„Ich weiß nicht, hat es Sinn und lohnt es, daß ich lebe, nur weil mein Herz noch schlägt.“ Jochen Klepper über die Frage der Selbstötung (Juni 1933)

Jochen Klepper

Nachdem die Deportation seiner jüdischstämmigen Frau und seiner Stieftochter unmittelbar bevorstand, nahm sich Jochen Klepper mit seiner Familie nahm sich in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 durch Schlaftabletten und Gas gemeinsam das Leben. Bereits im Juni 1933 finden sich in Kleppers Tagebuch Gedanken über eine gemeinsame Selbsttötung, eingeleitet durch ein Gedicht:

Ich weiß nicht, hat es Sinn
und lohnt es, daß ich lebe,
nur weil mein Herz noch schlägt.
Ich weiß nur, daß ich Rebe
voll schweren Weines bin.

Ich weiß nicht, soll ich sein.
Ich weiß nur, daß die Erde
mich Korn im Schoße trägt,
daß ich zum Brote werde.
Gott spricht aus Brot und Wein.

Ein solches Gedicht birgt die tiefsten Gefahren meiner Natur. Es gibt nur zwei Dinge, die mich am Leben halten: Hanni und die verkappte, geheime, verlogene Hoffnung, göttliches Werk­zeug zu sein und nicht »nur« erlöster Mensch. – Dort wird mich Gott am tiefsten treffen müssen.

Die Kunst hält mich nicht am Leben.

Meine Einstellung zum Selbstmord hat sich sehr rasch geändert. Alles ist dem Menschen erlaubt, alles Gute, alles Schlechte, weil die Rechnung zwischen Gott und dem Gläubigen beglichen ist.

Wie konnte ich den Selbstmord ausnehmen? Mit welchem Recht zog ich eine Grenze? Mit welchem Recht sagte ich von dieser Schuld, sie könne nicht vergeben werden?

Heißt es: »Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen ver­geben; aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben und die Sünde, daß er sich tötet, und die Sünde, daß er seine Frau zu sehr liebt, und die Sünde, daß er müde wird, auch nicht?«

Es heißt: »Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben.«

Die Sünde gegen den Heiligen Geist bleibt wohl Geheimnis; geoffenbart wird sie nur dem, der sie begehrt; der Gläubige glaubt sie als furchtbares Hauptstück des Glaubens, als Angel­punkt von Verwerfung und Erwählung. Er kann die Frage nach ihr nicht stellen.

Als ich zu schreiben begann, drehte sich mir alles nur um die Sünde gegen den Heiligen Geist. Dort suchte ich den Sinn der Geschichte, dort die Lösung des Rätsels um das Judentum. Dort allein erschauere ich. Nicht vor dem Selbstmord. Nicht vor der zu großen Liebe zu meinem letzten Menschen. Nicht vor der Schwäche, doch einmal müde zu werden. Ich bin noch nicht müde. Aber ich glaube, daß der Selbstmord unter die Vergebung fällt wie alle andere Sünde. Und der, der ich heute bin, will ich mit Hanni sterben. Was Gott daraus macht – wie er es ausgehen läßt, ob er mich, ob er Hanni wandelt, wen er nimmt in den Tod, wen er zurückstößt ins Leben, mit welchem Gebet er etwa noch einmal alles Menschliche in einem vernichtet – es geht mich nichts an. Mit den Gebeten und den Bibelworten ist es dasselbe: Jedes ein­zelne ist geschichtlich und psychologisch erklärlich, erweist sich als »falsch« in jedem Buchstaben. Dem Glauben ist das Ganze eine unumstößliche Gewißheit.

Warum ich noch schreibe –

Ich schäme mich, »Memoiren« zu schreiben, diese verlogensten und eitelsten aller Machwer­ke. Vielleicht ist der Tag nahe, an dem ich alle diese Blätter vernichte oder an dem ich ihnen keine Zeile mehr hinzufüge. Vielleicht ist aber gerade diese Folge von Aufzeichnungen mein einziges Buch, obwohl ich es hasse, im Zwiespalt mit mir schreibe, weil ich mich danach seh­ne, nur in der Filterung des »unpersönlichen«, unprivaten Buches zu spre­chen. Zu wem? Es ist mir gleich.

Nur wenn ich an die Sünde gegen den Heiligen Geist denke, rühre – nur dann, nicht aber in Gedanken an den Selbstmord, steht das Wort vor mir, daß es furchtbar sei, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

Zwischen Hanni und mir ist nun im reinen, was noch nicht im reinen war. Auch alle Ange­legenheiten, die die Kinder betreffen, sind besprochen. Wer sterben will, wird es dem anderen sagen. Ich werde es nicht sein -, glaube ich.

Es sind kalte Regentage, aber sie tun mir nicht so weh, wie heißer Sommer mir weh tun müßte. Sie sind schonender als strahlende Schönheit. Wenn ich an den Beruf denke, so habe ich ein Gefühl von Schwere. Der Gedanke an Beuthen ist ein anhaltender Schmerz. Im Ge­danken an Hanni fließt alles zusammen an Schwere, Schmerz, Dankbarkeit, Glück, entsetz­li­cher Selbstan­klage, Vorwurf, Klarheit, Unentwirrbarkeit.

In der Welt gilt nur noch dies eine: Wir sind zwei Verfolgte. Daran ist nichts übertrieben. Kei­nen Moment aber vergessen wir, wie viele so neben uns leben, vor uns und mit uns viel­leicht auch freiwillig sterben.

Wir werden uns nicht auf den Selbstmord zutreiben lassen, wer­den unser bürgerliches Leben, ich mein künstlerisches Leben wie immer führen.

Wir – Hanni und ich sind freilich, wo der Glaube beginnt, nach wie vor Getrennte, denn sie ist nur der Mensch dieser Welt – wollen keine Wunder von Gott erzwingen.

Aber wir wollen zusammen sterben. Und soweit ich Mensch bin, sage ich nun: Der Mensch, der mein Leben ist, soll auch die letzte Stunde meines Lebens bestimmen. Und dann ist nur noch Gott.

Hanni ist Mensch nur dieser Welt – und glaubt, wenn ich nicht alles an ihr verkenne, daß mein Glaube wahr ist. – Einen Gegen­satz Christ und Jüdin hat es nie zwischen uns gegeben.

Der tiefe Zwiespalt zwischen uns war nur einmal da: als es um das Kind ging. Die Welt mußte nein sagen, wo das, was über der Welt ist, mich zu einem Kinde nur ja und wieder ja sagen ließ.

Wäre ich nicht in Hannis Leben gekommen: es wäre das erst finanziell behütete, dann einge­schränktere Leben einer Frau geworden, die junge Witwe wurde, und nur noch mit ihren Kindern lebte; etwas sehr Normales.

Wäre Hanni nicht in mein Leben gekommen, es wäre, was daten­mäßig bestimmbar ist, eine Familienkatastrophe, krank, wirr und geängstigt, geworden.

Die Gegenüberstellung sagt genug.

Wenn wir bei den Kindern antippen, ob sie im Fall, daß Hanni und ich ins Ausland müßten, gern zu Ilse Freund nach Breslau gingen – große Begeisterung. Möge das Hanni alles erleich­tern. An Billum hänge ich sehr, obwohl er keine Verbindung mit mir sucht. Das merke ich jetzt.

An der Kunst hänge ich nicht. Weil sie ja die Menschen braucht, die einen zum Ende treiben.

Nur der Glaube.

Warum ich das schreiben mag?

In einer geheimen Hoffnung: in vielen Jahren werden Hanni und ich es einmal finden und sagen: »So weit waren wir – und leben doch.« Aber in ein paar Monaten kann alles verbrannt sein.

Denn der Entschluß setzt sich so eigentümlich fest, wie seiner­zeit der Entschluß zu heiraten, dann der, nach Berlin zu gehen … Man erkennt seine echten und falschen Entschlüsse, soweit es Ehrlichkeit überhaupt gibt.

Nur Gott kann es wenden. Aber man erzwingt ein Wunder nicht. Man kann nicht einmal darum beten.

Quelle: Jochen Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1955, S. 76-79.

Hier der Text als pdf.

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