„Die primitivste Theologie meiner Eltern, wie sie auf der Ofenbank saßen und ihr Abendge­bet sprachen, das ist die rechte Theologie“ – Aus Joseph Wittigs Leben von Rudolf Irmler

Joseph Wittig
Joseph Wittig

Ähnlich wie dem katholischen Priester Johann Michael Feneberg (1751-1812) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte auch Joseph Wittig (1879-1949) von evangelischer Seite höchste Wertschätzung widerfahren. Dabei waren es vor allem Pfarrer und Theologen mit schlesischen Wurzeln – zuletzt Christian Möller -, die das Gedächtnis an Johannes Wittig aufrecht erhalten haben. So stellt Rudolf Irmler Wittig mit folgenden Worten vor:

Aus Joseph Wittigs Leben

Von Rudolf Irmler

Meine Heimat Schlesien ist reich an Schriftstellern, Gottsu­chern und Mystikern. Das Land der 666 Dichter, sagt scherzhaft Detlev von Liliencron. Von der heiligen Hedwig bis zu Jochen Klepper – welche Fülle von Persönlichkeiten! Sie stellen ein geistiges Erbe dar, das auch nach dem Verlust der schlesischen Heimat noch weiterlebt und erhal­ten werden soll.

Und jeder dieser Dichter ist von besonderer Art. Ihnen allen aber ist etwas gemeinsam: Sie versuchen, in den Hintergrund des Lebens zu schauen – bis hin zum Ewigen. Sie blicken, wie Jacob Böhme, in »das Herz aller Dinge«, um den Urgrund des Seins zu erkennen. Jacob Böh­me, der Schuster und Philosoph in Görlitz, ist gewiß der Vater der schlesischen Mystik zu nennen. Wie stark hat sein Denken und Erkennen im Laufe von 400 Jahren auf den schlesi­schen Menschen gewirkt!

Gerhart Hauptmann sagte mir einmal, daß er immer einen Band von Böhmes Werken auf seinem Schreibtisch liegen habe. Von ihm stammt der Ausspruch: »Der Schlesier ist getup­pelt« (gedoppelt). Ja – Ja, Nee – Nee. »Im Ja und Nein liegt das Wesen der Dinge«, schreibt Jacob Böhme. Das ist die hintergründige Schau des Mystikers, die dann bei Angelus Silesius aus Breslau in seinem »Cherubini­schen Wandersmann« besonders ausgebildet ist. Das Un­sichtbare im Sichtbaren zu erblicken und damit die Gegensätzlichkeit, die Polarität der Dinge zu erkennen – welch tiefe Schau. Weil wir eben Wanderer zwischen zwei Welten sind.

Einer der letzten Denker und Dichter aus unserer verlasse­nen Heimat ist Joseph Wittig. Glau­be und Heimat sind es, zwischen denen er wanderte, aber auch Freude und Leid. Am schwer­sten war für ihn, daß er seine Glatzer Heimat verlassen mußte. Entwurzelt – und doch getrö­stet. Und wir alle stehen ja mit ihm in den dauernden Spannungen des Lebens, die wir nur mit transzendenten Kräften aushalten und überwinden können.

Es verband mich eine persönliche Freundschaft mit Joseph Wittig, auch wenn es nur seltene Begegnungen bei Vorträ­gen oder in seinem Haus am Erlenbach in Neusorge sein konnten. Dann saßen wir unter dem Herrgottswinkel sei­ner Stube oder wanderten durch die erntereifen Felder hinter seinem Haus und sangen sein Lieblingslied: »Schön­ster Herr Jesu, Herrscher aller Erden, Gottes und Marien Sohn.«

Freundschaft halte ich auch bis heute mit seiner Witwe Anca Wittig in Meschede. In vielen Vorträgen habe ich 1979, anläßlich von Wittigs 100. Geburtstag, statt meines lieben verstor­benen Freundes Prof. Dr. Wilhelm Menzel, Wittig-Vorträge gehalten.

Das Glatzer Land war Wittigs Heimat. Am 22.1.1879 in Neusorge geboren, das 10. Kind armer Zimmermanns­leute, so wuchs er in einem frommen Elternhause auf. Für dieses Erbe war er immer dankbar. Es prägte sein Wesen und auch später seine Dichtung. Man erkannte bald die Fähigkeiten des begabten Knaben und brachte ihn zum benachbarten Pfarrer May, der ihn in kürzester Zeit bis zur Tertia des Gymnasiums vorbereitete.

Dann ging der Weg des Jungen nach Breslau, wo er im St. Matthias-Gymnasium das Abitur machte und während­dessen im Hedwigskloster bei seinen Tanten wohnte. Es konnte nicht anders sein, als daß der aufgeweckte und fromme Schüler Theologie studierte und in den priesterlichen Dienst trat. 1902 machte er sein Doktor­examen und erhielt ein Jahr darauf die Priesterweihe. Dann war er Kaplan in Lauban, und es folgten zwei Jahre Studium auf dem Campo Santo in Rom, wozu er ein groß­zügiges Stipendium bekam. Nach weiterer Kaplanszeit in Patschkau rief man ihn 1915 als Professor der Kirchen­geschichte und Archäologie nach Breslau. Hier amtierte er daneben in der Sandkirche – ein beliebter gütiger Beicht­vater.

Neben Wittigs Gelehrsamkeit zeichnete ihn eine besondere innere Tiefe, Güte und Großzügig­keit aus, die viele anzog. Schon bald arbeitete er schriftstellerisch an der Zeitschrift »Hoch­land« mit und brachte 1921 sein erstes Buch »Herr­gottswissen«, Geschichten von Webern, Zimmerleuten und Dorfjungen, heraus. Liebe zu seiner Heimat und zu seiner Kirche – beides verband er als ein schlesischer Rosegger.

Guardini und Martin Buber gehörten zu seinen theologi­schen Freunden. Aber gerade auf dem Gebiet der Theolo­gie kam es 1922 zu dem schweren Konflikt, der das spätere Leben des Dichters überschatten sollte. In »Hochland« erschien Wittigs Osterartikel, den er »Die Erlö­sten« über­schrieb. Dieser Aufsatz hatte fünf Gedanken, die Anstoß erregten; die Zeit war damals noch nicht reif dafür. Heute, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, im Zeitalter der Ökumene, wäre Wittig niemals verfolgt worden. War er 50 Jahre zu früh geboren?

Und das sind die fünf Thesen seines Aufsatzes:

  1. Dem gläubig liebenden Menschen werden die Sünden sofort erlassen, wenn er darum bittet. Das Bußsakrament soll nicht überflüssig sein. Aber der Mensch steht mit sei­nem Ich direkt vor Gott.
  2. Nicht alles, was vor Menschen Sünde ist, ist es auch vor Gott. Schuld wird von der Gesinnung bestimmt (siehe Bergpredigt).
  3. Wahrer Glaube ist dann Heilszuversicht. Man kann sich unbedingt auf Gottes Gnade verlassen – wenn der Mensch nur nicht Gott verläßt.
  4. Der Weg zur Versöhnung, zum Herzen Gottes und zum Frieden ist das gläubige Wol­len, nicht Leistungen und Zugangsbestimmungen im Sinne einer Selbsterlösung.
  5. Die bereute Sünde wird zur »seligen Schuld«. Sünde, sobald sie bereut ist, erhält gera­dezu »Heilsfunktion«. »Es führen viele Wege zu Gott, einer auch durch die Sünde, und das ist vielleicht der kürzeste.« (Paulus, Augustin, Luther)

Spüren wir nicht, daß hier das Problem des Bösen, der Sünde, eine beherrschende Stellung einnimmt? Es ist die Frage Böhmes und auch Luthers. Bereute Sünde – ein Weg zu Gott! Das Böse muß dem Guten dienen.

Man kann sich denken, daß die Wogen nach diesem Osterartikel hochgingen. Schwere Vor­würfe von der kirchlichen Obrigkeit, jubelnde Begeisterung bei Künstlern, Gelehr­ten, Studen­ten und bei der Jugendbewegung. Romano Guardini schrieb: »Ein religiöser Vorgang von un­absehba­rer Tragweite hat eingesetzt. Die Kirche erwacht in den Seelen.« Eine Una Sancta der Christen leuchtete auf. Als ob Luther wieder sprechen wollte.

Der Konflikt mit seiner Kirche war schwer. Drei böse Jahre folgten. Kardinal Bertram in Breslau lehnte Wittig ab. Man setzte seine Bücher 1925 auf den Index. 1926 erfolgte Wittigs Exkommunikation, da er nicht widerrufen wollte. In diesem Jahr aber schrieb er sein bekann­testes Werk: »Das Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo«, die wunderbaren Ge­schichten seiner Heimat, durchdrungen von einem kindlichen, getrosten Glauben.

Sein Amt, seine Professur und sein liebes Breslau mußte Joseph Wittig nun verlassen. Am schwersten war ihm das Urteil seiner Kirche, die er liebte, die er nie verließ, und die ihn viel später wieder aufnahm. Er heiratete Bianka Geißler aus Habelschwerdt und baute sein Haus am Erlengrund. Vier Kinder wurden ihnen geschenkt. Eines starb bald. In seinem Buch »Höregott« schreibt er von Freude und Trauer über dieses verlorene Kind.

Hier in seinem Haus mit dem hohen schrägen Dach wurde Wittig der Seelsorger vieler Menschen. Evangelische, Orthodoxe und Katholiken, Atheisten und Philosophen, sie alle besuchten ihn. Ökumenische Gäste. Und dann die vielen Briefe, die er bekam und auch selbst beantwortete. Durch sein Reden und Schreiben klang immer die Bot­schaft von dem, der »der rechte Vater ist im Himmel und auf Erden«. »Wo Gott Mensch wurde, wurde auch der Mensch Mensch.«

1946 mußte er die Heimat verlassen. Dazu kam eine ernst­hafte Erkrankung, die ihn in schwe­re Anfechtung führte. Sein Buch »Roman mit Gott« erzählt es in erschütternder Weise. Seine geliebte Grafschaft zu verlassen und vom Boden der schlesischen Heimat entwurzelt in die Fremde ziehen zu müssen – eine überschwere Last für Joseph Wittig.

Aber in allem Leid ist jedesmal noch etwas Gutes zu finden. Es geschah beim Abschied aus Schlesien: Am 5. März 1946 kam die Nachricht zu dem Schwergeprüften, daß ihn die Kirche wieder aufgenommen habe. Ein großes Glück für Joseph Wittig. Mit dieser Freude konnte er den Weg in die Fremde antreten. War er nicht immer ein treuer Sohn seiner Kirche gewesen und geblieben?

Im Forsthaus Göhrde in der Lüneburger Heide, fern von den Glatzer Bergen, fand Wittig eine neue Heimat und auch liebe Menschen, die ihm halfen. Sogar aus Rom kam ein sichtbarer und helfender Gruß. Damals schrieb er: »Gott ist unser einziger Gott. Er ist unsere einzige Heimat. Da muß nun die Überwindung der Heimatlosigkeit einset­zen: Bei der Revision unseres Hei­matglaubens. Wir müs­sen Gott als unsere Heimat in der Ferne finden.«

Am 22. August 1949 ging der Dichter, Wissenschaftler und Theologe Joseph Wittig heim, kurz vor seiner Übersied­lung nach Meschede. Dort stand ich schon öfter an seinem Grabe. Das Holzkreuz mit seinem Namen trägt die Inschrift: »Getrost, getrost, wir sind erlöst« – das Thema seines Lebens!

Auf sein Testament weise ich hin, in dem es zum Schluß heißt: »Ich weiß von dem unersättli­chen Verlangen nach immer tieferem Wissen. Ich bin allem Forschen nachgegan­gen. Ich weiß um die modernste Theologie, erkenne aber jetzt, daß unser Heil in unserem Ursprung und in der Rückkehr zu ihm liegt. Die primitivste Theologie meiner Eltern, wie sie auf der Ofenbank saßen und ihr Abendge­bet sprachen, das ist die rechte Theologie. O Welt, du rast der völligen Säkularisierung deiner Heiligtümer zu. Kehre um! Du bist der tödlichen Krankheit des Ratio­nalismus verfallen. Höre: wahr ist nur das Irrationale, das Unbe­greifliche, das nicht Berechen­bare. Das Leben selbst ist etwas Irrationales, darum führt alles Rationale zum Tode. Ich habe in all meinen Büchern versucht, das Irrationale im ganzen Leben aufleuchten zu lassen, und es ist mir gelun­gen, ein Tröster der Trostlosen zu werden. Gegen 20000 Briefe könnte ich zum Beweis dafür vorlegen, wenn ich sie nicht hätte daheim lassen müssen, daheim in Schlesien, in der Grafschaft Glatz, dem Lande der Wunder, dem Lande Gottes.«

Der Schriftsteller Kurt Ihlenfeld meinte einmal zu mir: »Joseph Wittig war der Kierkegaard unseres Volkes.«

Quelle: Joseph Wittig, Die braune Geige. Geschichten aus Schlesien und anderswo, einge­leitet und herausgegeben von Rudolf Irmler, Stuttgart: J. F. Steinkopf 1981, S. 7-12.

Hier der Text als pdf.

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