„Fridolin Stier mußte auch Gott gegenüber seinen Mann stehen“ – Eine Erinnerung von Carl Friedrich von Weizsäcker

Fridolin Stier 3

Von Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) gibt es eine sympathische Erinnerung an Fridolin Stier:

Fridolin Stier

Von Carl Friedrich von Weizsäcker

Februar 1937, Dozentenlager auf dem Tännich bei Rudolstadt. In einem sechswöchigen Kurs sollten die von ihren Fakultäten habilitierten jungen Wissenschaftler bewähren, daß sie auch würdig seien, Dozenten, also Lehrer der deutschen Jugend zu werden. Der Dienst am ersten Tag begann mit Wehrsport, Handgranatenweitwurf. Einer, wie es nicht anders sein konnte, warf am weitesten. »Was sind Sie von Fach?« fragte ihn der Lagerleiter. »Theolog.« – »Scha­de, Mensch!« – »Ich werde meinen Mann stehen«, antwortete Fridolin Stier, katholi­scher Gelehrter des von den Nazis verpönten Alten Testaments und der orientalischen Spra­chen. Ich, der Berichterstatter, war dabei.

April 1945. Er erlebte den Einzug französischer Truppen in seiner Heimat, im Allgäu, wohin er gegangen war, um seiner Mutter beizustehen. Eine marokkanische Einheit besetzte das Dorf und schickte sich an, das Vieh der Bauern zu schlachten und auf offenem Platz im Feuer zu braten, und mehr zu tun als das. Fridolin Stier zog sein schönstes Meßgewand an, trat auf die Marokkaner zu und rezitierte ihnen auf arabisch die erste Sure des Koran. Dann lehrte er sie, was Gott durch den Mund des Propheten geboten hat, ihre Mitmenschen zu schonen, und sie ließen vom Schadentun ab.

Um 1950. Ich besuchte ihn in seiner Dachwohnung mitten in Tübingen. Unter anderem er­zählte er, er öffne gern am Sonntag in aller Frühe sein Fenster und singe, sich am Klavier begleitend, der protestantischen Umwelt einen Choral, »Wachet auf, ruft uns die Stimme« oder »Ein feste Burg ist unser Gott«. »Ich denk’ mir«, sagte er, »wachet nur auf und lobet Gott, ihr lutherische Böck’!«

In den nachfolgenden drei Jahrzehnten bin ich ihm nicht mehr oft begegnet, aber wenn ich ihn sah, wurde mir das Herz warm. Von den Tagebuch-Aufzeichnungen, die nun, kurz vor seinem Tod, erschienen sind, habe ich nichts gewußt. Aber ich meinte, zu sehen, was ihn bewegte. Kraft und Zartheit waren ihm angeboren. Menschen liebend, dichterischen Gemüts, wahr­haf­tig und fromm führte er das Leben, das er als recht erkannte. Nicht nur Nazis und Muslimen, Lutheranern und katholischen Glaubensbrüdern gegenüber stand er seinen Mann. Wie Rein­hold Schneider in seinem letzten Lebensjahr öffnete er sich dem harten Kern des neuzeitlichen Bewußtseins, dem befreienden und entsetzenerregenden Blick der Naturwissenschaft auf die Wirklichkeit. Gott ist nicht der Gärtner eines wohlbehüteten Gartens. Fridolin Stier mußte auch Gott gegenüber seinen Mann stehen. Er erfuhr, was die Bibel von Jakob erzählt, daß er die ganze Nacht hindurch mit Gott rang. Ohne die Erfahrung dieses Ringens wird es keine Zukunft des Glaubens geben.

Quelle: Carl Friedrich von Weizsäcker, Wahrnehmung der Neuzeit, München: Hanser 1983, S. 178f.

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