„Das Ijob-Problem hat Stier ein Leben lang nicht losgelassen – am Schreibtisch nicht und nicht als Schicksal“ – Gabriele Miller über Fridolin Stier

Von Gabriele Miller (1923-2010) stammt folgende Erinnerung an Fridolin Stier:

Todestag von Fridolin Stier (1902-1981)  2. März

Mappe unter dem Arm, ein-zwei Bücher und dazu noch den Mantel, vielleicht zwei Minuten zu spät – so kam er in die Vorlesung, holte sein Ringbuch, und schon fing er an. Wo er anfing, das konnte man vorher nicht wissen, selten dort, wo er stehen geblieben war. Der Tübinger Alttesta­mentler Fridolin Stier hatte unter den Studenten seine Ver­ehrer, die bereit waren, aufzunehmen, was immer er zu sagen hatte. Daß er etwas zu sagen hatte, das merkten Pe­danten nicht. Sie wünschten sich mehr Systematik. Doch wer sich auf Stier nicht einließ, wie man einem Bergführer vertraut, wenn es über zerklüftete Felsspalten geht, wer eher das erwar­tete, was man üblicherweise »Vorlesung« nennt, und nicht willens war, ein Abenteuer zu wagen, der wurde enttäuscht. Wer wollte, konnte bei Fridolin Stier mehr lernen als in vielen klugen Büchern steht: von der Unerforschlichkeit jenes Gottes, der sich im Wetterdunkel erahnen läßt, dessen Geschöpfe aufblühende Wiesen und schaurige Tiefseekraken sind – nicht vom Gott der Philo­sophen, schon gar nicht dem mancher Kollegen, die mit dogmatischer Präzision über den Unsagbaren Definitives zu sagen wissen – viel mehr vom Unverfügbaren, der ei­nem Ijob antut, was der nicht »verdient«, der Menschen herausreißt aus ihrer behausten Umgebung, der Propheten sein Drohwort ankündigen läßt, der nicht in Kirchenmau­ern einzu­schließen ist – diesem Gott auf die Spur zu kom­men, dazu hat Stier seine Studenten ermutigt. Dabei war es nicht leicht, seinen Ausführungen zu folgen. Wer kein He­bräisch konnte, war arm dran. Und die Bibelübersetzer der Reihe nach, sie kamen nicht gut weg – ausgenommen die »Klassiker«: Luther und Buber.

Von Martin Bubers Sprachverantwortung, von seiner Treue zum Text war Stier fasziniert. Hier hat er Maßstäbe erkannt, die er selber nicht unterschreiten wollte. Kam Bu­ber nach Tübingen, dann rangen die beiden, der Jude und der Christ, um das eine Wort. Fridolin Stier hat sich für das Neue Testament vorgenommen, was Buber für die hebrä­ische Bibel geleistet hat. In langen Jahren hat Stier für seine NT-Übersetzung um immer textnähere Formulierun­gen gerungen. Der Urtext hatte Vorrang vor jeder gefälli­gen Alltagssprache. Seine Überset­zung läßt aufhorchen. Dazu kommt, daß er als Alttestamentler das Fundament, auf dem die neutestamentliche Botschaft basiert, besser kannte als manch anderer Übersetzer.

Unverständliches, Unrecht ist geschehen an Ijjob, und Gott hat es selber getan – wer anders, wenn er der Allwir­kende ist? Und ist er der Allgerechte – warum? Diese Fra­ge wird immer nur von Menschen gestellt, die in den Gewißheiten, die sie voraussetzt, leben. Sie erkennen im Fall Ijjob den ihrigen, den Fall ihrer eigenen Existenz. Von allem Anfang an steht das indi­viduelle Geschick des Ijjob in der Mitte des überindividuellen Anliegens, an seinem Falle das Sein Gottes zum Menschen und des Menschen Sein zu Gott zu erfragen. Darum erscheint alle Berichter­stattung über Ijjob von vornherein als Interpretation sei­nes Falles aus Teilnahme, aus Selbstbetroffenheit. Die drei Freunde, wie später Elihu, ringen um die theologische Be­wälti­gung des Falles. Die Lösungen, die sie fanden, erwei­sen sich als Versuche, das Problem als solches durch die Wegnahme einer seiner Komponenten aus dem Weg zu räumen – Ijjob sel­ber aber ringt nicht als Theologe mit dem Problem, sondern als Mensch mit Gott. Ijjob »stellt« Gott. Ihm geht es nicht um Antwort auf eine Frage, son­dern darum, daß Gott ihm auf seine Frage Rede und Ant­wort stehe. Ijjob fordert Gott zur gerichtlichen Verantwor­tung. Wir berauben das Buch des Ungeheuerlichen, das es bezeugen will, nämlich den Antritt eines Menschen zum Prozeß gegen Gott, wenn wir in seiner prozessualen Anla­ge nicht mehr sehen als literarische Form.

Stier interessierte sich für rundweg alles, was es unter dem Himmel gibt, vor allem aber für die Rätselfragen der Welt, die ihn, je älterer wurde, desto mehrgefangen nahmen. Des­halb blieb er auch der Thematik jenes alttestamentlichen Bu­ches am meisten verpflichtet, dessen Übersetzung samt Kommentar er als erste publizierte: dem Buch Ijob. Das Ijob-Problem hat Stier ein Leben lang nicht losgelassen – am Schreibtisch nicht und nicht als Schicksal. Davon geben sei­ne Tagebücher (»Vielleicht ist irgendwo Tag« und »An der Wurzel der Berge«) beredtes Zeugnis. Sie zeigen aber auch, wie gerne der auf einem Allgäuer Bauernhof Aufge­wachse­ne die Vögel pfeifen und die Katzen schnurren hörte. Am 2. März 1981 gestorben, liegt Fridolin Stier auf dem Tübinger Stadtfriedhof begraben.

Lesehinweis: Wenn aber Gott ist… Ein Fridolin-Stier-Lesebuch (hrsg. v. E. Beck u. G. Miller), Hildesheim-Berlin 1991.

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