„Dass du deine Not klagst und dir helfen und ein fröhliches Herz und Gewissen machen lässest“ – Martin Luthers „Eine kurze Vermahnung zur Beichte“

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Jacob Alberts – Beichte auf der Hallig Oland (1891), Nordfriesisches Museum. Nissenhaus Husum

Eine kurze Vermahnung zur Beichte (Großer Katechismus)

Von Martin Luther

Von der Beichte haben wir so allezeit gelehrt, daß sie freiwillig sein solle; wir haben des Papstes Tyrannei niedergelegt, so daß wir alle seinen Zwang los und von der unerträglichen Bürde und Last befreit sind, die der Christenheit auferlegt war. Denn wie wir alle es erfahren haben, ist bisher kein schwerer Ding gewesen, als daß man jedermann zum Beichten gezwun­gen hat bei höchster Todsünde. Ferner hat man [das Beichten] so sehr beschwert und die Gewissen mit der Aufzählung von so mancherlei Sünden gemartert, daß niemand hat können rein genug beichten. Und was das Ärgste gewesen ist: niemand hat gelehrt oder gewußt, was die Beichte ist bzw. wie nützlich und tröstlich sie ist; sie haben vielmehr lauter Angst und Höllenmarter daraus gemacht, so daß man’s hat tun müssen, während man doch keinem Ding so feind gewesen ist. Diese drei Stücke sind uns nun abgenommen und geschenkt: wir brau­chen es nicht unter einem Zwang oder aus Furcht zu tun; wir sind auch die Marter los gewor­den, daß wir alle Sünden so genau aufzählen müssen; und zudem haben wir den Vorteil, daß wir wissen, wie man die Beichte selig gebrauchen soll zur Tröstung und Stärkung unseres Gewissens.

Aber darüber weiß nun jedermann Bescheid, und sie haben es nur allzu gut gelernt: sie tun, was sie wollen, und eignen sich die Freiheit so an, als sollten und brauchten sie überhaupt nicht mehr zu beichten. Das hat man ja bald erfaßt, was uns ohnedies wohltut, und es geht uns über die Maßen leicht ein, wo das Evangelium sanft und weis ist. Aber solche Säue, habe ich gesagt, sollten nicht bei dem Evangelium sein noch etwas davon haben, sondern sollten unter dem Papst bleiben und sich treiben und plagen lassen, daß sie beichten, fasten müßten usw., mehr als jemals vorher. Denn wer das Evangelium nicht glauben und darnach leben will und tun, was ein Christ tun soll, der soll auch keinen Genuß davon haben. Was wäre das, wenn du nur einen Genuß haben und nichts dazu tun und darauf verwenden wolltest? Solchen Leuten wollen wir darum nichts gepredigt haben und ihnen auch mit unserem Willen nicht von unse­rer Freiheit einräumen und zu genießen geben, sondern wollen wieder den Papst oder seines­gleichen über sie [kommen] lassen; der soll sie zwingen wie ein rechter Tyrann. Denn unter dem Pöbel, der dem Evangelium nicht gehorchen will, gehört doch nichts anderes als ein solcher Stockmeister, der Gottes Teufel und Henker ist. Den andern aber, die es sich gerne sagen lassen, müssen wir immer predigen und sie anhalten, reizen und locken, daß sie diesen teuren und tröstlichen Schatz, der durchs Evangelium angeboten wird, nicht umsonst vorbei­gehen lassen. Darum sollen wir auch etwas von der Beichte sagen, um die einfachen Men­schen zu unterrichten und zu ermahnen.

Erstens gibt es, wie ich [in anderen Schriften] gesagt habe, außer dieser Beichte, von der wir hier reden, noch zwei Arten von Beichte, die mehr ein allen Christen gemeinsames Bekennt­nis heißen könnten: nämlich, wenn man Gott selber allein oder dem Nächsten allein beichtet und sie um Vergebung bittet. Diese [beiden Arten] sind auch ins Vaterunser eingeschlossen, wenn wir sprechen: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern usw.“ Ja, das ganze Vaterunser ist nichts anders als eine solche Beichte. Denn was ist unser Beten anders, als daß wir bekennen, was wir nicht haben und tun, was wir schuldig sind, und daß soll und muß ohne Unterlaß geschehen, solange wir leben. Denn darin besteht eigentlich das christliche Wesen, daß wir uns als Sünder erkennen und um Gnade bitten.

Gleichfalls ist die andere Art von Beichte, die ein jeder seinem Nächsten gegenüber ablegt, auch ins Vaterunser eingeschlossen: Wir sollen uns untereinander unsre Schuld beichten und vergeben, ehe wir vor Gott kommen und ihn um Vergebung bitten. Nun sind wir insgeheim alle untereinander schuldig; darum sollen und können wir gut öffentlich vor jedermann beich­ten, und keiner braucht den andern zu scheuen. Denn es geht, wie das Sprichwort sagt: „Ist einer fromm, so sind sie es alle“, und keiner tut Gott oder dem Nächsten gegenüber, was er soll. Doch gibt es neben diesem allgemeinen Schuldbekenntnis auch noch ein besonderes; wenn einer den andern erzürnt hat, soll er es ihm abbitten. So haben wir im Vaterunser eine doppelte Absolution: es ist uns vergeben, sowohl was wir gegen Gott als auch, was wir gegen den Nächsten verschuldet haben, vorausgesetzt, daß wir dem Nächsten vergeben und uns mit ihm versöhnen.

Außer einem derartigen öffentlichen, täglichen und notwendigen Beichten gibt es nun diese heimliche Beichte, die allein einem Bruder gegenüber erfolgt. Und zwar soll sie dort dienlich sein, wenn uns etwas Besonderes anliegt oder anficht, worüber wir Gewissensbisse empfinden und nicht zufrieden sein können und wogegen wir uns im Glauben nicht stark genug finden. Dann sollen wir das einem Bruder klagen um Rat, Trost und Stärkung zu holen, wann und wie oft wir wollen. Denn es ist nicht in ein Gebot gefaßt wie jene zwei anderen Arten; vielmehr ist es jedem, der dessen bedarf, anheimgestellt, davon Gebrauch zu machen, wie er es nötig hat. Und zwar ist das daher gekommen und angeordnet, daß Christus selbst seiner Christenheit die Absolution in den Mund gelegt und befohlen hat, uns von Sünden loszusprechen. wenn nun ein Herz da ist, das seine Sünde fühlt und Trost begehrt, so hat es hier eine gewisse Zuflucht; da findet und hört es Gottes Wort, in dem Gott einen durch einen Menschen von seinen Sün­den entbindet und losspricht.

So merke dir nun, wie ich schon oft gesagt habe, daß die Beichte aus zwei Stücken besteht. Das erste ist unser Werk und Tun: Ich beklage meine Sünde und begehre Trost und Erqui­ckung für meine Seele. Das zweite ist ein Werk, das Gott tut. Durch das Wort, das dem Men­schen in den Mund gelegt wird, spricht er mich los von meinen Sünden; und das ist denn auch das Vornehmste und Edelste, was [die Beichte] lieblich und tröstlich macht. Nun hat man bisher allein auf unser Werk gedungen und war auf nichts weiter bedacht, als daß wir ja rein (fehlerlos) gebeichtet hätten. Das zweite, nötigste Stück hat man nicht beachtet und gepredigt, gerade, als handelte es sich bloß um ein gutes Werk, mit dem man Gott bezahlen müßte; und wenn die Beichte nicht vollkommen und aufs allergenaueste abgelegt war, so sollte die Abso­lution (Lossprechung) nicht gelten und die Sünde nicht vergeben sein. Damit hat man die Leute so weit getrieben, daß jedermann [dran] hat verzweifeln müssen, so rein (fehlerlos) zu beichten, weil das ja nicht möglich war; kein Gewissen hat zur Ruhe kommen und sich auf die Absolution verlassen können. So haben sie uns die liebe Beichte nicht bloß nutzlos, sondern auch noch schwer und sauer gemacht zu spürbarem Schaden und Verderben der Seele.

Darum sollen wir’s so ansehen, daß wir diese zwei Stücke weit voneinander scheiden und auseinandersetzen: wir sollen unser Werk gering, Gottes Wort dagegen hoch und groß achten und sollen nicht zur Beichte hingehen, als wollten wir ein köstliches Werk tun und ihm geben, sondern nur von ihm nehmen und empfangen. Du darfst nicht kommen und sagen, wie fromm oder böse du bist. Bist du ein Christ, so weiß ich das schon ohne dies gut; bist du keiner, so weiß ich’s noch viel mehr. Aber darum ist es zu tun, daß du deine Not klagst und dir helfen und ein fröhliches Herz und Gewissen machen lässest.

Dazu braucht dich nun niemand mit Geboten zu drängen; sondern wir sagen so: Wer ein Christ ist oder gerne einer sein wollte, der bekommt hier einen treuen Rat, daß er hingehen und den köstlichen Schatz holen möge. Bist du kein Christ oder begehrst du diesen Trost nicht, so lassen wir dich durch einen andern dazu zwingen. Damit heben wir nun des Papstes Tyrannei, Gebot und Zwang alles in allem auf, da wir das nirgends brauchen; wir lehren ja, wie gesagt, so: wer nicht freiwillig und um der Absolution (Lossprechung) willen zur Beichte geht, der lasse es nur anstehen. Ja, auch wer im Blick auf eigenes Werk hingeht, wie rein (feh­lerlos) er seine Beichte abgelegt habe, der bleibe nur weg davon. Wir ermahnen aber: du sollst beichten und eine Not anzeigen, nicht um damit ein Werk zu tun, sondern um zu hören, was dir Gott sagen läßt. Dieses Wort oder die Absolution, sage ich, sollst du hochhalten und teuer achten als einen vortrefflichen, großen Schatz, der mit allen Ehren und Dank anzuneh­men ist.

Wenn man das unterstriche und daneben die Not aufzeigte, die uns dazu bewegen und anrei­zen sollte, so brauchte man nicht viel zu nötigen und zu zwingen. Da würde jeden sein eigenes Gewissen genug dazu antreiben und so bange machen, daß er [des Schatzes] froh würde und es täte, wie ein armer, elender Bettler. Wenn ein solcher hörte, daß man an einem Ort eine reiche Spende, Geld oder Kleider austeile, so bedürfte man keines Büttels, der ihn triebe und schlüge; er würde wohl von selber aus Leibeskräften laufen, was er laufen könnte, um es nicht zu versäumen. Wenn man nun ein Gebot daraus machte, daß alle Bettler dahin laufen sollten, und damit basta, verschwiege dabei jedoch, was man dort suchen und holen solle, – was wäre dann anders der Fall, als daß man mit Unlust hinginge? Man dächte nicht daran, daß man etwas holen dürfe, sondern nur, daß man sich sehen lassen müsse, wie arm und elend man als Bettler sei. Daraus würde man nicht viel Freude oder Trost schöpfen; man würde dem Gebot desto feindlicher werden.

Ebenso haben bisher des Papstes Prediger von diesem vortrefflichen, reichen Almosen und unaussprechlichen Schatz geschwiegen; sie haben nur [die Menschen] in Haufen zur Beichte getrieben, mit keinem weiteren Ziel, als daß man sehe, was für unreine und unflätige Leute wir seien. Wer konnte da gerne zur Beichte gehen? Wir aber sagen nicht, daß man sehe, wie voller Unflats du bist, und sich darin spiegle, sondern wir raten und sagen [vielmehr]: Bist du arm und elend, so gehe hin und gebrauche die heilsame Arznei. Wer nun sein Elend und seine Not fühlt, wird wohl ein solches Verlangen darnach kriegen, daß er mit Freuden hinzuläuft. Die aber, die es nicht achten und von selber kommen, die lassen wir auch fahren. Das sollen sie aber wissen, daß wir sie nicht für Christen halten.

So lehren wir nun, was für ein vortreffliches, köstliches und tröstliches Ding es um die Beich­te ist, und ermahnen dazu, man möge dieses teure Gut nicht verachten im Blick auf unsre gro­ße Not. Bist du nun ein Christ, so bedarfst du an keiner Stelle weder meines Zwangs noch des Papstes Gebot, sondern du wirst dich wohl selber dazu zwingen und mich darum bitten, daß du dessen teilhaftig werden mögest. Willst du es aber verachten und so stolz ungebeichtet hin­gehen, so schließen wir daraus das Urteil, daß du kein Christ bist und auch nicht in den Genuß des Sakraments [des Abendmahls] kommen sollst; denn du verachtest, was kein Christ ver­achten soll, und bewirkst damit, daß du keine Vergebung der Sünde bekommen kannst. Und es ist ein sicheres Anzeichen dafür, daß du auch das Evangelium verachtest.

Kurz, wir wollen von keinem Zwang wissen; wer aber unser Predigt und Ermahnung nicht hört und befolgt, mit dem haben wir nichts zu schaffen; der soll auch nichts vom Evangelium haben. Wärest du ein Christ, so solltest du so froh darüber werden, daß du gerne über hundert Meilen darnach laufen möchtest, und solltest dich nicht nötigen lassen, sondern kommen und uns dazu zwingen. Denn da muß der Zwang umgekehrt werden, daß wir unters Gebot und du in die Freiheit kommst; wir drängen niemand, sondern leiden es, daß man uns drängt, gerade­so, wie man uns zwingt, daß wir predigen und das Sakrament reichen müssen.

Wenn ich daher zur Beichte ermahne, so tue ich nichts anderes, als daß ich ermahne, ein Christ zu sein; wenn ich dich dahin bringe, so habe ich dich wohl auch zur Beichte gebracht. Denn die, die es darnach verlangt, daß sie gerne fromme Christen wären und ihre Sünden loswürden, und die ein fröhliches Gewissen haben wollten, die haben schon den rechten Hun­ger und Durst: sie schnappen nach dem Brot wie ein gejagter Hirsch, der vor Hitze und Durst entbrannt ist, wie der 42. Psalm sagt: „Wie der Hirsch schreiet nach den Wasserbächen, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir“, d.h. so weh und bange es einem solchen ist nach einem frischen Born, so angst und bange ist es mir nach Gottes Wort oder der Absolution und dem Sakrament usw. Sieh, das wäre recht von der Beichte gelehrt; so könnte man Lust und Liebe dazu machen, daß die Leute herzu kämen und uns mehr nachliefen, als wir gerne hätten. Die Päpstlichen lassen sich und andere Leute plagen und martern, die diesen Schatz nicht achten und ihn sich selbst verschließen. Uns aber lasset die Hände aufheben, Gott loben und danken, daß wir zu solcher Erkenntnis und Gnade gekommen sind.

Textfassung nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kir­che, herausgegeben vom Lutherischen Kirchenamt, bearbeitet von Horst Georg Pöhlmann, Gütersloh 31991, S. 762-770.

Hier der Text als pdf.

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