„Unsere Schuld als Christen ist viel größer als die Schuld der Nazis, des deutschen Volkes und der Militaristen“ – Martin Niemöllers Predigt zum Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945

Gedenktafel Stuttgarter Schuldbekenntnis P. Oellers
Gedenktafel mit dem Wortlaut des Stuttgarter Schuldbekenntnisses in der Stuttgarter Markuskirche (Foto: P. Oellers)

Am 18. Oktober 1945 war in Stuttgart die erste ordentliche Sitzung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angesetzt, zu der auch eine ökumenische Delegation unter der Leitug von Willem A. Visser’t Hooft angesagt war. In Vorbereitung auf diese Sitzung fand am Mittwoch, 17. Oktober um 19.30 Uhr unter Leitung von Landesbischof Wurm eine Abendandacht in der Stuttgarer Markuskirche statt. Als Martin Niemöller gegen 18.30 Uhr in Stuttgart eintraf, teilte ihm Stadtdekan Lempp mit, dass er in der Markuskirche sprechen solle. Seine Frau Else suchte daraufhin für ihn als Predigttext Jeremia 14,7-11 aus, und Niemöller hielt seine Predigt weitgehend aus dem Stegreif. Gegenüber dem tags darauf verfassten sogenannten „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ sind Niemöllers Worte in Sachen Schuld der Christen radikal gefasst:

 

Predigt über Jeremia 14,7-11 (1945)

Von Martin Niemöller

Ach HERR, unsre Missetaten haben’s ja verdient; aber hilf doch um deines Namens willen! denn unser Ungehorsam ist groß; damit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer; warum stellst du dich, als wärest du ein Gast im Lande und ein Fremder, der nur über Nacht darin bleibt? Warum stellst du dich wie ein Held, der verzagt ist, und wie ein Riese, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlaß uns nicht! So spricht der HERR von diesem Volk: Sie laufen gern hin und wieder und bleiben nicht gern daheim; darum will sie der HERR nicht, sondern er denkt nun an ihre Missetat und will ihre Sünden heimsuchen. Und der HERR sprach zu mir: Du sollst nicht für dies Volk um Gnade bitten. (Jer 14,7-11 Luther 1912)

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern in dem Herrn Jesus Christus!

Wenn ein Mensch heutzutage, so wie ich, nach langen Jahren zum erstenmal wieder einen Schritt hineintut in das Leben unse­res Volkes und unserer Kirche, dann kann ihm wohl gar nicht anders ums Herz sein wie dem Propheten, dessen Worte wir eben vernommen haben. Dann steht man da und schüttelt den Kopf über dem Trümmerbild unserer deutschen Städte, dann stößt man hier und da auf die riesigen Lücken, die der Krieg geschla­gen hat in dem Kreis derer, die uns bekannt und lieb waren, dann [146] seufzt einem das Herz unter der Not unter der ein ganzes Volk heute seufzt und stöhnt und man fragt sich und findet keine Ant­wort: Was soll und mag aus dem allem werden. Und diese Sorge und dieser Druck des Her­zens, die werden eigentlich nur noch schlimmer, wenn man dann am Sonntag in die Kirche geht und sich wieder mit der Gemeinde wie einst unter Gottes Wort beugt und stellt. Denn da muß man sich fragen, was ist denn nun eigentlich in all diesen 8, 10, 12 Jahren bei uns anders geworden? Ist nicht alles noch genauso geblieben wie es vorher war? Gewiß, da ist die Not. Aber sind die Menschen anders? Gewöhnen wir Menschen uns nicht an die Not ebensogut wie wir uns vorher an die guten Tage gewöhnt haben und lassen nun die Dinge laufen, weil man nicht anders kann und mag? Und gewöhnt man sich nicht an diese zerstörten Städte und die stilliegenden Fabriken und dieses Hin- und Herlaufen ohne Sinn und Ziel so wie wir uns früher gewöhnt haben an unser eifriges, fleißiges, schaffendes Leben? Und was ist mit unserer inneren Einstellung zu all diesen Dingen? Haben wir aus diesen Zeiten als Volk und Kirche wirk­lich etwas gelernt? Haben wir gemerkt, daß es Gott gewesen ist, der uns diesen ganzen Weg geführt hat? Haben wir einen Ein­druck davon und fühlen wir eine Verantwortung des­wegen, daß und weil Gott uns in diesen 12 Jahren in ganz besonderer Weise heimgesucht hat wie der biblische Ausdruck lautet. Als ich Ende Juni nach Deutschland und in die Freiheit zurückkehrte, da hörte man überall die Menschen schimpfen auf die bösen Nazis, die all dies Elend über uns gebracht hätten, und wenn man dann hinhorchte, wie sich dieser Schwerpunkt von Klagen und Kriti­sieren allmählich verschoben hat, dann war das Kritisieren nicht mehr in 1. Linie auf die Nazis gerichtet, mit denen man vorher nichts zu tun haben wollte, dann waren es je nachdem die Eng­länder, Franzosen, Amerikaner. Wir fanden immer irgend etwas, wo­rüber wir uns aufregen konnten und jemand, den wir verant­wortlich machen zu können glaub­ten und haben ja doch wohl immer und immer wieder dabei übersehen, daß Gott in dieser Zeit bei uns an die Türe geklopft hat und müssen doch nun endlich merken, daß Gott von uns heu­te etwas will, daß Er uns zum Nachdenken bringen will, nämlich zum Nachdenken dar­über, wie es mit unserer Zufriedenheit und Stolz sei, daß er uns von ihm frei machen will. Wer ist schuld an unserem Elend? Die [147] Nazis, die Militaristen, die Engländer, die Amerikaner? Sie mö­gen es selbst sagen. Aber eins ist ganz gewiß, wenn wir mit uns ins Gericht gehen und als Christengemeinde, als Kirche uns unter Gottes Wort beugen, dann sollen wir unsere Schuld sehen und dann sollen wir etwas davon merken, daß unser Volk ja doch wohl niemals diesen Weg bis zu diesem Ende hätte gehen kön­nen, wenn in seiner Mitte eine Christenheit gelebt hätte, die ihre Pflicht erfüllt hätte. Unsere Kirche, wenn auch immer wieder einzelne Zeugen dagewesen sind, die mutig aufgetreten sind, aber unsere Kirche als Ganzes, unsere Gemeinde als ein Stück des Lebens unseres deutschen Volkes, haben die wirklich getan, was sie zu tun schuldig waren, oder haben sie just in irgendeinem kleinen gezirkelten Kreis des Tages ihres Glaubens gelebt und unser Volk gehen lassen, wohin es wollte und mochte. Wäre vielleicht nicht etwas ganz anderes geschehen, wenn in den Jah­ren 33 und nachher noch eine Gemeinde dagewesen wäre, die den Willen Gottes ohne Furcht bezeugt hätte, die gesagt hätte, daß Unrecht Unrecht ist, auch wenn es von oben befohlen wird, Sünde Sünde bleibt, auch wenn die Obrigkeit diese Sünde tut. So haben wir heute wenig Anlaß, uns auf ein hohes Roß zu setzen, wo die Kirche da ist, das einzige, was geblieben ist aus diesem ganzen Zusammen­bruch. Ich bin überzeugt, auch mit uns kann Gott der Herr, kein Neues beginnen, solange wir als Christen, als Gemeinde und als Kirche nicht eingesehen haben, wie sehr wir schuldig sind, schuldig an dem Weg unseres Volkes, weil wir geschwiegen haben, wo wir hätten reden müs­sen, weil wir leise geflüstert haben, wo wir laut hätten schreien müssen, weil wir uns in den Winkel zurückgezogen haben, wo wir hätten auf den Markt treten müssen und das Wort Got­tes hätten sagen müs­sen … Wenn etwas Neues werden soll … dann gelebt und verkündigt von einer Christenheit, die um ihre Sünde weiß, von einer Gemeinde, die an ihre Brust schlägt und weiß, es darf nie mehr so werden wie es in den letzten 12 Jahren gegangen ist, wir müs­sen den Mut haben, nicht bloß im Raum der Kirche, wir müssen den Mut haben, inmitten der Welt, inmitten unseres Volkes Christen zu sein und das Wort Gottes zu bezeugen und zu leben. Wir haben eine Schuld und ich möchte meinen, unsere Schuld als Christen, liebe Gemeinde, ist viel größer als die Schuld der Nazis, des deutschen Volkes und der Militaristen. [148] Wir Christen haben ja um den rechten Weg gewußt. Die andern haben sich ihre eigenen Wege ausgedacht. Wir wußten, es gibt einen, den zeigt Gott in seinen heiligen Geboten, in dem Le­ben und Sterben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi. Das ist der rechte Weg, den haben wir zu bezeugen, den haben wir zu leben und haben es unserem Volk vorzuhalten. O, unsere große Schuld!

Wenn wir nun neu anfangen wollen, Gott möge es uns schen­ken, wissen wir es, wir Christen, wir sind schuldig an Millionen und Abermillionen von Umgebrachten, Hingemordeten, Zer­brochenen, ins Elend und in die Fremde gejagten, armen Men­schenkindern, Brüdern und Schwestern in allen Ländern Euro­pas und über Europa hinaus. Hätten wir unsere Pflicht getan, wären nicht Millionen ermordet, verhungert, Geiseln in Holland erschossen … alles, was uns über die Schandtaten gezeigt wird von Buchenwald und wie die Stätten des Schre­ckens alle heißen mögen. Diese Dinge wären nicht geschehen – unsere Schuld!

Und was sollen wir tun? Wie muß dieser neue Anfang ausse­hen, wenn wir wissen, daß auf uns die Schuld für alles dies liegt und wir eine riesige Verantwortung tragen? Jeder Mensch hofft, Amerika muß Getreide schicken, England muß helfen, die Rei­chen den Armen, die Feinde sollen keine Vergeltung üben. Wem sagen wir das? Sagen wir das Menschen, die das Wort Gottes kennen, oder sagen wir es um uns selber zu rechtfertigen? Was wir als Christen heute zu tun haben, ist wie immer, daß wir inmitten dieser Welt das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen haben, bloß daß wir es so verkündigen sollen und müssen, daß es heute in der Welt ihrer Kirche gehört und ver­standen wird. Wir haben einen kümmerlichen Versuch gemacht 1933 und was daraus folgte, den Menschen zu zeigen, was Gottes Wort ist. Wir müssen heute einen besseren Versuch machen, das wieder zu tun, bloß daß es jetzt nicht gegen Rosenberg, gegen den Mythus des 20. Jahrhunderts geht. Er ist so tot, ihn kann keiner töter machen. Heute wartet die Welt darauf, ein Zeugnis zu empfangen, ob die Vergebung, die Gott uns Menschen in Chri­stus Jesus gebracht hat, eine kleine ist, ob die Christenheit Verge­bung leben kann. Die Welt wartet darauf, ob die Liebe, von der das Neue Testament redet, die des Gesetzes Erfüllung ist, die Liebe, die nicht fragt, wer derjenige ist, dem geholfen werden [149] muß, sondern nur fragt, wo bist du, Bruder, dem ich helfen soll. Daß diese Liebe nicht nur mit Worten gepredigt, sondern in der Tat von der Christenheit gelebt wird. Welche Chri­stenheit wollte mehr Anlaß haben, damit anzufangen als wir, die Christenheit im deutschen Vaterland, die wir unter dieser Last stehen. Sie werden wissen, wie es in Berlin aussieht (ich konnte Bischof Dibelius nicht hören, da ich in der Markuskirche zu sprechen hatte). Sie wer­den wissen, daß Millionen von Menschen so oder so in diesem Winter verhungern werden. Und das Furchtbare dabei ist, wir können den Amerikanern nicht sagen: Hier verhun­gern Deutsche – östlich der Elbe. Antwort: Ihr habt alle noch viel mehr zu essen als wir in Frank­reich.

Liebe Brüder und Schwestern! Das Warten auf auswärtige Hilfe ist es nicht. Was die Kirche, die Gemeinde, die Christen unserem Volk schulden ist, daß wir es leben und zeigen, wir sind wirklich solidarisch mit euch so wie der Herr Jesus Christus mit uns armen Sündern am Kreuz, wo er starb, solidarisch gewesen ist. Jetzt wollen wir diese Solidarität leben. Wir leben noch in unserem Paradies, auch wenn wir nur haben, was auf die Lebensmittelmarken zu haben ist. Wir leben noch im Paradies zu dem, was anderswo geschieht. Wir haben das Recht nicht als Christen nun unsere Herzen verhärten zu lassen und uns auf den Stand­punkt zu stellen: Ihr müßt helfen. Nein, wir müssen denen helfen, denen es noch viel schlimmer geht als uns. Wir müssen Verge­bung üben. Es ziemt sich nicht, daß ein Christ auf den Nazi schimpft. Er muß ihn sehen mit den Augen, dem Blick, der weiß: Du hättest auch einen ande­ren Weg gehen können, wenn wir unsere Pflicht getan hätten, du bist angewiesen auf meine Hilfe und Liebe. Laßt uns, Liebe predigen und Liebe bezeugen, den Menschen helfen, wieder zurechtzukommen, zunächst einmal wieder an die Liebe Gottes in Jesus Christus und seiner Gemein­de glauben, und dann an Jesus Christus zu glauben als ihren persönlichen Herrn und Heiland. Das dürfte das Zeugnis sein, das uns heute abgefordert wird. Das ist die einzige Hoffnung, die es heute für die Zukunft der ganzen Völker Europas gibt. Man kann sagen, alles muß auf dem Christentum aufgebaut werden, recht verstanden ja, aber nicht so, daß überall christliche Welt­anschauung gepredigt wird. Das wird sowenig helfen wie einst, wenn die Menschen nicht das Zeugnis der Gemeinde hören, [150] nicht bloß der Pastoren, sondern mer­ken, daß die Gemeinde lebendig ist, daß die Gemeinde lebt von der Liebe Gottes, die sie aus Christus Jesus empfängt. Die Verkündigung des Evange­liums hängt von jedem einzelnen ab, so daß sich an jedem einzelnen Menschenschicksal entscheidet, was aus unserem deutschen Volk, den ganzen Völkern Europas vielleicht noch einmal werden darf. Das hört man sich nicht an einem Abend, nicht am Sonntagmorgen an. Darum sollten wir und dürfen wir täglich im Gebet mit unserem Gott ringen, daß er uns das steiner­ne Herz wegnehme und das flei­scherne Herz gebe, in dem der Herr Christus seine Liebe wirken lassen kann, daß dieses Herz den ganzen Leib der Kirche in Bewegung bringe und die Leute unsere guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen. Amen.

Gehalten am 17. Oktober 1945 in der Markuskirche in Stuttgart am Vorabend der ersten ordentlichen Sitzung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Quelle: Gerhard Besier/Gerhard Sauter, Wie Christen ihre Schuld bekennen. Die Stuttgarter Schulderklärung 1945, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1985, S. 145-150.

Hier der Text als pdf.

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