Friedrich Mildenberger über den christlichen Auferstehungsglauben: „Wenn man ganz langsam auf so ein Tier zugeht und ihm die Hand hinreicht, kann es sein, daß es die Wärme spürt und selbst auf die Hand gekrochen kommt.“

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Bild von Schmidsi auf Pixabay

Friedrich Mildenbergers Vortrag „Die Auferstehung und unser Leben in dieser Welt. Wahrnehmungen des Auferstehungsglaubens“ von 1981 ist ein schönes Beispiel für theologische Denkbewegungen entlang der Schrift:

Die Auferstehung und unser Leben in dieser Welt. Wahrnehmungen des Auferstehungsglaubens

Von Friedrich Mildenberger

Zunächst möchte ich zu einer Vorüberlegung einladen, die der Verständigung dienen soll: Wir denken hier nach über den Glauben. Solches Nachdenken ist etwas anderes als der Glaube selbst. Im Nachdenken, da kommen wir immer wieder auf uns selbst zurück. Deshalb reden wir ja von Reflexion: Ich bin es, der nachdenkt, und ich kann und muß mich in diesem Nach­denken festhalten, wenn ich bei dem einmal gefaßten Gedanken bleiben und ihn zu Ende den­ken will. So ist es mit dem Glauben nicht. Der kommt nicht auf sich selbst zurück. Er ist viel­mehr bei dem, was ihm gesagt wird. Ich weiß, ich muß das noch genauer ausführen; in der kurzen Andeutung ist es schwer zu begreifen, vor allem deshalb, weil viele unter uns darauf eingeübt sind, den Glauben auch als eine Art Reflexion zu verstehen. Wo das der Fall ist, wird es aber schwer fallen, zu dem zu kommen, was der Glaube wahrnimmt. Wir denken über sol­che Wahrnehmung nach. Ob jetzt gerade die Stunde ist, solche Wahrnehmung auch zu ma­chen, das weiß ich nicht, habe es jedenfalls nicht in der Hand. Ich kann nur versuchen, zu be­schreiben, was solche Wahrnehmung sein könnte, dort, wo sie geschieht. Diese Beschreibung soll danach fragen, wer da wahrnimmt; wo und wann das geschieht; was hier wahrgenommen wird und wie der Aufer­stehungsglaube wahrnimmt. Jede dieser Fragen läßt sich nur beantwo­rten, wenn alle anderen mit beantwortet sind. Darum können die einzelnen Antworten, in denen ich meine Beschreibung zu geben suche, immer nur vorläufig sein, solange nicht alle Aspekte unserer Fragestellung durchgegangen sind. Doch anders als so können wir ja nicht nachdenken.

1.

Zuerst stelle ich also die Frage nach dem Subjekt jener Wahrnehmungen des Auferstehungs­glaubens, von denen da die Rede sein soll. Wer ist es, der hier wahrnimmt? Scheinbar ist die Antwort auf diese Frage ganz einfach: Das ist, wenn es sich um Wahrnehmungen des Aufer­stehungsglaubens handeln soll, doch eben der, der glaubt, an die Auferstehung Jesu Christi und an die allgemeine Auferstehung der Toten glaubt. Also bin ich selbst dieses Subjekt, wenn ich glaube bzw. weil ich glaube. Ich spreche ja am Sonntag im Gottesdienst das aposto­lische Glaubensbe­kenntnis mit, wo es auch heißt: „Ich glaube … an Jesus Christus … am drit­ten Tage auferstanden von den Toten … Ich glaube … die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Doch ist diese scheinbar ganz einfache Antwort nicht nur dadurch in Frage gestellt, daß solches Glauben keineswegs die selbstverständliche Überzeugt­heit ist, als die es sich wenigstens nach außen gerne gibt. Es ist ständig durch Zweifel bedroht, die es zum Ver­schwinden bringen können. Darum ließe sich dann der Satz leicht umkehren: Zwar bin ich Subjekt der in Frage stehenden Wahrneh­mungen des Auferstehungsglaubens, wenn und weil ich glaube; aber wenn und weil ich nicht glaube, bin ich dieses Subjekt nicht und nehme also nicht wahr. Erst recht ist noch lange nicht ausgemacht, daß der Auferstehungsglaube in uns wohnt, daß er seinen Ort in unserer gläubigen Innerlichkeit hat. Damit komme ich auf die in der Vorüberlegung angedeutete Fragestellung zurück. Als Paulus im ersten Korinther­brief davor warnt, Unzucht leicht zu nehmen, erinnert er die Korinther an das, was sie bei ihm ge­lernt haben: „Wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe“ (6,19f). [158]

Da ist vom Leib die Rede und gerade nicht von der gläubigen Innerlichkeit, und wir tun gut daran, hier nicht zu rasch zu folgern: in diesem lebendigen Leib, da ist wieder unser lebendi­ges Bewußtsein, Denken und Wollen; und das ist der Ort, wo der hl. Geist und also der Glau­be wohnt. Gerade weil jeder darin eingeübt ist, sich selbst in diesem Bewußtsein, im Denken und Wollen ganz besonders intensiv als „Ich selbst“ zu erfassen, fällt es uns schwer, nicht ganz selbstverständlich den Ort des Glaubens und die Wohnung des Heiligen Geistes in dieses Bewußtsein zu verlegen. Dabei ist unsere Lebendigkeit doch gewiß nicht zuerst die Lebendig­keit unseres Denkens und unseres Wollens, in dem wir uns selbst zu steuern suchen. Wo bin ich denn, wenn ich schlafe? Wenn ich in Trauer oder Freude oder Zorn außer mich gerate? Wenn ich so hingegeben bin an das, was gerade ansteht, daß die Zeit wie im Flug vergeht, Anzeichen dafür, daß hier nichts zu steuern ist, sondern das Leben sich selbst lebt? Und das ist doch gar nicht immer ein Erleben der Passivität, sondern oft genug gerade die höchste Aktivität, in der wir uns als frei, als befreit erfahren.

Was ich hier sehr vorläufig andeuten möchte, ist dies: Das Subjekt der in Frage stehenden Wahrnehmungen des Auferstehungsglaubens sollte nicht in unser Bewußt­sein hineinverlegt werden, also dorthin, wo ich mich selbst als einen Glaubenden denken kann und als einen Glaubenden wollen kann; dann natürlich auch als einen Zweifelnden oder als einen Ungläubi­gen denken und wollen kann. Ob das ich selbst bin, der sich da als einen Gläubigen oder Un­gläubigen denkt und will, das ist noch lange nicht ausgemacht! Wir tun zwar häufig so, wie wenn das wir selbst wären. Mein Bewußtsein, das die Lebensführung steuern möchte, kon­struiert bzw. rekonstru­iert das Leben, in meine Vergangenheit hinein, in das, was gewesen ist, wie in die Zukunft, in das, was werden soll. Und es kann gut sein, daß das dann eben das Projekt eines gläubigen Lebens ist. Doch die dabei vorausgesetzte Kontinuität könnte eine Selbsttäuschung sein! Wir erinnern uns an dies und jenes, das wir erlebt haben, und wir glau­ben mindestens das zu wissen, daß wir seit unserer Geburt kontinuierlich gelebt haben. Aber diese scheinbare Selbstverständlichkeit wird gerade durchgestrichen, wo der Glaube ist. Ich führe dazu aus Epheser 2 die Verse 4-6 an: „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden – und er hat uns mit aufer­weckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus.“ Da geht es anders herum, als wir das gewohnt sind: Nicht das Bewußtsein, die Lebendigkeit unseres Denkens und Wollens ist da das übergeordnete Kontinuum, in das der Glaube dann sozusagen nachträglich hineinkäme. Vielmehr ist da von einer eigenen Lebendigkeit die Rede, die gerade abgehoben ist von der Lebendigkeit des selbstgeführten Sündenlebens. Das war tot, wir waren tot in den Sünden, heißt es hier. Und die neue Lebendigkeit, die als Auferweckung mit Christus beschrieben wird, ist der Kontinuität, in der wir uns denken können und wollen können, gerade entzogen: Gott hat uns samt Christus in das himmlische Wesen versetzt.

Wer nimmt wahr? Die scheinbare Selbstverständlichkeit, daß ich das bin, der ich mich als einen solchen denken und wollen kann, der an die Auferstehung glaubt, trägt hier nicht durch. So gewiß ich, wie ich der bin, der glaubt, auch der bin, der die in Frage stehenden Wahrneh­mungen macht, so gewiß bin ich mir selbst, dem Verfügen über mich, dabei gerade entzogen. Wenn ich hier mein Subjektsein denken soll, dann kann das nicht so geschehen, wie ich übli­cherweise mein Subjektsein denke: Daß ich mir etwas vornehme und dann die Möglichkeiten durchspiele, wie ich meinen Vorsatz realisieren kann, und schließlich wähle ich mir den Weg aus, der am ehesten zum Ziel zu führen scheint. Da sieht es ja so aus, wie wenn ich dazu frei und fähig wäre, von innen heraus zu leben, also beim Denken und Wollen anzufangen und von da aus dann die Realität nach solchem Denken und Wollen zu bestimmen. Es fragt sich, ob das überhaupt irgendwann so geht, wie wir uns das einbilden und vorstellen. Wenn wir über den Auferstehungsglauben nachdenken, dann haben wir [159] jedenfalls beim Unverfüg­baren anzusetzen, dort, wo wir nicht über uns selbst Herr sind, also nicht den Vorsatz fassen können: Jetzt will ich mich als einen denken, der an die Auferstehung glaubt und also auch die Wahrnehmungen des Auferstehungs­glaubens machen kann. Weil uns die Lebendigkeit der Auferstehung entzogen ist, so gewiß sie die Gabe Gottes an uns ist und bleibt, darum kann und darf hier nicht von einem Projekt unserer eigenen Lebensführung die Rede sein. „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch; Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaf­fen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen“ (Eph 2,8-10). So bin ich Subjekt jener Wahrnehmungen, als Werk, als neues Geschöpf der Gnade Gottes. Dem kann ich zwar nachdenken, wie wir das hier versuchen; aber ich kann mir nicht vornehmen, das für mich zu realisieren. Darauf wartet man, wachend und aufmerksam. Dazu fordert nicht nur Jesus in den Evange­lien immer wieder auf. Eine solche Aufforderung findet sich auch in einem alten christlichen Liedvers, den der Epheserbrief anführt: „Wache auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten“ (5,14).

2.

Wo und wann werden diese Wahrnehmungen des Auferstehungsglaubens ge­macht? Gerade wenn dieser Glaube nicht unser eigenes Projekt ist und wir uns also nicht beliebig vornehmen können, jetzt als Glaubende solche Wahrnehmungen zu machen, wird die Frage nach dem Ort und der Zeit solcher Wahrnehmungen dring­lich. Nach dem, was ich eben ausgeführt habe, ist schon klar, daß der Ort dieser Wahrnehmung nicht einfach festzustellen ist in dem Koordina­tensystem von Raum und Zeit, über das wir verfügen. Von diesem Verfügen aus gesehen ist diese Wahrnehmung ortlos, utopisch. Das heißt freilich nicht, daß wir selbst hier nun eine Utopie entwerfen müßten. Es heißt nur, daß wir achtsam mit der Wirklichkeit umzugehen haben, die uns begegnet, damit wir diesen Ort nicht verfehlen. Ich will dazu die Aufmerksam­keit auf einen scheinbar recht schwierigen und fremdarti­gen Text lenken, der sich gegen eine dogmatische Aneignung immer gesperrt hat, sich nicht recht einbauen ließ in ein System der Heilswahrheiten, aber auch nicht in ein System der Heilsgeschichte. Vielleicht hat er gerade deshalb Außenseiter und Sektierer zu allen Zeiten besonders angezogen. Ich meine den Ab­schnitt aus der Johannesoffenbarung, wo vom tausendjährigen Reich die Rede ist. Dieser Text hat zwei grundlegende Aussagen. Da ist einmal die Rede von der Gefangenschaft des Satans. Und dann ist weiter die Rede von der „ersten“ Auferstehung. Ich führe zunächst den ersten Abschnitt an.

Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloß ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach muß er losgelassen werden eine kleine Zeit“ (20,1-3). Das Bild ist gewaltig: Der Böse, in Handschellen festgeschlossen, eingesperrt in die abgründige Ferne, wo er hingehört, so daß er die Völker nicht mehr behelligen darf. Wann ist es so weit? Wann wird diese Utopie Wirklichkeit? Das ist unsere fast selbstver­ständliche Frage, wenn wir hier überhaupt Realität angesprochen sehen und nicht nur ein phantasti­sches Bild. Warum? Jetzt, das ist die ebenso selbstverständliche Feststellung, ist es ja noch nicht so weit. Jetzt sind die Völker noch in der Gewalt des Bösen. Da braucht es gar nicht viel Interpretation. Es ist nicht gut, was so läuft, in den Völkern und zwischen den Völ­kern. Und die Christenheit lebt selbst mitten drin in dieser Welt, die nicht gut ist. Wir leben drin – anscheinend ohnmächtig, zu ändern, [160] was nicht gut ist. Wir wissen z.B. alle ganz genau, daß die wahnwitzige Rüstung, an der wir mitarbeiten – die christlichen Völker und Nationen sind da doch führend, was Waffentechnik und militärischen Aufwand anbetrifft – nicht gut ist. Ob sie einen notdürftigen Waffenstillstand erzwingen kann, weil jeder fürchten muß, eine bewaffnete Auseinandersetzung nicht zu überleben, darüber läßt sich streiten. Daß diese Bewaffnung Ressourcen verschlingt, die einem menschenwürdigen Leben entzogen werden, das sehen wir alle. Und wissen ganz genau: Eigentlich dürfte das nicht sein; eigent­lich müßten wir Menschen, und gerade wir Christenvölker, mitein­ander ohne Furcht auskom­men. Wir wissen auch ganz gut, daß der Standard des Lebens, das wir hier führen, auf Kosten der „Dritten Welt“ geht; auch das ist nicht gut. Aber wir vermögen scheinbar nicht, hier etwas zu ändern, sind beeindruckt durch die Macht der Verhältnisse und so angepaßt an diese Ver­hältnisse, daß wir uns gefallen lassen, was geschieht. Wir, damit meine ich jetzt uns Christen. Wir sind nicht der Engel mit der großen Handschelle, der das Böse fesselt und dorthin ver­bannt, wo es hingehört. Darum sind wir ja versucht zu sagen: Wann das ge­schieht, was hier in diesem gewaltigen Bild geschildert wird, ob es überhaupt einmal geschieht, das wissen wir nicht. Jetzt jedenfalls ist es noch nicht so weit. Es handelt sich da bestenfalls um eine Utopie.

Das scheint dann auch der zweite Teil dieses Textes zu bestätigen, wo von der ersten Aufer­stehung die Rede ist. „Und ich sah Throne, und sie setzten sich darauf, und ihnen wurde das Gericht übergeben. Und ich sah die Seelen derer, die enthaup­tet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier und sein Bild, die sein Zeichen nicht angenommen hatten an die Stirn und auf ihre Hand; diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre. Die andern Toten aber wurden nicht wie­der lebendig, bis die tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung. Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Ober diese hat der zweite Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre“ (20,4-6). So sieht unsere Welt doch gewiß nicht aus, daß da die Bewährten richten, die Märtyrer, die, die sich nicht an die Mächte des Bösen angepaßt haben, sondern die dem Wort Gottes treu geblieben sind. Es sind ganz andere, die in dieser Welt, wie wir sie kennen, das Sagen haben. Und deshalb sind wir wieder geneigt, das ins Utopische, in die Ortlosigkeit abzuschieben, was der Seher uns hier in eindrücklicher Bildhaftigkeit vor Augen stellt.

Doch nun hindert mich nicht nur die traditionelle Auslegung dieses Textes von der ersten Auferstehung daran, ihn so ins Utopische zu verlegen. Diese traditionelle Auslegung hat die erste Auferstehung, von der da die Rede ist, als die Auferweckung vom Sündentod inter­pretiert, von der der Epheserbrief redet. Sie hat also in dieser ersten Auferstehung eine gegen­wärtige Realität gesehen. Und das müßte dann ja auch von der dieser ersten Auferstehung unmittelbar vorausgehenden Fesselung des Satans gelten. Sondern ich sehe hier auch eine Antwort auf die Frage, wo und wann eigentlich der Auferstehungsglaube seine Wahrnehmun­gen mache. Das gerade in der eindrücklichen Bildhaftigkeit, die uns verwehrt, diesen Ort sol­cher Erfahrung in unserer Welt so zu lokalisieren, daß wir darüber dann verfügen. Etwa so, wie sich einer vornehmen kann, in einen indischen Ashram zu reisen, um dort zu einem erneuerten Leben zu finden. So ist dieser Ort nicht bestimmt. Vielmehr ist er bestimmt da­durch, daß hier der Satan gefesselt, seine Macht gebrochen ist; und daß hier Christus mit denen regiert, die ihm die Treue halten. Das ist nicht im utopischen Nirgendwo, oder in einer neuen Welt, die jenseits der Welt beginnt, in der wir jetzt leben, in einer räumlichen und zeitlichen Transzendenz. Es ist hier und jetzt, dieses Wann und Wo. Freilich ein Wann und ein Wo, das als diese Zeit des Auferstehungslebens durch Gott selbst bereitgestellt wird. Ich könnte, um an eine traditionelle Formulierung zu erinnern, von dem Wirken des Geistes reden, das im 5. Artikel der CA angesprochen wird: „Solchen Glauben zu erlangen, hat Gott das [161] Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakrament geben, dadurch er als durch Mittel den Heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und wenn er will, in denen, so das Evangelium hören, wirket.“ Doch darf dabei dann auf keinen Fall das Bild aus der Johannes­offenbarung vergessen werden, weil wir sonst, der gewohnten Selbst­interpretation folgend, diesen Ort der glaubenden Wahrnehmung nur zu leicht in die gläubige Innerlichkeit und eine Gemeinschaft der Seele mit Gott verlegen. Da wird der Satan gefesselt, und die Welt wird gerichtet. Und dieses Gericht soll dabei nicht als ein bloßes Beurteilen und Verurteilen verstanden werden. Jesus Christus, der durch Gott bestimmte Richter, läßt die Leute nicht hinrichten. Er läßt sie herrich­ten: Das ist sein Gericht, daß sie zurechtgebracht und in ihre gottgewollte Mensch­lichkeit versetzt werden. Durch die geschieht das, „die nicht angebetet hatten das Tier noch sein Bild, und die sein Zeichen nicht angenommen hatten an ihre Stirn und auf ihre Hand.“

Ich muß noch einmal betonen: Es geht hier um eine Ortsangabe, um wo und wann der Wahr­nehmungen, die der Auferstehungsglaube macht. Es geht nicht um eine Aufforderung, um einen Imperativ, den Satan zu fesseln und die Menschen zurecht­zubringen. Meinten wir, das Auferstehungsleben sei so in uns drin, daß wir es aus uns heraus in die Welt bringen können, dann kämen wir gewiß nicht dazu, das wahrzunehmen, was der Glaube wahrnimmt. Mit Auf­forderungen geht es hier nicht weiter. Ist das Auferstehungsleben nicht drin in unserer Welt, kommt es uns nicht aus dieser Welt entgegen, dann werden wir es gewiß nicht in sie hinein­bringen, mit allem guten Willen und mit allen unseren Kräften nicht. Allenfalls die eine Auf­for­derung hat hier ihren Platz, die ich schon genannt habe: Wachen und Aufmerken.

3.

Was und wie nimmt der Auferstehungsglaube wahr? Diesem Aspekt unserer Fragestellung sollten wir nun nachdenken. Eine erste Antwort auf die Frage ist in dem Ausdruck „Auferste­hungsglaube“ schon mit gesetzt: Dieser Glaube nimmt wahr, daß Jesus lebt. Das soll dann freilich mehr sein als die Behauptung, die einer an den Rockaufschlag stecken und so vor sich hertragen kann. Dieses Leben Jesu, wie es „der Auferstehungsglaube wahrnimmt, ist nicht in der himmlischen Jenseitigkeit zu lokalisieren, an die wir zunächst denken, wenn wir im Glau­bensbekenntnis sprechen: „aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des all­mächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“. Wir hätten uns vergeblich mit dem Text aus der Johannesoffenbarung beschäftigt, wenn wir uns dabei beruhigten, Jesu Leben so von uns weg in eine jenseitige himmlische Ferne zu denken. Sicher ist uns dieses Leben des Auferstandenen entzogen; wir verfügen nicht darüber, können es nicht nach Belieben feststellen und vorführen. Doch das bedeutet gerade nicht, daß dieses Leben nun in unerreichbarer Ferne und also getrennt vom Glauben gedacht werden müßte. Vielmehr ist die Lebendigkeit des Glaubens durch dieses Leben des Auferstandenen be­stimmt. Ich meine das nicht so, wie man Auferstehung immer wieder einmal interpretiert hat: Daß da ein lebendiger Mensch ist, oder lebendige Menschen, und die glauben dann, und in diesem ihrem Glauben lebt Jesus weiter, so, wie man sagen kann, daß ein Lehrer in seinen Schülern weiterlebt, die fortführen, was er begonnen und sie gelehrt hat. Da wäre Leben wie­der von innen heraus gedacht, in jener vergeblichen Anstrengung, die versuchte, Liebe in eine lieblose Welt und womöglich Gott in eine gottlose Welt zu bringen. Das Leben des Auf­erstan­denen ist es, das vorgegeben ist, und auf dieses Leben kann sich der Glaube einlas­sen und in ihm seine Lebendigkeit wahrnehmen.

Freilich liegt hier der Einwand nahe: Was soll das dann heißen? Es ist uns entzogen, dieses Leben. Wo und wann es Gott gefällt, läßt es sich zwar wahrneh­men. Aber ist das nicht eine bloße Vertröstung? Ich will wissen, was ich tun kann [162] und tun soll, um dieses Leben wahrzunehmen – wenn es denn die Realität ist, als die es behauptet wird! Ich will dem Ein­wand ein Stück weit stattgeben. Er legt sich nahe und ist mir gewiß nicht fremd. Ich will ihm mit einem Hinweis begegnen. Im Johannesevangelium wird berichtet, daß Jesus den Juden, die sich weigerten, an ihn zu glauben, vorgehalten habe: „Ihr sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die vor mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben hättet“ (5,39f). Jesus ist Leben und gibt Leben. Das ist hier vorausgesetzt. Aber nun steht die Schrift hier in einem merkwürdig zwiespälti­gen Verhältnis zu Jesus. Einerseits ist sie Zeugnis von Jesus und führt also hin auf Jesus als das Leben. Aber andererseits verstellt sie den Zugang zu diesem Leben und zwar gerade für die, die meinen, sie könnten in dieser Schrift selbst das Leben finden. Ich denke, gerade das könne uns weiter­helfen. Sicher einmal so, daß wir aus diesem Wort Jesu einen Imperativ ableiten: Suchet in der Schrift! Das mindestens soweit, daß wir wissen: Jesu Leben läßt sich nicht anders als in der Schrift und durch die Schrift entdecken. Ich bin ja in meinen Ausführungen schon bisher eben von dieser Voraussetzung ausgegangen und habe versucht, in meinem Nachdenken über den Auferstehungsglauben die Schrift auszulegen. Wer das Leben sucht, der kann und soll es also in der Schrift suchen. Je vertrauter einer ist mit dem, was die Schrift von Jesus zu erzäh­len weiß, desto gerichteter ist seine Aufmerksamkeit, und desto eher besteht die Aussicht, daß er das Leben des Auferstandenen entdeckt.

Nun steckt aber in diesem Jesuswort zugleich ein Einwand: Gerade eine solche Vertrautheit mit der Schrift kann daran hindern, zu Jesus zu kommen und in ihm das Leben zu finden. Die Schrift kann also auch den Weg zu Jesus verstellen. Das geschieht dort, wo die Lebendigkeit Jesu in die Bibel hinein sozusagen verschwindet und dann die Bibelworte selbst wieder sich in unsere eigenen Gedanken verwandeln. Da ist es die Lebendigkeit dessen, der die Bibel liest, die sich an die Stelle der Lebendigkeit Jesu gesetzt hat. Und häufig ist das dann eine sehr eigenwillige und eigensinnige Lebendigkeit, ein sehr selbstbewußtes Denken und Wollen, das da bestimmen möchte, wie es nun einmal ist und zu sein hat. Ich habe in einem etwas anderen Zusammenhang davon schon geredet, dort, wo ich mich dagegen verwahrte, das sei Glaube, wenn ich mir vornehme, mich selbst als Glaubenden zu denken und zu wollen. Gerade die scheinbare Fähigkeit, so glauben zu können, klammert sich gerne an Bibelworte an und hält sich so in ihrer Innerlichkeit und dem Scheinleben dieser Innerlichkeit fest. Die dort im Johannesevangelium nicht zu Jesus und dem Leben, das von ihm ausgeht, kommen wollen, die meinen, sie hätten das ewige Leben in der Schrift. Aber das ist dann in Wahrheit gar nicht die Schrift, sondern die eigene, mit Schriftworten herausstaffierte Gläubigkeit, die nicht aus sich herausgehen will. Denn sie fürchtet, sich selbst zu verlieren. Doch gerade auch hier, wo der eigene Glaube, das gläubige Leben als das eigene Projekt, in Frage steht, gilt Jesu Wort: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinet­willen, der wird’s finden“ (Mt 16,25 parr).

Das hieße: Nur dort läßt sich das Leben Jesu finden, wo nicht die Schrift in das eigene Den­ken so hineingezogen wird, daß sie einer Verwechslung dieses eigenen Denkens mit dem Glauben Vorschub leistet; wo die Schrift vielmehr das, was begegnet, als Leben des Aufer­standenen identifizieren läßt. Es kann sein, daß da die Macht des Satans gefesselt wird – um bei dem Bild aus der Johannesoffenbarung zu bleiben. Wo es hell wird, da läßt sich Verfüh­rung durchschauen. Ich habe schon den alten, im Epheserbrief angeführten Liedvers zitiert, will nun auch den Zusammen­hang nennen, in dem er steht: „Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wache auf, der du schläfst, [163] und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten“ (5,9-14). In diesem Licht, mit dem Christus erleuchtet, kommt die Verführung an ihr Ende. Da ist dann der Engel, der den Satan fesselt.

Zugleich damit wird das Leben zurechtgebracht. Wir können das mit großen schweren Worten aussprechen, indem wir sagen: Da ist dann Freiheit, und es ist Liebe; es ist Freiheit zur Liebe. Diese Freiheit zur Liebe kommt nicht aus uns heraus. Es braucht dazu das Entgegenkommen. Sicher ist unsere Aufmerksamkeit mit dabei. Aber die wartet ja eben auf die gelegene Zeit, in der uns Liebe entgegenkommt. Ich will dazu nun nicht große Beispiele nennen; da nimmt einer leicht den Mund zu voll. Ein kleiner Hinweis mag hier genügen. Ich habe gerne eine Eidechse auf der Hand sitzen. Aber die soll ja nicht eingefangen werden; das würde sie er­schrecken und womöglich beschädigen. Wenn man ganz langsam auf so ein Tier zugeht und ihm die Hand hinreicht, kann es sein, daß es die Wärme spürt und selbst auf die Hand gekrochen kommt. Das ist gut so. Ich meine sogar, es sei mehr als nur ein Gleichnis für das Entgegenkommen, das es braucht, wo die rechte Zeit Freiheit zur Liebe möglich macht. Aber man soll mit solchen Wahrnehmungen behutsam umgehen, auch dort, wo man von ihnen redet. Darum mögen Sie hier selber weiterdenken und dazu vielleicht auch noch das Wort aus dem Römerbrief zum Anstoß für ein solches Weiterdenken nehmen: „Denn auch die Schöp­fung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (8,21).

Ich füge noch eine knappe Schlußüberlegung an. Die Wahrnehmungen, die ich zu beschreiben suchte, lassen sich nicht einfach bündeln zu einer handfesten Realität, die dem Tod und sei­nem Vorschein in unser Leben hinein so begegnen könnte, daß er verschwinden muß. Auch wo mehr gesagt würde, wo diese und jene Wahrnehmung noch beigetragen würde, bliebe es bei dem Unverfügbaren jener Zeit des Aufer­stehungslebens, die sich nicht festhalten läßt. Darum haben wir, wie das der zweite Petrusbrief anmahnt, „um so fester das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen“ (1,19). Mir scheint aber auch, es täte uns gut, wenn wir gerade hier wieder besser lernten, zu klagen und zu loben. Dort zu klagen, wo sich uns das Auferstehungsleben entzieht und wir nichts als den Tod wahrnehmen. Dort zu loben, wo sich uns dieses Leben gewährt. So kommen wir heraus aus uns selbst. Und es mag sein, daß dann gerade dort, wo sich Klage und Lob auf denselben Gott richtet, das zerspaltene Leben hoffen lernt, darauf hoffen, daß es in einer heilen und gan­zen Welt heil und ganz leben wird.

Vortrag vom 12. April 1981 auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Zeitgemäßes zur Unzeit. Texte zum Frieden, zum Verstehen des Evangeliums und zur Erfahrung Gottes, Essen: Verlag Die Blaue Eule 1987, S. 157-163.

Hier der Text als pdf.

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