„‚Ich bin doch nicht dumm‘ sagt sich die Dummheit. Wider die selbstgefällige, hoffnungslose Dummheit behält die Weisheit das letzte Wort“ – Predigt über Sprüche 8,22-36

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„Die Weisheit hat sich ihr Haus gebaut und ihre sieben Säulen behauen“ (Sprüche 9,1 – Ikone aus Nowgorod, 16. Jahrhundert)

„Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Seelenverletzung. „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich der Eigennutzen. „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Gier. „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Gleichgültigkeit, „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Faulheit., „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Dummheit.

Die Dummheit weiß sich selbst zu loben, mitunter in höchsten Tönen. Der Humanist Erasmus von Rotterdam hat ihrem Lob ein ganzes Buch gewidmet: Moriae encomium, auf Deutsch: Lob der Torheit. 1511 in Paris zum ersten Mal gedruckt wurde das satirische Lob der Dumm­heit (laus stultitiae) zum frühneuzeitlicher Bestseller. In einer Neuauflage wurde es 1515 durch Johann Froben in Basel herausgebracht und dazu mit 83 Handzeichnungen des Malers Hans Holbein d. J. illustriert. Es kann als Weltliteratur gelten.

Da tritt Stultitia, also die „Dummheit“, als Frau mit „schlechtem Ruf“ an ein Katheder, bekennt sich als personifizierte Torheit und lobt genussvoll ihre „Tugenden“: „Mögen die Menschen in aller Welt von mir sagen, was sie wollen – weiß ich doch, wie übel von der Torheit auch die ärgsten Toren reden –, es bleibt dabei: Mir, ja mir ganz allein und meiner Kraft haben es Götter und Menschen zu danken, wenn sie heiter und frohgemut sind.“

In ironischer Überzeichnung lässt Erasmus die Stultitia, die sich mit ihren Töchtern Eigenliebe, Schmeichelei, Vergesslichkeit, Faulheit und Lust die Welt untertan gemacht hat, sich loben, und zielt dabei auf die Dummheiten und Laster der Menschen.

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Handzeichnung Hans Holbeins d. J. (1515) zum Buch „Lob der Torheit“ von Erasmus von Rotterdam

Was ist eigentlich Dummheit? Wer für eine Antwort einen Intelligenztest anführt, also die Dummheit im Sinne einer Minderintelligenz zu messen glaubt, hat sich verrechnet. Dummheit ist Selbstüberschätzung, der vermessene Glaube an sich selbst. Passend dazu erzählt Jesus die Parabel vom reichen Kornbauer, der seine reiche Ernte in vergrößerten Scheuen sammeln will, um an den die eigenen Lebensfrüchte sich genügen zu lassen: „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ Doch da fällt ihm der Gott ins Wort: „Du Narr (aphrōn)! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“ (Lukas 12,16-21)

Wer meint, für sich selbst ausgesorgt zu haben, mitunter die eigenen Lebensumstände als garantiert ansieht, lässt die Dummheit triumphieren. Schlussendlich erweisen sich die Selbstoptimierer als die Dümmsten, weil sie eben im Augen- und Seelenblick so auf sich selbst fixiert sind, dass sie sich Gottes Güte verweigern. Was für eine Dummheit: So wie ich die Dinge für mich selbst sehe, sind sie eben nicht dauerhaft gültig.

Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Aber Weisheit tritt gegen sie an, nimmt es mit den beiden – Dummheit und Torheit – auf. Im Buch der Sprüche weiß sich die Weisheit uranfänglich tiefgründig an göttlicher Seite und spricht uns darin an:

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich gebo­ren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schol­len des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht über­schreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern. (Sprüche 8,22-31)

So kommt die Weisheit auf uns zu, sucht uns in die göttliche Gegenwart zu entführen, die all das, was wir in unseren eigenen Lebensblick nehmen, himmelweit übersteigt. Über den Tel­lerrand des eigenen Lebens hinaus, wo es „alles für mich“ heißt, raus aus dem Tunnelblick der eigenen Lebensangst, weg von den eigenen Vorurteilen und Selbstgewissheiten lässt uns die Weisheit staunen, was außerhalb unserer selbst für uns göttlich vorgesehen ist.

Unser Leben verdanken wir qua Geburt uns nicht selbst. Wir finden uns in Zusammenhängen und Zugehörigkeiten wieder, die wir nicht selbst bewerkstelligen können. Dass unser Leben im Zusammenspiel mit anderen so viel Fügung, glückliche Fügung hat, lässt uns die göttliche Weisheit erkennen. Und dass unser Lebensschicksal mit Sünde und Tod über uns nicht das letzte Wort behält, lässt uns der gekreuzigte und auferstandene Christus glauben, „der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung“ (1Korinther 1,30).

„Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Seelenverletzung. „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich der Eigennutzen. „Ich bin doch nicht dumm“, sagt sich die Gier. „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Gleichgültigkeit, „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Faulheit., „Ich bin doch nicht dumm“ sagt sich die Dummheit. Wider die selbstgefällige, hoffnungslose Dummheit behält die Weisheit das letzte Wort:

So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod. (Sprüche 8,32-36)

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