„Jedes Bibelwort muss imstande sein, Dichtung auszulösen, und jeder Reim, hinzuweisen auf Gesetz und Offenbarung der Heiligen Schrift“ – Jochen Kleppers „Das göttliche Wort und der menschliche Lobgesang“ von 1939

Wilhelm Groß - Hörer göttlicher Rede
Wilhelm Groß – Hörer göttlicher Rede (Holzschnitt 1948)

Für den von Kurt Ihlenfeld 1939 herausgegebenen Band „Das Buch der Christenheit. Betrachtungen zur Bibel“ verfasste Jochen Klepper den Beitrag „Das göttliche Wort und der menschliche Lobgesang“. In ihm gibt Klepper Rechenschaft über seine eigene Dichtung im Sprachraum der Bibel:

Offenbarung und Deutung

„Da glaubten sie an seine Worte und sangen sein Lob.“ In diesem zwölften Vers des 106. Psalms ist alles zusammengefasst, was sich vom Wort Gottes und den Dichtern sagen lässt. Es ist ausgedrückt in vollkommener Schönheit. Und es ist zugleich festgelegt mit der äußersten Nüchternheit. Überall aber, wo vom Gotteswort und der Dichtung die Rede ist, wird ange­sichts der Unfasslichkeit solcher Erscheinung Nüchternheit zum Gebot. Nirgends sind Ge­fühlsseligkeit und Undeutlichkeit mit strengerer Schärfe zu verbannen. Der Ernst, die Schwere und die Tiefe des Zusammenhangs von Offenbarung und Deutung stehen zu klar vor jedem, der unvoreingenommen zu sehen bereit ist: es geht um die, welche vom Worte und für das Wort leben, und um das Wort, welches das Leben ist.

Dem Dichter christlicher Herkunft kann sich Dichtung nur herleiten von dem Wort des Le­bens, wie es aufgezeichnet ist in der Heiligen Schrift, die außerhalb aller anderen Wert- und Größenordnungen steht. Gott hat es gefallen, an die Menschheit sein Wort, das der [129] Geist und das Leben ist, in einem Buch zu richten. Wohl und wehe allen, deren Leben dem Bücher­schreiben gehört. Ihr Maß war bestimmt, ihr Ziel war gesetzt, ehe sie zu schreiben begannen und nach den Formgesetzen ihres Schaffens Normen aufzurichten trachteten.

Wer vom Wort lebt, kann nicht vorüber am Wort des Lebens. Wer Bücher schreibt, vermag nicht, sich dem Buch der Bücher zu entziehen. Er ist gebunden an die Heilige Schrift: er beuge sich oder lehne sich auf. Alle dichterische Deutung, als Gestalt und Gehalt, wird ge­messen an der Offenbarung. Alle Dichtung, die das Ewige, Eine in der zeitlichen Mannig­faltigkeit zu deuten begehrt, kann ihren Auftrag nur aus der Bibel gewinnen und bestätigt erhalten. Alle Antwort auf solchen Auftrag ist – als Überwindung des Eigenwillens durch den Gotteswillen – wiederum „vor“geschrieben in der Heiligen Schrift. Das ewige Wort im Buch des Lebens ist der Maßstab für alles irdische Wirken am Wort. So fest und unverrückbar dieses Wort aber auch steht als Gesetz und Offenbarung, lässt die Bibel doch keine Zweifel darüber zu, daß die biblische Verkündigung, wo sie aufgenommen und neu geprägt wird von der dichterischen Darstellung, ausgesagt sein will als göttliches Geheimnis, wie es am voll­kommensten zutage tritt in den Gleichnissen Jesu Christi. Von ihnen in ihrer unfasslichen Symbolik her wird begreifbar, was die große Kunst des Wortes ist.

Wo wir uns zu solcher Haltung dem Worte gegenüber entschließen – wie sie von Gott her über uns beschlossen ist -, dürfen wir wiederum den Dichter, der sich solcher Beugung unterwirft, in einem Zusammenhang sehen mit den Psalmisten, Propheten, Evangelisten und Aposteln. Denn „der Herr gab das Wort mit großen Scharen Evangelisten“ [Ps 68,12].

Gehalt und Gestalt

Die Forderung der Nüchtern­heit bedingt, daß die dichterische Beschreibung oder gar Um­schreibung bei allen solchen Erwägungen zurücktritt hinter der Aussage der Heiligen Schrift selbst. Wer die Geschäfte der Sprache und des Geistes treibt wie der Dichter, wird der Erfah­rung zustimmen, daß nichts so zum Geist der Bibel hinleitet wie das immer völligere Ver­trautwerden mit ihrem Wortlaut. Dabei ist nun nicht einmal nur an die Bevorzugten gedacht, denen der Urtext des Alten und Neuen Testamentes zugänglich ist, sondern es ist das allge­meine Gut der Lutherischen Bibelübersetzung gemeint. Das ist ja das Größte an ihr, daß die Übersetzung schon die Auslegung enthält. Und in aller Nüchternheit darf es wohl gesagt sein: der Mann, der uns die deutsche Bibel gab, war alles in einem – Psalmist, Prophet, Evangelist, Apostel und Dichter.

„Virgils Hirtenlieder“, berichtet Luther aus seiner Bibelarbeit, „versteht keiner, der nicht fünf Jahre Hirte –, sein Gedicht vom Feldbau keiner, der nicht fünf Jahre Acker­mann gewesen ist; Ciceros Briefe versteht, das behaupte ich, keiner, der nicht zwanzig Jahre als Staats­mann in einer großen Republik gedient hat; die Heilige Schrift aber soll niemand erschöpft zu haben vorgeben, der nicht hundert Jahre mit den Propheten, mit Johannes dem Täufer, mit Christo und den Aposteln gelebt und die christliche Kirche regiert hat.“ An diese Schrift hat er seine äußere und innere Existenz gesetzt.

Bedarf es überhaupt irgend­welcher Autoritäten, um es zu begründen, warum der biblischen Aussage der weite Vorrang gegeben werden muß vor der dichterischen Prägung des gleichen Inhaltes und Gehaltes? Nur insofern es die Nüchternheit der Betrachtung erweisen und jeden Verdacht des Schwärmertumes zerstreuen hilft, mag der Kenntnis und dem Bekenntnis der Großen – es ist da an einen weiten Kreis von Menschen des geistigen und öffentlichen Lebens gedacht – Beachtung geschenkt sein und für die vielen Goethe allein sprechen. In den „Ge­sprächen mit Eckermann“ heißt es am Ende seines Lebens: „Mag die geistige Kultur nur immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tie­fe wachsen und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will: über die Hoheit und sittli­che Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen.“ Und: „Ich für meine Person halte die Bibel lieb und wert. Denn fast ihr allein verdanke ich meine sittliche Bildung, und die Begebenheiten, die Lehren, Sym­bole und Gleichnisse, alles hat sich bei mir tief eingedrückt und ist so oder so wirksam gewe­sen. Mir missfallen daher die ungerechten, spöttischen und verdrehenden Angriffe.“

Aber nicht das Menschenwort, welch großen Mannes Mund es auch gesprochen hat, sondern das Gotteswort soll ja für uns in den Mittelpunkt rücken, und zwar vor allem als die Bestäti­gung des Auftrages zur Dichtung durch die Heilige Schrift, deren „Begebenheiten, Lehren, Symbole und Gleichnisse“ sich einem Goethe „tief eingedrückt“ haben und „so oder so wirk­sam“ in ihm geworden sind. Es gilt, der Dichtung gewiss zu werden durch die Theologie. Es heißt, die Theologie als eine res publica, als ein allgemeines Anliegen zu begreifen durch die Dichtung. Drittens, und darin ist alles andere einbezogen, muß das Wort Gottes erfahren werden als Gehalt und Gestalt, muß jedes Bibelwort imstande sein, Dichtung auszulösen, und jeder Reim, hinzuweisen auf Gesetz und Offenbarung der Heiligen Schrift. Aus jedem Reim vermag sich die Ahnung göttlicher Ordnung zu erheben, wenn auch bei weitem nicht jede Dichtung Glaubenszeugnis wird. Der Bibelvers mag für die Definition eintreten: „Die Him­mel erzählen die Ehre Gottes. Es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stim­me höre.“ [Ps 19,2]

Hier der vollständige Text „Das göttliche Wort und der menschliche Lobgesang“ als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s