„Nur von den Gemeinden aus war sein Ziel der Fortbildung des Luthertums zu einer apostolisch-episkopalen Brüderkirche möglich“ – Kantzenbach über Wilhelm Löhe

800px-Wilhelm_Löhe_(1808-1872)
Wilhelm Löhe (1808-1872)

Friedrich Wilhelm Kantzenbach (1932-2013) hatte 1983 für die Klassiker der Theologie (hrsg. von Heinrich Fries und Georg Kretschmar) ein sympathische Porträt über den Neuendettelsauer Dorfpfarrer Wilhelm Löhe verfasst, das noch immer lesenswert ist. Einleitend heißt es da:

Der fränkische Theologe Wilhelm Löhe (1808-1872) zeichnet sich durch die Einheit von theologischer Reflexion, kirchlicher Gesinnung, betontem Praxisbezug, durch missionarische und diakonische Initiativen und nicht zuletzt durch ökumenische Haltung aus.

Löhe war nicht Universitätslehrer und hat eine solche Stellung von sich aus nicht angestrebt. Er mußte sein Leben als fränkischer Dorfpfarrer beschließen, obgleich er in seinen besten Jahren an die Stadt als geeigneteren Boden seiner, gerade auch von Gebildeten, hochgeschätz­ten Predigt­tätigkeit gedacht hat. Als mehrere Bewerbungen nicht zum Ziel kamen, fand er sich ab mit dem Bleiben in dem fränkischen Dorf Neuendettelsau, zwischen Nürnberg und Ans­bach, abseits von den großen Straßen des Verkehrs gelegen. Von 1837 bis zu seinem Tode machte er jedoch aus diesem Ort ein Zentrum missionarischer und diakonischer Werke, das ihn bis heute überlebte, auf mehrere Kontinente übergriff und ökumenische Anstöße auslöste, die bis heute an Aktualität nicht verloren haben.

Löhe war zunächst nicht ein Mann des geschriebe­nen Wortes, obwohl bei Lebzeiten über sechzig selbständige Schriften aus seiner Feder er­schienen, darunter jedoch nur etwa ein halbes Dutzend theologisch-historischer Natur im spezielleren, jedoch nicht ausschließlichen Sinne; alle anderen Schriften erwuchsen aus seiner Predigttätigkeit, seinen liturgischen Refor­men, den missionarisch-diakonischen Initiativen sowie seinen kirchenpolitischen Perspekti­ven. Die Gabe, die er als Erbauungsschriftsteller im besten Sinne besaß, verschaffte einigen Schriften hohe Auflagen. So hatte eine seiner bedeu­tendsten Gebetssammlungen, die Samen­körner, kurz nach Ablauf des 19. Jahrhunderts die 44. Auflage erreicht. Demgegenüber kamen seine theologischen Schriften, voran die Drei Bücher von der Kirche (1845), nur auf beschei­dene Auflagenhöhe; die eben erwähnte Schrift erlebte erst nach seinem Tode die 3. Auflage. Mehrere Werke wurden ins Englische und in nordische Sprachen übersetzt, seine „Agende“ sogar in die Sprache der Hottentotten. Die wenigen Arbeiten Löhes, die spezielle theologische Fragen behandeln, z. B. seine Aphorismen über die neutestamentlichen Ämter (1849), erlebten keine Neuauflage.

Deshalb kann man schon fra­gen, weshalb nicht seine Jugendfreunde Adolf von Harleß und Johannes von Hofmann oder auch der temperamentvolle Hesse August Vilmar ihm vorgezo­gen werden müßten, wenn es bei Theologie lediglich um Denkschärfe, systematische Bündigkeit und um erhebliche Quantität der literarischen Leistung ginge. Löhe kann sicher­lich nicht als Klassiker der Theo­logie verstanden werden, sofern man Theologie als wissen­schaftliche Bemühung um die Ge­schichte und die Gegenwart des Christentums in der Welt versteht. Er kann aber sehr wohl als hervorragender Klassiker der Theologie als Praxis begrif­fen werden, wenn der leitende Gesichtspunkt die Frage nach der Einheit von Persönlichkeit und Werk, von Lehre und Leben, von Existenz und Praxis ist. Harleß wechselte von der Theo­logie in die Leitung der bayeri­schen Landeskirche über und sicherte sich dadurch Nachwir­kung und Andenken. Hofmanns Name fehlt in keiner Theologiegeschichte, und er muß tat­sächlich als eine der eminentesten Begabungen nach Schleiermacher gelten; aber er hat in dieser Hinsicht Konkurrenten. Löhes Persönlichkeit und ökumenische Ausstrahlung, diese qualitativ, regional und global verstan­den, beweisen wieder einmal, daß eine Persönlichkeit, die konkrete Werke, Institutionen und Organisationen schuf – und Löhes theologisch moti­vierte Gründungen haben allesamt eine soziologisch beschreibbare Struktur –, größere Chan­cen stetiger Erinnerung hat als Männer mit vorwiegend denkerischen Leistungen.

Löhe war ein Lutheraner, der in Treue am Bekennt­nis seiner Kirche festhielt, dieses Bekennt­nis aber aktualisieren, ausleben und schöpferisch intensivieren, ja fortbilden wollte. Er lebte in der Zeit der großen philosophischen Systeme, und es war weniger Hegel, den er in Berlin hör­te, der ihm aber unverständlich blieb, als vielmehr Schelling, dessen atmosphärischer Einfluß für ihn bedeutsam war, wenn auch der Lebensgedanke der Erweckungsbewegung und Roman­tik in unmittelbarer, unphilosophischer Weise den Gedanken des Organischen an Löhe ver­mittelte: daß das Ganze in einem organischen Zusammenhang steht, das auf Entfaltung und Vollendung hin angelegt ist. Dieser organische Gedanke ist nicht einfach identisch mit dem Entwicklungsdenken, das in Ablösung Schellings Hegel begründete und systematisch durch­führte, das dann auf biologischer Grundlage Darwin und auf materialistischer Basis insbeson­dere Karl Marx zum Zuge brachte.

Löhe blieb zeitlebens ein organischer Denker, und der Zug zur einzelwissenschaftlichen, spe­zialisierten, positivistischen Betrachungsweise war ihm fremd oder schlägt sich nur gelegent­lich in seinen historischen Interessen nieder, über deren literarische Gestaltung in einem 1847 erschienenen Buch Erinnerungen aus der Reformationsgeschichte in Franken charakteristi­scherweise Leopold von Ranke gesagt haben soll, in Löhe stecke die Anlage zum Historiker. Rankes Geschichtsauffassung aber könnte (mit Carl Hinrichs) als Synthese von Geist der Goethezeit und organischer Geschichtsschau verstanden werden. Ist es da ein Zufall, daß man eine auffällige Ähnlichkeit zwischen Goethe und Löhe, was den äußeren Typus an­langt, beobachten wollte? Auf alle Zeitgenossen machte Löhe den Eindruck einer imponie­renden geschlossenen Persönlichkeit, in der die Spannungen gebändigt waren, in der Ausge­glichen­heit und Harmonie vom Feuer der Begeisterung durchseelt schienen.

Löhe blieb nicht unbeeindruckt von den politischen und sozialen Umbrüchen im 19. Jahrhun­dert, besonders von der industriell-technischen Revolution. Obgleich politisch nüchtern, rea­gierte er nicht abstinent auf die durch die Französische Revolution und die Befreiungskriege entstandene Bewußtseinslage. Er begrüßte, wie noch zu zeigen sein wird, wesentliche Anlie­gen der bürgerlichen Revolution von 1848. Er nahm ein völlig unpolemisches Verhältnis zum Faktum des heraufziehenden Maschinenzeitalters ein. Als Fürther konnte er registrieren, wie 1835 der erste Schienenwagen-Zug von Nürnberg in seine Vaterstadt einlief. Die Auswirkung der schmaler werdenden agrarischen Lebensbasis war die Auswanderungsbewegung von Mil­lionen deutscher Menschen nach Nordamerika. Löhe reagierte auf diese gesellschaftlichen Probleme aktiver als die Theoretiker, die den weltanschaulichen Umbruch reflektierten, etwa Kierkegaard oder Ludwig Feuerbach.

Hier der vollständige Text als pdf sowie Gerhard Schoenauers Porträt Löhes als Seelsorger (aus: Möller, Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s