„An Stelle einer hermeneutischen Transformation der Botschaft tritt die narrative Invitation in das Evangelium“ – Zu Dietrich Bonhoeffers Plädoyer für ein religionsloses Christentum bzw. für eine nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe

Dietrich Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer als Statue an der Westfront der Westminster Abbey in London Märtyrern des 20. Jahrhunderts

Dietrich Bonhoeffers Plädoyer für ein religionsloses Christentum bzw. für die nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe, der er 1944 in Briefen an seinen Freund Eberhard Bethge aus der Haft in Berlin-Tegel skizziert hatte, ist auch in der Gegenwart eine Herausforderung an die Kirche.

Bonhoeffer stellt damit in Frage, dass das Evangelium bzw. die christliche Lehre Menschen „religiös“ andemonstriert werden soll. Damit marginalisiert man die eigene Botschaft auf die Grenzen menschlichen Verstehens bzw. naturwissenschaftlicher Welterklärung hin oder aber destilliert die eigene Botschaft zur Lösung für menschliche Defiziterfahrungen in Hinblick auf Lebensangst, Schuldbewusstsein oder aber die Sinnhaftigkeit des Daseins.

Wo mit einer religiösen Botschaft im menschliche Bewusstsein „schwarze Löcher“ belichtet oder gar gelichtet werden sollen, wird die Botschaft therapeutisch auf ein (vermeintliches) klientilisiertes Bedürfnis abgestimmt – nach dem paternalistischen Motto „wir wissen (besser), was für dich gut ist“. Eine solche religionistische Botschaft muss sich jedoch immer weiter aus dem Leben des anderen herausnehmen, wenn dieser für sich überzeugendere Erklärungen bzw. zuträglichere Therapieangebote findet. Wo durch fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft Weltanschauungen und Lebensentwürfe sich vervielfältigen und experimentell gestützte wissenschaftliche Erklärungen scheinbar immer mehr einer menschlichen Unwissenheit nehmen, kann das Evangelium als vermeintlich religiöse Botschaft nur an Relevanz verlieren.

Eine nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe bzw. ein religionsloses Christentum stellt das Evangelium Jesu Christi als eigensinnige Botschaft vor. An Stelle einer hermeneutischen Transformation der Botschaft tritt die narrative Invitation in das Evangelium: Menschen sollen in die Namensgeschichte des Gottes und seines Sohnes Jesus Christus hineingenommen werden, so dass sie sich selbst als gerechtfertigte Sünder im Evangelium neu entdecken und unter seiner väterlichen Verheißung als Gotteskinder in Jesus Christus wiederfinden, so wie dies im ersten Brief des Johannes zugesagt ist: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.“ (1Joh 3,1-3)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s