„JHWH ist zwar der Unfaß­liche und damit der als selbst alles Umfangende einfachhin Unumfangbare, aber er ist niemals das Unendliche, das Umfassende im Sinne eines absolut unbestimmbaren ‚Es'“ – Alfons Deissler über die Grundbotschaft des Alten Testaments

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Alfons Deissler (1914-2005)

»Ich gestehe es gerne: Ich habe Alfons Deissler verehrt, und halte ihn für eine der ganz großen Gestalten unseres Fachs und für einen bedeutenden Theologen.« Was Erich Zenger 2006 anlässlich der Neuausgabe von Alfons Deisslers „Die Grundbotschaft des Alten Testaments“ geschrieben hat, lässt sich nachvollziehen, wenn man Deisslers Texte über das Alte Testament ließt. Wie Fridolin Stier zeichnet auch Deissler ein besonderes Sprachempfinden und eine theologische Leidenschaft aus. In seinem Beitrag „Die Grundbotschaft des Alten Testaments“ für das Handbuch der Verkündigung (Herder 1970) skizziert er auf 30 Seiten eine Theologie des Alten Testaments, die es immer noch in sich hat:

Die Welttranszendenz JHWHs, wie sie in den aufgezeigten Perspektiven zutage tritt, ist das große Unterscheidungszeichen des Jahwismus und gehört so sehr zum Grundbestand seines Glaubensgutes, daß die Autoren des Alten Testaments ohne Gefahr des Mißverständnisses die vielen Anthropo­morphismen und Anthropopathismen auf Gott anwenden konnten, welche dem abendländischen Verständnis so viele Schwierigkeiten bereiten. Diese menschenförmi­gen Ausdrucksweisen lassen das unfaßliche und unbegreif­liche Sein und Wesen JHWHs intakt, ja bekommen von ihm her ihren ersten Sinn und Stellenwert: wollen sie doch zunächst bild- und gleichnishafte Bezeichnungen nicht für das Wesen Gottes, sondern für sein Tun und Walten, also seinen Selbstbezug auf Welt und Mensch sein. Wenn man dagegen einwenden mag: „agere sequitur esse“, so muß man allerdings diesem Ein­wand wenigstens in einer ge­wissen Hinsicht stattgeben: es besteht nämlich kein Zweifel, daß in den kühnen Anthro­pomorphismen des Alten Testa­ments zugleich das am Wesen Gottes aufleuchtet, was man Personalität nennt.

Die Botschaft von JHWH als personalem Gott

Der Hebräer hat den Begriff des Geistes und der Geistigkeit nicht philoso­phisch durchreflek­tiert und entwickelt. Dennoch hat er das Wesen des Geistseins als eines Seins, das sich selbst hat und zu sich selbst verhält, in der Wurzel erfaßt und gerade in seinem durch und durch per­sonal geprägten „Gottesbild“ zur höchsten Darstellung gebracht. JHWH ist zwar der Unfaß­liche und damit der als selbst alles Umfangende einfachhin Unumfangbare, aber er ist niemals das Unendliche, das Umfassende im Sinne eines absolut unbestimmbaren „Es“. JHWH offen­bart sich als „Ich“ und „Er“, als ein „Selbst“ schlechthin. Diese „Selbsthabe“ bedeutet kei­nerlei Eingrenzung seines Wesens, das eben als unendliches in unendlicher Weise sich selbst offen und verfügbar ist, während beim Menschen die Personalität „die Selbst­habe eines end­lichen Wesens in endlicher Weise“ meint.

Die Personalität JHWHs wird im Alten Testament am erhellendsten offen­bar in seinem „Spre­chen“. Darin äußern sich personale Urgegebenheiten wie Erkenntnis und Weisheit, Wille und Freiheit, und dies nicht nur im Gegenstand, sondern schon in der Tatsache des Sprechens selbst, in welchem das Alte Testament schließlich alles „Walten Gottes nach außen“ zusam­menschließt und so vom kosmisch-schöpferischen, vom geschichtsmächtigen und vom spezi­fisch-offenbarenden Wort JHWHs kündet. Gerade letzteres Sprechen Gottes erfolgt bei den Propheten oft in der Weise des Gottesspru­ches, in welchem das „Ich“ Gottes redendes Subjekt und der Mensch das von Gott angeredete „Du“ ist. Am instruktivsten für JHWHs Personalität sind dabei die Selbstbezeugungen seiner Freiheit und Souveränität wie etwa Ex 33,19: „Ich neige mich gnädig, dem ich mich gnädig neige; ich erbarme mich dessen, dessen ich mich erbarme“; oder Jes 46,10: „Ich spreche: mein Plan steht fest; was mir gefällt, das vollführe ich.“ Was überhaupt in den prophetischen Gottesreden von JHWH am meisten offenbar wird, sind per­sonale Wesensvollzüge. Manchmal läßt er geradezu in sein „Inneres“ schauen. Diese seine personale Lebensmitte wird öfter ausdrücklich „Herz“ genannt (vgl. Gen 6,6; 1 Sam 13,14; Hos 11,8; Jer 3,15 u. a.), womit der Hebräer die ganze innere Lebendigkeit der Person, also Erkenntnis, Wille und Ge­müt in einem einzigen Ausdruck zusammenfaßt.

Die Botschaft von JHWH als dem „Gott für Welt und Mensch“

JHWH als „göttliche Freiheit in Person“ hat in dieser absoluten Selbstverfüg­barkeit sein Wesen „verfaßt“ zum Gottsein für Welt und Mensch. Das ist die tragende Mitte aller bibli­schen Botschaft im Alten und Neuen Testament. Auf der dunklen Folie des „mysterium tremendum“, wie es sich in der Welt¬transzendenz JHWHs bezeugt, leuchtet um so heller die­ses „mysterium fascinosum“ auf. Diese „Frohbotschaft“ ist also nicht erst dem Neuen Testa­ment vorbehalten. Sie kann — „pädagogisch“ — so formuliert werden: Der welttranszendente Gott transzendiert sich in seiner personalen Freiheit ge¬wissermaßen selbst auf Welt und Mensch hin. Wie im alttestamentlichen Zeugnis von der Welttranszendenz Gottes alle Mythen in ihrem immanentistischen Kern zerbrochen werden, so wird auch in diesem „Evangelium“, das bereits im Alten Testament voll auftönt, allem religionsgeschichtlichen Denken und Han­deln, insofern es sich fundamental auf der Linie vom Menschen zu Gott bewegt, widerspro­chen: die Basis- und Bestimmungslinie der „Offenbarungsreligion“ geht von Gott zur Welt und zum Menschen hin. Des Menschen religiöses Denken und Tun ist nur „Antwort“ auf die­ses „Grundwort“ des Offenbarungsgottes.

Hier der vollständige Text als pdf.

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