Karl Barth und der Bergtod seines Sohnes Matthias, Predigt über 1Korinther 13,12: „Ein Mensch, für den der Sohn Gottes sich selbst dahingegeben hat, damit er, der Unerfahrene, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe“

Fründenhorn Karl Barth

Karl Barth (1886-1968) ist wohl neben Dietrich Bonhoeffer der bekannteste und evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts. Viel hat Barth geschrieben, unter anderem seine unvollendet gebliebene Kirchliche Dogmatik mit rund 9300 Seiten in 13 Teilbänden. Und viel ist über ihn geschrieben worden. Will man hinter all den Texten Karl Barth nahekommen, dann im Augenblick der Trauer.

Am 22. Juni 1941 ist der 20jährige Matthias Barth, zweitjüngster Sohn Karl Barths, im Spital von Frutigen seinen Verletzungen erlegen, die er sich am Vortag bei einem Absturz auf einer Bergtour am 3369 m hohen Fründenhorn in der Schweiz zugezogen hatte. Drei Tage später bei der Beerdigung in Bubendorf hält der Vater die Predigt. Da blickt Barth auf das kurze Leben seines Sohnes zurück:

So sehe ich ihn noch als Neunjährigen bei einem für seine Kräfte viel zu schwierigen Gebirgsweg, auf den er sich mit uns begeben hatte, mit leichtesten Füßen, den Boden nur eben berührend, um uns Andere und um alle Gefahren unbekümmert, von einem Felsblock zum anderen springen wie eine kleine Gemse. Er war auch da, wo er sich daheim fühlte, immer ein wenig draußen, ein wenig anderswo.

Und dann stellt Barth den schmerzlichen Verlust seines Sohnes in das Licht von Ostern:

Wir brauchen ja bloß den auch für ihn gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus zu erkennen, um auch unseren Matthias und sein so rätselhaftes, kurzes Vorüberwandern recht zu verstehen: zu verstehen, woher und wohin die Reise ging, die uns so oft verwundert hat. Ihn und seine Verwunderlichkeit sehen wir jetzt nicht mehr, darum nicht, weil er mitten in den Glanz der Auferstehung seines und unseres Herrn hineingehend unserem Blick entschwunden ist. Diesen Glanz aber sehen wir und in ihm auch, wer und was unser Matthias gewesen ist: ein Mensch mit seinen Schranken und Fehlern, ein armer Sünder wie wir alle, aber mehr als das: ein Mensch, den der Vater im Himmel sein Kind, Jesus Christus seinen Bruder nennen wollte, ein Mensch, für den der Sohn Gottes sich selbst dahingegeben hat, damit er, der Unerfahrene, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.

Das ist es, was Karl Barth als Christ ausmacht, dass er Jesu Tod und Auferstehung alles Göttliche zutrauen kann, was uns Menschen nicht verlieren lässt:

Dass der Tod Kraft, erschreckende und schmerzliche Kraft hat, das sehen wir. Aber daß er keinen tödlichen Stachel hat, das glauben und das wissen wir. Mehr noch: wir glauben und wissen, daß gerade der Tod – nachdem Jesus Christus ihn erlitten hat, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen – auch denen, für die er ihn erlitten hat, nur noch der Weg und Dienst zu derselben Herrlichkeit sein kann. […] Darum können wir heute in aller Trauer nicht nur trauern. Können wir selbst nicht jubeln, so hören wir doch eine ganz andere Stimme jubeln auch über der bösen Stelle am Fründenhorn, wo Alles geschehen ist, auch über dem Grab, von dem wir herkommen. Sie redet von der Vollendung auch dieses Unvollendeten, von seiner nun eben durch den Tod als Gottes Diener vollbrachten Vollendung. Sie redet von Frieden und Freude und vollem Genügen. Was könnten wir, da wir diese Stimme hören, Anderes tun, als unserem Gott – sei es dann unter Tränen – danken dürfen, daß er es mit unserem Matthias in seinem Leben und in seinem Sterben gut gemeint und gut gemacht hat? Und so auch mit uns! Ich bin – sagt uns Jesus –, ich bin die Auferstehung und das Leben.

Predigt zur Bestattung von Matthias Barth über 1. Korinther 13, 12

Von Karl Barth

Herr unser Gott! Du hast uns geboten, daß wir in Freud und Leid, in unserer Kraft und in unserer Schwachheit, im Leben und im Sterben dein Antlitz suchen sollen. Denn du willst nicht, daß wir uns selbst helfen. Du hast uns damit geholfen und hilfst uns damit in Zeit und Ewigkeit, daß du alle Dinge — auch alle unsere Dinge — trägst durch dein mächtiges Wort. Wir danken dir für das Gebot, durch das du uns zu dir rufst in Jesus Christus, deinem Sohne. Und so suchen wir, Herr, dein Antlitz in dieser Stunde des Abschiedes [224] von dem, den du in deiner unergründlichen Liebe zu dir genommen hast. Rede du selber mit uns und sage uns, wie gut du es mit ihm und mit uns gemeint und gemacht hast. Und so verleihe uns jetzt deinen Beistand nach deiner Verheißung. Amen.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.

Ich habe dieses Wort schon aus dem Grund gewählt, weil es vielleicht das erste Bibelwort gewesen ist, das unserem Matthias eigentümlichen Eindruck gemacht hat. Es steht unter dem Bild eines alten Theologen, das er in unserem Haus täglich gesehen hat. Es war in der Bonner Zeit, und er muß noch ein ziemlich junger Schüler gewesen sein, als ich zufällig entdeckte, daß er sich den Spruch abgeschrieben, sich irgendwoher auch den lateinischen Wortlaut ver­schafft und daß er, wie es schien, darüber nachgedacht hatte: Videmus nunc per speculum in aenigmate, tunc autem facie ad faciem.

Und nun kommen wir von dem Grabe, in dem wir seinem armen, zerschlagenen Leib seine letzte Ruhe gegeben haben, und haben soeben in ein paar kurzen Andeutungen noch einmal gehört, was sein kurzes Leben gewesen ist. Wir sind hier, um das, was geschehen ist, und um unseren Matthias selbst und uns, die wir ihn so gerne wieder rufen würden, in das tröstliche und befreiende Licht des Wortes Gottes zu stellen. Eben dazu wüßte ich keinen besseren Spruch als diesen: [225] «Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.»

Weil Gottes Gnade unserem Elende zu Hilfe gekommen ist durch unseren Herrn und Heiland Jesus Christus, darum ist es so: wo und wie immer wir Menschen unser Leben haben mit allen seinen Hoffnungen, Schwachheiten und Geheimnissen, da ist auch Beides wahr, Beides — ob wir es wissen und verstehen oder nicht — aufs innigste und unauflöslich miteinander verei­nigt: das Jetzt! und das Dann aber! Sie sind nicht auseinander, sondern ganz beieinander: das Jetzt, wo wir wohl Alles sehen und begreifen und doch gar nichts so, wie es in Wirklichkeit ist, und das Dann, wo wir Alles in Klarheit sehen werden und wo Alles Herrlichkeit sein wird. Das Jetzt: ein Spiegel, in welchem Alles verkehrt ist, ein dunkles Wort, das uns wohl eine Antwort gibt, aber zugleich schwerste Frage bleibt, — und das Dann: wo wir nicht nur von Gott erkannt sein, sondern wo wir selbst ihn nicht weniger völlig erkennen werden, als er uns erkennt. Daß das so beieinander ist, daß keine Macht des Himmels und der Erde es wieder trennen kann, das ist die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Denn er und er ganz allein ist es, der in seinem bitteren Tod am Kreuz und in seiner glorreichen Auferstehung von den Toten diese Beiden, das Jetzt und das Dann, so zusammen gebunden hat, daß schon jetzt kein Spiegel und kein dunkles Wort ist, hinter dem nicht stände die Klarheit des Schauens von Angesicht zu Angesicht, — und daß wiederum dann kein einziger Strahl der künftigen Herrl­ichkeit Gottes etwas anderes sein wird als ein besonderes Umkehren und Zurechtrücken des Spiegelbildes, vor dem wir jetzt stehen, eine besondere Auflösung des Rätselwortes, an dem wir jetzt buchstabieren. Das ist die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, daß wir uns an ihn halten und mit ihm an der Grenze stehen dürfen, wo das Jetzt und das Dann sich berühren, daß wir an dieser Grenze glauben, lieben und hoffen dürfen. Sie ist die Grenze, wo das Licht immer schon hereinfällt in das Dunkel, wo das Leben immer schon jubelt über dem Tode, wo wir große Sünder sind und doch Gerechte, wo wir gefangen sind und doch frei, wo wir keinen Ausweg sehen und doch Hoffnung haben, wo wir zweifeln und doch gewiß sind, wo wir wei­nen und doch fröhlich sind.

Wir wollen uns auch im Gedanken an unseren Matthias an keinen anderen Ort als eben an diese Grenze stellen. Er ist nun drüben, und [226] wir sind noch hier. Aber er ist uns nicht fern und wir ihm nicht, wenn wir uns an diese Grenze stellen. In Jesus Christus ist ja keine Ferne von Jetzt und Dann, von Hüben und Drüben, so abgrundtief sie geschieden sind. In Jesus Christus ist unser Matthias, wie er leibte und lebte, aber ganz anders bei uns und wir bei ihm, demselben und doch ganz anders gewordenen. Und so von Jesus Christus belehrt über Beides, über Leben und Tod, Tod und Leben, dürfen wir jetzt an unseren Matthias denken, so von ihm reden.

Es galt von ihm in besonderem Sinn, daß er nicht nur die göttlichen, sondern auch die menschlichen, irdischen Dinge «durch einen Spiegel in einem dunklen Wort» gesehen hat: Alles wie eingetaucht in die Sphäre der Phantasie, die er ihm entgegenbrachte und mit der er es aufnahm, Alles bezogen auf sein eigenes gestaltendes Sehnen, dessen Erfüllung er dann wohl im Spiel mit gewissen historischen Figuren und Verhältnissen, in der manchmal feierli­chen, öfters auch ironischen Darstellung ihrer äußeren und inneren Umrisse zu finden meinte. Es war dieses Sehnen, das ihn schon in seiner Kinderzeit manchmal Raum und Zeit vergessen ließ um irgend einer unmöglichen Unternehmung willen. Es führte ihn an den nüchternen Anforderungen der Schule auch dann vorbei, als er es allmählich gelernt hatte, ihnen äußerlich Genüge zu leisten. Es bewegte ihn in den Freuden und Enttäuschungen, die er mit seinen Altersgenossen erlebt hat. Es war es sicher, das ihn gerade auch in die Berge geführt hat. Es war Alles in der Realität immer ein wenig anders als in seinen Gedanken und Absichten. Er hat wohl bei dem ganzen geweckten Verstand, der ihm eigen war, im Grunde nicht aufgehört, einen Kindertraum zu träumen. Er hat wohl überhaupt erst experimentiert mit der Außenwelt und ihren Aufgaben, mit den Menschen, mit seinen eigenen Kräften und Möglichkeiten. Und so ist es wohl möglich, daß er auch zur Theologie etwa in der Weise kam, wie man in alten Zeiten zu dieser Mutter aller anderen Fakultäten gekommen ist: ohne sich über das Besondere dieser Sache genauer Rechenschaft abgelegt zu haben, als zu einem Anfang, dem auch ganz andere Fortsetzungen folgen konnten, jedenfalls mit irgend einem eigenen Bild hinsichtlich seines Strebens und Wollens, dessen Durchführbarkeit gerade in Theologie und Pfarramt sich erst hätte erweisen müssen. Er hätte überhaupt etwa in die Welt am Anfang des 19. Jahrhun­derts besser gepaßt als gerade in unsere Zeit, deren Gegensätze, Aufregungen [227] und Anforderungen ihm irgendwie fremd, wenn nicht widrig waren. Aber nun gilt ja für ihn bereits das Dann aber! jenseits des Spiegels und des dunklen Wortes. Nun sieht er ja, was er in unserem Jetzt offenbar nur zu sehen meinte, sehen wollte: von Angesicht zu Angesicht, Gott und alle Dinge so erkennend, wie Gott ihn selbst von Ewigkeit her gekannt hat. Er weiß es nun «in Jesu Arm und Schoß» wirklich besser als sein Vater und seine Brüder. Hat er vielleicht wie Joseph schon hier mehr von der echten Realität des Lebens geträumt [vgl. Gen. 37, 6ff.], als er es selbst wußte? Hat er vielleicht weithin recht gehabt, wo wir ihn für einen «reinen Toren» hielten? Wir wissen das nicht, und wir brauchen das auch nicht zu wissen. Das aber dürfen wir wissen, wenn wir mit Jesus Christus an jener Grenze stehen, wo das Jetzt und das Dann sich berühren, und wenn wir von da aus über unseren Matthias nachdenken: daß das, was ihm jetzt dunkel vorschwebte, dann dort als lauter Herrlichkeit seine Augen erfüllen wird. Wir sehen sie ja noch so deutlich: diese wunschvollen, immer ein wenig unbefriedigt blickenden und dann doch plötzlich vorübergehend strahlenden Augen. Diese Augen sehen dann, sie sehen dort von Angesicht zu Angesicht. Und wir wollen uns mit ihm freuen, wir wollen es ihm gönnen, daß er dann, daß er dort so ganz anders sehen darf.

Nun ist ja unser Matthias gewiß auch selber, in seinem Tun und Gehaben für uns andere nicht selten ein Spiegel und ein dunkles Wort gewesen: nicht eben durchsichtig in dem, was er nun eigentlich wollte, [228] nicht etwa leicht sich findend und fügend in Situationen, die ihm nicht zum vornherein gemütlich waren, oder in Pläne, die ihm nicht zum vornherein einleuchteten, nicht eben leicht zu haben auch da, wo er — wie etwa der Schule gegenüber — gewisse Waf­fenstillstände zu schließen sich bereit fand. Er hatte einmal als ganz kleines Matthislein bei einer häuslichen Aufführung die Rolle des «Wanderers» zu spielen, der mit dem großen Stock und Hut des Vaters versehen nur eben über die Szene zu schreiten und wieder zu verschwin­den hatte. Als einen solchen Wanderer aus der Ferne und in die Ferne haben gerade wir, die ihn gut kannten, aber sicher auch Andere ihn kommen und nun wieder gehen gesehen. Und so sehe ich ihn noch als Neunjährigen bei einem für seine Kräfte viel zu schwierigen Gebirgs­weg, auf den er sich mit uns begeben hatte, mit leichtesten Füßen, den Boden nur eben berüh­rend, um uns Andere und um alle Gefahren unbekümmert, von einem Felsblock zum anderen springen wie eine kleine Gemse. Er war auch da, wo er sich daheim fühlte, immer ein wenig draußen, ein wenig anderswo. Ich denke nicht, daß ihn irgend jemand so kannte, daß er jetzt sagen könnte, daß er ihn ganz verstanden habe. «Weißt du», hat er mir noch vor kurzem ein­mal in verblüffend offener Selbsterkenntnis gesagt: «Ich habe eben noch gar keine Lebens­erfahrung!» Er hatte tatsächlich bei seiner ganzen für sein Alter reichen Bildung noch gar keine Lebenserfahrung. Und das war es wohl eigentlich, was ihn für uns Andere so schwer verständlich, zu einem Spiegel und dunklen Wort gemacht hat. Wir haben erwartet, daß er durch den Militärdienst in der menschlichen Welt heimischer und dadurch auch selber ver­ständlicher und zugänglicher werden könnte, konnten uns aber auch fragen, ob diese etwas gewaltsame Kur nicht auch ganz andere Wirkungen auf ihn haben möchte. Jene Erwartung und diese Sorge sind nun miteinander hinfällig geworden. Er durfte sein Jetzt abschließen, wie er es begonnen hatte; er durfte der Wanderer sein und bleiben, der er immer gewesen ist. Aber eben weil dieses Jetzt so abgeschlossen hinter ihm liegt, weil das große Dann aber! nun auf einmal in sein Leben getreten ist, brauchen wir uns durch alles Befremdliche seines Le­bens nicht mehr befremden zu lassen. Wir brauchen ja bloß den auch für ihn gekreuzigten [229] und auferstandenen Jesus Christus zu erkennen, um auch unseren Matthias und sein so rätselhaftes, kurzes Vorüberwandern recht zu verstehen: zu verstehen, woher und wohin die Reise ging, die uns so oft verwundert hat. Ihn und seine Verwunderlichkeit sehen wir jetzt nicht mehr, darum nicht, weil er mitten in den Glanz der Auferstehung seines und unseres Herrn hineingehend unserem Blick entschwunden ist. Diesen Glanz aber sehen wir und in ihm auch, wer und was unser Matthias gewesen ist: ein Mensch mit seinen Schranken und Fehlern, ein armer Sünder wie wir alle, aber mehr als das: ein Mensch, den der Vater im Himmel sein Kind, Jesus Christus seinen Bruder nennen wollte, ein Mensch, für den der Sohn Gottes sich selbst dahingegeben hat, damit er, der Unerfahrene, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe [vgl. Joh. 3, 16]. Das ist es, was «dann» für ihn gilt und Wahrheit ist. Sehen wir dahin, denken wir daran, suchen wir ihn dort, dann haben wir ihn jetzt schon nachträglich so weit verstanden, als es uns nötig ist; dann kann es uns nachträglich nicht wundern, daß wir ihn schon jetzt — trotz allem — so, wie er war, von Anfang an und bis zum Ende so lieb gehabt haben. Dann kann es gar nicht anders sein, als daß wir ihn in der Erinnerung noch lieb haben und lieb behalten werden.

Und nun ist da freilich sein so plötzliches irdisches Ende: wahrlich noch einmal ein Spiegel, ein dunkles Wort von ganz besonders erschreckender und schmerzlicher Art. Nun kam seine letzte Fahrt durch das sommerliche Schweizerland und hinein in die Berge, von der er nicht mehr lebend zurückgekehrt ist, die nun in dem Grab da draußen ihren Abschluß gefunden hat. Nun kam dieser 22. Juni, der uns ja auch sonst vor so große Rätsel gestellt hat[1], und zuletzt die Nacht, in der unser Matthias in aller Stille von uns gegangen ist. Nun kamen für uns Andere die bitteren Stunden und Tage des inneren Abschiednehmens, des rückblickenden Fragens: ob wir ihm, da wir ihn noch hatten, nicht allzu viel schuldig geblieben seien?, die heißen Wünsche, ihn wenigstens noch einmal bei der Hand fassen zu dürfen, wie er es so gerne hatte, ihm noch einmal ein gutes Wort sagen zu dürfen. Aber was [230] sind wir, was können wir, was wissen wir, was soll alles unser Fragen, Nachdenken und Wünschen vor dem großen unerbittlichen Geheimnis des Todes? Ich habe in diesen Tagen immer wieder an das denken müssen, was David nach 2. Sam. 12, 23 von seinem toten Kind gesagt hat: «Kann ich es etwa zurückholen? Ich werde wohl zu ihm gehen, es aber kommt nie mehr zu mir.» Und ich habe mich mehr als je darüber verwundert, daß David mit diesen Worten ja gerade be­gründen wollte, warum er nun nicht mehr fasten und weinen wolle. Ja, wenn es keine Aufer­stehung der Toten gäbe, eröffnet durch Jesus Christus als Erstling unter denen, die da schlafen [1. Kor. 15, 20], dann wäre David wohl ein merkwürdig herzloser Vater zu nennen. Wenn das dunkle Jetzt dem hellen Dann nicht so nahe, so unzertrennlich mit diesem verbun­den wäre, wie könnte, wie dürfte dann David gerade sein durch kein Mittel zu beseitigendes Leid den Grund nennen, weshalb er nun nicht mehr traurig sein wolle? Nun aber ist Christus ja aufer­standen von den Toten, ein Erstling unter denen, die da schlafen [vgl. 1. Kor. 15, 20]. Nun aber ist ja auf das Rätsel des Karfreitags — mit dessen Schrecken und Schmerz das, was wir durchmachen, in keinem Vergleiche steht — die Auflösung des Ostertages gefolgt. Nun lebt und regiert und siegt ja Jesus. Nun ist ja das Dann dem Jetzt so nahe gerückt, daß dieses auch als das Jetzt des Todes kein besonderes Reich mehr ist, in dem wir uns noch einmal besonders zu fürchten, das wir mit Fragen und Klagen, mit Weinen und Fasten zu respektieren hätten. Daß der Tod Kraft, erschreckende und schmerzliche Kraft hat, das sehen wir. Aber daß er keinen tödlichen Stachel hat [vgl. 1. Kor. 15, 55f.], das glauben und das wissen wir. Mehr noch: wir glauben und wissen, daß gerade der Tod — nachdem Jesus Christus ihn erlitten hat, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen [vgl. Lk. 24, 26] — auch denen, für die er ihn erlitten hat, nur noch der Weg und Dienst zu derselben Herrlichkeit sein kann. David hatte wohl recht: gerade da, wo wir Alles verloren geben müssen, kann für uns, verborgen unter den Seufzern und Tränen, die uns erlaubt sind, nur der ganze Jubel derer am Platze sein, die das Leben schmecken dürfen, das jetzt schon über allen Gräbern wartet. Eine tiefe Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit war vielleicht etwas vom Innersten im Wesen unseres Matthias. Wie hätte er dem Starken entrinnen können, der nun sein Leben so lange vor jeder Vollendung wie im Sturme hinweggefegt hat? Es ist aber — das glauben und wissen wir schon jetzt — Einer, der [231] diesen Starken selber längst gebunden, seine Macht zu töten ihm längst genommen, der ihn längst in seinen eigenen Dienst gezwungen hat. Das werden wir dann sehen, wenn wir sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Aber das Dann ist dem Jetzt ganz nahe. Darum können wir heute in aller Trauer nicht nur trauern. Können wir selbst nicht jubeln, so hören wir doch eine ganz andere Stimme jubeln auch über der bösen Stelle am Fründenhorn, wo Alles geschehen ist, auch über dem Grab, von dem wir herkommen. Sie redet von der Vollen­dung auch dieses Unvollendeten, von seiner nun eben durch den Tod als Gottes Diener voll­brachten Vollendung. Sie redet von Frieden und Freude und vollem Genügen [Joh. 10, 11]. Was könnten wir, da wir diese Stimme hören, Anderes tun, als unserem Gott — sei es dann unter Tränen — danken dürfen, daß er es mit unserem Matthias in seinem Leben und in sei­nem Sterben gut gemeint und gut gemacht hat? Und so auch mit uns! Ich bin — sagt uns Jesus —, ich bin die Auferstehung und das Leben [Joh. 11, 25].

Gehalten am 25. Juni 1941 in Bubendorf (Baselland)

Robert Matthias Barth, geboren am 17.4.1921 im Pfarrhaus von Safenwil, war das vierte Kind der Familie Barth. Er machte während des ersten Semesters des Theologiestudiums eine Berg­tour ins Berner Oberland. Am Fründenhorn, einem Berg im Blümlisalp-Massiv, östlich von Kandersteg im Kandertal gelegen, stürzte er am Sonntag, dem 21.6.1941 ab und starb am folgenden Tag im Spital von Frutigen, wo ihn seine Mutter noch für einen kurzen Moment bei wachem Bewußtsein antraf. Die Bestattung fand in Bubendorf (Baselland) statt. Dort war Markus, Barths ältester Sohn, Pfarrer. — Die Predigt liegt in einer — wohl vor der Beerdi­gung — maschinenschriftlich ausgearbeiteten Niederschrift vor. Zur Predigt gehören ein Gebet und ein vor der Predigt verlesener Lebenslauf des Verstorbenen aus Barths Hand, in dem auch der Bergunfall dargestellt wird. (Zum Unfallhergang: NZ, Nr. 284 vom 24.6.1941, S. 5, und Nr. 285 vom 24.6.1941, S. 9.

Quelle: Karl Barth Gesamtausgabe, Predigten 1935-1952 (GA I.26), hrsg. v. Hartmut Spieker, u. Hinrich Stoevesandt, Zürich: TVZ 1996, S. 223-231.


[1] Am frühen Morgen des 22.6.1941 ließ Hitler mehr als drei Millionen deutsche Soldaten in Rußland einmar­schieren («Operation Barbarossa»). Die offizielle Kriegserklärung, der sich Italien am selben Tag anschloß, erfolgte eineinhalb Stunden später. Es war der Anfang des Rußlandfeldzuges und der Ausweitung des Zweiten Weltkrieges nach Osteuropa.

Hier die Predigt als pdf.

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s