„Der Papst hat recht. Ich habe schon in allerfrömmsten und allerkirchlichsten Katholiken den Luther entdeckt“ – Joseph Wittig zum Lutherjahr 1933

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L’Invadente. Ein Nachwort zum Lutherjahr

Von Joseph Wittig

Als ich in jungen Jahren einmal bei dem guten Papst Pius X. war, um ihm im Namen des deutschen Priesterkollegiums am Campo Santo dei Tedeschi ein soeben fertiggedrucktes und durch einen Prachteinband über Gebühr geehrtes wissenschaftliches Werk aus meiner Feder zu überreichen, sagte er, den Folianten überprüfend, auf einmal: ‚Questi Tedeschi sono inva­denti‘ – „Diese Deutschen sind“ – ja, ich kann das Wort ‚Invadente‘ gar nicht deutsch wieder­geben; es heißt, ganz trocken übersetzt, ‚Angreifer‘, ‚Eroberer‘, kann auch heißen ‚frech‘, ‚draufgängerisch‘; man muss bei der Übertragung den Klang des gesprochenen Wortes hören und das schier unmerkliche Kopfschütteln und feine Schmunzeln des Sprechenden sehen! Bekümmernis und Bewunderung waren zu gleichen Teilen darin gemischt.

Woher kam dem Manne dieses Wort? Kaum aus der Betrachtung des ihm überreichten Bu­ches, das eine Arbeit aus dem Bereiche der christlichen Archäologie war; auch nicht aus der Bewunderung des Prachteinbandes, denn so was sind die Päpste gewöhnt, immer Seide und Gold. Auch der alte Rektor des Camposanto, der knorrige Niederdeutsche Anton de Waal, und die übrigen geistlichen Gefährten, lauter junge, kecke Forscher aus den süddeutschen Ländern, hatten den Eindruck, dass das Wort aus des Papstes tiefster Wesensschau deutscher Art kam, so ungewollt und ungeklügelt, dass nachher zwei oder drei zueinander sagten: ‚In solchen Dingen sogar ist der Papst unfehlbar!‘

Pius X. hat in jedem Deutschen, auch in jedem deutschen Katholiken, einen offenen oder verborgenen Luther gesehen. Man muss nur seinen Blick beobachtet haben, in dem jenes dunkle Wort sein Licht bekam. Es blitzte etwas aus diesem Blick. Ich kann niemandem diesen Glauben aufzwingen, aber ich weiß, es war soviel Freude und Güte, soviel tiefmenschliche Zustimmung, wie nur neben der hochamtlichen Bekümmernis Platz hatte, viel echter als das im Amt geschriebene böse Wort in der Borromäus-Enzyklika. Der Papst hat recht. Ich habe schon in allerfrömmsten und allerkirchlichsten Katholiken den Luther entdeckt. Wenn man sie freilich darauf anspricht, wehren sie sich dagegen, denn sie wollen eben katholisch und nicht lutherisch sein, was übrigens eine ganz andere Sache ist, als Luther in sich zu haben oder nicht. Luther in sich haben, dieses Glaubensmeer, dieses mächtige Feuer, diese wahrhaftige Zunge, dieses betende Herz, dieses klare Ja und Nein, das gehört zu jedem vollen christlichen Wesen und ist eine herrliche Qualität. Es will sich nur nicht immer im Streit der Meinungen und Konzessionen offenbaren, sondern lieber im vertraulichen Gespräch, wenn es nicht mehr um Kirche geht, sondern um Gott und seine Macht und Gnade. Das wußte Papst Pius X., denn er war kein vertrockneter Wipfel am Baum der Kirche: er züngelte hoch da oben auf Gott zu. Und sein Auge senkte sich tief in mein deutsches Herz – ‚Questi Tedeschi sono invadenti!‘ – und er nahm seine Feder und schrieb unter sein Bild, das er mir schenken wollte: ‚Dilecto filio‘ – dem geliebten Sohne gebe ich als Unterpfand meiner Freundlichkeit und Liebe von Herzen den apostolischen Segen!“

Ich weiß Namen, und es ist wahr, was ich sage: wenn ein Priester um seines Gewissens willen nicht mehr den Dienst in der katholischen Kirche tun konnte und so zu Pius X. kam, entließ er ihn segnend und sagte: ‚Prima la coscienza, poi il dovere‘ – „Zuerst das Gewissen und dann erst das amtliche Müssen!“ – Luther im Papste!

Der Papst muss tun, was seines Amtes ist, nicht was seines Herzens ist. Seine Beamten über­wachen ihn wie die alten Cherubim die Pforte des Paradieses; sie wollen den Luther in ihm, den ehrlichen, treuen, wahrhaftigen, gütigen, väterlichen Menschen, nicht herauslassen. Sein eigentliches Amt aber ist in seinem Herzen. Liebe ist immer unfehlbar.

Mein Herz ist auch ein päpstliches Herz; ich sage es vor der ganzen Welt. Aber ich habe mich der amtlichen Bewachung entzogen; ich durfte meine ganze Freude an Luther herauslassen und mit der evangelischen Christenheit seinen Geburtstag feiern.

Die Christliche Welt, Nr. 24, 1933, Sp. 1118f.

Hier der Text als pdf.

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