine Welt noch unge­ahnter technischer Erfolge und noch komplizierterer gesellschaftlicher Formen. Aber sie bleibt in ihrem tiefsten Grund doch die Welt, die jeder schon im Abgrund seines Herzens erfahren hat, bleibt es unausweichlich: die Welt der Seligkeit und der Verzweif­lung, die Welt der Reinheit und der Schuld, die Welt des Lebens und des Todes, die Welt der einsamen Frei­heit, der Liebe, der Treue, des Dienstes, die Welt, die durch sich selbst, durch ihre lebendige Bewegung hinauf und vorwärts und durch ihre schreckliche Unvollendbarkeit und ihre Ab­stürze in den Tod, unerbittlich die Frage nach ihrem letzten Geheimnis, Gott, stellt, weil sie in ihrer Bewegung umfaßt und getragen ist in den Tiefen des Herzens und im Gang ihrer Ge­schichte durch die größere Bewegung, in der Gott selbst auf sie zukommt, richtend und be­gnadigend, weil auf die Dauer kein Mensch das Schweigen der letzten, der umfassenden Frage überhören kann, selbst wenn er meinen und leben wollte, daß man das Unbegreifliche nicht bereden sollte. Diese Situation ist die alte und ewig neue, die eigentlich christliche, die alle alten und neuen Situationen partiku­lärer Art schon immer überholt hat. Daß wir also im radikalsten und doch selbstverständlichsten Wagnis unseres Lebens uns geborgen wissen im abso­luten Geheimnis, das uns annimmt, das uns annehmend unsere Lebensschuld [489] vergibt und uns mit sich selbst begnadigt, daß darin alles umfaßt bleibt, was sonst unser Leben ausmacht, daß diese Selbstzusage Gottes in Jesus Christus in der Dimension unserer Geschichte und menschlichen Gemeinschaft (und nicht nur in der Tiefe unseres labyrinthi­schen Gewissens) da ist, daß wir den Tod dieses Chri­stus als Heil feiern und in dieser Feier unseren Tod als Einbergung unseres Daseins in die Nähe Gottes annehmen, um ihn so im Leben real zu erleiden, daß wir uns als Kirche, als Gemeinschaft der so mit dem Leben fertig Werdenden erfahren, das ist auch heute noch das alte, das neue, das immer selbe Christentum, das auch der heutigen Situation unseres Daseins entspricht. Das dürfen wir nie übersehen, wenn wir beunruhigt fragen, wie der Christ in seiner heutigen Umwelt aussehen müsse, was er heute zu tun habe. Vieles an dieser Frage muß neu gefragt und neu beantwortet werden und vieles mag offen bleiben. Aber der innerste und letzte Sinn der Frage und Antwort ist doch immer gegeben, wenn auch nicht bestritten wird, daß auch er immer in einer Interdependenz zur Fragwürdigkeit der ge­schichtlichen Situation steht, die im Unterschied zu anderen gerade die unsere heute ist. Denn auch in dieser Umwelt ist die letzte Frage die, ob wir inmitten der Aufgabe und der Qual des Lebens uns vom Letzten und Äußersten, vom Ursprünglichsten und Zukünftigsten schlechthin anrufen lassen, ihm uns glaubend, hoffend und liebend stellen in der Tat des Glaubens daran, daß dieses Erste und Letzte sich uns ausgelegt und bezeugt hat als die Liebe in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen.

Quelle: Stimmen der Zeit 176, Nr. 13 (Oktober 1965), S. 481-489.

Hier der Text als pdf.

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