„Juden und Christen sind in der Ahnung verbunden, dass das Haus unsres Vaters anders beschaffen ist, als unsre menschlichen Grundrisse meinen“ – Aus Martin Bubers Rede „Die Brennpunkte der jüdischen Seele“ von 1930

Martin Buber 1930
Martin Buber 1930

Im März 1930 wurde Martin Buber zu einer Studientagung über das Verhältnis von Christentum und Judentum nach Stuttgart eingeladen. Veranstalter war die Konferenzgemeinschaft der vier deutschen Judenmissionsgesellschaften. Dort sollte Buber über die „Seele des Judentums“ zu sprechen, gefolgt von Adolf Köberle mit dessen Rede über die „Seele des Christentums“. Hier der Schlussteil von Bubers Rede:

Diese zwei Brennpunkte der jüdischen Seele, die auch noch für den „säkularisierten“ Juden, soweit er nicht entseelt ist, fortbestehn, wiewohl ihrer eigentlichen Namen beraubt, die Unmit­telbarkeit zum Seienden und das Wirken der versöhnenden Kraft in einer unversöhnten Welt, mit andern Worten: die Inkarnationslosigkeit des dem „Fleisch“ sich offenbarenden und ihm in der gegenseitigen Beziehung gegenwärtigen Gottes und die Zäsurlosigkeit der auf Erfül­lung ausgerichteten und immerdar Entscheidung erfahrenden Menschengeschichte sind das letztlich Sondernde zwischen Judentum und Christentum. Wir „einen“ Gott, indem wir lebens- und sterbensmäßig seine Einheit bekennen; wir einen uns ihm nicht. Der Gott, den wir glauben, dem wir angelobt sind, vereint sich nicht mit menschlicher Substanz auf Erden. Eben das aber, daß wir nicht vermeinen, uns ihm einen zu können, befähigt uns, so inbrünstig danach zu verlangen, „daß die Welt in der Königsherrschaft des Gewaltigen zurechtgebracht werde“.

Wir spüren das Heil geschehen; und wir verspüren die ungeheilte Welt. Uns ist nicht an einem Punkt der Geschichte ein Heiland erschienen, daß eine neue, erlöste mit ihm begänne. Da nichts Gekommenes uns beruhigt hat, sind wir ganz ausgerichtet auf das Kommen des Kom­menden.

So von euch gesondert, sind wir euch beigegeben. „Denn ihr“, schreibt Franz Rosenzweig in dem angeführten Brief, „die ihr in einer ecclesia triumphans lebt, habt einen stummen Diener nötig, der euch allemal, wenn ihr in Brot und Wein Gott genossen zu haben glaubt, zuschreit: Herr, gedenke der letzten Dinge!“

Was ist uns und euch gemeinsam? Wenn wir es völlig konkret fassen: ein Buch und eine Erwartung.

Für euch ist das Buch ein Vorhof, für uns ist es das Heiligtum. Aber in diesem Raum dürfen wir gemeinsam weilen, gemeinsam die Stimme vernehmen, die in ihm spricht. Das bedeutet, daß wir gemeinsam arbeiten können an der Hervorholung der verschütteten Gesprochenheit dieses Sprechens, an der Auslösung des eingebannten lebendigen Worts.

Eure Erwartung geht auf eine Wiederkehr, unsre auf das unvorweggenommene Kommen. Für euch ist die Phrasierung des Weltgeschehens von einer unbedingten Mitte, jenem Jahr Null, aus bestimmt; für uns ist es eine einheitlich gestreckte Tonfolge, ohne Einhalt von einem Ur­sprung zu einer Vollendung strömend. Aber wir können des Einen Kommenden gemeinsam hauen, und es gibt Augenblicke, da wir ihm gemeinsam die Straße bahnen dürfen.

Vormessianisch sind wir schicksalsmäßig getrennt. Da ist der Jude für den Christen unver­ständlich als der Verstockte, der nicht sehen will, was sich begeben hat, unverständlich der Christ dem Juden als der Verwegene, der in der unerlösten Welt ihre vollzogne Erlösung be­hauptet. Das ist eine von keiner Menschenmacht überbrückbare Spaltung. Aber sie verwehrt nicht das gemeinsame Ausschauen in eine von Gott her kommende Einheit, die, all eurer und unsrer Verstellbarkeit enthoben, das Eure und das Unsre bestätigt und verwirft, verwirft und bestätigt, und alle Glaubenswahrheiten der Erde durch die Seinswahrheit des Himmels ersetzt, die Eine ist.

Euch und uns geziemt· es, den eignen Wahrheitsglauben, das heißt: das eigne Realverhältnis zur Wahrheit, unverbrüchlich festzuhalten; und euch und uns geziemt die gläubige Ehrfurcht vor dem Wahrheitsglauben des andern. Das ist nicht, was man „Toleranz“ nennt: es ist nicht an dem, das Irren des andern zu dulden, sondern sein Realverhältnis zur Wahrheit anzuerken­nen. Sobald es uns, Christen und Juden, wirklich um Gott selber und nicht bloß um unsre Gottesbilder zu tun ist, sind wir, Juden und Christen, in der Ahnung verbunden, daß das Haus unsres Vaters anders beschaffen ist, als unsre menschlichen Grundrisse meinen.

Hier der vollständige Texte der Rede als pdf.

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