Wer bin ich wirklich? Warum persönliche Integrität kollektiver Identität vorzuziehen ist

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„Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?“ Diese Worte aus Dietrich Bonhoeffers Gedicht hat Kwame Anthony Appiah seinem – nun auch auf Deutsch erschienenen – Buch „Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit“ (Berlin: Hanser, 2019) vorangestellt. Appiah unternimmt es als Philosoph mit ghanaisch-englischen Wurzeln Identitätszuschreibungen bezüglich Religion, Nationalität, Hautfarbe, Klasse oder Kultur auf deren Geltung hin zu hinterfragen. Mitunter werden in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen privilegierte Identitätsansprüche vorangestellt – „ich als …“ –, um eigene Ansichten rechtfertigungsfrei zu stellen. Wer sich eine „betroffenseinliche“ Identität zurechtlegt, vermag sich moralisch über andere zu erheben und erfährt darin bei seines- bzw. ihresgleichen entsprechende Selbstbestätigung.

Zurecht weist Appiah darauf hin, dass eine für sich selbst beanspruchte Identität – mitunter eine Kombination verschiedener Eigenschaften bezüglich Herkunft, Geschlecht, Sexualität, Klasse oder Kultur – keiner persönlichen Wesenseinheit (identitas) entspricht. Vielmehr erfahren Menschen sich in ihren je eigenen Lebensumständen jeweils unterschiedlich, so dass Persönlichkeit sich eben nicht auf ein Identitätskollektiv reduzieren lässt. Wo „identitativ“ argumentiert wird, werden andere Menschen mit denselben Eigenschaften zwangsläufig bevormundet bzw. vereinnahmt. Der Vorwurf eines selbstgerechten Narzissmus ist nicht immer von der Hand zu weisen.

Im Zusammenleben mit anderen Menschen geht es primär nicht um Identitäten, die es zu bestärken und zu verteidigen gilt. Vielmehr sind wir in unserer persönlichen Integrität ethisch herausgefordert. Dabei handelt es sich um die rechenschaftsfähige Zusammenfügung eigener Erfahrungen, Prägungen, Vorlieben, Interessen, Identifikationen, Praktiken wie auch möglicher Defizite oder Verfehlungen, der die Anerkennung durch andere zugutekommt. Gerade die Sexualität ist für die eigene Integrität ein besonderes Bewährungsfeld.

Für Christen ist die Frage nach der eigenen Integrität nicht allein auf Menschen ausgerichtet, sucht doch der Glaube die göttliche Anerkennung. So lauten denn auch Bonhoeffers Schlussworte in seinem Gedicht: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Hier mein Text als pdf.

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