„Vom Wort zum Begriff. Die Aufgabe der Hermeneutik als Philosophie“ – Hans-Georg Gadamers Vortrag bei den Bamberger Hegelwochen 1994

hans-georg gadamer
Hans-Georg Gadamer (1900-2002)

Da sind wir vom Erlanger Oberseminar mit Professor Hans G. Ulrich 1994 zu den Bamberger Hegelwochen gefahren, um den Vortrag „Vom Wort zum Begriff“ des 94jährigen Hans-Georg Gadamer zu hören. Der damit verbundene Universitätsakt der Verleihung einer weiteren Ehrendoktorwürde an Gadamer war Nebensache. Dass dieser Vortrag dann 1997 in Grondins „Gadamer Lesebuch“ abgedruckt und nach seinem Tod in englischer Übersetzung „From Word to Concept“ als Einleitungsbeitrag in den von Bruce Krajewski herausgegebenen Sammelband Gadamer’s Repercussions: Reconsidering Philosophical Hermeneutics aufgenommen worden ist, war mir lange Zeit nicht bewusst. Hier ein Auszug:

Ich weiß nicht, welche Antworten sich schließlich einmal die Menschheit für das Zusammen­leben der Menschen in bezug auf die Rechte des Einzelnen und die Rechte des Kollektivs, die Gewalt, die von der Familie oder vom »Staat« ausgeht, geben wird. Ich denke nur an dieses unglaubliche Wunder, daß in China die kommunistische Revolution, die sicherlich mit den Ältesten nicht sanft umgegangen ist, es nicht erreicht hat, die Familienordnung mit ihrer fast unbegrenzten Macht ganz aufzulösen. So gibt es überall Eigenheiten und Eigentümlichkeiten unüberbrückbarer Fremdheit in der Welt, wo man nur sagen kann: wenn wir nicht hermeneu­tische Tugend lernen, d. h. wenn wir nicht einsehen, es gilt erst einmal den Anderen zu ver­stehen, um zu sehen, ob nicht vielleicht doch am Ende so etwas wie Solidarität der Mensch­heit als ganzer auch in bezug auf ein Miteinander-Leben und Überleben möglich wird, dann werden wir wesentliche Mensch­heitsaufgaben im Kleinen wie im Großen nicht erfüllen kön­nen.

Es liegt nahe, die Lage der Menschheit für verzweifelt zu halten. Denn am Ende haben wir einen Punkt erreicht, an dem die Selbstzerstörung der Menschheit droht und jedem bewußt werden kann. Ist es da nicht eigentlich eine Aufgabe des Denkens aller, sich klarzumachen, daß Solidarität die Grundvoraussetzung ist, unter der man gemeinsame Überzeugungen, wenn auch nur langsam, miteinander entwickeln kann? Mir scheint, die europäi­sche Zivilisation hat seit den letzten drei Jahrhunderten das Gesetz des Gleichgewichts vernachlässigt. Sie hat in einer bewundernswerten Weise die Wissenschaftskultur und ihre technische und organisato­rische Anwendung zur vollen Entwicklung gebracht.

Aber hat sie auch die Fähigkeit entwickelt und ausgeprägt; im Besitz tödlicher Waffen zu sein und zu wissen, was unsere Kultur damit an Verant­wortung für die gesamte Menschheit trägt? Ist es nicht in allen Fragen dieser Art so, daß wir heute vor Aufgaben stehen, für die wir eine bewußte Weit-und Vorsicht brauchen, sowie Offenheit für einander, wenn wir die Gestal­tungsaufgaben der Zukunft lösen sollen, die zum Frieden und Ausgleich führen könnten?

Ich bin der Meinung, wir haben bei allen unseren technischen und wissen­schaftlichen Fort­schritten nicht genug gelernt, wie man miteinander und mit ihnen leben lernt. Nun, damit will ich schließen: Mein Bedürfnis war, Ihnen deutlich zu machen, daß Hermeneutik als Philoso­phie nicht irgendein Me­thodenstreit mit anderen Wissenschaften oder Wissenschafts­theorien oder solchen Dingen ist, sondern daß niemand leugnen kann, daß wir in jedem Augen­blick, in dem wir unsere Vernunft anstrengen, nicht nur Wissenschaft betreiben.

Ohne Begriffe zum Sprechen zu bringen, ohne eine gemeinsame Sprache können wir nicht die Worte finden, die den Anderen erreichen. Der Weg geht »vom Wort zum Begriff« – aber wir müssen vom Begriff zum Wort gelangen, wenn wir den Anderen erreichen wollen. Nur so gewinnen wir ein vernünftiges Verständnis füreinander. Wir haben nur so die Möglich­keit, uns zurückzustellen, um den Anderen auch gelten zu lassen. Ich glaube, in etwas so aufzuge­hen, daß man sich darüber selbst vergißt, darauf kommt es an – und das gehört zu den großen Segnungen der Erfahrung der Kunst, zu den großen Verheißungen der Religion – und am Ende überhaupt zu den Grundbedingungen des Zusammenlebens von Menschen auf mensch­liche Weise.

Hier der vollständige Vortrag als pdf.

Hier die englischsprachige Übersetzung From Word to Concept als pdf.

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