„Was wollen Sie von mir?“ schrie der Professor ihm nach. „Sie will ich“, sagte das Wort Gottes, „Sie!“ – Fridolin Stiers Parabel „Das Wort Gottes kommt in die Stadt“

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Auch nach über 50 Jahres ist Fridolin Stiers Parabel „Das Wort Gottes kommt in die Stadt“ aus seinen Aufzeichnungen „Vielleicht ist irgendwo Tag“ immer noch aktuell:

Das Wort Gottes kommt in die Stadt

Von Fridolin Stier

14. Dezember 1968

Eine „Geschichte“ formt sich in meinem Kopf. Die Geschichte heißt: Das Wort Gottes kommt in die Stadt. Ich sehe Gestalten, Szenen schweben mir vor.

Plötzlich war das Gerücht da, lief durch die Stadt, wollte nicht mehr verstummen. Die Kir­chen­blätter warnten: Niemand lasse sich täuschen! Das Wort Gottes kann gar nicht „kom­men“, es ist gekommen, vorzeiten ist es gekommen. Wir besitzen es in den heiligen Büchern, und wir haben „Experten“, die es für die „Laien“ auslegen, zurechtlegen, mundgerecht machen.

Aber das Wort Gottes kam doch in die Stadt. Es klopfte an der Haustür der Frau, deren Mann ein Säufer war. Die Tür geht auf.

„Was wollen Sie?“ sagte die Frau, „die Trinkerfürsorge war heute schon da! Was wollen denn Sie, wer sind Sie eigentlich?“

WG: „Ich bin doch angemeldet, wissen Sie nicht? Ich bin das Wort Gottes.“

Frau: „Oh! Sie sind das? Alle haben sie was zu sagen, Worte, Worte, nichts als Worte! Aber Taten tut keiner.“

WG: „Aber lassen Sie mich doch hinein, ich habe Ihnen ein ganz persönliches Wort zu sagen, nämlich mich selbst in eigener Person. Wenn Sie auf mich hören, tut sich etwas mit Ihnen …“

(Fortsetzung: Was tat sich? Es folgen Besuche bei einem christlichen Politiker, einem Mana­ger, einem Arzt … Wird schließlich doch noch in die Kirche eingeladen.)

Es war Sonntag. Das Wort Gottes kam in die Kirche der Stadt. Die Geistlichkeit bereitete ihm einen feierlichen Empfang. Ein Thron war bereitgestellt, und das Wort Gottes nahm Platz. Man brannte ihm Weihrauch. Und dann hob der Prediger an, das Wort Gottes zu preisen, und sagte, das Wort Gottes rede in einer alten Sprache und habe sich die Zunge der Prediger gelie­hen, um sich allen verständlich zu machen. Und so sprach er darüber, aber das Wort Gottes selbst kam nicht zu Worte. Die Leute merkten es, sie fanden die Rede des Predigers schal und fingen an, nach dem Wort zu rufen. Das Wort, schrien sie, das Wort!

Aber das Wort Gottes war nicht mehr in der Kirche. Es war weitergegangen. Auf dem Thron lag ein altes Buch …

Es hatte sich zu einem Wort-Gottes-Gelehrten begeben. „Ach, da sind Sie ja“, sagte der Theo­loge, „ich habe auf Sie gewartet, ich habe nämlich eine Frage an Sie.“

„Fragen Sie“, sagte das Wort Gottes, „ich freue mich, Sie sind der erste, seit ich hier bin, der mich etwas fragen will; die anderen haben über mich, über mich hin geredet.“ „Ich frage Sie also“, sagte der Gottesgelehrte, „was Sie bei mir zu suchen haben, ausgerechnet bei mir, der ich Sie durch und durch kenne. Sie kennen doch gewiß meinen Traktat über Sie – fehlt da etwas?“ „Nichts als das Wichtigste: Ich! Ich selbst bin nicht drin. Sie haben mich untersucht und eine ganze Menge über mich herausgefunden; aber mich gesucht haben Sie nie. Sie haben mir nachgeforscht, Sie haben nicht nachgelassen, die diversen Probleme, die ich Ihnen und Ihresgleichen immer von neuem stelle, mutig anzupacken und ihrer manches klug zu lösen. Aber immer, wenn ich Sie und Ihre Zunftgenossen über mich sprechen höre, über meinen Ursprung, meine Gestalten, meine Wander- und Wirkgeschichte, dann komme ich mir selbst etwas fremd vor.“ – „Fremd, sagen Sie, warum?“ – „Sehen Sie, Sie haben mich doch nicht so ,erkannt‘, wie ich erkannt sein möchte. Ich bin nämlich nicht von der Art der Dinge, über die man sprechen kann, ohne sie zu zersprechen.“ – „Ich sollte Sie zer-sprochen haben? Die Wahrheit über Sie habe ich gesucht, und wie Sie eben zugaben, mit einigem Erfolg – ich verstehe Sie nicht.“ „Da haben wir es: Ich verstehe, daß Sie mich nicht verstehen, Sie können es gar nicht! Denn immer halten Sie mich drei Schritte vom Leib, nur ja nicht! Zum Objekt machen Sie mich, machen sich über mich her, und Sie erfreuen sich der Lust, mich mit Wahr­heiten über mich zu bewältigen. Aber an Sie selbst lassen Sie mich nicht heran. Und gerade darauf habe ich es abgesehen. Ja, ich möchte Ihnen und allen Ihresgleichen zu Leibe rücken. Sie sprechen über mich, ich aber, ich, Gottes Wort, ich spreche mich Ihnen an, ich spreche mich in Sie hinein, dazu bin ich gekommen. Was ich bei Ihnen zu suchen habe, fragen Sie mich, jetzt wissen Sie es: Sie, ich suche Sie! Und wenn Sie noch mehr wissen wollen: Ich möchte, daß ich durch Sie hindurchspräche.“ – „Aber das wäre doch Prophetie“, wehrte sich der Mann, „wo bliebe da die Theologie?“ – „Da sehen Sie zu“, sprach das Wort Gottes, sprach’s und ging.

Spätere Fassung des Besuchs beim Theologen:

Und dann kam das Wort Gottes zu einem namhaften Bibelgelehrten; dessen Buch vom Wesen und Wirken des Wortes Gottes demnächst erscheinen sollte. „Sie kommen mir höchst gele­gen“, sagte der Professor, „von meinem Buch haben Sie wohl schon gehört? Ich läse Ihnen gern einiges vor.“ Das Wort Gottes nickte: „Lesen Sie, Herr Professor, ich bin ganz Ohr.“ Er las, es schwieg. Als er zu Ende gelesen, das Manuskript weggelegt hatte, sah er auf, und da sah er den Blick … Er wagte nicht zu fragen. Endlich sprach das Wort Gottes: „Meister­haft, Herr Professor, mein Kompliment! Aber – ob Sie es wohl verstehen? Wissen Sie, als Objekt betrachtet, besprochen, beschrieben, wird mir seltsam zumute, grad, als ob ich meine eigene Leiche sähe … Einmal schreiben Sie, und das finde ich sehr treffend, ich wolle primär nicht Wahrheiten offenbaren (für wahr zu haltende Wahrheiten, sagten Sie), ich wolle viel­mehr den Menschen selbst. Das wär’s, Herr Professor, das!“ Und da war wieder der Blick. Das Wort Gottes erhob sich und schritt zur Tür. „Was wollen Sie von mir?“ schrie der Profes­sor ihm nach. „Sie will ich“, sagte das Wort Gottes, „Sie!“ Die Tür schloß sich leise.

Quelle: Fridolin Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag. Aufzeichnungen, Freiburg-Heidelberg: F. H. Kerle 1981, S. 25-28.

Hier der Text als pdf.

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