„Ein Theologe im Tod“ – Jorge Luis Borges‘ postmortale Melanchthon-Geschichte

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Porträt des Philipp Melanchthon, nach einem Kupferstich von Albrecht Dürer, aus dem Jahr 1526

Da hat sich Jorge Luis Borges geirrt, wenn in Philipp Melanchthons Loci communes von 1521 die Loci „De caritate et spe“ bzw. „De caritate“ enthalten sind. Und dennoch ist seine postmortale Melanchthon-Geschichte lesenswert.

Ein Theologe im Tod

Von Jorge Luis Borges

Die Engel haben mir mitgeteilt, daß Melanchthon, als er verschied, in der anderen Welt ein Haus zugeteilt bekam, welches dem, das er auf Erden innegehabt, täuschend ähnlich war. (Nahezu allen, die erst jüngst in der Ewigkeit eingetroffen sind, widerfährt das gleiche, und darum glauben sie, sie seien nicht gestorben.) Die häuslichen Geräte waren gleich: der Tisch, das Schreibpult mit seinen Fächern, die Bibliothek. Als nun Melanchthon in dieser Behausung erwachte, nahm er seine literarischen Obliegenheiten wieder auf, als sei er kein Leichnam, und schrieb einige Tage lang über die Rechtfertigung durch den Glauben. Wie es seine Gewohnheit war, sagte er nicht ein Wort über die Liebe. Die Engel bemerkten diese Weglassung und schickten Personen zu ihm, die ihn hierüber befragen sollten. Melanchthon sagte ihnen: »Ich habe unwiderleglich bewiesen, daß die Seele der Liebe entraten kann und daß, um in den Himmel einzugehen, der Glaube genügt.« Diese Worte sprach er hochmütig und wußte nicht, daß er schon tot war und sein Ort nicht der Himmel. Als die Engel diese Rede vernahmen, wichen sie von ihm.

Kaum waren ein paar Wochen vergangen, da fingen die Einrichtungsgegenstände an, bis zur Geisterhaftigkeit unsichtbar zu werden, ausgenommen der Schreibsessel, der Tisch, die Blätter Papiers und das Tintenfaß. Außerdem wurden die Wände des Gemachs kalkfleckig und der Boden wie gelber Firnis. Sogar die Wäsche, die er trug, war viel gewöhnlicher. Desungeachtet fuhr er mit Schreiben fort, aber da er auf der Leugnung der Liebe beharrte, verbrachten sie ihn in eine unterirdische Werkstatt, wo es andere Theologen gleich ihm gab. Hier saß er einige Tage gefangen und begann an seiner These zu zweifeln, worauf sie ihm die Rückkehr gestatteten. Seine Leibwäsche war aus ungegerbtem Leder, aber er versuchte sich einzubilden, daß das Frühere eine bloße Wahnvorspiegelung gewesen sei, und fuhr fort, den Glauben zu verherrlichen und die Liebe zu verleumden. Eines Abends fühlte er sich kalt. Da ging er durch das Haus und stellte fest, daß die übrigen Gemächer nicht mehr denen seiner Behausung auf Erden entsprachen. Eines war angefüllt mit unbekannten Geräten, ein anderes war so klein geworden, daß man unmöglich hineingehen konnte, wieder ein anderes hatte sich nicht verändert, aber seine Fenster und Türen gingen auf große Dünen hinaus. Das letzte Zimmer war voll von Personen, die ihn vergötterten und immer wieder zu ihm sagten, kein Theologe sei ihm an Weisheit gleich. Diese Vergötterung behagte ihm, aber da eine dieser Personen kein Gesicht hatte und andere tot zu sein schienen, verabscheute und beargwöhnte er sie schließlich. Da entschloß er sich, einen Lobpreis auf die Liebe zu schreiben, aber die heute geschriebenen Seiten erschienen am nächsten Morgen ausgelöscht. Und zwar geschah dies, weil er sie ohne Überzeugung schuf.

Er empfing zahlreiche Besuche von jüngstverstorbenen Leuten, aber er empfand Scham, daß er sich ihnen in seiner derart schmutzigen Behausung vorstellen mußte. Um sie glauben zu machen, er sei im Himmel, verabredete er sich mit einem Hexenmeister von denen aus dem letzten Zimmer, und dieser täuschte sie mit allerlei Blendwerk von Glanz und Heiterkeit. Kaum jedoch zogen die Besucher sich zurück, so erschienen wieder die Armseligkeit und der Kalk, manchmal auch ein bißchen früher. Die letzten Nachrichten von Melanchthon besagen, daß der Magier und einer der Männer ohne Gesicht ihn in die Dünen hinausführten und daß er heute eine Art Knecht der Dämonen ist.

Aus dem Buch Arcana Coelestia von Emanuel Swedenborg

Hier der Text als pdf.

 

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