„Aus dem Bilderverbot und dem Verständnis des Menschen als Gottesebenbild fließt die ethische Forderung, jeden Menschen gleich zu achten“ – Markus Witte über den Dekalog (Zehn Gebote)

Bilderverbot
Das 1. Gebot, Detail aus dem Gemälde von Lucas Cranach, geschaffen für die Gerichtsstube im Rathaus zu Wittenberg (1516).

Ein schöner, knapper Lexikonartikel über den Dekalog, also die Zehn Gebote, stammt von Markus Witte aus dem Taschenlexikon Theologie und Religion. Darin schreibt er über die ersten vier Gebote:

Formal ist der Dekalog Gottesrede. Dabei ist das Leber des atl. Menschen mit seinen drei wesent­lichen Beziehungen im Blick: 1.) zu Gott, 2.) zur Familie, 3.) zur Gemeinschaft. Jedes Einzel­gebot steckt einen Raum für ein Handeln ab, das sich der Freiheit Jahwes und der des Men­schen verpflichtet weiß.

Das erste Gebot (Ex 20,2; Dtn 5,6) umfasst die Aus­schließlich­keit der Jahweverehrung. In seiner Fluchtlinie stehen die Beto­nung der personalen Einheit und Einzig­artigkeit Jahwes (Dtn 6,4f) sowie die systematische Reflexion über den alleinigen An­spruch Jahwes auf die Be­zeichnung als Gott in der exilisch-nachexilischen Theologie (Dtn 4,39; Jes 44,6).

Das zweite Gebot (Ex 20,3-6; Dtn 5,7-10) unterstreicht die Aus­schließlichkeit der Jahwever­ehrung, indem es die kultische Verehrung (Kult) eines materiellen Gottesbildes (hebr. päsäl) verbietet. In seiner Konsequenz bestreitet das Bilderverbot die Gottheit anderer Götter (vgl. Jes 40,18ff) und wahrt die Transzendenz des einen Gottes Jahwe (vgl. Dtn 4,12). Wie die me­taphorischen An­reden Jahwes in Gebeten zeigen (vgl. Ps 23,1; 27,1; Jes 12,2), unterliegen sprachliche Bilder nicht dem Bilderverbot. Neben den theologischen Aspekt des Bilderverbots tritt ein anthropologischer. Nach Gen 1,26 werden Mann und Frau als Gottes Ebenbild (hebr. säläm) ge­schaffen. Das einzig legitime Gottesbild, das das AT kennt, ist der Mensch. Aus der Bezeichnung des Menschen als Got­tes(eben)bild spricht die Vorstellung, dass 1.) allein der Mensch Gott in der Welt repräsentiert, 2.) Gott sich selbst sein Bild er­schafft und 3.) dass das Bild Gottes eine stets im Werden begriffene Grö­ße darstellt. Aus dem Bilderverbot und dein Verständnis des Menschen als Gottesebenbild fließt die ethische Forde­rung, jeden Menschen gleich zu achten.

Das dritte Gebot (Ex 20,7; Dtn 5,11) verbietet den Miss­brauch des Gottesnamens. Der Name ist nach antikem Verständnis un­trennbar mit dem Wesen des entsprechenden Namensträgers verbunden und eröffnet einen Zugang zu diesem. Der Schutz des Gottesnamens ver­sucht, wie das erste und das zweite Gebot, die Einzigartig­keit, Heiligkeit und Personalität Jahwes zu wahren. Konkret verbietet das Na­mensgebot den Ge­brauch des Jahwenamens in der Orakel­praxis hinsicht­lich lebensschädlicher Beschwörun­gen und im rechtlichen Bereich hin­sichtlich des Meineides (vgl. Lev 19,12). Umgekehrt zielt dieses Verbot auf den richtigen Gebrauch des Namens Jahwes im Gebet (vgl. Ps 7,18; 30,5).

Das vierte Gebot (Ex 20,8-11; Dtn 5,12-15) mit seinem Aufruf, des Sabbats zu gedenken (Ex 20,8) bzw. den Sabbat zu halten (Dtn 5,12), ist das am stärksten bezeugte atl. Gebot über­haupt. Es impliziert, Jahwe als dem Herrn der Zeit einen Teil der dem Menschen geschenkten Zeit zurückzugeben. Nach Ex 20,11 (vgl. Ex 31,17) gründet [244] der Sabbat in der Ruhe Got­tes nach der Schöpfung (Gen 2,1-3). Im Ge­denken des Sabbats wird Gott als der Schöpfer bekannt und hat der Mensch teil an der Schöpfungsruhe Gottes. Nach der heilsgeschichtlichen Begründung in Dtn 5,14f (vgl. Ex 23,12) wurzelt der Sabbat in der Erfahrung, dass der Mensch Ruhe von der Arbeit braucht. Das Sabbatgebot und das daraus entfaltete priesterliche Programm eines Mensch, Tier und Natur umfassenden Sabbatjahres (Lev 25) zeigen, dass die Gebote Leben ermöglichen und nicht einschränken wollen. In diesem Sinn ist auch die spätere Kritik Jesu an einer bestimmten Form der Sabbatheiligung seiner Zeit zu ver­stehen (vgl. Mk 2,23ff).

Hier der vollständige Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s