„Ecce homo!“ Seht, was ist der Mensch! (Karl Kardinal Lehmann)

Daumier - Ecce homo
Honoré Daumier – Ecce Homo (1848-52)

Mit einer Karfreitagsmeditation hatte der jüngst verstorbene Karl Kardinal Lehmann die Frage „Was ist der Mensch“ beantwortet, die ihm 2008 von der interdisziplinären Arbeits­gruppe „Humanprojekt – Zur Stellung des Menschen in der Natur“ der Berlin-Branden­burgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) gestellt worden war:

„Ecce homo!“ Seht, was ist der Mensch!

Es mag verwundern, dass ich die Frage „Was ist der Mensch?“ an dieser Stelle einmal nicht philosophisch-anthropologisch und theologisch-systematisch darlegen möchte, zumal ich dies ausführlich schon seit Beginn der 70er Jahre und danach noch mehrfach getan habe. Ich möchte die mir gestellte Frage – zumal in der Kürze des zugedachten Rahmens – hier einmal eher spirituell-theologisch angehen.

Dabei kann uns der Blick auf den Karfreitag eine wichtige Richtung vorgeben: Hier wird deutlich, wie Gott in aller Konsequenz Mensch geworden ist – bis zum Kreuz. Es zeigt auch, zu was der Mensch fähig ist. Es verdichtet sich immer wieder in dem Satz des Pilatus: Ecce homo! – „Sehet, was für ein Mensch! – Seht, was ist der Mensch!“ Das Holz des Kreuzes bleibt im wahrsten Sinne des Wortes sperrig.

Wir sperren uns gegen die Wucht dieses Zeichens, eher neigen wir zur Verharmlosung. Dies ist nicht selten in der Geschichte des Glaubens geschehen. Oft wurde ein vorschnelles Reden vom Kreuz missbraucht, um dahinter eine feige Schwächlichkeit zu verbergen. Das wahre Kreuz ist keine halbfromme Betäubung. Das Kreuz darf nicht als Ablenkung dienen, um Unrecht oder Leid zu rechtfertigen. Überall, wo vermeidbares Leiden im Namen des Todes Jesu Christi akzeptabel gemacht wird, wird der Sinn des Kreuzes ausgehöhlt. Jesu Kreuz ist aber gerade das höchste Zeichen dafür, wie man der furchtbaren Realität in unserem Leben nicht ausweicht.

Wir brauchen nichts von dem, was uns bedrängt, abzuschieben. Lassen wir nur das ganze, das offenkundige und das stille Leid der Welt und der Kreatur vor uns kommen: angefangen beim Weinen des Kindes, bis hin zum Schmerz und zur Ausweglosigkeit unheilbarer Krankheit, den Tragödien gescheiterter und gebrochener Beziehungen, dem Schicksal der Arbeitslosig­keit und dem damit verbundenen Gefühl, in einer Gesellschaft überflüssig zu sein, der Bedrohung der Menschen in den vielen Krisengebieten unserer Erde, dem Verlust eines ge­liebten Menschen und der Unfassbarkeit vor dem blind-wütigen „Schicksal“ der durch die Natur oder die Technik verursachten Katastrophen.

Überall da ist Jesus Christus gegenwärtig. In allem ist er uns vorausgegangen. Im Grunde gibt es eigentlich nichts Menschenunwürdiges, das er nicht selbst erfahren hätte: grundlose Ver­haftung, Verrat aus dem eigenen Kreis, unmenschliche Verhöre und grausam-sadistische Folterungen, Meineide, Zynismus der Gewalt gegenüber dem Schwächeren, politisches Herumschachern, gaffend-geile Sensationslüsternheit beim Tod eines Menschen, den Schrei der Gottverlassenheit … – Wer erkennt in diesem Schicksal Jesu nicht den geschlagenen und geprügelten, zu Tode gehetzten und zusammengebrochenen Menschen?

„Ecce homo!“: „Sehet, was für ein Mensch! – Seht, was ist der Mensch?“ Was bringt der Mensch alles fertig, und wie kann man ihn zugrunde richten!?

Das Geschick Jesu Christi mahnt auch noch an anderes. Es ist das Leiden des Gerechten. „Ich finde keine Schuld an ihm“, sagt Pilatus nach mehrfachem Verhör. Trotz Einsicht in die Un­schuld des Angeklagten wird im Blick auf Jesus Recht verletzt und Menschenwürde mit Füßen getreten. Er passt nicht in das Schema der gewohnten Welt.

„Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben.“ Niemand hatte einen wirkli­chen Grund ihn zu hassen. An Jesus wird darum in hervorragender Weise so etwas wie Schuld offenbar. Angesichts dieses Gerechten zeigt sich das Übermaß von Gewalttätigkeit, Bosheit, Gemeinheit und Brutalität. Niemand ist davon ausgenommen. Man kann es sich mit der Schuld am Tod Jesu leicht machen und es einfach bei der Schuld einiger in der Vergangenheit belassen. Aber auch wir müssen uns fragen, wo wir schuldig geworden sind. Wir suchen so leicht andere, denen wir die Verantwortung aufbürden. Man zuckt mit den Achseln: „Es ließ sich leider nicht vermeiden“, Betriebsunfall, Sachzwänge, man verweist auf unaufhaltsame Prozesse, auf „Schuld“ in der Vergangenheit. An Jesu Christi Bildnis kommt es zu Tage, dass auch wir selbst Täter des Bösen sind, jeden Tag. Vor seiner Passion zerrinnen alle unsere heimlichen und offenen Unschuldsbeteuerungen. Wir haben für alles Ent-Schuldigungen und Alibis gefunden.

Das Kreuz widerstrebt noch anderen Tendenzen. Wir sehen unsere Geschichte und unser Tun oft als großen „Fortschritt“ an – gewiss ist er das auch. Aber wie oft unterschlagen wir die Opfer, die „auf der Strecke bleiben“, wehren uns, die Nachtseite unserer Fortschritte in Erin­nerung zu bringen? Aber sind Geschichte und Geschichtsschreibung nur die Dokumen­tation des Erfolgs, der Rücksichtslosigkeit der jeweils Stärkeren, des Glücks der Durchge­kommenen und des Vergessens derer, die nicht siegten? Das Bild des gekreuzigten, ungerecht hingerichteten Jesus bringt dieses stille und oft sprachlose Leid in lebendige Erinnerung: „Sehet, was für ein Mensch! – Seht, was ist der Mensch!“

All dies gehört zu unserer Weltgeschichte, jedoch werden diese kleinen und großen Geschich­ten von Kreuz und Leid dort nur nebenbei oder gar nicht erzählt. Aber unzählige Menschen haben die schwierige Wirklichkeit ihres Lebens und die unverdiente Not ihrer Zeit nur da­durch bestanden, dass sie inmitten ihres Leidens Mut und Geduld, die Schmerzen zu ertragen und das Unrecht zu überstehen, dem gekreuzigten Bruder Jesus und einem Blick auf sein Bild verdanken. Wir brauchen dieses Zeichen, damit wir unsere volle Wirklichkeit sehen und an­nehmen: dass es Schuld, Trauer, Trostlosigkeit, Verzweiflung und gar den Tod unter uns gibt. Machen wir uns nichts vor über uns selbst. „Ecce homo!“: „Seht, welch ein Mensch – seht, was der Mensch ist!“ …

Hier der vollständige Text als pdf.

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