„Der Wein erfreut das Leben“ (Kohelet 10,19). Zur Theologie des Weins

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Gleich wie Leben ist Wein für die Menschen, wenn du ihn maßvoll trinkst. Was ist das Leben, wenn der Wein fehlt? Er ist geschaffen zur Heiterkeit des Menschen. Fröhlichkeit des Herzens und Heiterkeit der Seele bringt der Wein, zur rechten Zeit und maßvoll getrunken.“ (Sir 31,27f; vgl. Ri 9,13; 1Tim 5,23) Wein als Lebenselixier – was für eine Zusage findet sich da in der Bibel. Zusammen mit Olivenöl und Weizen (bzw. Brot) gehört Wein zu den basalen Lebensmittel im Alten Orient: „Iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen; denn längst schon hat Gott dieses Tun gebilligt. Jederzeit seien deine Kleider weiß, und an Öl auf deinem Haupt soll es nicht fehlen.“ heißt es dazu im Buch Kohelet (9,7f; vgl. Gen 27,28; Dtn 7,13; Ps 104,14f; Sir 39,26; Hos 2,10; Joel 2,24)

Schon seit der frühen Bronzezeit ist der Weinanbau in Palästina heimisch. Das Land scheint sowohl klimatisch wie auch von der Bodenbeschaffenheit her in besonderem Maße dafür geeignet gewesen zu sein. So preist die „Geschichte von Sinuhe“ – ein Werk der altägyptischen Literatur (ca. 1900 v. Chr.) – die Fruchtbarkeit Palästinas mit den Worten: „Ein gutes Land ist es, Jaa ist sein Name, / es gibt nicht Seinesgleichen auf Erden. / Feigen sind in ihm und Weintrauben / (und) mehr Wein hat es als Wasser.“ Das haben im Buch Numeri auch Israels Kundschafter vor der Landnahme selbst in Erfahrung gebracht: Als sie bei Hebron in das „Traubental“ (Eschkol) kommen, binden sie eine abgeschnittene Weinranke mit einer Traube auf einer Stange. Wegen ihres Gewichts muss diese dann zu zweit in das Lager zurückgetragen werden (Num 13,23).

Die Hauptlese der roten Beeren („Traubenblut“ – Gen 49,11; Dtn 32,14; Sir 39,26; 50,15) fand im Spätsommer bzw. Frühherbst statt und galt als Freudenzeit (vgl. Jes 16,9). Den in der Kelter durch Zertreten der Trauben (Jes 16,10) gewonnenen Most ließ man in einem Vorratskrug (nebæl) gären. Danach wurde der fertige Wein von der Weinhefe getrennt, indem man ihn in Tonkrügen (Jer 13,12) bzw. Schläuche aus Ziegen- oder Lammfell (Jos 9,4.13) abfüllte. Mitunter wurde der Wein zur Geschmacksverbesserung extra gewürzt (Ps 75,9; Hld 8,2) bzw. zur Durstlöschung mit Wasser verdünnt (2Makk 15,39).

Auch wenn im Alten Testament der übermäßige Weingenuss und die damit verbundene Trunkenheit mit scharfen Worten getadelt wurde (z.B. Sprüche 23,20-21.29-35; Jes 5,11-12.22, 28,1.7-8; vgl. Eph 5,18), wird nur von amtierenden Priestern zeitweilige Enthaltsamkeit eingefordert (Lev 10,8-11; Ez 44,21). Eine dauerhafte Abstinenz gilt hingegen als besondere aszetische Leistung im Rahmen eines eigenen Nasiräer-Gelübdes (Num 6,3; vgl. Ri 13,7; Lk 1,15; 7,33)

Die besondere Wertschätzung des Weins zeigte sich nicht zuletzt im alttestamentlichen Gottesdienst. Dort wurde er als Trankopfer dargebracht (Weinlibation – Ex 29,40; Lev 23,13; Hos 9,4). Dazu goss man ihn entweder am Fundament des Brandopferaltars aus (Sir 50,15) oder aber sprengte ihn über das Brandopfer (Num 15,5.7.10).

Mit Bildworten aus dem Weinbau wird im Alten Testament eine heilsame Zukunft angesagt, so beispielsweise Juda im Jakobssegen: „Er bindet an den Weinstock seinen Eselhengst, an die Edelrebe das Füllen seiner Eselin. Er wäscht in Wein sein Kleid, in Traubenblut sein Gewand. Dunkler als Wein sind die Augen, seine Zähne weißer als Milch.“ (Gen 49,11f) oder beim Propheten Amos: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass man zugleich ackern und ernten, zugleich keltern und säen wird. Und die Berge werden von Most triefen, und alle Hügel werden fruchtbar sein. Ich will die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden, dass sie die verwüsteten Städte wieder aufbauen und bewohnen sollen, dass sie Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten anlegen und Früchte daraus essen.“ (9,13f; vgl. Joel 2,19.24; 4,18)

Weinberg

Umgekehrt wird aber auch ein göttliches Strafgericht mittels Wein angekündigt – in der Darreichung eines (Ordal-)Bechers an die Völker, die es zu strafen gilt. Der Wein führt dabei zu einem besinnungslosem Taumeln in den Abgrund, so beispielsweise beim Propheten Jeremia: „Ja, so hat der HERR, der Gott Israels, zu mir gesprochen: Nimm diesen Becher voll Zornwein aus meiner Hand und gib ihn allen Völkern zu trinken, zu denen ich dich sende! Trinken sollen sie, taumeln und torkeln vor dem Schwert, das ich unter sie schicke. Da nahm ich den Becher aus der Hand des HERRN und ließ alle Völker trinken, zu denen der HERR mich sandte.“ (Jer 25,15-17; vgl. 51,7; Jes 51,17.22; Ez 23,31-34; Hab 2,16; Klg 4,21, Offb 14,10; 16,19; 19,15) Ähnlich heißt es in Psalm 75: „Ja, in der Hand des HERRN ist ein Becher, gefüllt mit gärendem, gewürztem Wein. Er schenkt davon ein, bis zur Hefe müssen ihn schlürfen, müssen ihn trinken alle Frevler der Erde.“ (V 9)

Schließlich wird in der Metaphorik des Weinanbaus das enttäuschende Verhältnis Israels zu seinem Gott zur Sprache gebracht, so beim Propheten Jesaja in dem bekannten „Weinberglied“:

Mein Freund hatte einen Weinberg
auf einer fruchtbaren Höhe.
Er grub ihn um und entfernte die Steine
und bepflanzte ihn mit edlen Reben.
Er baute in seiner Mitte einen Turm
und hieb zudem eine Kelter in ihm aus.
Dann hoffte er,
dass der Weinberg Trauben brächte,
doch er brachte nur faule Beeren. […]
Der Weinberg des HERRN der Heerscharen
ist das Haus Israel
und die Männer von Juda
sind die Pflanzung seiner Lust.
Er hoffte auf Rechtsspruch –
doch siehe da: Rechtsbruch,
auf Rechtsverleih –
doch siehe da: Hilfegeschrei.
(5,1-3.7; vgl. Jer 2,21; Ez 15,1-8; 17,5-8; 19,10-14; Hos 10,1)

Wo Israel bzw. Juda als Weinberg faule Frucht bringt, gibt der HERR Zebaoth Einfriedung und Kultivierung dieses Weinbergs auf und überlässt ihn damit der Verwüstung (VV 5-6). Doch in Psalm 80 klagt das Volk in dem Bild des Weinstocks die göttliche Fürsorge neu ein:

Einen Weinstock hobst du aus in Ägypten,
du hast Völker vertrieben und ihn eingepflanzt.
Du schufst ihm weiten Raum,
er hat Wurzeln geschlagen und das ganze Land erfüllt.
Sein Schatten bedeckte die Berge, seine Zweige die Zedern Gottes.
Seine Ranken trieb er bis zum Meer
und seine Schösslinge bis zum Eufrat!
Warum rissest du seine Mauern ein?
Alle, die des Weges kommen, plündern ihn.
Der Eber aus dem Wald wühlt ihn um,
es fressen ihn ab die Tiere des Feldes.
Gott der Heerscharen, kehre doch zurück,
blicke vom Himmel herab und sieh,
sorge für diesen Weinstock!
Beschütze, was deine Rechte gepflanzt hat,
und den Sohn, den du dir stark gemacht!
(Ps 80,9-16)

Im Neuen Testament ist Israel als Weingarten ist noch einmal angesprochen, zumindest indirekt in Jesu Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Mk 12,1-12; par Mt 21,33-46; Lk 20,9-19; vgl. Jes 5,2.5). Der Grundeigentümer pflanzt einen Weingarten an und verpachtet diese gegen eine Ertragsbeteiligung an der Traubenlese. Doch die verbrecherischen Weingärtner verweigern sich in gewaltsamer Weise der Ablieferung der Trauben und ermorden dabei sogar den Sohn des Eigentümers. Wo noch im Gleichnis den Weingärtnern eine tödliche Strafexpedition in Aussicht gestellt wird, tut sich jedoch im weiteren Verlauf des Evangeliums eine andere Botschaft auf: Der Gottessohn gibt sich selbst am Kreuz hin und nimmt darin stellvertretend die Todesschuld auf sich. So hat Jesus im letzten Abendmahl den Jüngern bei der Darreichung des Weinkelchs den eigenen Tod als göttliche Lebensfrucht (vgl. Joh 12,24) zugesagt: „Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,27f) „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“ (Joh 6,54) Sich selbst hingegen enthält er weiteren Weingenuss „bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von Neuem davon trinke im Reich meines Vaters.“ (Mt 26,29)

In der eucharistischen Gestalt des Weines hat Christus dem eigenen Kreuzestod eine göttliche Lebensfrucht abgewonnen. Dazu findet sich in der christlichen Passionsmystik die bildliche Darstellung „Christus in der Kelter“. Sie nimmt Bezug auf Jesaja 63,3: „Ich allein trat die Kelter“. Christus in der Kelter trägt den Pressbaum (Kelterbalken) als sein Kreuz. So presst er die Weintrauben aus und ist zugleich selbst der Ausgepresste, der dem erdrückenden Gewicht des Baums nichts entgegenzusetzen hat.

Christus in der Kelter - Meester van het Martyrium der Tienduizend (1463-1467)

Schon Papst Gregor der Große (590-604) hat sich dieses Sinnbildes Christi angenommen: „Allein hat er die Kelter getreten, in der er selbst ausgepresst wurde, da er das Leiden ertrug und überwand, bis zum Tode am Kreuz duldend aushielt und glorreich vom Tode erstand.“ (Homiliae in Ezechielem II,1,9) Und auch der Mystiker Rupert von Deutz (um 1070-1129) deutet die Kelter auf die Selbsthingabe Christi hin aus: „Er kelterte, da er sich freiwillig für uns hingab, er wurde gekeltert wie eine Traube, da er unter dem Druck des Kreuzes den Wein von der Hülle des Körpers ausscheiden ließ und seinen Geist aushauchte.“ (In Isaiam 2,29)

Von seiner Auferstehung her gewinnt Jesu Bildrede von Weinstock und Reben in Johannes 15 für Christen eine besondere Bedeutung. „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. […] Ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht“ (Joh 15,1.5; vgl. Sir 24,17) Wenn Jesus sich selbst mit dem Weinstock identifiziert, ist damit eine neue Heilsdimension angesprochen. Es geht nicht länger nur um das, was Menschen aus ihrer eigenen Verwurzlung oder aus der Einhaltung von göttlich Gebotenem hervorbringen. Die Fruchtwerdung erwächst vielmehr aus einer innigen Lebensverbindung mit Christus. Dessen Hingabe lässt Christen Dinge bewirken, die nicht dem eigenen Leben verbleiben, sondern anderen zugutekommen. So sagt es Jesus seinen Jüngern zu: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. […] Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.“ (VV 4.8) Zu guter Letzt empfängt der himmlische Vater – gleichsam als Winzer – die menschlichen Lebensfrüchte aus der Christusbeziehung und wird darin als Schöpfer verherrlicht:

Preise den HERRN, meine Seele!
HERR, mein Gott, überaus groß bist du!
Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet.
[…]
Du lässt Gras wachsen für das Vieh
und Pflanzen für den Ackerbau des Menschen,
damit er Brot gewinnt von der Erde
und Wein, der das Herz des Menschen erfreut,
damit er das Angesicht erglänzen lässt mit Öl
und Brot das Herz des Menschen stärkt.
(Psalm 104,1.14f)

Hier der Text als pdf.

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